Danke Marcus, Nils, Stephan, Andras 20200131

Zwei Fragmententfernungsfälle von heute, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, wenn man davon absieht, dass es sich in beiden Fällen um sehr lange Fragmente handelt.

Fall 1

Fragmente

Zahn 47, neue Krone, nach Eingliederung mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung Schmerzen. Endo durch den Hauszahnarzt, dabei Fraktur eines sehr großen, sehr langen maschinellen Aufbereitungsinstrumentes. Es ragt (einen Hauch) in die Kavität hinein, die Entfernung gelingt in unseren Händen sehr einfach. Alle freuen sich, der Patient zahlt dennoch das Honorar für die Fragmententfernung bis heute, dem WF- Termin,  nicht und bittet um Stellungnahme. Seine private Krankenversicherung halte die Fragmententfernung für einen Teil der Wurzelkanalaufbereitung, das Honorar sei demnach nicht gerechtfertigt.

Heute fand die WF statt.

 

 

Fall 2

Zahn 17, gekrümmte Wurzel, das Fragment liegt hinter der Kurvatur, ein extrem enger Wurzelkanal. Es dauert rund eine Stunde, bis wir es soweit freilegen können, dass der Fragremover (in diesem Falle die Variante von Andras Csögor) zum Einsatz kommen kann. Nachdem die Schlinge umgelegt werden kann, gelingt die Extraktion auf Anhieb. Getanzt, diese Anmerkung sei für alle Teilnehmer von Terauchi – Kursen angefügt, hat hier im Übrigen gar nix. Und das extrem festsitzende Fragment war so dünn, das über jeglichem Kontakt mit Ultraschall immer das Damoklesschwert der ermüdungsbedingten Fraktur im Raum stand.

Umso erfreulicher das Ergebnis der Fragmententfernung wie auch der Aufbereitung des Kanals bis hin zu einer Wave One Gold 35.

 

 

Kurz berichtet – Apikale Aufhellung – ausgeheilt bei Prämolar

Von Christoph Kaaden

Nachfolgend die Nachkontrolle eines oberen Prämolaren (14), den wir vor einiger Zeit behandelt haben. Zum Zeitpunkt des Behandlungsbeginns war der damals 50-jährige Patient schmerzfrei. Die apikale Aufhellung war im Zuge einer klinisch-radiologischen Untersuchung aufgefallen.

Die Behandlung erfolgte zweizeitig. Als medikamentöse Einlage applizierten wir Ca(OH)2. Die komplette Behandlungsdauer betrug zwei Stunden.

Hier einige Impressionen der Therapie:

Valo

Die Valo haben wir seit der Empfehlung von Stefan Verch bei uns im Einsatz. Auch wir haben die kabelgebundene Variante und haben dies bis heute nicht bereut.
Probleme in der Ergonomie sind für und nicht erkennbar, da die Lampe im Assistenzteil neben dem Absaugköcher der Behandlungseinheit angebracht ist.

In zwischen haben wir die Valo etwas aufgerüstet. Es gibt zur Lampe verschiedenste Aufsätze.

Translume Lens
TransLume Lenses dienen der Transillumination von Zähnen. Die grüne Linse hilft bei der Entdeckung versteckter Karies, von Schmelzsprüngen und anderen Defekten; die orange Linse enthüllt innere Strukturen, Stiftaufbauten, Blasen in Restaurationen etc.

ProxiCure Ball Lens
die ProxiCure Ball Lenses (klein & groß) erleichtern das Ausbilden von konvexen Kontaktpunkten bei approximalen Kapitänen

PointCure Lens
Die PointCure Lens ist eine Punktlinse und dient dem „Anheften“ von Verblendschalen beim Befestigen sowie dem Beleuchten eines lichtleitenden Wurzelstiftes.

Black Light Lens
Mit der Black Light Lens kann VALO durch fluoreszierende Indikatorlösungen angefärbte Plaque, Fluorid- und Versiegelungslacke sichtbar machen.

EndoGuide Lens
Die EndoGuide Lens mit „Mini-Lichtleiter“ erreicht apikale, retrograde Füllungen und andere Präparationen auf engstem Raum.

Letztere ist bei uns besonders regelmäßig im Einsatz. Beim präendodontische Aufbau an Molaren mit schlechter Zugänglichkeit kommt dieser Ansatz, welcher magnetisch auf dem Valokopf hält zum Einsatz. In letzter Zeit setzen wir die Val auch häufig zur intrakavitären Lichtpolymerisation ein. Intrakavitär heißt für mich, daß ich versuche möglichst alles nichtkariösen Dentinbereiche mit einem Flowkunststoff ( Beautiful ) abzudecken um diese vor den Spüllösungen zu schützen. Die Kunststoffbereiche werden nach der endodontischen Behandlung durch Sandstrahlen wieder „aktiviert“ und mit der postendodontischen Restauration, wie Glasfaserstiftaufbauten nach Silanisierung verbunden.
Dafür sind kleine Durchmesser des Lichtleiters notwendig um entsprechend dicht an die Oberfläche des Kunststoffes zu kommen.

