Ein Wiedersehen unter die Lupe genommen – warum das Mikroskop unverzichtbar ist

Kürzlich, bei  einem meiner Vorträge über den Status Quo  in der Endo traf ich eine Studienkollegin wieder, die ich seit unserer Examenszeit nicht mehr gesehen hatte.

Im Anschluss an die Veranstaltung lachten wir über gemeinsame Zeiten.  Es war, als wären nicht 35 Jahre vergangen, sondern die Zeit stehengeblieben.  Bis sie die Frage stellte: Lohnt sich die Anschaffung eines Operationsmikroskops überhaupt noch, wenn man nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand hat? Genau genommen sagte sie, die Anschaffung eines Operationsmikroskopes lohnt sich nicht mehr, wenn man nur noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand hat.

Wäre mein Frau dabei gewesen, sie wäre unwillkürlich zusammengezuckt.
Wohlwissend, dass ich auf eine solche Aussage reagieren würde wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten hat.

Denn die Idee, dass sich ein Mikroskop nur lohnt, wenn man noch Jahrzehnte vor sich hat, ist ungefähr so plausibel wie die Aussage, man solle im Herbst keinen Mantel mehr kaufen, weil es ja bald danach wieder Frühling wird.

Auch wenn wir uns Jahrzehnte lang nicht gesehen hatten. Ich wusste, nicht schöne Worte, nur klare Fakten würden meine Studienkollegin überzeugen können – daher hier meine 3 KO- Argumente in der  Sache:

1
Ein Mikroskop ist kein dekoratives Spielzeug. Sondern ein Werkzeug, das die Art, wie man Zahnmedizin  im Allgemeinen und Endodontie im Speziellen betreibt, grundlegend verändert: Man sieht Dinge, die einem verborgen geblieben sind: Winzige zusätzliche Kanäle. Haarrisse, versteckte Isthmen.

Dinge, die man bisher übersehen hat.
Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern, weil sie bislang einfach nicht sichtbar waren. Auch nicht mit Lupenbrille. Es ist, als ob man jahrelang durch trübes Milchglas gesehen hat und plötzlich mit einem Fernglas durch ein geputztes Fenster schaut.

Es liegt auf der Hand, dass sich dadurch die Behandlungsqualität verbessert. Und zwar auf vielen Ebenen. Bessere Behandlungsqualität bedeutet höhere Patientenzufriedenheit. Daraus resultiert höhere Behandlerzufriedenheit. Weniger Misserfolge. Spart Zeit und Nerven. Erhöht das Betriebsergebnis.  

2
Aber es geht nicht nur um die Zähne der Patienten. Es geht auch um uns. Denn wer einmal mit Mikroskop gearbeitet hat, weiß: Rücken und Nacken danken es einem jeden einzelnen Tag. Statt in krummen Verrenkungen über dem Behandlungsstuhl zu hängen, sitzt man aufrecht und  entspannt. Ich hatte in den wenigen Jahren ohne Mikroskop mehr Rückenbeschwerden als in den vielen Jahrezehnten danach. Und Gesundheit ist unser kostbarstes Gut. Das an Bedeutung sogar noch gewinnt, je älter man wird. 

3
Bleibt noch das Argument: „Das Mikroskop kostet doch ein Vermögen.“ Auch das kann ich nicht gelten lassen. Sehr gute Mikroskope gibt es heute schon in der Preisklasse von 20 – 30.000 Euro. Man investiert also  nicht in den – manche Vorurteile sind einfach nicht totzukriegen – sprichwörtlich Zahnärzten nachgesagten Porsche und schon gar nicht in eine Luxus-Yacht, sondern gerade mal in ein Auto der Einsteiger-Klasse.  Und jetzt mal ehrlich – wer würde allen Ernstes auf die Idee kommen, mit dem Bus zur Praxis zu fahren, weil er das Geld für einen Dacia Logan nicht ausgeben möchte.  Das ist einfach nur lächerlich. Zumal – im Gegensatz zum Auto- das Mikroskop in den 5 Jahren bis zur Rente nur erstaunlich wenig an Wert verliert und in dieser Zeit sich selbst mehr als amortisiert.  

Mit dem Mikroskop lässt sich in den fünf Jahren nicht nur solide, sondern ausgesprochen gut Geld verdienen. So gut, dass sich die Anschaffung in aller Regel schon nach ein bis zwei Jahren längst bezahlt gemacht hat. Will man die Praxis irgendwann verkaufen, ist das Mikroskop ein attraktives Add On im Exposé. Und wenn man es nicht mitverkaufen möchte oder kann, lässt es sich separat veräußern und bringt einen großen Teil der Kosten zuverlässig zurück. Ganz zu schweigen davon, dass die Investition ins Mikroskop 5 Jahre lang steuerlich geltend gemacht werden kann

Dazu kommt: Die Konkurrenz schläft nicht.
In immer mehr Praxen gehört das Mikroskop mittlerweile zur Grundausstattung. Die Jungen haben den Wert des Mikroskopes für die Zahnmedizin längst erkannt. Wer als „alter Sack“ darauf verzichtet, läuft Gefahr, im direkten Vergleich zum Mitbewerb im wahrsten Sinne des Wortes „alt“ auszusehen. Patienten können die Qualität unserer Arbeit oft nicht beurteilen. Und da hilft uns das Mikroskop in zweifacher Hinsicht. Zum einen gibt es bei den Patienten eine Faszination für Technik. Ein Mikroskop in der Zahnmedizin ist High Tech. Eine Lupenbrille auf der Nase, sorry, die kann da nicht mithalten.  

