Praxistest Pico vs. ProErgo

von Stephan Gäbler

Eines der großen Themen in der Endodontie war um die Jahrtausendwende die (breitere) Einführung der Dentalmikroskope. Diese Frage ist inzwischen sicher eindeutig geklärt und zumindest im Bereich der spezialisierten Kollegen wird niemand mehr ohne Dentalmikroskop arbeiten wollen.

Seither ist die Entwicklung der Mikroskope fortgeschritten. Halogen als Lichtquelle hat ausgedient. LED’s sind als neue Option hinzugekommen. Xenon ist eine weit verbreitete Lichtquelle.

Obwohl es von vielen Firmen zahlreiche neue Angebote gibt, haben sich bisher 2 Mikroskope der Firma Zeiss über die ganzen Jahre am Markt behaupten können. Das Pico und das ProErgo. Beide verkörpern nahezu gegensätzliche Philosophien. Einmal gibt es das Pico „puristisch“ mit Festbrennweite und Fünfach-Vergrößerungswechsler. Andererseits steht das ProErgo zur Verfügung, welches durch Motorzoom, variable Brennweite und Magnetbremsen punktet.

Ich selber arbeite seit 2000 in meiner Praxis mit Pico’s. Ich war mit den Mikroskopen zufrieden, schätzte die leichte Handhabung. Vor einiger Zeit habe ich die Nikon CoolPix-Kameras durch Sony’s Nex5-Modelle ersetzt. Insgesamt komme ich mit dem „einfachen“ Pico besser zurecht, als mit dem Modell mit Mora-Interface.

Nun ergab es sich durch einen massiven Wasserschaden in meiner Praxis, daß ich für 4 Monate gezwungen war, in anderen Praxen zu arbeiten. Das war zum einen die Praxis von Holger Dennhardt in Landshut, zum anderen die Praxis vom Michael Arnold in Dresden, dem ich für die Möglichkeit an der Stelle sehr danken will.
Beide Praxen sind mit Pro-Ergos ausgerüstet. Mein Behandlungsspektrum umfasste, wie „daheim“ überwiegend endodontische Prozeduren.
Damit hatte ich wohl so ziemlich einzigartig, die Möglichkeit, beide Mikroskop-Philosophien im laufenden Betrieb über einen längeren Zeitraum zu testen und damit zu vergleichen.

Hier also nun ein erster, zugegebener Maßen, sehr subjektiver, Bericht über meine Eindrücke bei der Umstellung von Pico auf ProErgo:

Die Umstellung lief, nach erster Einführung in die Bedienelemente an den Handgriffen und dem Umstand, daß die ProErgo’s erst „hochfahren“ werden müssen, problemlos. Michael Arnold hat einen zusätzlichen Vergrößerungswechsler unter dem Objektiv eingebaut. Das vergrößert die Bauhöhe um einige Zentimeter, die bei meiner Körpergröße dazu führte, daß ich teilweise „nach oben“ in das Okular schauen musste, statt „nach unten“. An das notwendige Auslösen der Magnetbremsen gewöhnte ich mich schnell. Auch das „Klacken“ der Magnete war nach einer Weile kein Problem mehr. Als Vorteil kann ich die Magnetbremse trotzdem nicht erkennen, da ich „mein“ Pico auch mal mit Nase oder Handrücken in die richtige Position bringen konnte.
Vorteilhaft fand ich das Zoomen per Knopfdruck und das motorische Verändern der Brennweite. Beide Funktionen setzte ich anfangs fast garnicht ein und verwendete sie erst mit zunehmender Zeit regelmäßig. Beim Zoomen kann man das Objekt des Interesses im Gegensatz zum Objektivwechsler kontinuierlich im Blick behalten, was einen leichten Vorteil ergibt. Jedoch ist das Vergrößerungs-Spektrum beim Pico wohl leicht größer, zusätzlich verbraucht die Optik auf Grund der größeren Zahl von Linsen wohl etwas mehr Helligkeit. Beides sollte zum Zoomen in Abwägung gebracht werden. Ehrlicher Weise muß ich sagen, daß ich während der 4 Monate keinen Fall hatte, in dem Vergrößerung und Licht an ihre Grenzen kamen, ich kenne aber solche Fälle.
Die Brennweitenänderung führe ich am Pico in der Regel durch Kniedruck in die Rückenlehne des Patientenstuhls durch. Das hat den Vorteil der handfreien Bedienung, führt aber meist zu einer Verschiebung des sichtbaren Ausschnitts. gegen eine Feinregulierung am Objektiv habe ich mich wegen Vergrößerung der Bauhöhe entschieden. Nachdem ich anfangs, meiner Gewohnheit entsprechend, mit der Rückenlehne gearbeitet habe, verwendete ich zunehmend die Knöpfe am Handgriff. Leider erfordert das immer, eine Hand aus dem Arbeitsbereich zu nehmen. Hier habe ich, wie auch bei den anderen Bedienelementen eine alternative Steuerungsmöglichkeit mit Fuß oder z. B. Sprache, vermißt.
Während meine eigenen Mikroskope an Centro-Säulen montiert sind, waren die ProErgo’s deckenmontiert oder auf Rollstativen befestigt. Ich habe keine gravierenden Handlingsunterschiede feststellen können.

