Nichtbehandlung (I)

Von Bonald Decker

 

Nachfolgend möchte ich Ihnen einen gestrigen Fall vorstellen und Ihre Meinungen dazu einholen…

kurz zur Vorgeschichte:

Der 18-jährige Lion stürzte in der Nacht von Samstag auf Sonntag letzte Woche auf dem Nachhauseweg mit seinem Fahrrad. Daraufhin suchte er mit seinen Eltern in den frühen Morgenstunden die chirurgische Notaufnahme einer Universität auf.

Hier erfolgte in erster Linie eine Untersuchung zum Ausschluss eines möglichen Schädel-Hirn-Traumas (u.a. Kopf-CT etc.)

Da keine allgemeinmedizinischen Besonderheiten vorlagen wurde der junge Mann wieder nachhause entlassen.

Da er am nächsten Morgen weiterhin beträchtliche Schmerzen im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich hatte suchte er daraufhin auf eigene Initiative den kieferchirurgischen Notdienst der Universität auf.

Das dort angefertigte Orthopantomogramm sehen Sie hier:

Nichtbehandlung.001

Eine weitere Behandlung in irgendeiner Form erfolgte nicht.

Lion wurde gebeten sich Ende der nächsten Woche (also knapp 7 Tage nach dem Unfall) bei seinem Hauszahnarzt vorzustellen, um die betroffenen Zähne mit Kompositfüllungen restaurieren zu lassen.

Zur akuten Schmerztherapie wurde ihm die Einnahme eines nichtsteroidalen Antiphlogistikums empfohlen.

Aufgrund der weiter vorhandenen Schmerzsituation stellte sich Lion schliesslich am Mittwoch bei seinem Zahnarzt vor. Dort wurde diese Einzelzahnaufnahme angefertigt.

Nichtbehandlung.002

Eine weitere Behandlung erfolgte nicht. Dem Patienten wurde empfohlen sich zur „bestmöglichen“ Behandlung bei uns vorzustellen.

Unsere Befunde vom Mittwoch (4 Tage post traumatisch) im Überblick:

Vipr 12 und 21 +++,  11 ++, 13,22,23 und UK Front ohne Besonderheiten

Perk 12-11 +, 13,22,23 und UK Front ohne Besonderheiten

12-11: LG I

Hier extra- und intraorale Impressionen der Situation:

Nichtbehandlung.003Nichtbehandlung.004Nichtbehandlung.005

Meine Fragen an Sie…

was geht Ihnen nach dem Lesen der Krankengeschichte spontan durch den Kopf?

Würden Sie die Kollegen kontaktieren um die Hintergründe der Nichtbehandlung zu besprechen ?…

 

 

 

Kleine, aber feine Mikroskoplösung

von Mario Schulze

In meiner Praxis stehen mir zwei Behandlungszimmer zur Verfügung. Ein Behandlungszimmer für endodontische Behandlungen, welches, wie hier berichtet, aus-gestattet ist.
Im zweiten Behandlungszimmer werden alle anderen zahnärztlichen Behandlungen unter Anwendung einer Lupenbrille durchgeführt. Nun kommt es immer häufiger vor, dass mir diese Vergrößerung bei verschiedenen Behandlungen nicht mehr ausreicht und der Wunsch nach einem Dentalmikroskop auch in diesem Zimmer bestand.
Da mein durch den Umbau im „Endozimmer“ freigewordenes Leica M650 nur sehr aufwendig im zweiten Behandlungszimmer zu integrieren war, stand die Frage nach einer optisch und technisch gut passenden Lösung.
Die Wahl fiel auf ein iScope der Firma Jadent, welches mit einem speziellen Arm an der Lampenstange der vorhandenen Behandlungseinheit KaVo E80 befestigt wurde. Um Gewicht zu sparen, habe ich auf Strahlenteiler und Fotodokumentation verzichtet. Die LED- Beleuchtung ist im Mikroskopkörper integriert, so dass lediglich ein Kabel vom im Behandlungsstuhl platzierten Trafo zum Mikroskop führt. Um ergonomisch variabler zu sein, habe ich das iScope um den bereits hier  beschriebenen Jung Variofocus erweitert.

Disclaimer: Es besteht beim Autor kein Interessenkonflikt in Form einer finanziellen oder persönlichen Beziehung zu Dritten, deren Interessen vom Beitragsinhalt positiv oder negativ betroffen sein könnten.

Ein deutscher Zahnarzt in Madrid (Teil 4)

von Alexander Knobel

Fortsetzung: Ein deutscher Zahnarzt in Madrid (Teil 4)

Bereits Ende April bin ich gebeten worden erneut ein kleines Update meiner Erfahrungen im Ausland und speziell über meine neue Heimat Madrid zu schreiben und selten ist es mir so schwer gefallen wie im Moment.

Seit Wochen versuche ich nun etwas vernünftiges aufs digitale Papier zu bringen und es quält mich. Es quält mich weil ich einfach ausgebrannt bin, kaum Zeit finde und überhaupt nicht weiß, an welcher Stelle ich anfangen soll zu berichten.

Ich denke, dass ich inzwischen behaupten kann, dass mein Strategie aufgegangen ist und das Projekt „Deutsche Zahnarztpraxis im Herzen Spaniens“ definitiv aufgegangen ist.

Moderne Zahnheilkunde und nicht 08/15 Abfertigung. Nichts anderes, wie es wohl auch von den Lesern des Wurzelspitzen-Blog gelebt wird.

Zahnmedizinische Standards (QM von der Praxishygiene bis zum Eingliedern von Keramikinlays), High-End Dentistry (Mikroskop, DVT, CAD/CAM, T-Scan…), Fortbildungen, Freundlichkeit und permanente Präsenz in der Praxis haben zum Ziel geführt.

Aber sollte man nun auf die Idee kommen in einem fremden Land Fuß zu fassen, sollte man niemals außer Acht lassen, dass 100% nicht reichen. 100% bringen alle Anderen. Um sich also aus der Masse als Neuankömmling hervorzuheben muss es deutlich mehr sein.

Ich verbringe ca. 70h+ pro Woche in der Praxis und dann kommt noch das Wochenende mit Plänen, Auswertungen, Medical Reports … Papierkram dazu. Viel Freizeit bleibt da nicht!

Erfolg habe ich … aber der Preis ist doch sehr hoch. Besonders für meine Familie die mich leider viel zu selten zu Gesicht bekommt. Das war in Deutschland definitiv anders!

Der ewige Kampf, das „andere System“, andere Wertvorstellungen und Arbeitsweisen zu verstehen ist nicht immer einfach und extrem kräftezerrend. Ein komplett anders funktionierendes Gesundheitssystem, die Krise, ein brutaler Konkurrenzkampf, Praxisketten (Lowbudget und von Versicherungen), die wie Heuschrecken aus dem Boden schießen und die Preise ins bodenlose drücken, ….