Und es gibt noch einen weiteren Bonus: Stichwort Dokumentation. 

Mit der eingebauten Fotokamera lassen sich Arbeitsschritte festhalten und Befunde glasklar illustrieren. Der Patient sieht auf einem großen Fernseher an der Wand nicht nur, dass gearbeitet wird, er sieht, was gearbeitet wird – und warum Behandlungsbedarf besteht. 

Das schafft Transparenz.
Einsicht für notwendige Behandlungsmaßnahmen. 
Daraus entsteht Vertrauen.  

Und oft auch eine ganz neue Gesprächsebene.

Und schließlich ist da noch scheinbar banaler, aber nicht zu unterschätzender Punkt: die Leidenschaft. Nach Jahrzehnten im Beruf kann der Alltag manchmal etwas eintönig wirken. Ein Mikroskop bringt frischen Wind, eröffnet neue Möglichkeiten  und schärft wieder den Blick  für das, was unseren Beruf eigentlich ausmacht: die Faszination für das Kleine, Verborgene, Komplexe. Für Präzision. Und die erfolgreiche Beherrschung dessen, was dentale Meisterschaft ausmacht. Und darauf darf man dann auch zurecht stolz sein.

Kurz und knapp:
Meine Antwort war eindeutig.

Ja, es lohnt sich.

Auch für fünf Jahre.
Vor allem für die letzten fünf Jahre.

Mehr Qualität.
Mehr Gesundheit.
Mehr Geld.
Mehr Zufriedenheit. 

Diese fünf Jahre, liebe Kollegin, wirst du mit einem Mikroskop intensiver, entspannter und erfolgreicher erleben als ohne.

Und wenn das Alles die Investition nicht wert ist, dann weiss ich es auch nicht.

Ungewöhnlicher Frontzahn – Recall nach sechs Monaten

Gestern war Maja zur Nachkontrolle ihres ungewöhnlichen Frontzahnes bei uns…

sieht aus, als wären wir auf dem richtigen Weg… insbesondere in der Apikalregion des „Hauptkanals“…

Ein gutes Gefühl haben, oder auch nicht …

Der Patient hatte eine lange Zeit wenig auf seine Gesundheit geachtet. An den Zähne zeigten diese Jahre besonders. Er wurde mir überwiesen, mit der Bitte die Zähne 47, 46, 36, 26 mit allen Mittel zu erhalten.

Die Ausgangsbefunde gaben ein wenig hoffnungsvolles Bild.

Diagnosen und Befunde:
46 P. apicalis, erhöhte Sondierungstiefen circulär, Lockerungsgrad 0, kein Perkussionsschmerz, symptomfrei, Wurzelkaries

47 Z.n. WKB, P. apicalis, erhöhte Sondierungstiefen circulär, Lockerungsgrad 0, kein Perkussionsschmerz, symptomfrei, Sekundärkaries

36 Z.n. WKB, P. apicalis, erhöhte Sondierungstiefen circulär, Lockerungsgrad 0, kein Perkussionsschmerz, symptomfrei, Sekundärkaries

26 P. apicalis, externe apikale Resorption pal., erhöhte Sondierungstiefen circulär, Lockerungsgrad 0, kein Perkussionsschmerz, symptomfrei, Sekundärkaries,

27 (Zufallsbefund DVT) P. apicalis erhöhte Sondierungstiefen circulär, Lockerungsgrad 0, kein Perkussionsschmerz, symptomfrei, Sekundärkaries


Nach klinischer Befundung und Diagnostik hatte ich kein so gutes Gefühl für den langfristigen Erhalt der Zähne …
Nach der Beratung und Besprechung, meinte der Patient: ich habe ein sehr gutes Gefühl und wir sollten mit der Therapie beginnen.

Gerade dieser Satz (Ich habe ein sehr gutes Gefühl.) hatte ich in der letzten Woche meines Urlaubs auch gehört.

Wir waren auf einer Fotopirsch im afrikanischen Busch. Unser Guide fragte unseren Fahrer zu Beginn der Tour, warum die Tankanzeige auf Reserve ist. Er meinte, die geht nicht genau, er hat aber ein sehr gutes Gefühl.
Nachdem wir wenig Tiere sahen, aber 2 Mal defekte Reifen hatten (nur ein Ersatzrad war dabei),
mussten wir uns von einem anderen Fahrzeug ein Rad borgen. Da hatten wir auf jeder Seite und Achse ein anderes Rad mit völlig unterschiedlichen Profilen. Da hatte ich kein gutes Gefühl mehr. Nach dem 2. Radwechsel wurden zudem Geräusche am gewechselten Rad immer deutlich hörbarer. Auf unsere dringende Bitte, das Rad zu kontrollieren, musste unser Fahrer feststellen, Das war doch nicht richtig fest… Und jetzt brannte noch die Reservelampe an der Tankanzeige. Unser Fahrer meinte: „Oh, jetzt habe er auch kein gutes Gefühl mehr.“
Die Stimmung war dann nicht mehr gut. Aber Fahrer und Guide konnten uns dann doch noch zu 3 Löwen führen und alles war gut.
Auf dem Weg in unser Quartier mussten wir durch eine aufgescheuchte, sehr große Elefantenherde fahren, welche den Weg blockierte. Das gab noch mal Aufregung und danach durch einen Fluß mit einigen Krokodilen und Hippos. Inzwischen wurde es dunkel.
Kurz nach der Furt ging unser Motor aus. Er sprang nicht wieder an. Das Benzin war alle.
Wir saßen fest. Es war dunkel, 2 Meilen hinter uns waren die Elefanten (Elefanten vergessen nichts). 200 Meter neben uns waren Hippos, die zu ihren Futterstellen marschieren wollten, und wir saßen im offenen Jeep, hatten tolle Bilder, aber ein ganz schlechtes Gefühl…
Zum Glück konnte Hilfe per Funk geholt werden und wir waren einige Zeit später wieder gesund in unseren Zelten.

