Die Patientin kam auf Überweisung zu uns, nachdem der zweite Zahn initial wurzelkanalbehandelt, die Schmerzen, schon seit vielen Monaten bestehend, aber auch diesmal nicht besser wurden. Ursprünglich hatte die Patientin den Schmerz mit dem Oberkiefer verknüpft, später aber eher einen Zahn im Unterkiefer als Schmerzursache in Verdacht. Apikal sind Zahn 35 und 36 absolut einwandfrei. Und wenn alle WF´s, die ich zu sehen bekomme, so aussehen würden, wie an Zahn 36, wäre unverhofft die Welt ein großes Stück besser geworden. Ich schreibe das, weil natürlich Zahn 35 endodontisch weiterbehandelt werden muss, ich jedoch nicht sicher bin, damit die Schmerzursache beseitigen zu können.
Achtung: Kostenloser 5 Euro – Tipp – Wenn Schmerzen nach einer Behandlung sich hartnäckig halten, sollte immer daran gedacht werden, dass ein anderer als der behandelte Zahn für die Beschwerdeproblematik verantwortlich ist.
Im Unterkieferseitenzahnbereich ist ausser dem Zahn 34 nicht mehr viel übrig, was als Schmerzursache in Frage kommen könnte, also habe ich zusätzlich zum Zahnfilm der Regio 34 – 36 noch eine Aufnahme der Zähne 24 – 27 gemacht. Was auffällt – überall in den Pulpenkaven sind Dentikel zu sehen.
Knirscht die Patientin ?
Sie sagt nein.
Die Zähne 34, 24,25,26 reagieren schnell und eindeutig auf den Kältetest. Der Zahn 27, mit eher unauffälliger, nicht allzu tiefer okklusaler Füllung reagiert – nicht. Oder nur kaum. Nein, eigentlich gar nicht.
Merkwürdig.
Das daraufhin angefertigte DVT (siehe unten) zeigt eine eher nicht erwartete nicht normgerechte Wurzelkanalanantomie mit weitem Lumen bis nach apikal hin, allerdings vollgestopft mit zum Teil sehr großen Dentikeln.
Ob solche Dentikel für die Schmerzproblematik verantwortlich sind ?
Der Patient kam Ende September 2014 auf Empfehlung seiner Arbeitskollegin. Im OPG, dass zur PAR- Diagnostik vom Hauszahnarzt vorgenommen wurde, zeigten sich massive apikale Aufhellungen an den Zähnen 36 und 37. Die Zähne waren vor mehr als 12 Jahren endodontisch behandelt worden, der Patient war in all der Zeit schmerzfrei, Zahn 36 und 37 waren klinisch unauffällig.
Am 02. Februar 2014 wurden die Zähne 36 und 37 zunächst von meiner restaurativ tätigen Praxiskollegin mit dentinadhäsiven Composite- Restaurationen versehen. Im Anschluss nahm ich die Trepanation und die initiale Wurzelkanalbehandlung an 36 und 37 vor. Am 10. Februar und am 27. Februar erfolgten weitere Aufbereitungssitzungen. Die Revision gestaltete sich als schwierig und sehr zeitaufwändig. Ein angefertigtes DVT war insofern eine große Hilfe, dass dadurch der in den distalen Wurzeln vorhandene tiefe Split des Wurzelkanals in zwei Kanäle von Beginn an visualsiert werden konnte. Leider konnte in der distalen Wurzel des Zahnes 37 keine Patency erreicht werden. Im Anschluss an die letzte Aufbereitungssitzung wurde eine Calciumhydroxideinlage für 16 Wochen liegen gelassen.
36,37 WF- Kontrolle
Am 07. Juli wurde mit der Wurzelkanalfüllung die eigentliche Wurzelkanalbehandlung abgeschlossen. Einen zwischenzeitlich vereinbarten Termin zur postendodontischen Stabilisierung konnt der Patient unfallbedingt nicht wahrnehmen. Er stellte sich am 13. Januar 2016 zum Recall 6 Monate nach WF vor.
36, 37 WF Kontrolle 6 Monate post WF
Die röntgenologische Kontrolle zeigte eine für die Kürze der Zeit sehr erfreulich zu nennende, weit fortgeschrittene knöcherne Rekonsolidierung. Die nächste Kontrolle soll im Januar 2017 erfolgen.