Jeder dieser Punkte wäre im Einzelnen bereits mehr als abendfüllend und sicherlich auch für die meisten Leser uninteressante Kost. Aber damit muss man sich nun einmal auseinandersetzen, wenn man den Gedanken einer beruflichen Auswanderung in sich trägt.

Alle Versuche eine zahnärztliche Assistenz einzustellen sind bisher kläglich gescheitert.

Die universitäre Ausbildung junger Zahnmediziner ist extrem the­o­rie­las­tig und das selbstständige Arbeiten aufgrund fehlender bzw. minimalster praktischer Ausbildung fällt den Meisten direkt nach dem Studium dann auch extrem schwer.

Viele flüchten sich daher auch erst einmal in die postgraduierte Ausbildung (sofern sie es sich leisten können) und machen einen Master, welcher im Anschluss der Ausbildung für viel Geld direkt von den Universitäten angeboten wird. Dadurch ist der Markt von Spezialisten überflutet, die ihr Handwerk anschließend auch verstehen, allerdings auch nur einen Mikrokosmos der Zahnmedizin abdecken. Hier sieht man dann sehr schön, inwiefern sich eine reine Spezialisierung der Zahnmediziner auswirkt. Keiner hat mehr eine Ahnung vom Ganzen und der Patient wird herumgereicht.

Auf keine Fall jetzt aber falsch verstehen. Es gibt ganz tolle und extrem talentierte Zahnmediziner in Spanien, die ihr Handwerk meisterlich verstehen. Auch den Sinn einer Spezialisierung möchte ich nicht in Frage stellen.

Nur sollte die Aufgabe einer Universität wohl eher in der allgemeinen Ausbildung und dem praktischen Heranführen an den täglichen Bedarf eines jungen Zahnmediziners liegen.

Die schlechtesten Arbeiten, die ich bisher gesehen hatte waren übrigens deutscher Herkunft. Da wurden z.B. schlecht gemachte GIZ Füllungen als „Spezial Inlays“ verkauft und teuer berechnet.

Nicht alles was glänzt ist nun einmal ist Gold.

Arbeiten im Ausland hat absolut nichts mit dem Erlebten im letzten Urlaub zu tun. Auch nicht, wenn die Kollegen dort einen relaxten Eindruck beim Bier an der Bar hinterlassen hatten.

Eines ist sicher: Kein Mensch hat hier auf mich gewartet bzw. nach mir geschrien. Es ging vor mir und wird auch ohne mich gehen.

Mein Fazit:

Mein Konzept ist aufgegangen. Und in naher Zukunft stehen auch noch einige gravierende Veränderungen an, welche mir endlich das erhoffte Maß an mehr Lebensqualität bringen sollen.

Nur hartes und zielorientiertes Arbeiten, ein hohes Maß an Opferbereitschaft und etwas Glück kann zum Erfolg führen. Der Standort macht dann nur noch eine kleineren Prozentsatz des Erfolges aus.

Garantien gibt es aber auch dann keine.

 

Neuer Blog 2014: Kondyläre Asymmetrie

Von Christoph Kaaden

Vor einiger Zeit habe ich über den „neuen“ WordPress Blog VOXELTALK  von Marc I. Semper berichtet….

binnen kürzester Zeit hat dieser (zurecht) bereits breite Akzeptanz und Zusprache gefunden…

heute möchte ich Ihnen einen entsprechenden Ausblick auf 2014 liefern, der allerdings (oder „zum Glück“) primär nicht mit der Endodontologie vergesellschaftet ist.

Ab Januar 2014 wird der international sehr renommierte Prof. Dr. Tore L. Hansson wöchentlich seinen neu gegründeten Blog –  kondyläre Asymmetrie TACAR- (des Kiefergelenks) ins Leben rufen. Gerade für diejenigen, die sich mit dieser sehr komplexen Thematik näher beschäftigen wird dieser sicher ein zukünftiges Highlight darstellen und liefert eine interaktive Plattform mit dieser Thematik …

und wieder ein Recall

von Ostidald Wucker

Die Patientin lebt für einige Zeit in Deutschland. Die Erstbehandlungen erfolgten in Japan.

Die Frontzähne zeigten eine stark erhöhte Aufbissempfindlichkeit. Die Patientin wurde uns von einem Kieferchirurgen überwiesen. Dank dessen Fachverstand erfolgte keine WSR.

Die metallenen Aufbauten unter den Frontzahnkronen wurden entfernt. Anschließend wurde die abgebrochene Feile dargestellt.
Die Hedströmfeile war nicht so einfach entfernter, da diese beim eindrehen sehr stark verkeilt wurde. Offensichtlich wurde damals beschlossen dies als verschraubte Wurzelfüllung zu belassen.
Nach Instrumentenentfernung erfolgte der präendodontische Aufbau und die Aufbereitung der Kanäle. Danach wurden provisorische Kronen inseriert.
Nach einer abschließenden Desinfektion und vorhergehender Zwischeneinlage mit CaOH wurden die Zähne mit Guttapercha in einer thermischen Obturationstechnik verschlossen.

Die Patientin hatte nach der Behandlung beschlossen alle weiteren endodontischen Behandlungen bei uns durchführen zu lassen. 36 ( Sekundärkaries/Wurzelkaries) und 34 (Längsfraktur) waren leider nicht erhaltbar. 47 war bereits entfernt. 45 konnten wir endodontisch versorgen.

Als Zahnarzt in der Schweiz – ein Vierjahres- Rückblick (3)

von Torsten Hatzky

Vier Jahre ist es nun her, dass wir Deutschland verlassen haben, um nach mehr als 20 Jahren zahnärztlicher Tätigkeit in Südwest-Deutschland noch mal einen neuen Anfang in der Schweiz zu versuchen. Nachdem die Gründe für unsere Entscheidung und unsere ersten Erfahrungen hier und hier ausführlich dargelegt wurden, möchte ich nun ein weiteres Fazit und eine Beschreibung des gegenwärtigen Status Quo wiedergeben:

An den Umzug erinnern wir uns noch genau – Chaos und Stress pur! In der damaligen Wohnung haben wir mehr als 17 Jahre gewohnt. Die Praxisräume hatten wir seit 15 Jahren. Mit der Zeit sammelt sich einiges an. Ein Zeitraum von 4 Monaten war sehr knapp bemessen um alles, was nicht mehr gebraucht wurde, auszumisten. Dank professioneller Hilfe durch ein Umzugsunternehmen mit Auslandserfahrung hat letztlich alles gut geklappt.