Disclaimer
Auf die Valo bin ich aufmerksam geworden, durch eine Empfehlung von Stefan Verch, Berlin. Meinen Dank für den Tipp !

Ich habe das Gerät ganz normal im Dental Fachhandel gekauft. Es besteht beim Autor kein Interessenskonflikt in Form von eigenen finanziellen Interessen oder finanziellen Interessen Dritter, die von einer positiven Berichterstattung profitieren oder eine negative Darstellung behindern.

Kurz belichtet- Kurz berichtet 20200128

Letzten Donnerstag.
Letzter Arbeitstag der Woche. Vorträge am Wochenende zählen ja bekanntlich nicht. Soweit zum Thema Selbstausbeutung.
Egal – ein Tag, zwei 6 Monate-Recalls. Beide Fälle aus unterschiedlichen Gründen keine „textbook cases“, der zweite sogar phänotypisch ausgesprochen hässlich, aber dennoch Anlass, gut gelaunt ins Wochenende zu gehen.

Fall 1
Ein Kollege möchte gerne den Zahn 25 einer seiner Mitarbeiterinnen überkronen. 4 Jahre nach WF ist alles unauffällig. Er findet, man habe lange genug gewartet, möchte aber sicherheitshalber diesbezüglich meinen Rat. Das analoge Röntgenbild ist nicht eindeutig, erst recht nicht eindeutig positiv. Ich schlage ein DVT vor, aber schon im digitalen Kontrollröntgenbild im Rahmen der Patientenberatung zeigt sich eine ausgeprägte laterale Aufhellung, weshalb ich die Revision anrate.

Intraoperativ findet sich eine vorhandene Via falsa im apikalen Bereich. Eine Erschließung des ursprünglichen Kanalverlaufes ist nicht möglich.

Fast Forward.
Der Zahn nach WF und nun heute, 6 Monate post WF.


Fall 2



Ein Herodontics Fall ? 9 mm Tasche vestibulär. Sicherlich jedoch ein Zahn 36 mit einer ganz besonderen Anatomie. 3 Wurzelkanäle in der mesialen Wurzel, 2 Kanäle in der distalen. Soweit noch nichts SO Aussergewöhnliches. ABER – Die jeweilig vestibulären Kanäle liegen extrem weit aussen. Keine Isthmus, keine weisse Linie als Hinweis. Ohne DVT wäre ich niemals auf die Idee gekommen, so weit aussen zu suchen. Ich wäre von 3 Kanälen ausgegangen, weil die zunächst aufgefundenen scheinbar symmetrisch lagen, das klassische Indiz für eine regelkonforme Anatomie. Und trotz DVT musste ich distal noch sehr sehr lange suchen. Massive Überpressung von Sealer.


Woher ich weiss, das es Sealer ist, was überpresst wurde ?
Unser Calciumhydroxid hätte sich in der vergangenen Zeit schon wesentlich mehr abgebaut.

Aber immerhin. Die apikale Aufhellung an der distalen Wurzel ist schon verschwunden und um die mesiale Wurzel sieht es auch deutlich besser aus.

 

Wer hat Angst vor’m bösen Stift? Teil 1 , Metallstift

von Jörg Schröder

Diesen Titel trugen in der Vergangenheit bereits mehrere Einzelbeiträge und auch einige 90-minütige Podiums-Vorträge waren so benannt.

Denn immer noch werden viele Stift- oder schraubenversorgte Zähne einer chirurgischen Intervention zugeführt, die aufgrund verschiedener Abweichungen vom Idealverlauf (keine retrograde WF nach WSR, nicht korrekt platzierte retrograde Füllungen, nicht aufbereitete Kanalsysteme) leider nicht erfolgreich enden.

Der jeweils vorhandene Stift lässt offensichtlich nur einen Schluss zu:

Wurzelspitzenresektion!

Unvorstellbar offensichtlich, dass ein Stift oder eine Schraube vorhersagbar orthograd entfernt werden könnte. Dabei kann es – auch in schwierigen Fällen – so einfach sein.

In vorliegendem Fall war die Resektion bereits erfolgt. Das kontaminierte Wurzelfüllmaterial verhinderte bei gleichzeitigem Fehlen einer retrograden Füllung das Ausheilen der periapikalen Pathologie.

Ein Werkzeug, welches ich seit Jahren schätze und nicht mehr missen möchte, ist das Thomas-Post-Puller-System. Dieses und die von Zeit zu Zeit notwendigen Ersatzteile beziehe ich seit Jahren bei Hofmeester Dental in Rotterdam.

Mit diesem aus Silikonscheiben, Trepanbohrern, Gewindeschneidern und einer Art rändelrad-betriebener Spreize bestehende Set kann jeder metallische Stift oder jede Wurzelschraube vorhersagbar entfernt werden.

Selbst im weit distalen Bereich ist eine Anwendung möglich.