Hinterher ist immer einfach.
Hätt´s dieses oder jenes DVT gebraucht ?
Zum Beispiel ein DVT, dass angefertigt wurde, einen 4. Kanal im Oberkiefermolaren aufzuzeigen.
Der Kanal ist nicht vorhanden.
Soll´s geben.
Dann hätte man ja- richtig – falls man es vorher gewusst hätte, auf dieses DVT verzichten können.
Weiss man aber eben vorher nicht.
Und oft sieht man – hier die Analogie zur Situation des Dentalmikroskopes in der Zahnmedizin vor ca. 15 Jahren- dem Abschluss – Zahnfilm post WF auch nicht an, welche Schwierigkeiten in den Wurzelkanälen auf einen lauerten.
Aus diesem Grund hier nun eine neue Rubrik, wie anfangs des Jahres versprochen.
Der Ablauf: Ausgehend von einem konventionellen digitalen 2D – Zahnfilm die Frage, was ist auf dem Bild zu sehen, wie sähe auf Grund dessen meine Behandlung aus ?
So dass sich jeder Leser für sich selbst eine Meinung bilden kann: Bräuchte ich hier ein DVT, wäre es gut, eins zu haben oder doch eher unnötig ?
Eins möchte ich von vorneherein klarstellen: Es geht also nicht darum, hier jemanden vorzuführen.
Sondern darum, beim Leser eine Meinungsbildung anzuregen.
Wer möchte, kann bei den Kommentaren angeben, was sie/er vermute. Was einem bei der Sichtung der „D -Rö Aufnahme durch den Kopf geht. Was man also im Röntgenbild konkret sieht. Es geht nicht um die Dinge, die vielleicht sein könnten, die man aber im konkreten Röntgenbild eben nicht sieht.
Muss man aber nicht, die Antwort (das jeweilige DVT und gegebenfalls weitere konventionelle 2D – Röntgenbilder) kommt so oder so.
Eine Woche später.
Hier der erste Fall:
Zahn 25 (schon einmal aufgeführt bei „Zahnschmerzen sind grausam“).
Starke Schmerzen seit mehr als 4 Wochen.
In der Weihnachtszeit und zwischen den Jahren habe ich mir Zeit genommen, einer Frage nachzugehen, die mich schon lange beschäftigt hat. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass atypische Odontalgien oder neuropathische Schmerzen an den Zähnen häufig an einer schmerzhaften Empfindlichkeit des Zahnfleischsaumes zum Beispiel nach Berührung mit der Parodontalsonde zu erkennen sind. Die Häufigkeit von Zähnen mit nicht- dentogenen Schmerzen liegt zB bei wurzelbehandelten Zähnen mit persistierenden Schmerzen (> 6 Monate) so um die 50% (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20728716) und dieses Zeichen ist – wie gesagt – sehr zuverlässig. Interessant ist dabei auch, dass die starke Empfindlichkeit häufig nur den distalen oder den mesialen Anteil der Zahnfleischfurche betrifft und selten mesial und distal gleichzeitig vorhanden ist.
Was ich also in den Weihnachtsferien herausfinden wollte, ist: Wie wird der Parodontalspalt überhaupt innerviert?
Wie häufig, bin ich dabei erst einmal auf Umwege gekommen. Natürlich beginnt man bei der „Embryognese“ (Vorklinik – Ohje!) und stellt fest, dass es dabei inzwischen neue Aspekte zu verzeichnen gibt. Faharani (1) hat nämlich herausgefunden, dass die Odontoblasten-Schicht viele Merkmale von Sinnesorganen hat. Es gibt hier drei Glia-zell ähnliche Zellsorten, wie sie ähnlich im Gehirn und in anderen Sinnesorganen vorkommen. Man findet auch eine „Blut-Dentin-Schranke“, ähnlich der „Blut-Hirnschranke“. In der Tat ähnelt der Bauplan der Pulpa, dem der Netzhaut und dem des Corti-Organs im Ohr. Herr Faharani kommt auch zu der Vermutung, dass die Zähne ursprünglich einmal aus „sinnesorganartigen“ Elektro-Rezeptoren im Maul von Fischen hervorgegangen sein könnten, die sekundär mit einer Dentin+Schmelzschicht umgeben wurden und dann als Zähne funktionierten. Die Schnabeltiere – immerhin Säugetiere- hätten auch Elektrorezeptoren im Mund bzw. Schnabel. Gut- interessant – bringt einen aber mit dem Schmerzproblem nicht weiter.