Aber es gibt noch andere Erinnerungen. Da ist zum Beispiel das Gefühl freudiger Erwartung, gepaart mit einer gehörigen Portion Spannung: Was wird uns erwarten? Wie lang wird es brauchen, bis die neue Praxis läuft? Würden wir den Schritt bereuen? Aber es war keine lähmende Spannung, sondern sondern ein gutes Gefühl, eines, das angespornt und Energie gebracht hat. Die Psychologen nennen es „Flow“.

Wie sieht das heute aus? Die Spannung ist inzwischen weg. Routine ist in den Alltag eingekehrt. Es gibt kaum noch Überraschungen. Allerdings erlebt man ja, wenn man aus Deutschland kommt, nicht den grossen Kulturschock in der Schweiz.

An den Dialekt haben wir uns inzwischen sehr gut gewöhnt. Da „Schwizerdütsch“ aber keine einheitliche Sprache ist, gibt es mit Menschen aus etwas weiter entfernten Regionen schon machmal Verständigungsprobleme. Da geht es aber den Einheimischen auch nicht unbedingt besser als uns. Diese Sprache selbst richtig zu sprechen werden wir wohl nicht lernen. Unsere Tochter (23) hat damit etwas weniger Probleme. Für viele Schweizer ist es relativ anstrengend, Hochdeutsch (hier sagt man Schriftdütsch) zu reden. Sie sind sehr dankbar, wenn man ihnen gleich am Anfang einräumt, Dialekt zu sprechen. Ich sage dann einfach, dass ich mich daran gewöhnen wolle und schon nachfragen werde, wenn ich wirklich mal etwas nicht verstanden habe. So ist die erste Hürde schnell überwunden und unserer Gegenüber zeigt fast immer ein freundliches Lächeln. Auch ausserhalb der Praxis wächst die Anzahl der Kontakte. Dafür muss man natürlich selbst etwas tun. Die Schweizer feiern gern. Wenn man dann, besonders in Vereinen oder anderen Gruppen bereit ist, etwas zur Vorbereitung beizutragen, hier sagt man „sich einzubringen“, wird man sofort überaus herzlich aufgenommen.

Wir haben übrigens niemals irgendwelche Antipathien oder gar Feindseligkeiten wahrgenommen. Leider gibt es hier jedoch eine im ganz rechten Spektrum angesiedelte, populistische Partei, die diese Probleme gern herbeiredet und schürt, um bei einfachen und politisch ungebildeten Menschen daraus politisches Kapital (= Wählerstimmen) zu schlagen. Und so soll es vereinzelt schon zu Aggressionen oder Sachbeschädigungen gegenüber Deutschen gekommen sein. Auch können wir das, was HaWi  in diesem Beitrag geschrieben hat, überhaupt nicht nachvollziehen. Sicherlich wird ein Schweizer Fussballfan, wenn er sich ein Duell zwischen Deutschland und einer kleineren oder schwächeren Fussball-Nation anschaut, nicht für Deutschland Partei ergreifen. Das liegt wahrscheinlich nicht in irgendwelchen Feindseligkeiten begründet, sondern eher in einer Art „Solidarität“ der „Kleinen“, vielleicht aber auch an der Arroganz einiger deutscher Fussballstars. Insgesamt nämlich nehmen die Schweizer viel mehr am deutschen „Fussball-Leben“ teil, als umgekehrt. Über die deutsche Bundesliga wird im Schweizer Fernsehen regelmässig berichtet. Auch in den allgemeinen Nachrichten nimmt die Berichterstattung über die deutsche Politik fast täglich breiten Raum ein. Peinlich für uns Deutsche: Umgekehrt wird in den deutschen Medien nur sehr selten über die Schweiz informiert. Völlig überrascht hat mich aber dies: Ein etwa 10 jähriger Schweizer Schulbub, der bei uns eine kieferorthopädische Behandlung bekommt, wollte seine neue Zahnspange in den Farben schwarz/ gelb mit dem Logo von BVB Dortmund haben.

So fühlen wir uns hier richtig wohl und würden vieles vermissen, wenn wir wieder nach Deutschland zurück müssten. Umgekehrt vermissen wir erstaunlich wenig. Eigentlich bleiben da nur die besseren Einkaufsmöglichkeiten und die meist niedrigeren Preise. Aber dank Internet-Handel ist das eigentlich auch kein Problem, wenn man gelernt hat, die Zollvorschriften zu beachten. Am meisten würde uns in Deutschland die hohe Qualität sowie die grössere Vielfalt, vor allem an hochwertigen Nahrungsmitteln, fehlen. Da wir schon immer gutes Essen mochten und sehr viel selbst kochen, wissen wir das natürlich mehr zu schätzen als manch einer, der andere Vorlieben hat. In diesem Punkt sind wir uns mit vielen anderen deutschen Einwanderern einig und akzeptieren gern die höheren Preise.

Zu den Preisen sei aber noch etwas gesagt: Wir hatten es an unserem früheren Wohnort in Südwestdeutschland (Nähe Karlsruhe) mit einem extrem hohen Preisniveau zu tun und empfanden die Unterschiede zur Schweiz nicht so krass wie zum Beispiel unsere Verwandten in Nordhessen. Wenn man weiter in den Osten (neue Bundesländer) schaut, wird das noch extremer. So ist das auch zu erklären, dass die schleichende Abwertung des zahnärztlichen Honorars in Deutschland uns eher getroffen hat als Kollegen in anderen Regionen.

Eines gleicht die hohen Preise jedoch wieder aus: Die niedrigen Steuern! Laut Bund der Steuerzahler war der „Steuerzahlergedenktag“ 2012 in Deutschland am 8. Juli. (für höhere Einkommen liegt er noch deutlich später im Jahr). Hier ist der Tag, bis zu dem man den finanziellen Teil seiner staatsbürgerlichen Pflicht geleistet hat, zwischen Ende Januar und der zweiten Februarhälfte, je nach Einkommen und Wohnort. Das merkt man schon sehr deutlich in der Geldbörse und es hat wesentlich dazu beigetragen, das die letzte Wirtschaftskrise aufgrund des florierenden Binnenmarktes kaum Schäden gesetzt hat.