Insgesamt geht meine Vergleichseinschätzung nach dem Wechsel zum ProErgo hin unentschieden aus:
Die Vorteile im Handling werden durch zwangsläufige Nachteile fast ausgeglichen. Dem steht eine hohe Preisdifferenz gegenüber.

Mein Fazit
Wenn Geld kein Entscheidungsfaktor ist, der macht mit einem ProErgo nix falsch. Alle anderen sollten die Vorteile gegen den Preisnachteil wichten. Ich könnte mir einzig die Notwendigkeit schwerer Anbauten am Strahlenteiler oder am Objektiv als KO-Kriterien für’s Pico vorstellen.

Ab heute Mittag werde ich wieder zu meinen Pico’s zurück wechseln, ich bin gespannt, ob ich nun, nach der Erfahrung mit den ProErgo’s eine andere Sicht auf die Pico’s haben werde.

Ich werde – zu gegebener Zeit – weiter berichten.

 

 

Neuer Zeiss Tubus (2) – Vier gewinnt !

von Hans – Willi Herrmann

Auch ich hatte – ebenso wie Oscar von Stetten, der darüber gestern berichtete – in den letzten Wochen die Gelegenheit, mit dem neuen ZEISS Tubus „4in1“ zu arbeiten. Hier meine Erfahrungen und Gedanken zum Thema:

Der Tubus wurde von mir auf mein ZEISS Pro Ergo montiert. Der Umbau lief innerhalb von 2 Minuten ab und war vollkommen unkompliziert. Die vorhandenen Okulare wurden umgesteckt und konnten so weiterverwendet werden.

Der mir vorliegende Tubus besteht eigentlich aus 4 Komponenten unterschiedlicher Funktion. Da wäre zunächst der Vergrößerungswechsler zu nennen, der eine 50%ige Vergrößerung ermöglicht, dann die Winkeloptik, die wir z.B. vom Global Mikroskop als Carr-Extender kennen und schließlich der Falttubus und Drehteller. Beginnen wir mit letzteren:

Falttubus plus Drehteller
Wann ist eine solcher Falttubus von Vorteil ?
Spontan fallen mir 2 Szenarien ein.
Zum einen bei Mikroskopen ohne Variozoom, wie zum Beispiel beim PICO oder bei unserem PRO Magis.  Diese Mikroskope (wie fast alle anderen auch) besitzen einen festgelegten Arbeitsabstand.

Meist 25 cm, selten 20 oder 30 cm.

Es ist offensichtlich, dass eine solcher „fester“ Arbeitsabstand in vielen Fällen nur ein Kompromiss sein kann.
Ein schätzungsweise 2 Meter großer Endodontist wird vor einem solchem Mikroskop ganz anders sitzen als sein knapp  40 cm kleinerer Kollege. Natürlich kann die variable Positionierung des  Patienten über den Behandlungsstuhl in einem gewissen Bereich die körperlichen Eigenheiten des jeweiligen  Behandlers ausgleichen, aber machen wir uns nichts vor, optimale Ergonomie sieht anders aus. Mit dem Falttubus  kann man also viel viel mehr als bisher das Mikroskop in der Höhe an den Behandler anpassen. Siehe dazu auch die in der Galerie beigefügten Bilder (zum einen mit, zum anderen  ohne Winkeloptik).

Je mehr also der Behandler – bezogen auf seine Größe – von der Norm abweicht, umso deutlicher kommt vermutlich der Nutzen des Falttubus zum Tragen.

Könnte ich, weder sonderlich groß noch sonderlich klein, also drauf verzichten ?
Vermutlich ja, aber da gibt es ja noch Szenario 2: Bei einem am Mikroskop vorhandenen Mitbeobachtertubus ermöglicht der Falttubus eine Anpassung des Mikroskopes in der Höhe an Assistenz und Behandler, die auch hier umso wichtiger wird, je mehr die Teammitglieder voneinander in der Größe abweichen. Von daher – Daumen hoch für den Falttubus.