Demnächst mehr zu den o.g. Fällen…

Au revoir Paris ! – Zurück von der ESE- Zwei-Jahres-Tagung (III)

Nach Paris bin ich, von Kaiserslautern aus, bequem und vor allem pünktlich mit dem Zug gefahren. Ich erreichte den Kongress am Vormittag nach der Frühstückspause. Der Vortragssaal in Halle I war extrem gefüllt. Ich hatte Glück, noch einen Platz zu erwischen, aber es sassen etliche Zuhörer auf den Treppenstufen. Dieses Bild zog sich hier durch alle Vorträge des ersten Tages, die ich besuchte.

Tag 2 – Auf meinem Stundenzettel stand ein Vortrag, auf den ich besonders gespannt war. Es ging um Ergonomie in der Endodontie- Ergonomics in endodontic practice – der Vortragende war Jean-Pierre Siquet, ein belgischer Kollege. Diesen Vortrag wollte ich auf gar keinen Fall verpassen und so fand ich mich sicherheitshalber inmitten der Frühstückspause bereits eine Viertelstunde früher im Vortragssaal 2 ein.

Ausser mir noch anwesend ?
Der Referent, dann Dan Rechenberg, der Moderator der Session und noch geschätzt 5 weitere KollegInnen.

In einer Vortragshalle, die vermutlich weit mehr als 1000 Zuhörer fasst.
Der Saal füllte sich bis Vortragsbeginn auch nicht wesentlich, soviel kann ich schon vorwegnehmen. Nicht unbedingt das Schönste für einen Referenten und extrem bedauerlich, denn das Thema hätte wesentlich mehr Zuschauer verdient gehabt.

Hier eine frustrane Zahl aus dem Vortrag: 74 Prozent der Behandler, so eine Umfrage unter amerikanischen Endodontisten, leiden unter gesundheitlichen Problematiken, durch ihre Arbeit verursacht. Und auch ich kann rückblickend berichten, dass ich von 1990 – 1997 mehr „Rücken“ hatte als in der gesamten Zeit danach.

Der Wendepunkt ?
Das Operationsmikroskop.

Aber über diesen Punkt sind vermutlich viele (oder fast alle) der Leser hier drüber hinaus. Bestes Indiz – Beim kürzlich erfolgten Auftakt des neuesten Jahrgangs des Masterstudiengangs Endodontologie des Uni Düsseldorf ergab mein Nachfragen an meinem Vortrags-Tag, dass ausnahmslos jeder Teilnehmer mit dem Operationsmikroskop arbeitet.

We have come a long way, deutsche Endodontie !
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als bei der DG Endo-Jahrestagung in Frankfurt Anfang/Mitte der Zweitausender Jahre Cliff Ruddle hoch erstaunt war im positiven Sinne, das von mehr als 200 Teilnehmern rund 80 den Arm hoben auf seine Frage hin.

Zum Inhalt des Vortrages – Ergonomie des Arbeitsplatzes, die Wichtigkeit und der Nutzen festgelegter Abläufe, definierter Behandlungsabläufe, die Notwendigkeit definierter Behandlungsprotokolle und Checklisten, sowie das hohe Lied des vierhändigen Arbeitens.

Nichts Neues also, zumindest für diejenigen, die das Glück hatten, an unserem DIE3 HERRMANN KAADEN SCHRÖDER – Event Ergonomie teilgenommen zu haben. Denn das, was notgedrungen in 45 Minuten im Vortrag nur erwähnt, angerissen werden konnte, das waren wir in der Lage, nicht nur im Detail auszubreiten, sondern darüber hinaus im Plenum zu diskutieren und vor allem auf der Bühne live am Behandlungsstuhl via 4K Kamera übertragen auf der Leinwand präsentieren zu können.
4 händiges Arbeiten live ? CHECK ☑️
6 händiges Arbeiten !!! CHECK ☑️☑️

Christoph Kaaden beim Aufbau der Bühne für „DIE3“

Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Firma Morita, die dieses Event durch viel unterstützende Arbeit und Bereitstellung von Geräten und Resourcen überhaupt erst möglich gemacht hat und geht an die Firma CJOptik für die Bereitstellung des Flexion-Operationsmikroskopes sowie an Michael Ermerling von Hanchadent für seinen Support, das OPM betreffend. Und an alle Teilnehmer und die schöne Gemeinschaft, die sich im Laufe der 3 Teile von DIE3 HERRMANN KAADEN SCHRÖDER herausgebildet hat und die dieses Event so familiär (im positivenSinne) und damit spaßspendend für uns hat werden lassen.

All das ist mir durch den Kopf gegangen, als ich dem Vortrag des Kollegen beiwohnte.
Wie privilegiert wir alle waren als Referent und Teilnehmer bei „DIE3 HERRMANN KAADEN SCHRÖDER“ und wie privilegiert ich bin als Behandler, in einem wunderbaren Team Tag für Tag sechshändig arbeiten zu dürfen. Denn die Realität in deutschen Praxen (in den umliegenden europäischen Praxen sowieso) sieht heute so aus, dass man froh sein kann, wenn man auch nur 4 händig arbeiten kann am Patient.