Was uns nicht so gut gefällt, ist das „Klima“ im Strassenverkehr. Während das allgemeine Leben hier erheblich „relaxter“ ist, scheint sich das schlagartig zu ändern, wenn der Schweizer hinterm Steuer sitzt: Man wird hier wesentlich mehr als in anderen Ländern durch sehr dichtes Auffahren und massives Lichthupen bedrängt. Vermutlich liegt das an dem sehr niedrigen Tempolimit. Bei Tempo 80/120 kann man eine Verspätung schlechter aufholen. Zum Ausgleich wird erheblich häufiger kontrolliert. Verstösse werden mit vergleichsweise drastischen Strafen belegt: Schon 1 km/h zu viel nach Abzug der Gerätetoleranz (3-5%) kostet CHF 40.-. Ab 16 km/h Überschreitung innerorts bzw. 21km/h ausserorts gibt es ein Gerichtsverfahren und den sofortigen Entzug der Fahrerlaubnis. So habe ich in den ersten Wochen in der Schweiz gleich mehrere Zahlungsbefehle erhalten und musste einmal von einem auf den anderen Tag auf eine Prophylaxe-Assistentin verzichten. Sie hatte beim Überholen eines Traktors innerorts kurzzeitig um 16km/h überschritten und musste auf der Stelle den Führerschein abgeben. Da es keine brauchbaren Nahverkehrsverbindungen gab, konnte sie nicht mehr zur Arbeit kommen. Ich selbst fahre jetzt entweder sicherheitshalber etwas zu langsam (was dann wieder die Drängelei anderer provoziert) oder ich sehe quasi im 5 Sekundentakt auf den Tacho. Das erhöht den Stress beim Fahren und könnte auch ein Grund für das gereizte Verkehrsklima sein.

Vorsicht ist in dem Zusammenhang auch beim Umgang mit der Polizei geboten. Es gibt erheblich mehr Verkehrskontrollen! So wurden wir einmal auf einer Fahrstrecke von 40km gleich drei mal kontrolliert. Ausserordentlich unerfreulich war dabei oft das Auftreten der Polizisten. Von Deutschland habe ist das immer als professionell, korrekt, aber in aller Regel sehr freundlich in der Erinnerung. Hier war war der Tonfall mit wenigen Ausnahmen extrem streng und manchmal erhielt ich die Anweisungen zum Zeigen der Papiere in harschem, militärischem Befehlston. Wohl bemerkt: Bei normalen Verkehrskontrollen ohne irgendein Fehlverhalten meinerseits. Das hat natürlich Folgen: Während die deutsche Polizei allgemein ein sehr hohes Ansehen geniest, hat die hiesige Polizei ein stark angeschlagenes Image: Viele Schweizer mögen ihre Polizei nicht.

Sehr positiv: Die Schweizer Bahn. Sauber und pünktlich – einfach genial. So versuche ich viel mehr als früher, meine Ziele mit der Bahn zu erreichen. Und da bin ich nicht der Einzige. Im Gegenteil: Die Bahn ist oft bis zum Limit und manchmal deutlich darüber hinaus ausgelastet. Aber auch dann: Es funktioniert!

Zuletzt noch ein paar Worte zur Entwicklung unserer Praxis: Die ist alles in allem sehr erfreulich. Aber eine so gute Erfolgsbilanz, wie sie in diesem Beitrag von einem deutschen Zahnarzt in Spanien beschrieben wird, kann ich nicht vorweisen. Während der ersten drei Jahre war es finanziell oft sehr eng und wir mussten uns sehr einschränken. Seit etwa einem Jahr hat sich dies so nach und nach entspannt. Es kommen immer mehr Patienten auf Empfehlung und was mich besonders freut: Es kommen jetzt viel mehr solche, die Wert auf eine anspruchsvollere Versorgung legen. So konnten wir inzwischen einige notwendige Anschaffungen tätigen und es besteht die berechtigte Aussicht, das wir in diesem Jahr endlich mal wieder in Urlaub fahren können.

Fazit: Wir haben die Entscheidung zum Auswandern nicht bereut und haben keinerlei Heimweh. Wir konnten unser Leben um viele interessante Erfahrungen und Facetten bereichern. Auch unsere Tochter, die anfangs sehr unter Heimweh gelitten hat, kann sich derzeit eine Rückkehr nach Deutschland kaum noch vorstellen. Und es hat letztlich riesig viel Spass gemacht, noch einmal eine neue Praxis aufzubauen, die ich wahrscheinlich dann in einigen Jahren zu einem guten Preis verkaufen kann, sofern die allgemeinen Rahmenbedingungen so bleiben. Das gelingt wohl in Deutschland derzeit nur wenigen Zahnärzten.

Ein deutscher Zahnarzt in Madrid (Teil 3)

von Alexander Knobel

Das Jahr 2012 neigt sich dem Ende zu und das Abenteuer Madrid besteht jetzt schon seit 2 1/2 Jahren. UND es läuft gut.

Nein, Spanien geht es nicht gut und auch ich mache mir Sorgen zum Thema Europa und der Zukunft des Landes. Die Eurokrise ist hier allgegenwärtig und schlägt wild um sich. Immer mehr Freunde und Familienangehörige sind betroffen. Städte können ihren Haushalt nicht mehr bestreiten, Gehälter im öffentlichen Dienst werden radikal gekürzt, Sozialleistungen und bereits bewilligte Forschungsgelder ersatzlos gestrichen. Politik ist ein elendiges Geschäft und ich bin froh beruflich damit nichts zu tun zu haben. Keiner wird mir wohl erklären können, wie man ohne Investitionen in die Zukunft (z.B. in die Ausbildung und Forschung) wieder Boden gewinnen will…. nur blindes Sparen und Einkürzen, wie es gerade stattfindet, sehe ich persönlich nichts als sehr erfolgsversprechend. Aber das ist dann ja auch nur meine unbedeutende Meinung.

Ich bin aktuell nicht von alledem betroffen und gehe stur meinen Weg. Es läuft so gut, dass ich bereits vorzeitig meinen Maschinenfuhrpark auf ein DVT (Sirona XG3D) upgraden konnte und ab Januar mir personelle Verstärkung in Form einer Assistenzärztin ins Boot holen werde. Qualitätsoptimierung und moderne Zahnmedizin.

Fortbildung verstehe ich nicht als Zwang sondern als eine willkommene Möglichkeit meine Fertigkeiten zu verbessern. Gerade „Wurzelspitze“ liefert mir hierzu viele kleine nützlichen Tipps, die meinen Alltag deutlich erleichtern. Endo macht einfach auch Spaß! CAD/CAM Dentistry, moderne Endodontie und eine funktionsgerechte und ästhetische Zahnmedizin, alles Schlagworte die man an jeder Ecke hören kann. Ich versuche diese zu leben und jeden Tag ein Stück besser zu werden.

Speziell meiner kleinen Nebentätigkeit als Referent für das CEREC System ist es geschuldet, dass ich mich aktiv mit meiner eigenen Entwicklung beschäftige. Was gestern noch meine Zukunft war und heute vielleicht schon Standard ist, kommt nicht nur dem Patienten zugute. Auch meine Freude an der Zahnmedizin ist seit meiner Selbstständigkeit massiv gestiegen.

