von Hans – Willi Herrmann
In der Endodontie funktioniert viel.
Eigentlich sogar extrem viel.
Warum dem so ist ? Weil Endodontie ein Beweis ist für die Toleranzfähigkeit des menschlichen Organismus.
Und genau aus diesem Grund ist die Abwesenheit von Schmerz oder das Fehlen anderer augenfälliger klinischer Symptome aber auch kein Beweis für eine erfolgreiche Therapie, für zielführende Behandlungsansätze.
Leider wurde- in der Vergangenheit und wird – auch heute noch – zu oft genau so argumentierend verfahren.
„Tut nicht mehr weh, freuen wir uns, Stempel drauf, geheilt !“
In der Vergangenheit war eine solche Scheuklappen- Anschauung auch gut vertretbar. Mangels wirklicher Alternativen.
Aber genau das hat sich in den letzten 30 Jahren grundlegend geändert.
Denn der natürliche Feind der Endodontie heutzutage ist nicht länger mehr Zange und Brücke, es ist das Implantat.
Und mehr und mehr in den vergangenen 2 Jahrzehnten, in gleichem Maße in dem die Implantologie Einzug in unsere Praxen gehalten hat, rächt sich nun diese arrogante Einstellung des „Ich habe ja mein Bestes getan und der Patient hat ja auch keine Schmerzen mehr, quod erat demonstrandum !“
Schmerzfreiheit heißt nicht Heilung.
Nimmt man dies als Kriterium, so birgt dies die Gefahr, dass mit dem Nichtgelingen einer medioker durchgeführten Behandlung angesichts nun vorhandener „sicherer“ Alternativen eine Therapieform per se ins Abseits gestellt wird: „Endo ? – Vergiss es- Funktioniert ja doch nicht !“
Die Endodontie – zu Recht oder Unrecht sei zunächst dahingestellt – ist im Begriff, eine Therapieform der Vergangenheit zu werden.
Dies könnte man als evolutionäre Entwicklung werten, als survival of the fittest im Sinne eines „Einfacher, sicherer, zuverlässiger“ der Wurzelkanalbehandlungs – Alternativen.
Und wenn dem so wäre, dann hätte es die Endodontie auch verdient, als – nennen wir es „intrakanaläre Goldhämmerfüllung des neuen Milleniums“- als ein als nicht mehrzeitgemäßes Therapeutikum vereinzelter, nur noch historisch bedeutsamer Wurzelkanal – Dentisten, als Fußnote der Zahnerhaltung, ein Randdasein im Kuriositätenkabinett der Zahnmedizin zu fristen.
Das Problem ist, dass wie allzuoft auch hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.
Es gibt sie nicht „DIE Endodontie“, das universelle Abziehbild einer Wurzelkanalbehandlung, als Blaupause des Wurzelkanal – Prototyps per se.
- Haben wir es mit einer Erstbehandlung zu tun oder einer Revision ?
- Ist es ein vitaler oder devitaler, möglicherweise hochgradig infizierter Zahn ?
- Ein Traumafall ?
- Wie alt ist der Patient ?
- Wie ist seine medizinische Allgemeinsituation, wie der generelle Zustand seiner Zähne, der Nachbarzähne, der Antagonisten, wie die Situation des den Zahn umgebenden Knochens ?
- Welche der unzähligen endodontischen Therapieoptionen sollte im individuellen Einzelfall der Vorzug gegeben werden ?
- Und welchen Einfluss auf den Behandlungserfolg hat der Behandler ?
- Wie steht es um die Fähigkeiten des Zahnarztes auf diesem schwierigen Teilgebiet, wie ist seine Ausstattung, was steht ihm an Gerätschaften und Hilfsmittel zur Verfügung, und last but not least wie schätzt er die klinische Situation ein und was ist er bereit, im konkreten Fall an Massnahmen einzusetzen ?
Fakt ist: Die endodontische Behandlung ist die schwierigste und komplizierteste Teilbehandlung im Rahmen der Zahnmedizin.
Insofern kann man es grundsätzlich keinem Behandler verdenken, wenn er sich, auf Grund negativer Erfahrungen auf diesem Gebiet und andererseits positiver Erfahrungen im Hinblick auf die Therapieoptionen „Zahnersatz“und „Implantologie“, gegen eine Wurzelkanalbehandlung entscheidet.
Zumal von Seiten der Wissenschaft keine Evidenz aufgezeigt wurde, welche der vielen, so unterschiedlichen endodontischen Therapiekonzepte denn nun zu favorisieren seien.
Das allerdings wird sich in den nächsten Jahren drastisch ändern.
Mit dem DVT steht uns in der Endodontie ein Medium zur Verfügung, dass in viel viel größerem Maße als bisher den Erfolg einer Wurzelkanalbehandlung beweisen oder in Frage stellen kann.
Die Folge: In den nächsten Jahren wird uns eine apikale Aufhellung nach der anderen um die Ohren gehauen werden.
Wenn wir nicht aufpassen, sind wir auf dem Weg in einen neuen Exodontismus.
Warum dem so sein wird ?
Weil es der Wirklichkeit entspricht.