Nun aber zurück zum Vortrag – Was ich für mich mitgenommen habe ?
Statt wie bisher leidlich 2 mal die Woche besser nun konsequent 3 mal die Woche Ausgleichssport zu machen. Was wurde empfohlen? Yoga, Walken und Rennradfahren. Ich weiss nicht, in wie weit hier persönliche Vorlieben zum Tragen kamen. Ich würde (zwar ohne Yoga, aber immerhin mit den anderen 2 von 3) weiter gestreut empfehlen, alles an Sport zu machen, was die autochtone Rückenmuskulatur stärkt. Und würde hierzu noch ergänzend das Klettern in einer Kletterhalle als besonders geeignet hinzufügen.

3 mal pro Woche 30 Minuten, idealerweise ergänzt mit kurzen Übungen während des Behandlungstages zwischen den einzelnen Behandlungen?

Das macht möglicherweise den entscheidenden Unterschied zwischen jahrzehntelangem belastungsfreiem Arbeiten oder frühzeitiger Krankheitsproblematik!

Soll von nun an keiner sagen, er habe es nicht gewusst…



Was schon die Alten wussten…

Es war lange Zeit vermutlich eines der meistzitierten Bücher in der Zahnmedizin. Die Mikroorganismen der Mundhöhle von W. D. Miller.

Das Herausragende an Willoughby D. Millers Werk „Die Mikroorganismen der Mundhöhle“ aus dem Jahr 1889 liegt darin, dass es als grundlegendes Werk der wissenschaftlichen Zahnmedizin gilt und erstmals die Ätiologie der Karies auf eine klare biologische Basis stellte. Miller entwickelte darin die „chemisch-parasitäre Theorie“, wonach Mikroorganismen in der Mundhöhle Kohlenhydrate zu Säuren abbauen, die den Zahnschmelz entkalken und so Karies hervorrufen. Mit dieser Erkenntnis widerlegte er ältere mechanische und vitalistische Vorstellungen und legte den Grundstein für moderne Konzepte der Kariesprävention und Mundhygiene. Gleichzeitig brachte er die damals noch junge Bakteriologie, die er bei Robert Koch kennengelernt hatte, in die Zahnmedizin ein und trug so maßgeblich dazu bei, die Disziplin von einer handwerklich-technischen Tätigkeit zu einer medizinisch-biologisch fundierten Wissenschaft weiterzuentwickeln.

Sein beruflicher Werdegang unterstreicht diesen Brückenschlag zwischen Forschung und klinischer Praxis. Geboren 1845 in Alexandria, Ohio, absolvierte Miller zunächst eine zahnärztliche Ausbildung am Pennsylvania College of Dental Surgery in Philadelphia. 1879 promovierte er an der Universität Würzburg in Medizin und trat kurz darauf in das Labor von Robert Koch in Berlin ein, wo er die neuesten Methoden der Bakteriologie erlernte. Ab 1884 wirkte er als erster Professor für Zahnerhaltung an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, wo er Forschung, Lehre und klinische Tätigkeit miteinander verband und die deutsche Zahnmedizin zu internationalem Ansehen führte. Sein wissenschaftliches Hauptwerk erschien 1889 in Berlin und machte ihn weltweit bekannt. 1907 folgte er einem Ruf in die USA, um als Dekan der neu zu gründenden Dental School an der University of Michigan in Ann Arbor tätig zu werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr, da Miller noch im selben Jahr auf einer Rückreise in Newark an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs verstarb.

So verbinden sich in Person und Werk Millers eine international geprägte Laufbahn mit einem wissenschaftlichen Durchbruch, der die Zahnmedizin nachhaltig geprägt hat.

Vor kurzem hat es endlich geklappt. Die Erstausgabe von 1889 konnte ich nun erstehen und darf sie nun mein eigen nennen. Über Kofferdam lässt sich Miller allerdings erst in der erweiterten Zweitausgabe von 1892 aus, die ebenfalls in meinem Besitz ist.

Und siehe da, Miller, einer der grössten Zahnärzte seiner Zeit, ist ein Fan des Kofferdams. Er würde den Kopf schütteln, wenn er wüsste, dass mehr als 160 Jahre nach Einführung der Kofferdam immer noch in deutschen Praxen ein stiefmütterliches Dasein führt. Schön auch, wie er den Kollegen den Spiegel vorhält und für die Einmalanwendung plädiert, weil die geringen Kosten eine Wiederaufbereitung nicht rechtfertigen. Und dann gibt es noch die Passage, in der Miller die mangelnde Hygienebereitschaft unter Kollegen angeprangert hat, die dazu geführt hat, dass Begehungen durch Beamte des Gesundheitsamtes in Erwägung gezogen wurden.

Ob es was genützt hat ????
Manche Dinge ändern sich leider nie…

Falsche Ausgangsdiagnose – Yannick

Heute stelle ich die Behandlung des aktuell neunjährigen Yannick vor.

Bei dem Jungen war im November 2022 in Regio 21 anhand des OPGs der Verdacht einer überzählige Zahnanlage gestellt worden.

Bei dem Versuch der Entfernung (in ITN durch einen Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen) zeigte sich jedoch, dass in Wirklichkeit ein Dens evaginatus vorlag.

Im weiteren OP-Verlauf wurde daraufhin der palatinale Anteil zu zwei Drittel abgetragen, wobei es zu einer kleinflächigen Pulpaeröffnung kam.