Ob man dies nur im Ausland erreichen kann? Sicher nicht, aber vielleicht ist es einfach leichter an sich selbst zu arbeiten und neue Techniken umzusetzen, wenn das Wartezimmer nicht mit 20 Patienten vollgestopft ist. Dazu muss aber keiner ins Ausland. Millionär werde ich wohl auch in Spanien nicht durch meine zahnärztliche Tätigkeit werden.

An der Situation der Zahnmediziner hat sich hier in Spanien nicht viel geändert. Ein brutaler Wettbewerb (Implantation für 250€ – was dübeln die da nur rein? Holzschrauben aus dem Baumarkt???) und Patienten die durch die Bestie Eurokrise eh in finanzieller Not sind.

Doch in der Krise zu starten hat auch gewisse Vorteile: dadurch, dass meine kleine Zahnarztpraxis stetig aber langsam wächst, habe ich deutlich mehr Kontrolle und auch die Gefahr, aus luftiger Höhe tief zu fallen, ist deutlich geringer.

– No hay mal que por bien no venga. –

Ich freu mich auf 2013!!!

ROOTS auf Facebook

von Christoph Kaaden

Im Zuge des gestrigen Beitrags ist es bereits erwähnt worden…

seit ein paar Wochen ist das (internationale) Online-Endodontie-Forum ROOTS in seiner bisherigen Form vom Netz genommen worden…

Leider !

Ich persönlich habe hier eine Menge lernen dürfen.

Obgleich ich mir von ROOTS-„Veteranen“ habe sagen lassen, dass die besten Zeiten des Forums, in dem internationale Grössen der Endodontologie (u.a Gary Carr, John Stropko u.v.a.m)  bereitwillig ihr Wissen mit anderen „Endothusiasten“ teilten, schon länger (bzw. lange) der Vergangenheit angehörte…

aber es scheint trotzdem weiter zu gehen…

Ein „Nachfolger“-Forum findet sich unter der Regie des neuen Administrators Freddy Belliard (ganz zeitgemäß) hier auf Facebook…

die Zeit wird zeigen, ob ROOTS auf Facebook an „die guten alten Zeiten“ anknüpfen kann…

Shot of the day

von Bodald Necker

Die Patientin hat sich ihre gebrochene Kompositschienung zwischen 31 und 41 mit Bindfaden selber versorgt, da ihr Zahnarzt nicht da war.

Erinnert mich ein wenig an die „Guerini-Sammlung“ ;-)

Zahntourismus nach Ungarn

von Hans – Willi Herrmann

Ein Artikel in der „Zeit Online“ zum Thema Zahntourismus nach  Ungarn findet sich hier.

Der Hinweis kam aus dem Schweizer Dentoforum.


Wikipedia

von Olaf Löffler

Immer öfters sieht man in Vorträgen Erklärungen, bzw. Definitionen aus Wikipedia. Wikipedia erhebt den Anspruch, die größte, das gesamte Wissen der Welt beinhaltende Enzyklopädie zu werden. Ursprünglich als Jux gedacht ist Wikipedia nun 10 Jahre alt geworden.

Eine unkritische Übernahme der Definitionen aus diesem Wissenfundus ist nicht immer angebracht.

Einen interessanten Artikel habe ich hier gefunden.

Viel Spass beim Lesen und ein herzliches Dankeschön an unsere Schweizer Kollegen, welche Ihre Artikel kostenfrei online zur Verfügung stellen.

0 – 800 – ENDO

von Hans – Willi Herrmann

Achtung.
Dieser Blogbeitrag ist kein vorgezogener Aprilscherz.
Besagte Anekdote habe ich letzten Freitag gehört, bei einem OPL – Treffen in der Schweiz. Der Kollege, der sie wiedergab, es ging bei unserem Gespräch um die in den letzten 5 – 7 Jahren sich verschärfende Situation der Endodontisten in USA,  hat lange Jahre dort gearbeitet und nachwievor gute Kontakte dorthin, die Story spielt in  Californien und geht so:

Ein Schmerzpatient sitzt im Behandlungsstuhl der Zahnarztpraxis, irgendwo im Raum Los Angeles.

Der Zahnarzt wählt 0- 800 – ENDO und kündigt bei der freundlichen Dame am Telefon den Patienten an, mit Angabe der Praxisadresse.

„Vielen Dank, dass sie mit uns zusammenarbeiten wollen. Wir rufen sie gleich zurück, sobald ich Genaueres weiss“, sagt die angenehm klingende Stimme am anderen Ende der Leitung.

Keine 5 Minuten später klingelt das Telefon.
„Dr. Muller ist auf dem Weg zu Ihnen , er wird in voraussichtlich 30 Minuten bei Ihnen sein“.

Der mobile Endodontist erscheint nur wenig später.
In seinem Van hat er alles dabei, was man für die Wurzelkanalbehandlung braucht, einschließlich Operationsmikroskop.

„Hello Mrs. Smith, I am your root canal specialist and will do the treatment right now.“

Los geht ´s.

Und weils so schön passt zum Thema, hier noch ein Ausschnitt aus einer Mail von Rob Kaufmann, als Endodontist niedergelassen in Winnipeg/Kanada, ebenfalls über die Änderung der Verhältnisse in den USA in den letzten Jahren.

„After many years on ROOTS, watching it wax and wane,  I am rapidly and sadly losing respect for what is happening on here.

The simplification of our specialty is killing us.  Combine that with the Christensen opinion of endodontics and what you get is „This Endo stuff is TOO HARD….lets just extract and place the implant. Or at LEAST make Endo simpler, faster and easier so that ANYONE can do it after a weekend at the Holiday Inn.“ And as for retreatment?  Its a waste of time…that’s even HARDER ? Why bother? I can keep the money in MY office and not make the endodontist rich.“

Think this isn’t happening NOW?  Check what’s going on in Endo practices in the US. Retreatment practices are down, some as much as 40%. I know guys that have holes in there days that have NEVER had this happen in 20 years. Now Endodontists are scrambling to get into the implant biz. They see the writing on the wall.  And it sure as shit isn’t because they are part of any fancy ‚Endo-Implant Algorithm“. Its survival.“

p.s: Eigentlich sollte an dieser Stelle der Beitrag 69 Prozent (Teil 3) erscheinen.  Er ist leider nicht rechtzeitig fertig geworden, ich hoffe es ist nächste Woche soweit.

69 Prozent (Teil 2) – Força Barça

von Hans – Willi Herrmann

Eine Woche lang war der Kollege in unserer Praxis zu Besuch.
 Er  kommt aus Barcelona und arbeitet dort,  auf Wurzelkanalbehandlung spezialisiert, in 3 verschiedenen Praxen.

