von Hans – Willi Herrmann
… in der Zahnärzteschaft.
Anlass ist die neue Gebührenordnung für privatzahnärztliche Behandlungen, die demnächst in Kraft treten soll.
Allerdings ist es der Grund für die Unruhe nicht, wie man vielleicht vorschnell vermuten könnte, die Tatsache, dass nach 23 Jahren Preisgleichheit für die jeweiligen Leistungen nun eine Erhöhung des Honorarvolumens von 6 % erfolgen soll.
Was – man muss, um es sich wirklich bewusst zu machen, es langsam aussprechen – einer jährlichen Erhöhung von 0,24 Prozent entspräche.
Ein viertel Prozent.
Würde man einem Bundes – oder Landespolitiker vorschlagen, seine Diäten 23 Jahre lang auf dem gleichen Stand zu halten, um sie danach dann zum Ausgleich um 6 Prozent zu erhöhen, man bekäme von diesem eindeutige Gesten mit den Fingern gezeigt.
Je nach Temperament unterschiedliche Gesten, aber eindeutig negativ wären sie alle.
Auch ein Gewerkschaftsfunktionär, dem man in Lohnverhandlungen eine 0,24 prozentige Lohnerhöhung pro Jahr vorschlagen würde, auf ein Vierteljahrhundert festgeschrieben, würde die Tarifverhandlungen stante pede verlassen und die öffentliche Empörung wäre groß.
Im Falle der Zahnärzte ist sie nicht existent. Und mit diesem Wissen um die öffentliche Meinungsbildung liess sich bis heute über mehrere Jahrzehnte hinweg wunderbar agieren und regieren.
Aber – und das ist neu – hier geht es nicht um Geld.
Überhaupt nicht.
Nicht mehr.
Und das ist die eigentliche Neuerung.
Und auch eine Gefahr für den Status quo, in dem sich Politik, Versicherer und auch die zahnärztliche Standespolitik als 3. Pfeiler seit vielen Jahren so gemütlich eingerichtet haben.
Wenn es nämlich nicht mehr ums Geld geht, worum geht es dann ?
Es geht zunehmend um nichtmaterielle Werte.
Und das macht die Sache problematisch. Und gefährlich. Denn eigentlich ist das ein Paradoxon: Zahnärzte, die sich für irgendwas anderes als Geld interessieren.
Was ist denn da los ?
Friert die Hölle zu ?
Eine solche Entwicklung, bürge sie nur ein Fünkchen Wahrheit, sollte jeden Gesundheitspolitik- Profi nachdenklich werden lassen: „Habe ich den Bogen vielleicht doch überspannt?“
Kurzes Innehalten, dann erleichtertes Kopfschütteln: „Nein, auf die Zahnärzte war immer Verlass und wird immer Verlass sein. Das ist das übliche Gemaule, wie immer, aber kein Grund zur Sorge. Vorsichtshalber sollte aber noch mal die bereits lancierte Pressemeldung über den Zahnersatz, der nächstes Jahr 20 Prozent teurer werden wird, erneut gestreut werden. Finales Totschlagargument. Die V- Waffe im Kampf um die dentale Prägung. Platz, Kusch. Brav, Dr. Hasso, brav ! Und jetzt hols Stöckchen, dann gibts auch eine Belohnung, nein, kein Leckerli, nur ein Knacker mit dem Blechfrosch, das muss reichen.“
Zahnersatz wird teurer und die Zahnärzte sind die Grossverdiener der Nation. Das sauer Verdiente, dem eigenen Geldbeutel entnommen von Jemandem, der zu Unrecht viel zuviel davon hat.
Ein Meinungsbildungsinstrument, dass nachwievor einwandfrei funktioniert.
So vorhersagbar und sicher, dass es seit vielen Jahren zum kleinen Einmaleins der Gesundheitspolitik gehört .
Ministerienintern mit Sicherheit ein permanenter running gag.
Stets für einen internen Lacher unter Entscheidungsträgern gut.
Ein immerwährender Schenkelklopfer, so vorhersagbar und zuverlässig er in der Vergangenheit funktioniert hat und gerade eben wieder funktioniert.
Aber aufgepasst, liebe Machtmenschen in der Hauptstadt – die Zeiten, um mit Robert Zimmermann zu sprechen, sie ändern sich.
Allein, die Tatsache, dass die bislang zumeist erzkonservativen Zahnärzte ihre Obrigkeits-Hörigkeit und ihren Status als CDU/CSU- und FDP- Fanboys aufgeben und darüber nachdenken, ihr nächstes Kreuzchen bei der Piratenpartei zu machen, ist schon Fanal genug.
Aber es kommt noch ärger.
Nachfolgend 2 Knock Out – Facts zum Thema.