Intraoperative Situation – Bild alio loco

Es erfolgte eine direkte Überkappung mit Kerr Life und die Aufklärung der Mutter über die besondere Situation. Es wurde angeraten, den Zahn nun endodontisch behandeln zu lassen.

Soweit die Informationen aus dem uns übermittelten Arztbericht.

Entgegen der ursprünglichen Empfehlung rieten wir Eltern und Patient zu dem Versuch der Vitalerhaltung.

Ausgangssituation November 2022

Dafür wurde unter Lokalanästhesie das Fremdmaterial palatinal entfernt und eine partielle Pulpotomie durchgeführt. Nach Blutstillung mittels NaOCl wurde die Pulpawunde mit Biodentine abgedeckt. Nach vollständiger Aushärtung des Materials folgte eine adhäsive Kompositfüllung.

Nachfolgend die radiologischen Kontrollen, die den Erfolg der Therapie durch das Fortschreiten des Wurzelwachstums zeigen.

Abschluss-Röntgenbild und weitere Nachkontrolle

„Sehr hohe WSR“

Im Gespräch mit Oral- oder Kieferchirurgen taucht immer mal der Begriff hohe WSR auf. Damit meint man die Reduktion der Wurzelspitze bis ins mittlere, manchmal koronal Wurzeldrittel.

Heute hier ein Beispiel einer entsprechenden Therapie am Zahn 26. Kann man als sehr hohe WSR bezeichnen. Das Wurzeldentin wurde fast vollständig entfernt. Eine Wurzelfüllung ist nicht erkennbar. Nach dem 26 therapiert war, sollten wir den Zahn 27 revidieren.
Die Zahnfilmaufnahme gelang nicht besser, da ein ausgeprägter Torus palatinus die Positionierung des Sensors extrem einschränkte.

Im danach angefertigte DVT ist die Situation erkennbar. Game over…

Au revoir Paris ! – Zurück von der ESE- Zwei-Jahres-Tagung (II)

Wer die 2-Jahrestagung der European Society of Endodontology (ESE) besucht, profitiert nicht nur durch das (hoffentlich) hochkarätige wissenschaftliche Programm, sondern immer auch durch eine bemerkenswert gut bestückte Industrieausstellung.

Und wer hatte den größten Stand auf der ESE – 2 Jahrestagung in Paris ?
Die chinesische Firma Woodpecker.

In einer Dimension, wie sie früher nur dem Endo- Giganten Maillefer vorbehalten war.
Bei Dentsply Sirona geht es heutzutage deutlich kleiner zu, zumindest die Endo betreffend. Und VDW, in den deutschsprachigen DACH- Gebieten (Deutschland, Österreich, Schweiz) ehemals die unangefochtene Nummer 2 ist sogar schon fast vollständig aus dem Scheinwerferlicht der Endo-Bühne zurückgetreten.

Woodpecker hingegen hat sich im Laufe der Jahre vom früher in der Einschätzung seiner Mitbewerber arrogant-mitleidig belächelten Schrott- Anbieter zum endodontischen Vollanbieter entwickelt und präsentierte sich in Paris als ein Unternehmen, das inzwischen ein nahezu vollständiges Portfolio für die moderne Endodontie vorweisen kann. Von Feilensystemen über endodontische Motoren, Obturationstechnologien, Ultraschallgeräte bis hin zu Bildgebungssystemen – die Bandbreite der Produkte zeigt den Anspruch, Anwendern eine ganzheitliche Lösung aus einer Hand anzubieten.

Was die gezeigten Produkte angeht – Das Design wirkt durchdacht und modern, die Verarbeitung hochwertig. Wirklich beeindruckend, mit welcher Konsequenz Woodpecker in den vergangenen Jahren seine Produktpalette ausgebaut und professionalisiert hat.

Neueste Innovation? Ein Operationsmikroskop.
Auch hier ein ansprechendes modernes Design mit adäquater Haptik. Ob es auch langfristig den hohen Anforderungen im klinischen Alltag standhält, muss die Praxis zeigen . Es ist – glaube ich – kein Geheimnis, dass ich hier – keine Experimente – nur auf ZEISS und CJ-Optik setze. Aber die Signalwirkung ist jedoch unübersehbar: Woodpecker drängt nun auch in das High-End-Segment der Endodontie.

Auffällig war auch die Art und Weise, wie Woodpecker mit den Messebesuchern umging. Neben einer professionellen Präsentation setzten sie stark auf aktive Kundenbindung: Produktsamples, Demonstrationen und direkte Ansprache machten deutlich, dass hier ernsthaft um Vertrauen und Marktanteile geworben wird.

Im Gegensatz dazu wirkten viele etablierte Hersteller vergleichsweise passiv. An manchen Ständen hatte man den Eindruck, dass die Firmen ihre Produkte lediglich „ausstellen“ – in der Annahme, dass Qualität und Bekanntheitsgrad alleine für den Verkauf sorgen. Oft gab es kaum mehr als nüchterne Broschüren, die wenig Begeisterung oder konkreten Nutzen vermittelten. Endo-Instrumente zum Ausprobieren? Der Appetit kommt ja oft beim Essen ? Nicht nur bei KOMET Fehlanzeige. Tut mir leid, aber so gewinnt man keine Marktanteile, man verliert sie höchstens.

Ein weiterer Punkt, den man nicht übersehen darf: der Preis. Woodpecker bietet seine Geräte und Instrumente in aller Regel deutlich günstiger an als die etablierten Marken – und das bei inzwischen sehr solider Qualität. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten macht dieser Preisvorteil den entscheidenden Unterschied.