Nur in einer dieser Praxen steht ein Mikroskop, und auch das erst seit wenigen Monaten. In den anderen Praxen muss der Kollege ohne Vergrößerungshilfen auskommen.
Eine Lupenbrille nebst LED – Licht besitzt er  nicht, er  konnte sich diese bislang nicht leisten. Denn er verdient deutlich weniger als ein Kollege in Deutschland. Dafür schleppt er   jeden Tag eine ganze Reihe von  Dingen, die man essentiell für eine Wurzelkanalbehandlung braucht, im Koffer mit sich herum von Praxis zu Praxis. Aus eigener Tasche bezahlt: Drehmomentkontrollmotor und Apex- Lokator zum Beispiel und einen Röntgensensor nebst Laptop.

Sein  Gehalt ist rein umsatzabhängig.
Wenn ein Patient absagt, das kommt im Moment bei schlechtem Wetter immer  mal wieder vor,  erfährt er  das erst vor Ort.  Zu spät, um einen anderen Patienten einzubestellen.

Und dann das Krankenversicherungssystem in Spanien.
 Ich gebe mal auszugsweise wieder, was der Kollege erzählt hat, Dr. Knobel, unser  deutscher Zahnarzt vor Ort, der in Madrid seine Praxis eröffnet hat und hier hoffentlich noch mitliest, wird sicherlich eine ganze Reihe von Details ergänzen oder gegebenenfalls auch richtigstellen können.

Umsonst gibt es Extraktionen.

Für den Rest der Zahnmedizin muss sich der Patient privat krankenversichern.

Die Beiträge sind deutlich niedriger als bei uns, die Leistungserstattung der PKV´s allerdings auch. Gefühlsmäßig würde ich sagen, die bezahlten Leistungen liegt deutlich unter dem Niveau unserer gesetzlichen Krankenversicherung.

Eine freie Arztwahl gibt es nicht, wer z. B. bei der AXA versichert ist, muss einen Zahnarzt, der bei der AXA gelistet ist, aufsuchen. Gute Zahnärzte schliessen keine Verträge mit den PKV´s ab, da diese nur sehr wenig für die jeweilige zahnärztliche  Leistung zahlen.

Zahnärztemangel ?

Gibt es in Barcelona nicht.

Und das liegt nicht nur an der Attraktivität der Metropole Barcelona  für Patienten und Zahnärzte. Denn da sind zum einen Zahnärzte aus Südamerika, die für Dumpingpreise arbeiten,  zum anderen gibt es zwei Universitäten vor Ort, eine staatliche und eine private. Die staatliche bildet alleine rund 240 Zahnärzte jedes Jahr aus.

Das Zahnbewußtsein der Patienten scheint geringer entwickelt zu sein als bei uns in Deutschland.

Der Patient kommt weniger prophylaktisch orientiert und damit seltener von sich aus regelmäßig in die Praxis, als vielmehr zielorientiert, auf konkreten Anlass hin.

Lückenversorgungen und suboptimale Zahnersatzlösungen sind häufiger anzutreffen als bei uns. Anfallende Zahntechnik ist (über den Daumen und auf die Gesamtheit bezogen) kostengünstiger. Zahnärztliche Honorare sind nicht geringer als bei uns, zumindest nicht für die vom Patienten nachgefragten Leistungen.

Es fragen halt nur nicht so viele und so oft wie bei uns.

Unser QM – Massnahmen  hat der Kollege im Übrigen  erstaunt bis ungläubig zur Kenntnis genommen. Es scheint, dass dies  im EU – Land Spanien in dieser Form noch nicht bekannt ist oder sich dort noch nicht hat etablieren können.

Das war für mich im Übrigen die nachhaltigste Erfahrung der Woche. Das  Leuchten in den Augen des Kollegen   zu sehen, angesichts der für uns vielen Selbstverständlichkeiten zahnärztlichen Arbeitens, wie wir es in Deutschland haben.  Zu sehen, dass wir hier bei uns mit unserem Standard an Praxisstruktur und Versorgung immer noch weit vorne dabei sind. Mit dem, was unsere Patienten bekommen und mit den Arbeitsbedingungen, unter denen wir hier arbeiten. 
Ich glaube, besagter  Kollege würde sich freuen,  in Barcelona unter solchen Arbeitsbedingungen arbeiten zu können.

Über unseren Grad an notwendigem Bürokratismus z.B. beim Beantragen von Zahnersatz, bei der Mehrkostenvereinbarung bei Füllungstherapie oder im Hinblick auf die bis zu 12 Seiten Papier, die, je nach Situation,  vor einer Wurzelkanalbehandlung ausgedruckt und mit dem Patienten erörtert werden müssen,  hat der Kollege allerdings nur fassungslos den Kopf geschüttelt.

Fassen wir zusammen: Zahnärzteüberschuss, Patienten- bzw. Arbeitsmangel, keine freie Arztwahl, Knebelverträge der Versicherungen, Schwierigkeiten, sich eine eigene Praxis aufzubauen, Patienten mit geringem dentalen Bewußtsein und wenig Geld für die zahnärztliche Versorgung und das alles bei gleichen Materialkosten und in der Gesamtheit wesentlich geringeren Einnahmen.

Das ist genau das Szenario, auf das wir zukünftig in Deutschland in der Zahnmedizin hinsteuern.

Und darauf muss sich die Zahnärzteschaft einstellen. Jeder einzelne von uns. Die Zeichen sind da und sie zeigen nicht nur aussenpolitisch und währungstechnisch, nein, auch zahnmedizinisch auf die  PIGS – Staaten und damit nach unten.

Auf eine kompakte Weltformel gebracht: Es ist nicht mehr genügend  Geld da.  Und es wird zukünftig nicht mehr, sondern weitaus weniger Geld für/in der Zahnmedizin geben.

Das sind die Fakten.

Und jetzt ? Folgt zwangsläufig die Analyse der Ist – Situation:
Was wir Zahnärzte mit den Airbus – Piloten gemeinsam haben und was uns von ihnen trennt.
Was zukünftig aus uns  wird und warum wir es sind, die ohne Fallschirm aus dem Flugzeug geworfen werden,  während der Lufthansa – Kapitän die Maschine sicher landet und dafür den Applaus der Passagiere erhält.

Darüber mehr im dritten Teil der Beitragsreihe 69 Prozent, am nächsten Dienstag.