Die Nervenfasern, die in die Pulpa ziehen, geben periapikal kleine Äste ab, die im Par-Spalt bis zur Zahnfleischfurche und zur Interdentalpapille ziehen. So steht es in den Büchern (zB. Rateitschak). Falls dieser Nerv erkrankt, oder die mit diesem Nerv verbundenen Hirnareale, können zB „atypische“ Zahnschmerzen entstehen, die dann auch in der Zahnfleischfurche gereizt und ausgelöst werden können. Die Pulpa ist ja nach Wurzelbehandlung meistens weg und die Äste im Par-Spalt die einzigen, die übrig geblieben sind.
Wenn man aber hier nachliest und die Frage klären will, was mit den Zahnnerven nach einer WB passiert (Atrophie, Regeneration und Umleitung in den PAR Spalt?) findet sich fast keine Literatur dazu.
Also bleibt festzuhalten:
1. Die Zahnfleischfurche und deren Schmerzempfindlichkeit ist ein wichtiges Symptom für atypische Odontalgien.
2. Es gibt Hinweise darauf, das die Nervenversorgung von Zahn und PAR-Spalt „very special“ ist.
3. Was mit den Zahnnerven nach einer Wurzelbehandlung und damit deren Amputation genau passiert, ist ziemlich unklar
4. Die Weihnachtsferien sind zu kurz, um dem richtig auf den Grund zu gehen.
Literatur
1. Blueprint of an Ancestral Neurosensory Organ
Revealed in Glial Networks in Human Dental Pulp
Ramin M. Farahani, Mary Simonian, and Neil Hunter
The Journal of Comparative Neurology | Research in Systems Neuroscience 519:3306–3326 (2011)
Montag ist unser langer Start in die Woche.
Gestern noch mal 2 Stunden länger als normal – Anruf eines Ehemannes für seine Frau. Sie habe starke Schmerzen, Wurzelkanalbehandlung wurde am Donnerstag durch den Hauszahnarzt durchgeführt, die Schmerzen seien aber unverändert, das Zahnfleisch sei nun blau schwarz und löse sich ab.
In vivo zeigt sich dann ein Zahn 37 mit trepaniertem Cavitverschluss okklusal und unvollständigem Cavitverschluss vestibulär im Bereich einer subgingival reichenden Perforation. Die Patientin weist eine Gingivanekrose im Bereich der vestibulären Gingiva 37 und im Bereich der – der Perforation aufliegenden – distalen Wangenschleimhaut auf. Der nekrotische Bereich ist nicht schmerzempfindlich, die angrenzenden Gingivabereiche dafür um so mehr.
Zum Einsatz kam zur Schmerzauschaltung „etwas ganz Neues“, sagte die Patientin. „Schlangengift“.
Als dieses bis Samstag keine Wirkung zeigte, beschloss der Behandler, dieses wieder zu entfernen, daher rührte vermutlich die Trepanation des Cavits, die den Blick auf ein Wattepellet freigab, die Schmerzproblematik jedoch nicht reduzieren konnte.
Was tun ?
Ich bitte, die Patientin in Erfahrung zu bringen, worum genau es sich bei besagtem Schlangengift handele. Vielleicht ist „Schlangengift“ ja nur eine Metapher, sage ich ihr.
Sie kontaktiert den Behandler und es stellt sich heraus, dass besagtes „Schlangengift“ keine neuartig innovative, sondern eine in der Zahnmedizin weithin bekannte Substanz ist, die zur Devitalisierung von Zähnen eingesetzt wird.
Ich entferne das Cavit und Wattepellet. Es zeigt sich eine pechschwarze fasrige Substanz mit einem eigentümlichen leicht metallischen Geruch.
Ich entferne auch diese sowie die vorhandene Karies und baue, nachdem ich das Pulpakavum mit Guttapercha aus dem BeeFill ausgeblockt habe, den Zahn mit einer dentinadhäsiven Restauration auf.
Anschließend lege ich Kofferdam, trepaniere, entferne die Guttapercha und stelle unter dem Dentalmikroskop die Kanaleingänge dar. Danach Spülung, Kathederisierung von 3 Wurzelkanälen, initiale reziproke Aufbereitung und abschließend eine Calciumhydroxideinlage und Verschluss der Trepanationsöffnung mit Glasionomerzement.