Machen wir uns doch nichts vor – die Wurzelkanalaufbereitung ist seit Einführung der rotierenden Nickel – Titan – Instrumente vor fast 20 Jahren in einem Stadium, das als vorhersagbar handhabbar gelten kann. Und der Erfolg einer Wurzelkanalfüllung muss nicht an der Anzahl gefüllter Seitenkanäle oder der Temperatur des Hitzepluggers und der Phasenkonsistenz der verwendeten Guttapercha festgemacht werden.
Soll heißen – Endodontie kann schwierig und kompliziert sein, dies ist aber keine Grundvoraussetzung in jedem Falle.
Sie muss daher auch nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein.
Wie es von verschiedenen Seiten aus ganz unterschiedlichem Antrieben heraus postuliert wird.
Es bedarf zu erfolgreichen Handhabung von Wurzelkanälen auch nicht als conditio sine qua non einer mehrjährigen postgradualen Spezialistenausbildung.
Endodontie bedeutet, auf den Kern heruntergebrochen, die Handhabung einer bakteriellen Infektion in einem extrem schwerzugänglichen Bereich.
Und deshalb ist es eben nicht damit getan, einzig Wurzelkanäle aufzubereiten und abzufüllen.
Das ist beileibe keine neue Erkennntis. Die endodontische Trias (Aufbereiten,Desinfizieren, Füllen) ist uns allen seit über 100 Jahren bekannt, aber die Desinfektion wird nachwievor stiefmütterlich behandelt.
Teilweise wird ihre Notwendigkeit, negiert, teilweise wird, guten Willen zeigend, sich in skurrilen Alibi – Handlungen verkünstelt, deren nicht gesicherter Nutzen auch nicht von markigen Marketing-Claims ala „Tsunami-Endodontics“ kompensiert werden kann.
Ist ein Wurzelkanal eines devitalen Zahnes, wenn er trocken ist, bakterienfrei ?
Genügt die Spülung mit NaOCl oder welcher anderen desinfizierenden Lösung auch immer – aus einer dünnen Spülkanüle heraus, maximal 1 -2 mm apikal der Kanülenöffnung hinausreichend, um eine adäquate Desinfektion zu erreichen ?
Keiner von uns kann mit Sicherheit die Antworten auf diese Fragen geben.
Demzufolge kann man im Umkehrschluss aber auch povokant die Frage stellen: Erzielen wir eine Heilung durch oder unabhängig von oder trotz unserer Massnahmen ?
Konkret, kritisch gefragt:
1. Inwieweit ist das Ergebnis der Schmerzfreiheit und einer im Zahnfilm oder OPG sichtbaren apikalen Ausheilung das Resultat eines Fließgleichgewichts, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers – unterstützt durch endodontische Massnahmen des Zahnarztes – gegenwärtig zu Gunsten des Patienten verschoben haben ?
Wenn dem so wäre, und es gibt nichts, was angesichts der Mikroanatomie des Wurzelkanals und der Submikroanatomie des Wurzeldentins grundsätzlich dagegen argumentierend angeführt werden könnte, dann ist die von uns so freudig begrüßte Heilung bakteriell infizierter Zähne nur eine Polaroid- Foto eines längerfristig in seinem Ausgang unbestimmten Prozesses, der eine Restitutio ad integrum nur suggeriert, aber vermutlich zu keiner Zeit erreicht hat.
2. Inwieweit ist die apikale Aufhellung nur eine scheinbare, nur auf den Unzulänglichkeiten des 2 D- Röntgens begründet ?
In solchen Fällen besteht die Möglichkeit, dass wir es nicht mal mit einer temporären, vielmehr mit einer vorgespiegelten Heilung zu tun haben.
Wo die Evidenz fehlt, muss der gesunde Menschenverstand her.
Und der sagt, seit dem Jahr der endodontischen Zeitenwende 1917, seit den Präparaten Walter Hess, dass es ungeachtet der großen Erfolge in der Endodontie noch viel zu tun gibt.
Und, angesichts der frustralen Erkenntnis, dass man offensichtlich in vielen Fällen nicht einmal bereit ist, dass essentiell Notwendige zu tun (sonst gäbe es nicht so viele schlechte Wurzelkanalbehandlungen) auch getan werden muss. Grundsätzlich.
Damit die Endodontie kein Auslaufmodell wird.
Das bedeutet im ersten Schritt: Dokumentation des Status Quo, Analyse der Ist- Situation, Überprüfung unterschiedlicher Therapievarianten, vorbehaltlos.
Und hier haben wir mit dem DVT ein neues Hilfsmittel, dass es uns erlauben wird, den Erfolg unserer Behandlungen viel viel präziser, vielleicht zum ersten Mal überhaupt nachvollziehbar belegen zu können.
Darauf freue ich mich.
Das DVT ist nicht nur ein möglicher Nagel zum Sarg der Endodontie, sondern die Chance, diese Behandlungsform auf ein neues Level zu bringen. Ich bin gespannt, inwieweit sich die Endodontie dadurch in den nächsten 2 Dekaden verändern wird.
Eines muss aber klar sein. Mit dem DVT werden die Karten neu gemischt. Und deshalb müssen auch liebgewonnene und bequeme Gewohnheiten des „Das haben wir doch immer so gemacht“ hinterfragt werden. NaOCl, CaOH2 ? Ab auf den Prüfstand. Und vermutlich fast alles andere auch.
Das ist mühsam.
Aber tun wir es nicht, werden wir verlieren.
Und die Patienten Zähne.