Zumal die Strategie vieler Platzhirsche immer weniger verfängt: Geräte, die ohnehin in Asien gefertigt werden, werden umgelabelt und hier als Premiumprodukte zu deutlich höheren Preisen verkauft. Und bei gut laufende Endo-Instrumenten wird Jahr für Jahr an der Preisschraube gedreht. Natürlich nur nach oben, die Firma Rolex macht es vor. Mal sehen, was der Markt hergibt, so vermutlich die Denke der Preisgestalter bei den etablierten Marken. Das mag lange funktioniert haben, doch auf einer Messe wie dieser wird klar: Wenn ein Hersteller wie Woodpecker hochwertige Produkte zu realistischen Konditionen anbietet, wird es für die Konkurrenz schwer, den Premium-Aufschlag noch glaubwürdig zu rechtfertigen.

Für viele europäische Anbieter, insbesondere auch für die deutschen Firmen, muss der Woodpecker-Auftritt ein starkes Warnsignal sein. Während sie sich stark auf Tradition und Reputation, auf in der Vergangenheit Geleistetes verlassen, demonstrierte Woodpecker Dynamik, Innovationsfreude und einen klaren Willen, den Kunden aktiv zu gewinnen.

Die Parallele zur Automobilindustrie drängt sich auf: Auch da waren deutsche Marken lange tonangebend, aber die Dynamik kam irgendwann von anderen. Von Tesla und aus China. Und genau so fühlte es sich in Paris an – Woodpecker fährt gerade mit Vollgas, während andere eher im Leerlauf rollen.

Für uns als Anwender bleibt spannend zu beobachten, wie sich dieser Markt in den nächsten Jahren weiterentwickelt – klar ist aber schon jetzt: Die etablierten Hersteller werden sich anstrengen müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Au revoir Paris ! – Zurück von der ESE- Zwei-Jahres-Tagung (I)

Zurück von der ESE- Zwei-Jahres-Tagung. Die, nur einen Schattenwurf entfernt vom Mitterrandschen Triumphbogen – dem Grande Arche – im Viertel La Defense gelegen streng genommen gar nicht in Paris, sondern vor den Toren der französischen Hauptstadt stattfand.

Das aber nur als Fun Fact am Rande, denn natürlich zählt wie immer nur die Frage, was gab es Neues ?

Für mich zu allererst – ENDLICH – ist es offiziell. Am Stand von Dentsply Sirona wurde ein neues reziprokes Instrument vorgestellt. Und nein , keines der mehr oder weniger unverhohlen plagiatisch abgekupferten reziproken Clones der Konkurrenz, sondern ein wirklich neues Instrument. Wurde auch Zeit, immerhin sind es im nächsten Januar 15 Jahre, seit das Original Reciproc-System auf den Markt kam. Da das Instrument nun erstmalig der dentalen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, darf ich jetzt auch darüber berichten, auch wenn auf der Homepage von Dentsply Sirona/VDW noch nix zu finden ist.

Für mich gibt es 3 Neuerungen, die das Instrument IMHO interessant machen.
Zunächst, am Augenfälligsten, das System besteht nicht mehr aus 3 , sondern aus 4 Instrumenten. Auch hier – Endlich!

Im Rahmen der Produktentwicklung des Original Reciproc – Systems hatte ich mich damals energisch gegen das 3 Instrumenten-System 25 40 50 ausgesprochen, weil ich die Diskrepanz zwischen dem 25er und dem 40er Instrument zu gross fand . Aber zum damaligen Zeitpunkt war von Marketing – Seite sowohl bei VDW wie auch bei Maillefer die DREI als ein unverzichtbares Feature unwiderruflich gesetzt. Mit der Diskrepanz 25 40 bin ich bis heute auf Kriegsfuss. Daher in meinem Arbeiten zunächst die Kombination Reciproc -MTwo 25 35 und später Reciproc Wave One Gold, denn Maillefer hat mit seinem wunderbaren Wave One Gold-System 20 25 35 45 genau die richtige Abstufung gefunden.

Und genau diese Differenzierung 20 25 35 45 findet sich nun auch im neuen Reciproc-System wieder. Allerdings in schlanker Form, mit deutlich geringerem Taper und reduziertem koronalem Durchmesser. Den ich, zweiter Punkt, gut finde. Auch wenn sich das System damit nur für die kalten WF- Verfahren qualifiziert, was heutzutage Single Cone in Kombination mit biokeramischem Sealer bedeutet. Beides nicht „my cup of tea“, aber dennoch habe ich die neuen Instrumente gerne eingesetzt, vor allem ein ganz bestimmtes. Das kleinste, gelbe – ein 20.035.

Was ich daran so gut finde?
Das ich – Punkt Nr. 3 – mit diesem Instrument auch sehr enge Kanäle maschinell erschliessen kann. Ohne wie bei den sogenannten „Gleitpfad-Instrumenten“ das Risiko eines Instrumentenbruch befürchten zu müssen. Im Gegenteil- ich kann das 20er Instrument, wie ich es vom Original 25er Reciproc der ersten Generation gewohnt bin, mit deutliche apikal gerichtetem Druck einsetzen. Und es ist ist ein Stück weit beeindruckend, zu sehen, wie dieses Instrument auch in wirklich engen Kanälen seinen Weg nach apikal findet.

p.s.: Fotos würde ich gerne zeigen – und den Namen benennen.
Aber wegen eines NDA ist es mir erst möglich, wenn diese Info von Dentsply – Sirona offiziell und für jeden zugänglich freigegeben wird.