Und jetzt hoffe ich, dass die Schmerzen der Patientin zurückgehen und der Zahn erhalten werden kann.
Letzte Woche hatte ich das Röntgenbild eines Schmerzpatienten hier eingestellt und einige Fragen zum Fall zur Abstimmung aufgerufen.
An alle Teilnehmer zunächst vielen Dank für die Beteiligung bei den Umfragen.
Hier nun der Patientenfall im chronologischen Ablauf.
Der Patient suchte unerwartet unsere Praxis auf.
Er hatte wegen starker Zahnschmerzen am Tage zuvor einen Zahnarzt aufgesucht.
Dieser hatte den Zahn 23 und den Zahn 24 trepaniert.
Die Schmerzen blieben.
Zusätzlich stellte sich über Nacht eine Schwellung ein, daraufhin wurde in Regio 23 inzidiert und ein Streifen eingelegt und der provisorische Verschluss an 23 und 24 entfernt.
Die Schmerzen blieben.
Der Patient wurde daraufhin zur WSR an einen Kieferchirurg überwiesen. Er suchte dann, auf Empfehlung einer Verwandten, unsere Praxis auf.
„Wo tuts weh ?“
„Kann ich nicht genau sagen. Hier ! “ Der Patient zeigt auf seine linken Oberkiefer.
„Seit wann tuts weh ?“
„Seit vorgestern“
Wann tut´s weh ? “
„Als ich was Kaltes getrunken habe, zog es tierisch in den Kopf hinein.“
Mit diesem Satz war es sehr einfach geworden, den betreffenden Zahn herauszufinden, denn es war zu vermuten, dass die Schmerzen von einem pulpitischen und somit stark kälteempfindlichen Zahn ausgehen.
Dem Röntgenbild nach wäre hier der Zahn 22 oder der Zahn 21 als Schmerzauslöser zu vermuten.
23 und 24, vermutlich schon länger devital, würden sich anders bemerkbar machen.
Ein durchgeführter Kältetest zeigte: Zahn 21 reagiert normal, Zahn 22 reagiert extrem auf Kälte („ARGGH; genau das ist der Schmerz“) , 23 und 24 reagieren nicht auf den Kältetest.
Die Therapie wurde dann wie folgt durchgeführt:
Anästhesie
Entfernung des eingelegten Drainagestreifens.
Es dauert mehrere Minuten, bis die massive Blutung aus der Inzisionswunde steht.
Trepanation und Wurzelkanalaufbereitung Zahn 22.
Initiale WK 23 und 24, Ultraschallspülung, Medikamentöse Einlage 22, 23,24, Verschluss der Trepanationsöffnungen 22, 23,24.
Die Kontrolle am nächsten Tag ergab Schmerzfreiheit und einen vollständigen Rückgang der Schwellung.
In der darauffolgenden Sitzung wurde der Zahn 23 und 24 mit einer Kunststofffüllung aufgebaut und die Wurzelkanalaufbereitung an den Zähnen 23 und 24 zu Ende geführt.
Wie es mit dem Zahn weitergeht, sowie eine Analyse des Geschehens und Tipps zur Vorgehensweise in unklaren Schmerzfällen demnächst als Fortsetzung dieses Beitrages.
Normalerweise ist der 2. Tag des Notdienstes weniger anstrengend.
Diesmal nicht.
Wenigstens war der Heilige Abend ruhig und auch in der heiligen Nacht rief niemand an. Das war für mich das Wichtigste.
Dafür kommt es jetzt um so heftiger.
Schon nach einer Stunde haben wir die Höchstmarke des gestrigen Vormittags überschritten. Als wir kurz vor 15.00 Uhr die Praxis verlassen, um etwas essen zu können, haben wir bereits 20 Patienten behandelt. Und für 17.00 Uhr sind schon weitere 6 Patienten angemeldet.
Der Patient mit dem Oberkiefereckzahn (das war der Patient, für den es in den Kammerrichtlinien nebst Gerichtsurteil keine Therapiekonzept ausser der Extraktion gibt) kommt zur Kontrolle nach Wurzelkanalbehandlung vorbei. Seine Schmerzen sind weg, die Schwellung ist rückläufig, der Druck im Kiefer und in der Wange hat nachgelassen.