Auf den Hund gekommen

von Hans – Willi Herrmann

Es gibt viele Aspekte, unter denen man diese Homepage einer Zahnarztpraxis in USA betrachten kann. La Jolla ist ein „Vorort“ von San Diego. Ich war dort vor einigen Jahren, als ich, um Fotos zu machen, mit einem Freund und Kollegen zusammen zu Louis Kahn ´s  Salk Institute pilgerte. Ich möchte daher aus eigener Erfahrung sagen, La Jolla ist ganz gewiss „keine schlechte Gegend“, sicherlich aber auch ein Flecken auf dieser Erde, in der die Zahnärztedichte deutlich  überdurchschnittlich  ist.
Die Konkurrenz ist also nicht unbedeutend und Service ist gefragt.
Oder gefordert.
Aber manchmal treiben solche  Entwicklungen  skurrile Blüten.  Ob das hier der Fall ist, kann nur jeder für sich selbst entscheiden.

Für mich ist die gesamte Homepage – und die Zahnmedizin, die dort beschrieben wird in ihrem Äußeren, ihrem Tun und  der Resonanz auf das dort Beschriebene und Praktizierte – gewissermaßen einen Blick in die Zukunft, die deutsche Zahnmedizin betreffend. Und dabei geht es mir nicht um das Video per se. Wer die Homepage sorgfältig studiert, der wird viele Dinge entdecken, die, vielleicht in abgeschwächter Form, aber dennoch nachhaltig unsere Profession betreffend, in ein paar Jahren Einzug halten werden in deutschen Praxen.

Eine gute Entwicklung ?
Werden wir  sie aufhalten können ?
Selbst wenn man sich im Einzelfall dagegen stemmen kann, in der Masse sicherlich nicht.

Brave new world ?
Wenn ich dran denke, wie immer mehr wichtige Aspekte, elementare Dinge, den wahren Wert ärztlichen Handelns betreffend, in den Hintergund treten gegenüber Äußerlichkeiten, dann möchte ich Max Liebermann  zitieren, mit einem Satz, der oft Kurt Tucholsky zugeschrieben wird.

Aber natürlich wäre das viel zu hart formuliert. Und daher sage ich, ich mag diese Entwicklung nicht und werde sie auch nie gutheißen.

Kann aber sein, dass es einfach nur daran liegt,  dass ich langsam alt werde.

Deutscher Zahnarzt in Madrid gestrandet!

von Alexander Knobel

Ja, auch ich habe den Schritt gewagt und alles, was ich die letzten 10 Jahre beruflich aufgebaut hatte, einfach über Bord geworfen.

Wir sind vor 1 1/2 Jahren nach Spanien ausgewandert und ich habe seit 7 Monaten eine Clinica Dental im Herzen von Madrid.

So, in der Regel wird hier erst einmal im deutschen Kollegenkreis lautstark applaudiert….

Was hat nun mich aus dem beschützten Schoß deutscher Sicherheit getrieben? Als Partner einer sehr gut funktionierenden 3-Behandler-Praxis?

War es so schlecht in Deutschland? Flucht vor der KZV, der Reglementierung, Budgetierung und dem behandlungsfeindlichen Regelwerk deutscher Kassen, gar dem schlechten Wetter entflohen?

Nein, die Gründe sind viel simpler: Wie bei einer Vielzahl der Deutschen, die ich hier kennengelernt hab, gaben rein familiäre Gründe den Ausschlag diesen Schritt zu wagen.

Einfacher ausgedrückt, ich bin mit einer Spanierin verheiratet und derjenige, der mit einem gebürtigen Spanier verheiratet ist, wird über kurz oder lang in Spanien stranden.

Die familiären Wurzel der Spanier sind sehr stark ausgeprägt. Eine Eigenschaft, die in Deutschland wohl weniger zu finden ist.

Ok, die Gründe sind dann ja erst einmal egal, denn: jetzt wird ja alles besser!!!

…. das würde ich so nicht unterschreiben wollen.

Eines ist sicher, es ist definitiv anders als in Deutschland! Nicht nur das Wetter.

In Spanien ist jeder gesetzlich versichert und es gibt keine Trennung in gesetzlich oder privat versichert. Der Umfang der zahnmedizinischen Leistungen umfasst dabei einzig die Kontrolle, einfache Schmerzbehandlung und Extraktionen.

Möchte man mehr Leistungen erhalten, so kann man sich natürlich zusätzlich privat versichern.

Diese sind relativ günstig und daher fallen die entsprechenden Leistungen eher gering (mager) aus.

Eine Krone geht hierbei dann auch mal für 60€ über den Tisch. Wir reden vom Komplettpreis incl. Labor. Über die Möglichkeiten, die man dafür hat, kann sich jeder selber seine Gedanken machen.

Weiterhin bleibt einem dabei in der Regel die freie Arztwahl verwehrt und man ist somit gezwungen zu einem Arzt, der das Vertrauen der Versicherung genießt, zu gehen.

An einer massiven Zuzahlung kommt man aber auch hier für  eine vernünftige Zahnmedizin nicht herum.

Zuzahlung als Standard, keine Versicherung im Rücken. Erstmal ganz toll, aber:

Zahnmedizin hat in Spanien keine Tradition, soll heißen, dass ein Großteil der Bevölkerung nur bei akuten und starken Beschwerden den Zahnarzt aufsucht. Routinekontrollen und Prophylaxe sind für die meisten ein Fremdwort.

Jeder Besucht kostet direkt Geld und man muss wie beim Metzger direkt nach Erhalt der Leistung bezahlen. Garantien gibt es eigentlich keine, wobei man natürlich seitens des Arztes alles versprochen bekommt.

Naja, anderes Thema.

Es ist also erst einmal wirklich schwer, als Neugründer Leute in die Praxis zu bekommen. Und Zahnärzte gibt es hier auch mehr als genug.

Gefühlt mehr als Patienten.

Aber davor steht erst einmal die Praxisgründung an. Was ich hier zur Übernahme gesehen habe, hat mir wirklich umgehauen:

Rostige Autoklaven, nicht vorhandene Steris…aber das Wartezimmer war immer Top ausgestattet!

In Spanien ist es übrigens völlig egal, ob man vor hat, eine Zahnarztpraxis oder eine Wurstfabrik (nein, ich bin kein Vegetarier!) zu gründen. Man benötigt einen Kredit und dieser muss komplett gedeckt werden können. Ohne anderweitige materielle Sicherheiten  bekommt man hier keinen Cent von der Bank. Gott sei Dank ist der familiäre Zusammenhalt sehr groß, so dass man hierbei immer auch auf die Familie zählen kann. Es wird geholfen.

Sollte die Hürde Papier und Zulassung, was recht einfach, aber zeitaufwendig ist, der Kredit und das Auffinden geeigneter Räumlichkeiten überwunden sein, geht es ans Eingemachte.

Der Umbau.
Hierfür gibt es erst einmal keine Beteiligung des Vermieters. Ich war schon glücklich, dass ich einen 10 Jahres – Vertrag bekommen habe, was so nicht üblich ist. Das spanische Mietrecht ist dabei auch eher mieterunfreundlich (immer im direkten Vergleich zu Deutschland).