Fluch und Segen der Überweisung (I)

Hallo aus dem Urlaub,

Die Spezialisierung auf die Endodontologie (oder jede andere Teildisziplin) macht insbesondere für die Autoren von WURZELSPITZE Sinn.

Auf unserem Blog finden sich zahlreiche Beträge zu den Vorteilen dieser Entscheidung :

Hier mein Favorit:

Heute zeige ich eine Kehrseite der Medaille für mich, die leider auch an der Tagesordnung steht…

nachfolgende Mail erreichte uns von einem Zuweiser:

That`s it…

keine weitere Info

kein NICHTS

und hier die übermittelten Röntgenbilder…

und jetzt?

Aaargggh

Blindflug – Recall

Hier und hier hatte ich erstmals berichtet.

Die Patientin war zum 6 Monatsrecall in unserer Praxis. Seit der letzten Behandlung waren die Beschwerden vollständig verschwunden. Die deutliche Heilungstendnez lässt eine positive Prognose für den Zahn 46 zu.

Das Holm Reuver Gedächtnis-Röntgenbild 20250908

Es ist doch einfach nur ein Oberkiefer- Backenzahn, oder ?
Was kann schon so schwierig sein, den endodontischen Zahnerhalt betreffend.

Die WF- Kontrolle offenbart dann aber doch die nicht ganz so banale Anatomie des palatinalen Wurzelkanals. Wieder ein Holm Reuver Gedächtnis- Zahn vom Feinsten. Und wie immer meine Frage: Sind die kalten WF-Verfahren, biokeramischer Sealer hin oder her, in der Lage, diese Anatomie adäquat abzudichten ???

p.s.: Die drei Wurzelkanäle in der mesiobukkalen Wurzel entziehen sich geschickt dem Auge des Betrachters, oder ?

Rhizarthrose (I)

Olaf Löffler hat hier vor einiger Zeit über die Wichtigkeit unserer Augen für unserer Tätigkeit berichtet.

Ebenso wichtig sind natürlich unsere Hände.

In diesem Zusammenhang möchte ich für eine Verschleisserkrankung sensibilisieren, die ebenfalls einen grossen Einfluss auf unser tägliches Tun haben kann:

Die Rhizarthrose.

Hierbei handelt es sich eine die Arthrose des Daumensattelgelenks – also ein Verschleiß des Gelenkknorpels, der Schmerzen, Kraftverlust und Bewegungseinschränkungen verursacht. Diese Form der Arthrose gehört zu den häufigsten Gelenkerkrankungen der Hand, betrifft vorwiegend Frauen (Verhältnis 3:1) und kann durch Überbelastung oder genetische sowie hormonelle Faktoren bedingt sein.Die Behandlung erfolgt je nach Stadium mit konservativen Maßnahmen wie Ruhigstellung, Medikamenten und Physiotherapie oder, bei fortgeschrittenem Verschleiß, operativ. 

Interessant ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass es mit dem Lipofilling eine weitere Therapieform gibt,

Diese Eigenfetttransplantation scheint laut Studienlage eine vielversprechende Behandlung zu sein. Allerdings ist diese derzeit in Deutschland nicht erlaub, da das Paul-Ehrlich-Institut die Injektion von Eigenfett in Gelenke als „Advanced Therapy Medicinal Product“ (ATMP) einstuft. Forschungsprojekte, wie am LMU Klinikum, untersuchen das therapeutische Potenzial dieser Methode, die bei erfolgreicher Zulassung die Schmerzen lindern und die Funktion des Daumensattelgelenks verbessern könnte. Erste Veröffentlichungen hierzu gibt es aus dem Jahr 2012. Aktuell ist die Behandlung in Deutschland aber nicht möglich, trotz wissenschaftlicher und fachlicher Bestrebungen, sie zu etablieren. 

Ggf. ist jedoch der Blick über unsere Landesgrenzen hinaus hilfreich, um hier diese Therapieform „zu finden“…

Screenshot

Wie bei jeder Erkrankung ist es von Vorteil im Frühstadium zu reagieren. Häufig werden die Erstsymptome aber nicht erkannt btw falsch gedeutet.

Die Anfangssymptome umfassen Schmerzen an der Daumenbasis, besonders bei Belastung und Drehbewegungen wie Flaschenöffnen, sowie ein Gefühl von Instabilität und Kraftverlust im Daumen. Weitere Anzeichen können eine leichte Morgensteifigkeit, Schwellungen und hörbare Reibegeräusche (Krepitation) im Daumensattelgelenk sein. 

Grundsätzlich erscheint es sinnvoll, dass wir auch (prophylaktisch) physiotherapeutische Übungen in Betracht ziehen. Dazu gibt es von Liebscher & Bracht sehenswerte Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=WRqs_1Fdqsk







21 Recall – 17 Jahre – hopeless teeth

Hier wurde der Fall zuletzt von mir vorgestellt.

Jetzt haben wir ein aktuelles OPTG erhalten, welches die zuletzt 2022 kontrollierte Situation als stabil vermuten lässt. Warum vermuten, im OPTG ist der Frontzahnbereich nicht wirklich befundbar durch mögliche Überlagerungen der HWS. Ein Zahnfilm war noch nicht indiziert und ist für 2027 geplant.
17 Jahre diesen Zahn zu erhalten, hatte ich zum Behandlungszeitpunkt nicht für möglich gehalten.