Dazu musste in diesem Fall zunächst die vorhandene Krone entfernt und  ein präendodontischer Aufbau angelegt werden. Nur so konnte nach absoluter Trockenlegung der massive gegossene Aufbau bis auf den im palatinalen Kanal verankerten Stift reduziert werden. Anschliessend wurde der der Stiftgröße entsprechende Trepanbohrer unter Wasserkühlung eingesetzt, um nachfolgend den Gewindeschneider verwenden zu können. Dieser ermöglicht eine Kraftübertragung auf den verankerten Stift. Bereits nach den vorbereitenden Schritten liess sich der Stift gering im Stiftbett drehen. Eine Entfernung mit Handkraft gelang jedoch nicht. Daher wurde die Spreize eingesetzt, womit die Entfernung in unter 30 Sekunden gelang. Gesamtaufwand für Ekr, Aufbau und Stiftentfernung ca. 50 Minuten.

Die Aufbereitung der weiten Kanalsysteme bis zum Neoforamen gelang anschliessend problemlos. Aufgrund der fehlenden Konstruktion wurde in P und MB ein kollagenes Widerlager eingesetzt, bevor die Kanalsysteme mit MTA und warmer Guttapercha verschlossen wurde. DB wurde in warmer vertikaler Kompaktion gefüllt.

Und wer hat noch Angst vor’m bösen Stift? Niemand.

 

Kurz berichtet – Apikale Aufhellung – ausgeheilt nach Trauma – reloaded

Von Christoph Kaaden

Hier wieder eine Nachkontrolle eines vormals verunfallten Zahnes 21.

Kurz zu den Hintergründen:

  • zu Behandlungsbeginn 9-jähriger Junge
  • Ursprünglich unkomplizierte Kronenfraktur bei Sturz im Schwimmbad
  • 1 Jahr später Fistelbildung vestibulär
  • Beginn der Behandlung in Zuweiserpraxis…

 

Unser Vorgehen wie gehabt: 3 Termine (Dauer ins. 2 1/2h)

3 Jahre post-op

Prä-op vs. 3 Jahre post-op

 

Apikale Raumforderung (II)

Von Christoph Kaaden

 

Vor einiger Zeit habe ich hier erstmals über diese große apikale Raumforderung berichtet.

Wir haben uns also zunächst für ein rein konservatives Vorgehen in zwei Terminen entschieden. Vor Kurzem haben wir den Behandlunsgfall abgeschlossen. Hier einige Impressionen der Behandlung und die einzelnen Schritte in der radiologischen Darstellung.

Dargestellte palatinale Wurzelfurche als mögliche Ursache der entstandenen Pulpanekrose

Spontaner Pusaustritt während der chemo-mechanischen Reinigung des Kanalsystems

Röntgenkontrolle nach med. Einlage mit Vitapex. Der Pfeil markiert die palatinale Wurzelfurche

Röntgenkontrolle drei Monate nach dem ersten Behandlungstermin

Verschluss der Apikalregion mittels MTA

Abschluss-Röntgenaufnahme

Die größte Herausforderung bestand für uns darin, dass MTA möglichst exakt apikal zu positionieren, obwohl die Apikalregion nicht vollumfänglich einsehbar war.

Das Backfill erfolgte mittels erwärmter Guttapercha und Sealer; zum Verschluss der Zugangskavität wurde eine Kompositfüllung gewählt.

Die Nachkontrollen müssen zeigen, ob der bisherige „abszessfreie Zeitraum“ auch weiterhin bestand hat und es zu einer Ausheilung der knöchernen Läsion kommt.

Hier noch eine Übersichtsarbeit zum Thema „palatinale Wurzelfurche“.

Pick, Pick (2)

In diesem Fall gab es mehrere Probleme.
Neben der apikalen palatinalen Problematik, apikale Transportation und Perforation mit extrudiertem WF Material, bestand die Schwierigkeit in der Erschließung der apikalen Bereiche des mesiobukkalen und distobukkalen Wurzelkanalsystems.
Distobukkal bestand eine Verblockung der apikalen Bereiche.
Nicht unerwähnt möchte ich die Schwierigkeit bei der präendodontischen Restauration lassen. Zum einen die multiplen Kunststoffmaterialien, zum anderen den im Röntgenbild erkennbaren Proc. coronoideus, welcher bei maximaler Mundöffnung im Röntgenbild zu erknnen ist. Daraus resultieren eventuell Probleme bei der Kofferdaminsertion durch den Klammerbügel distal.

In diesem Fall hat uns die Kofferdamklammer 27N geholfen.
(Sehr schön in der WF Kontrolle zu erkennen.)

Mesiobukkal gelang die apikale Erschließung nach Entfernung der Wurzelfüllung mit vorgebogenen Handinstrumenten Kerr Feile der #08,#10,#12,#15. Danach maschinelle Aufbereitung mit Profile Instrumenten.

Nach Entfernung der vorhandenen Wurzelfüllung distal sondieren wir die apikalen unbehandelten Bereiche mit einer vorgebogenen C-Pilot Feile circumferent, #8 oder #10.
Sobald wir ein „Touch back“ artiges apikales „Hängenbleiben“ der Pilotfeile bemerken versuchen wir durch pickende, stoßende – Wichtig nicht rotierende (!!) – Bewegungen die Blockierungen aufzulösen. Das Handinstrument muß in der sondierten Richtung vorgebogen sein.

