von Christian Danzl
Woran erkennt man einen Arzt im Supermarkt? –
Weil er alles in 10 Euro-Scheinen bezahlt.
Dieser Witz, der 2004 entstand, gehört nun der Vergangenheit an, denn
die „10 Euro“ sind weg!
Die unsäglichen 10 Euro Kassengebühr sind endlich wieder abgeschafft.
Warum unsäglich?
Warum fand ich sie so schlimm?
Was war denn die Kassengebühr?
Zum einen war es eine versteckte Erhöhung des Krankkassenbeitrages, den die Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten für die Krankenkassen unentgeltlich eintreiben mussten. Mit anfangs erheblichen Verwaltungsaufwand.
- Den Patienten fragen, ob er dieses Quartal schon mal beim Zahnarzt war und die Kassengebühr bereits bezahlt hat
- Grundsatzdiskussion über die KG
- nächste Grundsatzdiskussion, dass die beim Arzt geleistete KG nicht beim ZA gilt
- KG entgegennehmen
- Quittung ausstellen
- Aufklärung über die Sinnhaftigkeit der Aufbewahrung dieses Zettels für 3 Monate.
- Bei nur erfolgter Routine-Kontrolle, oder nicht KG-Pflichtigen Behandlungen, die KG zurückerstatten, erstellte Quittung wieder einziehen und vernichten
(auch andere Vorgehensweisen waren natürlich möglich, wie die KG erst erheben, wenn KG-pflichtige Behandlungen vorgenommen wurden)
Optional zu 4. oben
Patient zahlt die 10 Euro nicht, weil
- er kein Geld dabei hat => Mahnung ausdrucken und mitgeben, oder zuschicken, wenn man keine Lust hat auf eine erneute Grundsatzdiskussion, warum jetzt schon eine Mahnung; als Beschwerdestelle die KK angeben
- er es sich nicht leisten kann => zur KK schicken und Befreiung beantragen
- er sie schon bezahlt hat, aber den Zettel gerade nicht dabei hat, oder weggeworfen (sieh Punkt 6 oben) => beim letzten Behandler anrufen und bereits erfolgte Bezahlung bestätigen lassen oder zu erfahren, dass die KG bezahlt wurde aber nicht für das aktuelle, sondern für das vergangene Quartal (weiter mit Punkt 2 oben)
- er es nicht zahlen will, weil er es überhaupt nicht einsieht und überhaupt => Patienten schimpfen lassen, Ohren auf Durchzug, einigermassen nettes Gesicht machen, sich seinen Teil denken und Mahnung später zuschicken, weil man auch noch andere Arbeit hat, als sich dumm anreden zu lassen…
Zum anderen war es für die KK ein sehr effektives Mittel um Kosten zu sparen.
Kosten sparen durch Behandlungsverzicht.
Viele Patienten sind einfach nicht zum Zahnarzt gegangen, weil sie Angst hatten, 10 Euro zahlen zu müssen.
Wer?
Meist genau die, die man durch lange Jahre Überzeugungsarbeit (recall) routinemässig in die Praxis gezogen hat, und mit regelmässiger Kontrolle und rechtzeitiger Behandlung vor Zahnschmerzen bewahrt hat, weil sie sonst nur mit Schmerzen kamen. Also genau die, die sowieso nicht die Tapferkeitsmedaille beim ZA verliehen bekamen.
Erfolg für die Patienten?
Genau, es gibt wieder dicke Backen.
Als ich 1998 in der Praxis anfing, kannte ich die dicke Backe aus der Uni, aus Karikaturen, aus Büchern, aber in der Praxis sahen wir sie selten. Vielleicht eine pro Monat.
2004 kam mit der Gesundheitsreform die KG. Ein paar Jahre hatten wir Schonzeit, aber seit ca. 5 Jahren steigt die Zahl der dicken Backen kontinuierlich an (bei nicht veränderten Behandlungsprotokoll), so dass wir durchaus mehrere dicke Backen in de Woche sehen (möglich, dass wir hier zahlenmässig nicht repräsentativ sind, da wir in der Kurstadt auch immer viele Schmerzpatienten aus den Sanatorien behandeln).
Notwendige Behandlungen wurden also einfach aufgeschoben. Aus Defekten, die mit Füllungen zu versorgen gewesen wären, wurden durch Aufschub Wurzelbehandlungen oder Extraktionen.
Erfolg für den Zahnarzt?
Zum oben beschriebenen Verwaltungsmehraufwand kommt hinzu, dass die Bestellbücher gegen Ende des Quartals mehr oder weniger leer waren, da viele Patienten lieber auf’s neue Quartal gewartet haben, um nicht zweimal hintereinander die 10 Euro KG zahlen zu müssen, wenn sich die Behandlung sich über zwei oder mehr Sitzungen, also ins neue Quartal, hineinzieht.
Durch aufgeschobene Füllungstherapie kam es natürlich zu mehr Wurzelbehandlungen und zu mehr Extraktionen.
Das freut an sich den prothetisch und implantologisch ambitionierten Zahnarzt. Blöd nur, dass alle Behandlungen auch budgetiert sind, und somit auch nichts an Umsatz aufgeholt werden kann.
„Sie haben jetzt die Chance viel mehr privat zu liquidieren.“
Das ist der Spruch, den der ZA immer hört, wenn Leistungen für die Patienten gekürzt werden.
Es ist aber immer nur eine Halbwahrheit, denn meist ist es genau das Patientenklientel, welches durch die KG vom ZA-Besuch abgeholten wurde, wird sich auch das Geld für Zahnersatz sparen.
Die notwendige Füllung konnte nicht erbracht werden, da der Patient nicht kam, eine Extraktion wurde notwendig, somit wäre ZE notwendig, der wird aus Geld- oder Motivationsmangel nicht erbracht.
Verlierer Nummer 1: Der Patient, da jetzt mit Lücke statt Füllung
Verlierer Nummer 2: Der Zahnarzt, weder Füllung noch ZE gemacht
Sieger in allen Klassen:
Die Krankenkassen:
- den Unmut über die KG bekamen hauptsächlich die Praxen zu spüren
- Mehreinnahmen (bis zu 120,- ohne Notversorgungen), ohne diese Eintreiben zu müssen
- deutlich weniger Ausgaben durch nicht gemachte Behandlungen
- weniger Ausgaben für die Zukunft, da die Behandlungen budgetiert sind, und somit finanziell nicht einfach durch Mehrarbeit reinzuholen sind
Aber die 10 Euro KG sind ja jetzt abgeschafft.
Was wird besser?
Die Patienten werden finanziell entlastet.
Der Verwaltungsaufwand auf Behandlerseite wird weniger, den hat aber die GOZ 2012 kurz vorher schon mehr als ausgeglichen.
Wird der Behandler mehr verdienen?
Ich glaube nicht. Das Budget ist nach wie vor da, und das ist das, was den Behandler einschränkt. An die 10 Euro hat man sich gewöhnt, obwohl es immer noch Patienten gibt, die einen fragend angeschaut haben, wenn man nach der Kassengebühr gefragt hat.
Also, ein frohes neues Jahr, ohne Kassengebühr.

































































































































