Und spätestens, wenn der erste Bauarbeiter den Hammer schwingt, treibt das einen deutschen Zahnarzt, der auch gerne zur Optimierung der Qualität mit Lupenbrille arbeitet, in den Wahnsinn.

Mir ist in meinem Leben noch nie soviel Pfusch und Dummheit begegnet. Auch wenn irgendwann einmal eine ordentliche Planung stattgefunden hat, so ist diese bei den ersten Maßnahmen nur noch Vergangenheit. Es existieren ab jetzt keine detaillierten Pläne mehr, alles wird nur noch so ungefähr, aus dem Bauch heraus, erledigt. Es gibt für jeden Pfusch eine Lösung und, auch wenn später alles ganz nett aussieht, ist alles mehr Schein als Sein. Bereits nach zwei Wochen zeigen die ersten Wände Risse und in den ersten zwei Monaten hatten wir drei Wasserschäden, aufgrund mangelnder Bauqualität. Von meinen Stromausfällen möchte ich hier jetzt nicht berichten. Wer braucht schon Strom in einer modernen Zahnarztpraxis ?!?

Alleine zum Thema Umbau bzw. Aufbau meiner kleinen (100qm) Clinica Dental könnte ich eine Buchserie starten ….. behalte ich zumindest im Hinterkopf, falls das hier nichts mehr wird.

Sollte man es mir bis jetzt noch nicht angemerkt haben,  ich habe das Trauma „obra“ (Baustelle)  immer noch nicht ganz verwunden. Ich hatte noch nicht einen Patienten gesehen und bereits mehr Abenteuer, als zu verkraften war.

Wir hatten übrigens eine spanische Firma  beauftragt, die sich auf den Aufbau von Arztpraxen spezialisiert hat. Stress wollten wir unbedingt vermeiden.

Dagegen war zumindest der Erwerb des spanischen Röntgenscheines (3 Tage Seminar mit Prüfung auf spanisch), welcher mich nun zum spanischen Kernphysiker ausweist, ein Klacks.

Besteht man übrigens auch mit geringen Sprachkenntnissen, da man ja dafür privat bezahlen muss. Ist nur schade um die 3 Tage. Mitgenommen habe ich nichts.

Aber jetzt rollt der Rubel….
Nicht ganz.

Zahnmedizin ist hier ein Geschäft und man handelt definitiv selbstständig. Ich darf meine Preise bestimmen und muss dementsprechend auch etwas dafür bieten. Die mittleren Preise liegen im Übrigen ungefähr auf Höhe der GOZ. Labore sind deutlich günstiger, allerdings qualitativ auch mit Abstrichen.

Ein großes Problem in den Großstädten sind Zahnärzte aus Südamerika, die hier den Markt völlig kaputt machen und in Zahnarztketten (wie z.B. VitalDent…60€ für die Versorgung mit einer Krone stehen im Raum) für Hungerlöhne arbeiten. Auch die Privatversicherungen betreiben hier ihre eigenen Zahnkliniken (man bedenke dabei immer die nicht bestehende freie Arztwahl)

Warten und hoffen das jemand kommt funktioniert also nicht. Nur mal schnell schauen, wie der Neue so ist, kostet gleich Geld und da wird dann doch eher mal abgewartet! Werbung ist erlaubt und auch notwendig. Wenn niemand von einem hört, kommt auch niemand.

Mundpropaganda ist wie überall auf der Welt die beste Werbung und das dauert nun einmal. Nach nun 6 Monaten kann ich natürlich noch recht wenig zu meiner Zukunft sagen, aber eins ist sicher. Das Leben ist auch unter der spanischen Sonne kein Ponyhof.

Es wird einem nirgendwo etwas geschenkt und mehr als einmal habe ich bisher den Schritt hinterfragt. Es ist schwierig, von 15-20 Patienten pro Tag plötzlich auf 0-5 Patienten runterzufahren.

Die Kosten sind dabei ähnlich hoch wie in Deutschland. Es erscheint einem nur erst alles etwas günstiger, dem ist definitiv nicht so.
Materialien und Geräte sind in Deutschland oft günstiger zu erwerben.

Auch wenn  man nun versucht ist, zur Steigerung der Patientenzahl sich einer der privaten Versicherungen anzuschliessen, ist das nicht wirklich ratsam. Dagegen erscheint einem die Bema wie ein Selbstbedienungsladen.

Hört sich ja furchtbar an ? Wird schon, wenn´s dann mal läuft, dann läuft´s, aber davor steht nun einmal viel Arbeit und Schweiß.

Eins muss gesagt werden: Die Versorgung der Patienten ist in Deutschland immer noch auf einem hohen Level, wenn auch nicht mehr wie früher. Was mir schwerfällt zu beurteilen. Mir wurde auch als Kassenpatient immer eine anständige Medizin angeboten.

Ist man bereit für eine hochwertige Arbeit und Service eine Zuzahlung zu Verlangen, so sind gute Patienten immer dazu bereit. Nur muss dazu selbst und ständig viel für getan werden.

In meiner ehemaligen Wirkstätte hatte der Senior-Partner schon früh den Trend erkannt und gegengesteuert. Eine Mehrbehandlerpraxis, ein Eigenlabor mit angestelltem Techniker zur Reduktion der Fremdkosten. Zuzahlung für qualitativ hochwertige Arbeiten und das Umsetzen einer modernen Zahnmedizin waren angesagt.

Die Patienten sind bereits in der Praxis, nur von alleine ist natürlich Niemand bereit Qualität zu bezahlen, dies muss sicher extremer als noch vor 20 Jahren kommuniziert werden.

Die Konkurrenz ist auch in Madrid extrem gross, wirbt mit Dumpingpreisen (Erstuntersuchung, Zahnreinigung, OPG und Kostenvoranschlag komplett kostenlos) und man kann sich auch hier nur mit dem Streben nach qualitativ hochwertiger Arbeit von der Masse abheben. Mit dem südamerikanischen Preisdumping kann und will ich nicht Schritt halten.

Ich persönlich versuche mich dabei, auf die hier lebenden deutschen Patienten zu konzentrieren und Ihnen die Zahnmedizin anzubieten, die sie von einer qualitätsorientierten deutschen Zahnarztpraxis erwarten. Dazu gehört auch der Luxus einer GOZ Abrechnung, die fast immer bzw. immer häufiger gewünscht wird und von den deutschen Kostenträger soweit auch erstattet wird.

Ob Madrid die richtige Wahl war. Schwierig aktuell zu sagen, aber sicherlich ist es aufgrund der Ausländerschwemme an den spanischen Küsten deutlich einfacher.

Egal wie das Abenteuer ausgeht, ich werde berichten.

FORTSETZUNG FOLGT…….