Vor Behandlungsbeginn sind dazu hochauflösende Röntgen- und DVT Aufnahmen sehr hilfreich.

Das Auflösen der Blockierungen im diesen Fall bis Patency erreicht wird benötigte je Kanalsystem ca. 30-45 Minuten und ca. 8-15 Handfeilen!
Sobald Patency erreicht ist erarbeiten wir je nach Krümmung unter Verwendung von Handfeilen der Größe #12, #13, #15 den Gleitpfad. Anschließend erfolgt die weitere Gleipfadgestaltung maschinell mit Profile 15.04 oder Reziproc R-Pilot.

Das periapikal gelegene WF Material war nicht von orthograd erreichbar und wurde von uns belassen.

Anbei die klinischen und röntgenologischen Bilder.

 

 

 

 

 

 

Duplizität der Ereignisse – Apical Split (Teil 3)

Wenn ich für mich die schwierigst endodontisch zu behandelnden Zähne benennen müsste, ich würde, ohne zu zögern, die UK- Prämolaren wählen.  Wegen der teilweise sehr exotischen und häufig okkulten Kanalanatomie.  OK-Prämolaren sind diesbezüglich meist weniger bizarr, aber auch hier gibt es eine ganze Reihe scheinbar leichter, de facto aber schwerer Brocken. Schwer oder problematisch meist dann, wenn sich besagte Schwierigkeiten nicht im Röntgenbild zeigen. Noch schwieriger wird es, wenn auch der Blick durch das OP-Mikroskop keinen Hinweise auf die Komplikationen liefert.

Wie im vorliegenden Fall.
Der Hinweis kam auf Grund der Vorgeschichte.
Schmerzen an Zahn 15, nach Trepanation Schmerzfreiheit.
Die allerdings in dem Moment (wenn auch in abgeschwächter Form)  des Zeitpunktes der WF wiederkam. Die Hauszahnärztin entfernte die WF, soweit möglich und überwies die Patientin an uns.

Klassisches Symptom als Hinweis für ein zusätzliches Kanalsystem, auch hier wieder angegeben, die Schmerzempfindlichkeit bei „Warm“.
Nicht kalt, nicht heiss, es wird auffällig oft warm genannt.

Der angefertigte Zahnfilm aber eher unauffällig.
Keinen Hinweis auf ein 3. Kanalsystem (Vertucci VII) ja nicht mal ein doppelter PA- Spalt als Anhaltspunkt einer Vertucci-Konfiguration II (2:1), III (1:2:1), IV(2) oder V (1:2).

Nur so eine kamelhöckerartige minimale Ausbuchtung am Wurzelende.

Gut, das ein hochauflösendes DVT zur Verfügung steht.
Es zeigt, was weder konventioneller Zahnfilm noch Dentalmikroskop zu offenbaren vermögen. Das Wurzelkanalsystem beginnt koronal scheinbar einkanalig, liegt zentral in der Mitte des Querschnittes der Wurzel. Im apikalen Drittel dann die Aufzweigung, die beiden dünnen Wurzelenden biegen teilweise stark gekrümmt und leicht korkenzieherartig in gegenteilige Richtung voneinander ab, weshalb auch die screenshots des DVT nicht die ganze Wahrheit, die Anatomie betreffend, offenbaren können.

 

Hier nun meine zwei wichtigsten Tipps für die erfolgreiche Aufbereitung solcher Kanalkonfigurationen:

  1. Beginne mit dem leichter zugänglichen Kanal und bereite diesen vollständig auf, bevor Du überhaupt nur Anstalten unternimmst, Dich dem 2. Kanalsystem zuzuwenden.
  2. Wenn du die Wahl hast, bereite zunächst den Kürzeren der beiden Kanäle vollständig auf.

Beide Merksätze sind banal.

Dennoch ist gerade bei schwierigen Zähnen (und dieser hier, um es vorwegzunehmen war ein extrem schwieriger Zahn) eine genau definierte, in jedem einzelnen Teilschritt aufeinander abgestimmte und von vorne herein strikt festgelegte Vorgehensweise im Sinne des Entlanghangeln eines Entscheidungsbaumes essentiell.

Tut man es nicht, verfällt man in ein „Lass uns doch mal schauen, wie der Zahn auf diese oder jene Vorgehensweise reagiert im Sinne eines „Neugierig ausprobieren“ riskiert man einen unwiderruflichen Schaden, der auch mit anschließend größtem zeitlichen und apparativen Aufwand nicht mehr zu beheben ist.

Der nächste Merksatz diesbezüglich lautet: „1 Sekunde was Falsches gemacht, 1 Stunde an  Lebenszeit vergeudet!“. Weil man so lange versucht, den Fehler wieder auszubügeln (und dann resignierend aufgibt).