Und was ist mit dem Drehteller ?
Der bringt ein wenig Mora – Interface – Feeling ins Spiel. Soll heißen, der Tubus lässt sich „verdrehen“, so dass man das Mikroskop schwenken, aber denoch aufrecht vor dem Mikroskop  sitzen kann. In Kombination mit der Magnetbremsenjustage kann so mit dem PRO Ergo das Mora Interface des PICO simuliert werden.  Ein Druckknopf an der Oberseite des Vergrößerungswechslers arretiert oder löst die Drehfunktion. Eine praktikable Lösung, die sicher funktioniert.

Die Winkeloptik
Während der Falttubus eine bessere Positionierung in der Senkrechten gestattet, ermöglicht die Winkeloptik, wie schon zu Beginn erwähnt,  eine ergonomischere  Positionierung in der Waagrechten.

Bei Global gibt es das –  als Carr Extender bekannt – schon seit über 10 Jahren.
Jetzt endlich auch bei Zeiss.

Ich bin sicher, dass viele Kollegen die Winkeloptik  sehr schnell zu schätzen wissen werden. All die nämlich, die unter Beschwerden im Nacken und Schultergürtelbereich beim Arbeiten mit dem Dentalmikroskop leiden.
Und das sind nicht wenige, es wird nur nicht drüber gesprochen.

Rückenschmerzen weg, Nackenschmerzen da.
Unter Mikroskopnutzern gar nicht so selten, weil viele Kollegen gezwungenermaßen  oder unbeabsichtigt eine Abwinklung der Halswirbelsäule eingehen. In Kombination mit einer unphysiologischen Haltung der Arme (fehlender Armlehnstuhl)  auf Dauer ein sicherer Kandidat für Schmerzproblematiken.

Die Winkeloptik „entfernt“ den Behandler von Mikroskop und optischer Achse direkt über dem Patienten, richtet ihn demnach de facto auf und verringert damit die „Halswirbelsäulenknickproblematik“.
Eigentlich sind es ja nur ein paar Zentimeter und eine 45 Grad Abwicklung, aber es ist ein deutlicher Unterschied, die Sitzhaltung betreffend, der beim ersten Abreiten schon positiv auffällt.

Zweiter Daumen hoch !

Der Vergrößerungswechsler

Es gibt nicht wenige Leute, die die Vergrößerungseigenschaften des ZEISS PRO Ergo bemängeln.
Ich gehöre nicht dazu, stimme aber zu, dass das Zeiss PRO Ergo mit einer geringen Minimalvergrößerung beginnt und demnach auch nicht so weit hoch vergrößert wie andere Mikroskope. Auch mein PRO Magis kann das besser. Trotz direktem Vergleich hat mir dennoch eigentlich nie was gefehlt. Und ich finde, dass gerade die geringe Anfangsvergrößerung das PRO Ergo für die gesamte Zahnheilkunde interessant macht.
Was auch gut ist, denn wer 60.000 Euro investiert, der will auch was haben für sein Geld und es nicht nur in der Endo, sondern auch in der Kons und Prothetik oder auch in der Chirurgie einsetzen.

Allen Anderen, denen die bisherige Maximalvergrößerung nicht aussreichend war, bietet ZEISS nun den Vergrößerungswechsler an. 50 % Bildausschnittvergrößerung bei bemerkenswert geringem (physikalisch bedingtem und daher nicht zu verhindernden) Lichtverlust, das ist der Deal.

Gibt es über die erhöhte Vergrößerung hinaus noch Vorteile ?
Auf jeden Fall. In der Praxis macht es Spaß, in Sekundenbruchteilen aus der Übersichtsvergrößerung in die Totale zu wechseln. Hoch, runter, hoch  mit einem Dreh.

Also noch mal Daumen hoch !

Und noch ein Benefit.
Während der Behandler nach den Details schaut, hat die Assistenz durch den Mitbeobachtertubus oder via Monitor das unvergrößerte Bild als Überblick im Auge. Der Mitbeobachtertubus setzt nämlich unterhalb des Vergrößerungswechlsers an. Daher bleibt dieser für die Assistenz unsichtbar.