Eine Patientin mit Schmerzen in der Unterkieferfront und leichter vestibulärer Schwellung in Regio 41- 43 stellt sich vor. Sie trägt eine große den gesamten Frontzahnbereich umspannende Brückenkonstruktion. Klopftest, Rö- Bilder und Kältetest sind nicht eindeutig. Am wahrscheinlichsten ist der Zahn 42 der Schmerzauslöser.
Wir trepanieren, ein extrem schwieriges Unterfangen bei den grazilen Zähnen, die die Patientin hat und der Keramikkonstruktion, die den Zahn umgibt. Trotz Dentalmikroskop ist dieser Zahn eine enorme Herausforderung. Ohne Mikroskop bei den extrem schwierig aufzufindendem Kanal keine Chance.
Was also tun im Notdienst ?
Draussen sitzen gegenwärtig 9 weitere Patienten. Längst haben wir zusätzliche Sitzgelegenheiten herbeigeschafft, der Wartebereich ist übervoll, die Patienten und ihre Begleitpersonen sitzen in einer Reihe im Flur bis zur Anmeldung.
Es kommt zu leichtem Tumult, weil ein paar der Patienten sich nicht einigen können, wer nun als Nächster an der Reihe sei, nachdem wir eine Patientin, die zum Streifenwechsel die Praxis aufgesucht hatte, nach kurzer Wartezeit schon ins Behandlungszimmer gesetzt haben.
Ich gehe nach draussen, erkläre die Situation. Meine Stimmung sinkt.
Es ist gerade mal Halb Eins am zweiten Tag unseres Notdienstes. Noch weitere 20 Stunden liegen vor uns.
Zurück im Zimmer. Noch immer nicht der geringsten Hinweis, wo der Wurzelkanal des Zahnes 42 zu finden wäre.
Ich beschliesse, den Zahn erst weiterzubehandeln, wenn ich die weiteren Patienten versorgt habe. Die Patientin ist einverstanden.
Sie hat bislang schon 2 Stunden gewartet und wird weitere 90 Minuten warten müssen, bis wir uns ihr wieder widmen können.
Die dicke Backe, mit der die Patientin in der Praxis erscheint, ist beachtlich, aber nicht spektakulär. Zwar ist der Unterkieferrand der rechten Gesichtshälfte zu Hals hin teigig verstrichen und nicht mehr durchtastbar, aber immer hin ist das Auge noch nicht zugeschwollen. Und die Schmerzsituation der Patientin ist besser, als es das Äussere vermuten liesse.
Trotzdem ist die Situation aussergewöhnlich. Die Mundöffnung der Patientin ist mittlerweile extrem eingeschränkt. Wir messen eine Schneidekantendistanz von 21 mm. Im Bereich, in dem die Ursache der Schwellung, ein massiver eitriger Abszess, zu suchen ist, ist der Abstand zwischen den Zahnreihen noch geringer.
Die Patientin war seit dem 09. Dezember jeden Tag in Behandlung bei ihrem Hauszahnarzt.
Jeden Tag.
13 Tage lang.
Erst war der Zahn 47, dann der Zahn 46 wurzelkanalbehandelt worden. Vielleicht war es auch genau umgekehrt. Die Beschwerdeproblematik blieb jedoch auch nach diesen Wurzelkanalaufbereitungen und medikamentösen Einlagen.
Es wurde nicht besser.
Und so wurde vor ein paar Tagen der Zahn 47 gezogen.
Danach immer noch keine Besserung.
Jetzt sitzt die Patientin vor uns und der Blick in den Mund zeigt, dass massiv Eiter aus der Extraktionswunde des Zahnes 47 herausläuft.
So etwas habe ich in fast 20 Jahren noch nicht gesehen. Der Eiter läuft und läuft aus dem Knochenfach und das, obwohl die Patientin seit mehreren Tagen antibiotisch abgedeckt ist und mittlerweile das zweite Antibiotikum nimmt.
Und die Wange glüht, sie ist kochend heiß, wenngleich die Patientin Gott sei Dank noch keine erhöhte Temperatur hat.
Wir machen einen Zahnfilm von der Region 47, 46.
Der Film lässt sich nur mühsam in den Mund einbringen.