Knock Out Fact 1:
Es finden sich vermehrt Stimmen unter den Zahnärzten, welche die Abschaffung der Bundeszahnärztekammer fordern. Zum Beispiel nach dem Vortrag des Bundesgesundheitsminister Bahr auf dem Zahnärtzetag in Frankfurt vorletzte Woche.
Was war passiert ?
Der Minister kam, erläuterte, wie seine vielen Vorgänger in den Dekaden zuvor, die zukünftige Reform und ging.
Ohne Fragen zu beantworten, er war zeitlich stark eingebunden.
Eine eindeutige und unmissverständliche Demonstration von absoluter Macht, gepaart mit politokratischer Arroganz, wie sie nur jemand ausstrahlen und vorleben kann, der weiss, dass das berühmte Seehofer-Zitat, die Zahnärzte betreffend, vom Boden und der Wand, nachwievor Gültigkeit hat.
Zurück blieben die Delegierten der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer, es gab niemanden aus den eigenen Reihen, der den seinen vermitteln konnte, wie wichtig diese Reform sei und das man durch heldenhafte Anstrengungen einen Konsens mit der Politik geschaffen und damit Schlimmeres verhindert habe. Und so mancher, nicht nur im Auditorium fragte sich, wofür Jahr um Jahr viele Hunderttausende an Euro an zahnärztlichen Kammerbeiträgen ausgegeben werden, wenn letztendlich einzig und allein alles darauf hinausläuft, dass devot die Erlasse der Regierung und der ihr unterstellten Ministerien entgegengenommen und damit defacto widerspruchslos legitimiert werden.
Die obrigkeitshörigen Zahnärzte „haben fertig“ mit der Politik. Das schon länger und jetzt auch mit der Standespolitik. Mit dem eigen Fleisch und Blut. Unfassbar.
Die latente Drohung aus dieser Ecke, tausendmal gehört, wenn wir uns nicht fügen und kopfnickend mitarbeiten, wird alles noch viel furchtbarer, sie ist zahnlos geworden.
Das glaubt keiner mehr.
Fakt ist: Die neue GOZ ist keine Verbesserung.
Im Gegenteil, sie ist ein weiteres Stockwerk tiefer in der Abwärtsspirale der Zahnmedizin. Sie ist nichts anderes als eine zusätzliche versicherungsseitige Daumenschraube, die angezogen wird.
Wer die GOZ 2012 studiert, weiss: Es geht nicht um eine Verbesserung der Zahngesundheit im Sinne der kontinuierlichen Integration des medizinischen Fortschrittes.
Es geht um Kostenersparnis.
Und man betrachte als Indizienbeweis hierzu lediglich exemplarisch das Gebahren verschiedener Kostenerstatter, Positionen in der jetzigen GOZ, die seit vielen Jahren, weil medizinisch anerkannt, erstattet wurden, nicht mehr zu honorieren.
Nehmen wir zum Beispiel die subgingivale Konkremententfernung, um konkret zu werden. Gibt es so etwas plötzlich nicht mehr in deutschen Mündern ?
Sind diese Ablagerungen plötzlich nicht mehr pathogen ?
Können all diese Konkremente also belassen werden, weil sie mit dem Zahnhalteapparat des Patienten eine friedliche Koexistenz eingehen ?
Wir wissen alle, dass dem nicht so ist.
Warum also erhalten die Patienten seit einigen Monaten nun Briefe mit standardisierten Textbausteinen, die die Kostenerstattung dieser medizinisch notwendigen und sinnvollen Leistungen ablehnt ?
Weil die Versicherer wissen, dass weder Patient noch Behandler gegen ihre von der Politik gebilligte Übermacht angehen kann.
Diese Verfahrenweise ist nicht neu. Und wäre es nur das, dann würden vermutlich, wie die letzten 30 Jahre zuvor, alle -durch die Bank oberfeisten- Dentisten am Montag morgen nach einem angenehmen Wochenende auf dem Golfplatz ihren deutschen Oberklassewagen, gleich ob Limousine oder Sportwagen entsteigen und, unterschwellig frustriert angesichts des bevorstehenden öden Tagwerkes, aber ungebrochen tatenkräftig weiter bohrerschwingend “ Ka- Ching !“ in ihre Praxen gehen.
Warum also jetzt der Aufstand ?
Weil die Zahnärzte es offensichtlich endgültig leid sind, in den Medien lesen und hören zu müssen, dass die zahnärztliche Behandlung ab dem nächsten Jahr eben mal 20 Prozent teurer wird, wenn defacto selbst ein stichprobenartiges Lesen der neuen GOZ offenbart, dass es zusätzlicher Kraftanstrengungen bedarf, um das Niveau von 1988 auch nur halten zu können. Von der Welle von Erstattungsverweigerungen, die 2012 auf die Zahnarztpraxen zurollen wird, so sicher wie das Amen in der Kirche, ganz abgesehen.