Wann ist eine apikale Aufhellung zu gross für eine endodontische Behandlung und was ist die Alternative ? – Wie gings weiter … (IV)

Hier noch ein paar ergänzende Informationen zum Fall. Und damit wir uns richtig verstehen. Im Nachfolgenden geht es nicht darum, jemanden zum Einzig Wahren zu bekehren. Wenn ich eins gelernt habe in vielen Jahren als Referent, dann, dass es sinnlos ist, Zahnärzte von etwas überzeugen zu wollen, was sie nicht möchten.

Toxavit als devitalisierende Einlage?
Kein einziges Mal verwendet in meiner gesamten Zeit als Zahnarzt.
Ist es notwendig ? Sicherlich nicht.
Trotzdem wird es viele hunderttausende Male verwendet pro Jahr in Deutschland.

Und ähnlich ist es, wenn es um die Frage geht, pusbehaftete Zähne offenlassen – Ja oder Nein. Der gezeigte Fall ist also lediglich als Denkanstoss gedacht.

Dahingehend, dass, wenn es in diesem sicherlich aussergewöhnlichen Fall mit riesiger apikaler Aufhellung und massivster Pussekretion möglich ist, den Zahn post endodontischer Behandlung eben nicht offenlassen zu müssen, sondern ihn verschliessen zu können, dann sollte man in den minderschweren Fällen doch ebenso verfahren können. Und von dort ist es dann nur noch eine kleiner Weg zur Erkenntnis, brauche ich es überhaupt, das Offenlassen von Zähnen…

Die letzte Woche vor dem Weihnachtsurlaub.
Es ist Dienstag.
Noch 3 mal Arbeiten, denn Donnerstag ist unser letzter Arbeitstag vor Weihnachten. Freie Termine? Schon lange nicht mehr. Und was immer ist, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, die Überweiser rufen an wegen Schmerzpatienten, die unbedingt noch drankommen müssen. Klar, deren Terminkalender ist genauso voll wie unserer, da fällt die Indikation zur Überweisung an uns wesentlich leichter. Das merken wir. Am verstärkten Überweisungsaufkommen insbesondere auch von Überweisern, die sonst eher selten bis gar nicht überweisen.

Eins ist jedoch klar.
DIESER Patient auf Überweisung am 17.12.2024 in unserer Praxis MUSS drankommen.
Daran lässt der klinsiche und vor allem der röntgenologische Befund keinen Zweifel. Er hat Schmerzen, was nicht verwunderlich ist bei seinem Befund.

Es wäre nun ein Leichtes, den Zahn zu trepanieren und dann offenzulassen.
Die sicherlich zeitsparentste Variante von allen. Und natürlich reizvoll im Hinblick darauf, dass wir von genau dieser Zeit ohnehin zu wenig haben im Moment so kurz vor Weihnachten.

Warum ich es trotzdem nicht mache???
Weil ich als blutjunger Zahnarzt genau so verfahren habe mit einem Zahn 12. Ein eher geringes Entzündungsgeschehen, rein äußerlich unauffälig. Am nächsten Tag kam die Patientin wieder mit einem Phönix- Abszess. Den Begriff kannte ich bis dato nicht. Er bezeichnet die akute Exaberation eines chronischen apikalen Geschehens. Dramatisch bis zum Auge dick zugeschwollen stellte sich die Patientin keine 24 Stunden wieder vor, wo Tags zuvor noch gar nix gewesen war. Wie das? Ich hatte doch lehrbuchmäßig alles richtig gemacht. Ubi pus ibi evacua. Seitdem verschliesse ich ausnahmslos alle Zähne, auch die mit viel Pus. Einen Phönix- Abszess habe ich in meinem Patientenklientel in der gesamten Zeit nicht wieder gesehen.

Zurück zum Schmerzpatienten. Und zu ein paar individuellen Besonderheiten. Der Patient steht Tag für Tag in der Öffentlichkeit. vergleichbar eines Fernsehschauspielers, den die Kamera formatfüllend ins Bild rückt. Eine dicke Backe macht ihn gewissermaßen arbeitsunfähig, die gilt es zu vermeiden. Und der Patient muss ab Weihnachten für 2 Wochen ins Ausland. Weit weg. Wie stellt man sicher, dass er dort, zehntausende Kilometer von zu Hause keine Schwierigkeiten bekommt in dieser Zeit. Viel Zeit bleibt uns nicht. 2 Tage um genau zu sein, um alles ins Lot zu bringen.

Wie wäre die Vorgehensweise im Szenario Trep und Offenlassen ? Wie ginge es weiter ? Wann wäre der Zahn verschlossen worden ? Am Tag danach ? Oder 2 Tage später ? Am letzten Arbeitstag vor Weihnachten ?

Ich habe die Erstbehandlung am 17.12.2024 vorgenommen. Kanalaufbereitung. Medikamentöse Einlage mit Ledermix. Antibiotische Abdeckung mit Amoxicillin. Eine Inzision war nicht notwendig. 2 Tage später Schmerzfreiheit, aber wie im Video zu sehen nach Spülung mit dem Laser immer noch starker Pusabfluss. Wieder zum Abschluss der Behandlung Ledermix und Verschluss der Trepanationsöffnung.

Der Patient stellt sich terminlich bedingt erst am 27.02.2025 wieder bei uns vor. Keine Schmerzen und auch keine sonstigen Beschwerden in all der Zeit. Kein Pus mehr nach Trepanation. medikamentöse Einlage mit Metapex Plus zum Abschluss der Behandlung. 16 Wochen Wartezeit. Dann die WF am 10. 07. 2025.