Das Herausnehmen ist noch schwieriger, fast unmöglich und für die Patientin extrem schmerzhaft. Daran, den Zahn 46 endodontisch zu entlasten, ist auf Grund der geringen interokklusalen Distanz nicht mal dran zu denken.
Für mich (Thomas Weber, der Vater des Memorix, würde sagen, für mich als Landzahnarzt) ist hier die Grenze des im Notdienst Möglichen erreicht.
Ich verweise die Patientin an die kieferchirurgische Kompetenz der Uniklinik.
Es ist kurz nach 18.00 Uhr am ersten Tag unseres Notdienstes.
Mittlerweile sind es 13 Patienten geworden, die seit 17.00 Uhr in der Praxis sich angekündigt haben.
Es ist davon auszugehen, dass wir schon bald die 30 Schmerzpatienten – Marke für den ersten Tag überschreiten werden.
Ich wollte vorgestern die (zahnmedizinische) Zeitung, die in der Post war, schon ungelesen wegwerfen, aber dann hab ich doch zumindest mal durchgeblättert.
Und bin auf den Artikel über Toxavit gestossen, in dem ein Zahnarzt den Nutzen dieses Medikamentes ausdrücklich hervorhebt.
Seine Intention ?
Vermutlich ein Gegengewicht schaffen zu den kritischen Stimmen, dieses Mittel betreffend.
Kernaussagen seines Beitrags: Das berühmte Zitat von Paracelsus, jedes Ding sei Gift, es sei alles nur eine Frage der Dosierung und – richtig angewandt, sei das Risiko, das dem Mittel ausgehen könne, extrem gering, demnach vernachlässigbar, oder akzeptierbar im Hinblick auf den Nutzen, den dieses Mittel biete.
Folge ich dieser Kausalkette, dann ist:
1.Der Hersteller für Schäden, die durch das Präparat entstehen, nicht verantwortlich.
Denn diese Schäden entstehen nur bei unsachgemäßer Anwendung. Dafür kann das Präparat ja nichts, oder ?
2. Wenn Schäden entstehen sollten, dann ist demnach der Anwender dafür verantwortlich.
Und verantwortlich heißt dann aber auch, er muss diese Schäden und die negativen Konsequenzen für den Patienten, die daraus entstehen, verantworten. Dafür geradestehen.
Und solche Schäden treten auf.
Tag für Tag in Deutschland.
Nicht ohne Grund gehören die Toxavit – Artikel die meistgelesenen Artikel dieses Blogs.
Gerade mal einen Tag später wird in einer zahnmedizinischen Mailingliste folgender Fall eingestellt:
Der Kollege, auf einer berühmten Nordseeinsel beheimatet, schreibt: „Der Patient, Rollstuhlfahrer, ist auf Urlaub hier. Schmerztherapie vor 7 Tagen in einer Berliner Klinik am Zahn 38 .“
Die Fotos zeigen eine massive Gingivanekrose (für den Laien, das Zahnfleisch ist abgestorben) nach Einsatz eines Devitalisierungsmittels (auf Hinweis der Firma „Lege Artis“ weise ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um Toxavit handelt). Es kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass auch der darunterliegende Knochen von der Nekrose betroffen ist.
In einer idealen Welt, das stimme ich dem Autor zu, hätte es diesen Schaden für den Patienten nicht gegeben.
Aber in der realen Welt, in der wir leben, passiert dies Tag für Tag.
Und DIES müsste nicht sein.
Wer die Verantwortung hierfür übernimmt, ob Hersteller oder Behandler, ist mir egal.
Der Patient (ein junger Teilhaber einer renommierten Unternehmensberatung) kam zu mir, nachdem er in Köln bei einem ihm wärmstens als äußerst kompetent empfohlenen Zahnarzt war. Eine absolute Koryphäe, wie sein Arbeitskollege ihm wortwörtlich versicherte. Er besuchte diesen Zahnarzt im Juni, da er massiv Zahnschmerzen hatte. Dort wurde eine Wurzelbehandlung begonnen, mit abschliessender Med (CaOH2) und prov. Verschluss (Ketac). Als er wieder zuhause in München war und immer noch starke Schmerzen hatte, rief er seinen Freund an, einen Zahnarzt aus Bad Reichenhall, und bat um ortsansässige Hilfestellung im Raum München.
So kam der Patient zu uns.