Noch ein Detail am Rande.
Es gibt eine Version mit und ohne Strahlenteiler.
Oscar von Stetten arbeitete ohne Strahlenteiler. Ich mit integriertem Strahlenteiler, was den Vorteil hat, dass weniger Licht verloren geht. Inwieweit sich das praktisch auswirkt, kann ich nicht sagen, da ich nur die eine Variante kenne und auch damit erst seit kurzem arbeite, denn die Winkeloptik gab es bei mir erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu den anderen beiden Tubusbestandteilen. Was aber zeigt, dass Falttubus und Winkeloptik separat von einander erworben werden können. Inwieweit das Sinn macht, dürfte vermutlich vom vorhandenen Altbestand der Praxis an Mikroskopanbauteilen und vom Preis der Einzelteile abhängen.

Fazit
Jedes der 4 Komponenten bringt eine signifikante und sinnvolle Verbesserung des Status Quo. Oscar von Stetten hat die 4er Kombi gestern mit „Gut“ bewertet. Ich setze noch eins drauf.  Ich finde den neuen „4in1″ -Tubus“ sehr gut, eigentlich hervorragend.

Ich habe nichts, aber auch gar nichts daran auszusetzen.
Von meiner Seite gibt es daher  eine klare Kaufempfehlung, sofern….ZEISS so weise ist, den Preis der Falttubus-Drehteller – Kombi „zurückhaltend sensitiv“ im Markt zu platzieren.

Neuer Zeiss Tubus (1) – Fortgeschrittenes optisches Origami

von Oscar von Stetten

Auf der IDS wurde am Zeiss-Stand ein neuer Tubus vorgestellt. Er kann sowohl stark gefaltet als auch in alle Lagen gedreht werden. Zudem bietet er den Vorteil, mittels einer einfachen Handbewegung die effektive Vergrösserung um 50% zu erhöhen. Für die ProErgo-Nutzer kann das schon ein Vorteil sein, denn man muss nicht auf das Rein- oder Raus-Zoomen warten, sondern kann von der Übersichts- in die Arbeitsvergrösserung schnell und einfach wechseln. Ebenso könnten die Pico-Nutzer von diesem Tubus profitieren. Haptisch ist das Ding top, aber was anderes erwarte ich von einer Firma mit Premium-Anspruch auch nicht.

Auf dem Messestand erschien mir der neue dem alten optisch leicht überlegen (heller). Allerdings war das nur ein erster Eindruck. Ein genaues Bild kann man sich sicher nur in der täglichen Arbeit machen. Freundlich auf dem Stand gefragt, war Zeiss gerne zu einer Leihstellung bereit.

Seit ca. 4 Wochen arbeiten wir nun mit dem Falttubus. Wichtig: man sollte die Winkeloptik mitordern, ansonsten kann es sehr eng werden, hat man einen Dokumentationsaufbau am DM. Der Drehteller ist inzwischen die gesamte Zeit über entriegelt, so dass ich vor allem in der allgemeinen ZHK (Prothetik, Kons) das Mikroskop schnell schräg stellen kann, und dennoch gerade davor sitze. Natürlich ist es umständlicher als das Pico-Mora, kann aber diesen gewissen Makel beim ProErgo sehr gut kompensieren. Die Optik ist tatsächlich gefühlt etwas besser (das Ausmessen der optischen Qualität erfordert eine Menge know-how und seeeeeehr teueres Equipment), ich vertraue dahingehend den Aussagen von Zeiss (und wurde bis dato nicht enttäuscht). Der grosse Faltbereich und der damit erreichbare Distanzausgleich zwischen Mikroskopkörper und mir ist inzwischen auch schon zur Gewohnheit geworden. Am Anfang ist es ein wenig gewöhnungsbedürftig, nun mag ich es (fast) nicht mehr missen. Auch die „ein-Hebel-schnell-50%-mehr-Vergrösserung“ ist inzwischen vermehrt im Gebrauch, wobei ich in der Endodontie den Tubus fast immer in der höheren Vergrösserung betreibe. Warum? Weil ich mehr sehe ;-)

In der allgemeinen ZHK ist das schnelle Hoch-Runter auf jeden Fall sehr angenehm,   in der Präparation ist man sehr schnell in der Lage, aus der Übersicht in die Arbeitsvergrösserung gehen.

Fazit
Gut!

Wie, nichts zu meckern?
Nö, zumindest nichts wichtiges. Alles in allem ein sauberes Stück Ingenieurskunst.

In meinen Augen ist der Tubus eine sinnvolle Anschaffung beim Neukauf. Für die Nachrüstung schwanke ich noch ein wenig, dafür müssten die Konditionen super sein.

Teil 2 folgt morgen.