Es erfolgt also zunächst ein vorsichtiges apikales Vordringen mit einer vorgebogenen ISO 008 VDW C- Pilot- Feile. Diese geht (glücklicher Moment 1) behutsam bewegt, bis zum mittels Apexlokatormessung ermittelten Wurzelkanalausgang. Die ISO 10er Feile folgt. Anschließend zahlt sich das DVT erneut aus. Es beinflusst die Wahl meiner ersten maschinell betriebenen Nickel- Titan- Feile.  Ich wähle ein META GL153 15.o4-Instrument. Ein NiTi-Instrument der 4. Generation, ähnlich einer Coltene CM 15.04, allerdings nicht ganz so extrem flexibel (was von Vorteil ist) und nicht so leicht sich aufdrehend. Vor allem hält es besser die vorgebogene Form als die Coltene CM – Instrumente. Im Anschluss folgte eine Wave One Gold small, das entspricht meinem Standard- Protokoll, danach wieder abweichend von der normalen Vorgehensweise eine Wave One Gold Primary.

Dann verliess mich zunächst der Mut, weiter noch aufzubereiten, wieder kam hier das DVT als Entscheidungshilfe zum Tragen. Es zeigte sehr  dünne Wurzeln, stark apikal abgebogen. Weshalb ich zum ersten Mal in vielen Jahren zunächst darauf verzichtete, die apikale Aufbereitung noch höher zu dimensionieren und mich nun zunächst dem zweiten Kanal zuwandte.

Es gilt jetzt, mit einem apikal vorgebogenen ISO 10er Instrument den verborgenen Kanaleingang zu finden.

Die Biegung gelingt einfach und schnell mit einer Pinzette in „Geschenkband“ – Bewegung. Diese wird in bukkale Richtung zeigend von koronal nach apikal an der Kanalwand hinabgleitend eingeführt.

Dann heisst es geduldig sein und das Instrument solange immer wieder in den Kanal einführen unter leichten Modifikationen der Einschubrichtung (Stichwort 5 Minuten- Rotation) bis das Instrument vor der Arbeitslänge einen deutlichen Widerstand zurückliefert.  Dieser Teilschritt der Behandlung birgt möglicherweise ein hohes Frustrationspotential, das zusätzlich gefördert wird durch die Tatsache, dass die Biegung des Instrumentes gegebenfalls häufig wiederholt werden muss.

Zumeist „fällt“ das Instrument widerstandslos auf die Apexlänge des Zuvor aufbereitenden Wurzelkanal. Das ist das Zeichen dafür, das wir uns NICHT im gesuchten Kanal befinden. Aber irgendwann (glücklicher Moment 2) rastet das Instrument ein vor der festgelegten Apexlänge.

Wir haben den Kanaleingang des zweiten Wurzelkanals gefunden! Die Erschließung bis zum Apex geht leichter als gedacht  und (glücklicher Moment 3) die Arbeitslänge des zweiten Kanals weicht deutlich von der des ersten Kanals ab. Das angefertigte stark mesial exzentrisch ausgerichtete Meßröntgenbild visualisiert  eindringlich die besondere Anatomie.

Einmal durchatmen, bis jetzt hat alles gut geklappt – weiter geht es in Kürze hier in Episode 4 mit der detaillierten Schilderung der Aufbereitung des zweiten Kanals.

 

 

 

 

Und nun? Die Auflösung.

von Jörg Schröder

Die Patientin wurde bei ihrer behandelnden Zahnärztin vorstellig, weil sie im linken Oberkiefer seit einigen Wochen diffuse Beschwerden bemerkte. Kein direkter Schmerz, aber ein Unbehagen beim Kauen. Die Patientin empfand Zahn 24 dabei als minmal beweglicher als seine Nachbarn.

Anbei das angefertigte Röntgenbild. Was fällt auf? Wie wäre das Geschehen zu erklären? Was wäre zu tun?

Die Sondierungstiefen der Zähne 23-25 lagen im physiologischen Bereich. Die Beweglichkeit war an Zahn 24 unmerklich größer als an den benachbarten Zähnen. Es bestand keine palpatorische Druckdolenz, keine Fistelung, keine Schwellung. Die elektrische Sensibilität des 24 war von bukkal und von palatinal positiv, wenngleich im oberen mittleren Bereich der Skala des Elements Diagnostic Gerätes. (Maximal-Wert 80, bukkaler Wert 48, palatinaler Wert 52). Es besteht ein mit Transillumination detektierbarer Haarriss in der mesialen Randleiste.

Um einen möglichen Artefakt im Überweiserbild auszuschliessen wurde nach klinischer Inspektion und elektrischem Sensibilitätstest ein eigenes Einzelbild angefertigt.

Der Parodontalspalt erscheint apikal durchgehend. Es imponiert jedoch eine geradlinige Kontinuitätsunterbrechung der Wurzelkontur im mittleren Wurzeldrittel, die nicht vollständig nach distal weiterläuft. Das Pulpakavum erscheint stark obliteriert.

Das angefertigte DVT zeigt das Nachfolgende:

Es besteht eine Horizontalfraktur der palatinalen Wurzel kurz unterhalb des Limbus alveolaris. Zahn 24 ist zudem dreiwurzelig und weist zwei bukkale Wurzeln auf.