Beim ersten Termin fertigte ich ein diagnostisches Röntgenbild vor der Behandlung an (2.jpg). Man erkennt zwar eine Trepanationskavität, aber das eigentliche Pulpakavum vermutet man etwas weiter darunter. Nach Entfernung der Ketacfüllung dann das Bild (1.jpg): Der Vorbehandler hat das Pulpadach an drei Stellen kunstvoll trepaniert, und zwar an genau den Stellen, wo sich der mb1, der db und der pal Kanal darunter befanden. Die waren auch initial instrumentiert, aber es war noch reichlich vitales Gewebe vorhanden. Nach der kompletten Entfernung des Pulpadaches war auch der bislang unentdeckt gebliebene mb2 leicht instrumentierbar. Das orthograde Röntgenbild nach Wurzelfüllung zeigt eine stark gekrümmte mesiobukkale Wurzel, ein Eindruck, der sich in der exzentrischen Aufnahme noch verstärkt. Der Patient war nach unserer ersten Behandlung vollkommen schmerzfrei und ist es bis heute geblieben.
Sicher wäre es zu einfach, jetzt den Stab über den Erstbehandler zu brechen. Vielleicht kamen mehrere ungünstige Umstände, vor denen keiner gefeit ist, zusammen, so dass ein solch kompromissbehaftetes Ergebnis der Schmerzbehandlung resultierte. Allein – am Ende zählt nur, wer dem Patienten die Schmerzen nimmt und dafür bedurfte es im vorliegenden Fall keiner Koryphäe sondern nur einer stimmigen und stringenten Behandlungssystematik.
Zahnschmerzen tauchen ja immer dann auf, wenn man sie gar nicht gebrauchen kann.
Zum Beispiel im Urlaub wie bei diesem Patienten.
Unterwegs in Oberbayern musste er wegen starker Schmerzen in Regio 47 einen Kollegen aufsuchen.
Zwei verblockte Kronen auf Zahn 46 und 47 1,5 Jahre alt, vor Überkronung durchgeführte WF.
Apikale Aufhellungen an beiden Zähnen.
6 Monate nach Überkronung Schmerzen im rechten Unterkieferseitenzahnbereich.
Inzision und Antibiotika- Gabe ohne dauerhaften Erfolg.
Es folgte zunächst die Extraktion des Zahnes 16 und des Zahnes 48 als vermutete Schmerzauslöser.
Die Schmerzen blieben.
Therapieempfehlung des Hauszahnarztes: Extraktion 46 durch Oralchirurg.
Doch vor dem vereinbarten Termin fuhr der Patient noch in Urlaub….
Der Kollege im Urlaubsort entfernte zunächst die Kronen, ermittelte dann den Zahn 47 als alleinigen Schmerzauslöser, revidierte mit viel Enthusiasmus soweit es ihm möglich war das alte WF -Material in 47, sorgte für weitgehende, den Urlaub wieder lebenswert erscheinen lassende Schmerzfreiheit und gab dem Patienten zu guter Letzt mit auf den Weg, dass es in Heimatnähe des Patienten (Nähe ist relativ, es waren rund 120 km) jemanden gäbe, an den er sich zur Weiterbehandlung wenden könne.
So kam der Patient zu uns.
Wir führten im November 2007 eine WF – Revision an Zahn 47 und 46 durch.
Die Schmerzen verschwanden und kamen nicht wieder. Die apikalen Aufhellungen bildeten sich zurück.
Im Februar 2009 kam der Patient wieder.
Mit Zahnschmerzen im Unterkiefer links an Zahn 37.
Zahn 37 und 36 waren kurz zuvor (von einem neuen Behandler) wurzelkanalbehandelt worden, jedoch waren die Zähne (zumindest der Zahn 37) weiterhin nicht schmerzfrei.
Ich habe beide Wurzelfüllungen revidiert, woraufhin Schmerzfreiheit eintrat.
Der enorme Erfolg überraschte vermutlich sogar die Macher.
Die Erstauflage der VDW – Broschüre „Meine Zähne – ein Leben lang“ war schon nach weniger als 2 Wochen nach Erstveröffentlichung vergriffen.
Zwischenzeitlich ist die nächste Druckauflage vorrätig, in deutlich höherer Anzahl, um der großen Nachfrage gerecht zu werden.
Zu beziehen über die Aussendienstmitarbeiter von VDW oder direkt bei VDW, München.