Sich dem Image des Grossverdieners und Halsabschneiders permanent stellen zu müssen, ist nervig genug, wenn es zutrifft.
Wenn es aber zur Farce, zur zynischen Verhöhnung durch die grauen Männer wird, was dann ? Dann kippt die Stimmung. Unwiderruflich.
Knock Out Fact 2:
Noch ein Zeichen der Zeit, ein Signal dafür, dass die Stimmung umkippt: Eine Pressemiteilung des DAZ – das ist der Deutsche Arbeitskreis für Zahnheilkunde (DAZ) e.V. mit der Überschrift „Grundlegende zahnerhaltende Leistungen sollen Jedem zugänglich sein – DAZ versucht, endodontische Basistherapie zu beschreiben“
Eine Standortbestimmung zur Basistherapie in der Endodontie.
Ein sehr interessantes Werk, das aufmerksam gelesen und analysiert werden sollte.
Basierend auf einer Umfrage, die vom DAZ und vom BVAZ (Bundesverband der Allgemeinzahnärzte) gleichermaßen getragen wurde.
Liebe Politiker, aufgepasst.
Wenn man den BAVZ als Integrationsplattform für den „Hauszahnarzt“ wertet, dann wird man diese Personengruppe gefühlsmäßig eher dem konservativen Spektrum zuordnen. Wohingegen der DAZ über Jahrzehnte hinweg als Sammelbecken linksideologischer Phantasten und weltfremder Gutmenschen angesehen wurde.
Und jetzt das – ein Schulterschluss, über alle politischen Lager hinweg.
Wie kommts ?
Was hat sich geändert ?
Nicht allein das Frustpotential der Zahnärzte.
Viel entscheidender sind die kommunikativen Rahmenbedingungen, die das Internet uns liefert.
Ob Wutbürger bei Stuttgart 21, Studenten in Madrid oder die Occupy Bewegung in New York. Sie alle führt zusammen, eint und koordiniert das WWW.
Plötzlich ist es nicht mehr Einer alleine, sondern es sind Viele, die gleich denken, fühlen, miteinander sprechen und irgendwann auch zusammen handeln.
To dream the impossible dream, der Kampf gegen Windmühlenflügel, gegen einen übermächtigen Gegner, er muss nicht länger aussichtslos sein.
Und so scheint es nun nicht länger ausgeschlossen, dass die Vielen, die es gibt in unserem Land, die Tag für Tag ohne Murren ihren Job tun in der Zahnmedizin und die diesen Staat damit am Laufen halten und für die angesichts der vielen Arbeit, der zum Kotzen nicht mehr ertragbare Rahmenbedingungen annehmenden Bürokratie und angesichts der bewußten und menschenverachtenden Fehlinformationen und punktgenau lancierten stimmungsmachenden Falschmeldungen irgendwann einmal sagen: „Es reicht mir jetzt !“ und den Bettel hinschmeissen.
Wir sind nicht mehr allein, wir sind Viele.
Allerdings – und spätestens jetzt entspannt sich wieder der dem politischen Establishment zugehörige Leser dieser Zeilen, noch ist es nicht soweit.
Entwarnung, keine Gefahr.
Relax.
Die Zeit ist noch nicht reif.
Woher ich das weiß ?
Diese Seite ist de facto ein Seismograph der Zahnärztestimmung.
Und noch ist alles gut.
Zumindest solange nicht der Daumen hoch- Botton dieses Artikels 1000 Zustimmungen zeigt.
Unter 1000 Daumen?
Oder ein ausgewogenes Daumen hoch und Daumen runter ?
Liebe Politiker der jetzigen Regierungskoalition, Zigarre raus und die feinen Tropfen ins Glas vorm Kamin. Die doofen Zahnärzte werden abwechselnd Gelb und Schwarz weiterwählen, immer schön abwechselnd, um zu sanktionieren, es „denen“ zu zeigen, während ihr euch feixend über Parteibuchschranken hinweg zuprostet.
Daher mein Tipp. Diese Seite bookmarken. Kann im Übrigen an die Ministerialbürokratie delegiert werden. Um von Zeit zu Zeit zu schauen, wanns aufhört, spaßig zu sein.
So von wegen Montagsdemonstration und so. 1000 Daumen sind die Grenze.
The Berlin wall of dental suffering.
Ich persönlich bin gespannt, ob ich noch erleben werde, dass sich die deutsche Zahnärzteschaft „empört“.
Fakt ist, die Möglichkeiten sind da.
Man wird sehen und darf gespannt sein.
Ob überhaupt ? Und wann.