Daraufhin nochmals nach einem Unfallgeschehen befragt, gab die Patientin an, dass sie vor 1,5 Jahren auf die rechte! Gesichtshälfte und insbesondere auf den rechten Unterkiefer gestürzt war und sich massive Prellungen und nachfolgende Blutergüsse zu gezogen hatte.

Die Missempfindungen in Regio 24 traten etwa 6 Monate nach dem Unfall auf und wurden nicht mit dem Vorfall in Verbindung gebracht.

Vermutlich entstand die Fraktur, weil die Zahnreihen beim Aufprall in maximaler Interkuspidation standen. Durch die auftretenden Scherkräfte wurde Zahn 24 nach vestibulär ausgelenkt.

Meine Therapieempfehlung an die Patientin war die folgende:

1,5 Jahre nach Auftreten der zervikalen Horizontalfraktur ist eine Schienung nicht mehr sinnvoll. Da sich im DVT keine Aufhellung apikal (bei Horizontalfraktur eher nicht zu erwarten) oder im Bereich des Frakturspaltes zeigt, die Sondierungstiefen eine Kommunikation zwischen Bruchspalt und Mundhöhle unwahrscheinlich erscheinen lassen, ist eine endodontische Intervention nicht indiziert.

Hingegen sollte die Gussrestauration am 24 (mesialer Haarriss) entfernt werden und der Zahn mit einer die Höcker fassenden laborgefertigten Restauration – vorzugsweise einer Teilkrone – versorgt werden, um Kontakte in der dynamischen Okklusion auszuschliessen.

Mit regelmässigen elektrischen Sensibilitätskontrollen und radiologischen Kontrollen sollte der Verlauf kontrolliert werden.

Die alio loco ursprünglich empfohlene implantologische Lösung des Frakturproblems kann so hoffentlich vermieden werden. Kleine Randnotitz: Der alio loco durchgeführte Sensibilitätstest mittels Kälteapplikation verlief mehrmals negativ.

 

Und nun?

von Jörg Schröder

Die Patientin wurde bei ihrer behandelnden Zahnärztin vorstellig, weil sie im linken Oberkiefer seit einigen Wochen diffuse Beschwerden bemerkte. Kein direkter Schmerz, aber ein Unbehagen beim Kauen. Die Patientin empfand Zahn 24 dabei als minmal beweglicher als seine Nachbarn.

Anbei das angefertigte Röntgenbild. Was fällt auf? Wie wäre das Geschehen zu erklären? Was wäre zu tun? 

Die Sondierungstiefen der Zähne 23-25 lagen im physiologischen Bereich. Die Beweglichkeit war an Zahn 24 unmerklich größer als an den benachbarten Zähnen. Es bestand keine palpatorische Druckdolenz, keine Fistelung, keine Schwellung. Die elektrische Sensibilität des 24 war von bukkal und von palatinal positiv, wenngleich im oberen mittleren Bereich der Skala des Elements Diagnostic Gerätes. (Maximal-Wert 80, bukkaler Wert 48, palatinaler Wert 52).

Und nun?

Nutzt die Kommentar-Funktion. Auflösung ab 18.00 Uhr.

 

Duplizität der Ereignisse – Apical Split (Teil 2)

Wissen Sie, was das Schöne an WURZELSPITZE ist ?
Das hier Tag für Tag aus dem endodontischen Alltag berichtet wird.

Keine Sonntagsfälle, keine „textbook cases“.
Auch wenn das eine oder andere Ergebnis möglicherweise als druckreif zu bewerten wäre.

Tagesgeschäft also. Und deshalb passieren dann auch so Dinge wie „Duplizität der Ereignisse – zwei Prämolaren mit „apical split“ innerhalb von 24 Stunden in 2 unterschiedlichen WURZELSPITZE-Praxen.

Wäre das nicht eine prima Idee, einmal zu schauen, wie diese Fälle gelöst werden in den jeweiligen Händen?   Vor allem – mit Ansage demnach. Denn zur Erstvorstellung des Falles war der Zahn noch nicht berührt, lediglich die Erstuntersuchung und die Röntgendiagnostik waren gelaufen.

Kein Sicherheitsnetz.
Kein doppelter Boden.
Kein Vorhang, hinter dem man sich verstecken könnte, auch wenn die Situation möglicherweise ein schwierige ist, die ein Scheitern nicht unrealistisch erscheinen lässt.

Und ein toller Fall, um in die Details zu gehen.

Darüber werde ich ausführlich schreiben die nächste Tage.
Vorweg jedoch der Fragenkatalog an die Mitleser.

Was erwartet uns hier ?
Was muss man bedenken?
Wo sind die Schwierigkeiten ?
Und wie konkret geht man vor, was resultiert daraus?

Noch eine Vorab-Info, den Fall betreffend: Zahn 15 wurde auf Grund einer Schmerzproblematik wurzelkanalbehandelt. Nach initialer Behandlung schmerzfrei, nach WF wieder stärkere Schmerzen, weshalb die Hauszahnärztin die WF wieder entfernte (siehe Röntgenbild) und die Patientin an uns überwies.

 

 

Pick, Pick (1)

In den hier, unter der Bezeichnung „Pick, Pick“, in loser Reihe vorgestellten Fällen möchte ich Revisionen mit Problemen vorstellen.
Das heißt – Revisionen mit Blockierungen, Begradigungen, Kanalverlagerungen, Resorptionen, etc.
An Hand dieser Fälle stelle ich mein Vorgehen vor.

Die Ausgangsröntgenbilder aus dem ersten Fall möchte ich heute zeigen.

Bereits im 2D Röntgenbild und im klinischem Bild zeigen sich verschiedenste Schwierigkeiten. Welches Probleme schätzen Sie an Hand der Bilder als schwierig ein?

Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion.

 

 

 

 

Ein Muss für jeden Zahnarzt – Bester Beitrag zur Lage des Gesundheitsystems in Deutschland, denn ich je gelesen habe

Der nachfolgende Text – durch Zufall gelesen, von einem ärztlichen Kollegen aufgetan – sollte eigentlich Pflichtlektüre sein für alle Beteiligten im Gesundheitswesen.

Zumindest jedoch für Jeden, der in Erwägung zieht, diesen Beruf zu ergreifen.
Jeder hier nehme sich zum Wochenende die 5 Minuten Zeit, um in Ruhe die Bestandsaufnahme des Kollegen zu Ende zu lesen.

Da steht alles drin, was man wissen muss.
Um die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Denn merke – der Artikel ist von 1966 und es hat sich NICHTS aber auch wirklich GAR NICHTS geändert in diesem unserem Lande.

Was uns zur Erkenntnis führt – wer auf Hilfe oder Abhilfe von aussen oder von oben hofft, der ist hoffnungslos naiv. Oder total deppert.

„NUR KASSENLÖWEN HABEN ERFOLG“

Im Frühjahr 1965 kehrte Dr. Alfred W. Bauer, Kinderarzt und Mikrobiologe, nach Deutschland zurück. Der deutschbürtige Mediziner, der in der Bundesrepublik promovierte, hatte einige Jahre lang in Amerika gearbeitet. Nun wollte er sich als frei praktizierender Kinderarzt in einer süddeutschen Mittelstadt niederlassen. Knapp ein Jahr später, im März 1966, ging Dr. Bauer wieder nach Amerika — sein Versuch, in der Bundesrepublik eine Praxis auszubauen, war gescheitert. In seinem „Erlebnisbericht eines Rückwanderers“ sucht er die Gründe dafür zu beschreiben: Das deutsche Krankenscheinsystem, so meint Bauer, bringe es mit sich, daß die Ärzte — in hartem Konkurrenzkampf um Privatpatienten und um Krankenkassen

Von Dr. Alfred W. Bauer

Nachdem ich mit meiner Frau und meinen drei Kindern in meiner früheren Heimatstadt in Süddeutschland eingetroffen war, ließ ich meine Familie vorübergehend dort und machte mich mit meinem neuen Opel auf die Reise, um einen geeigneten Ort für die Eröffnung einer Praxis zu suchen.

In der näheren Umgebung hielt ich des öfteren an, um mich mit praktizierenden Kinderärzten zu unterhalten. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, daß in Deutschland kein Ärztemangel bestand. Im Jahre 1939 kam auf 1390 Einwohner ein Arzt. Jetzt, 1965, war das Verhältnis 1: 690 und damit eines der niedrigsten der ganzen Welt. Fast überall fiel mir der harte Konkurrenzkampf zwischen den eng benachbarten Ärzten auf.

Acht Wochen lang fuhr ich durchs Land und besuchte Ärzte, Verwandte und Freunde. Auf einer meiner Reisen suchte ich einen bekannten Kinderarzt mit einer großen Praxis für Privat- und Kassenpatienten auf. Er selbst war zu beschäftigt, um mich zu empfangen; so sprach ich mit seiner Frau. Sie riet mir, die Praxis eines kürzlich verstorbenen Kinderarztes, Dr. Kranz, in einer nahegelegenen Industriestadt zu kaufen*.

* Der Name wurde vom Autor geändert.

Dort, so sagte sie, würden sich mir in dieser Gegend die besten Möglichkeiten bieten. Dr. Kranz hatte eine gutgehende Praxis geführt und sich ein schönes Haus gebaut; doch drei Jahre danach, im Alter von 57 Jahren, hatte er sich zu Tode gearbeitet. Ich fuhr hin und stellte mich seiner Witwe und seiner Tochter vor.

Sechs Tage später erklärte ich mich bereit, die Praxis für 45 000 Mark zu kaufen. Davon sollten 10 000 Mark für die ziemlich armselige Einrichtung sein (kein Laboratorium, kein Mikroskop, keine Schreibmaschine) und 35 000 Mark für den Patienten-Stamm. Die Praxis von Dr. Kranz war, gemessen an den Einkünften, eine der größten in der Bundesrepublik. Sein jährliches Bruttoeinkommen hatte in den vergangenen fünf Jahren zwischen 90 000 und 160 000 Mark gelegen; das war etwa anderthalb- bis zweieinhalbmal soviel wie die durchschnittlichen Bruttoeinnahmen eines bundesdeutschen Kinderarztes.

Schon bald, nach zwei Wochen in meiner neuen Praxis, merkte ich, daß ich einen kolossalen Fehler gemacht hatte.

Zunächst einmal stellte sich heraus, daß es eine Praxis eigentlich gar nicht mehr gab.

In den vier Monaten seit dem Tode von Dr. Kranz hatten sich sehr viele Eltern seiner Patienten einen anderen Arzt gesucht. Und die meisten sahen offenbar keine Veranlassung, den neuen und unbekannten Doktor aufzusuchen. Kurzum, mit den 35 000 Mark Abstand sollte ich praktisch etwas Wertloses kaufen.

Dann, und das war entscheidender, machte ich befremdende Entdeckungen in den Akten der Praxis — ich hatte ja Zeit, darin zu lesen. Die Patientenkartei enthielt ungefähr 7100 Namen. Davon waren etwa 85 Prozent Kassenpatienten und nur 15 Prozent Privatpatienten; das ist in Deutschland das übliche Verhältnis. Doch ungefähr zwei Drittel der Einnahmen des Dr. Kranz stammten von Privatpatienten und nur ein Drittel von Kassenpatienten.

Dr. Kranz hatte im Jahr durchschnittlich von jedem Privatpatienten 70 Mark kassiert, hingegen sieben Mark von jedem Kassenpatienten. Offenbar hatte er seine Privatpatienten übertrieben behandelt, darauf deutete vor allem eine unglaublich hohe Zahl von Hausbesuchen. Mein Vorgänger muß richtiggehend geschuftet haben; er hatte 40 bis 60 Hausbesuche am Tag absolviert und außerdem noch 50 bis 90 Patienten nachmittags in seiner Sprechstunde abgefertigt.

Etwa 80 Prozent seiner Hausbesuche hatten den Privatpatienten gegolten — das war seine Haupteinnahmequelle. Viele dieser Patienten waren privatversichert; Dr. Kranz hatte sie an jedem Tag im Monat, außer sonntags, besucht.

Allein auf 40 Karteikarten waren insgesamt 6105 Hausbesuche verzeichnet, für eine Zeit von durchschnittlich 42 Monaten. Währenddessen hatten dieselben 40 Privatpatienten Dr. Kranz nur 145mal selbst in seiner Praxis aufgesucht, so daß auf jeweils 42 Hausbesuche nur ein Praxisbesuch kam. Die auf diesen 40 Karten verzeichneten Honorare beliefen sich auf die schwindelerregende Summe von 60 000 Mark.

Von diesen 40 Patienten hatten 23 sogar Dr. Kranz nicht ein einziges Mal in seiner Praxis aufgesucht. Über sie gab es keine Krankenberichte, denn Dr. Kranz hatte sich über Patienten, die nicht in seiner Praxis erschienen nahezu nichts notiert. Nur einige Diagnosen waren in einer winzigen Handschrift zwischen den Reihen mit Kreuzen für die Hausbesuche vermerkt.

Die Unterlagen über die anderen Patienten bestanden in einigen kaum lesbaren Bleistiftnotizen. Außer gelegentlichen lückenhaften Blut- oder Urin-Werten fehlten jegliche Laborbefunde. Nirgends erschienen in diesen dürftigen Unterlagen Angaben über Untersuchungen der Patienten selbst, über die Abgrenzung der Diagnosen, die Therapie oder darüber, wie die jeweilige Behandlung gewirkt hatte.

Einer stattlichen Anzahl von Privatpatienten war Dr. Kranz offenbar besonders entgegengekommen. Einige Patienten, deren Krankenversicherung die Kosten nur teilweise deckte, hatten ihn anscheinend um Hilfe gebeten; so hatte er mehr Leistungen in Rechnung gestellt, als er wirklich geboten hatte.

Einige Patienten zum Beispiel erhielten von ihrer Versicherung von ihren aufgeblähten Rechnungen 75 Prozent zurückerstattet — etwa bei einem Arzthonorar von 200 Mark also 150 Mark. Dann gewährte Dr. Kranz, wie aus den Unterlagen hervorging, diesen Patienten einen Rabatt von 25 Prozent. Auf diese Weise brauchten die Patienten, die ordnungsgemäß mit 150 Mark hätten belastet werden müssen selber überhaupt nichts zu bezahlen. Wenn ihm die fingierten Kosten auch keine zusätzlichen Einnahmen einbrachten, so trugen sie doch dazu bei, diese Privatpatienten seiner Praxis zu erhalten.

Daß Dr. Kranz damit die Versicherungen betrogen hatte, wäre für jeden aus seinen Akten ersichtlich.

Frau Kranz hatte für die Privatpraxis ihres Mannes die Buchführung übernommen; ihre Notizen enthüllten, daß fingierte Hausbesuche berechnet wurden. So hatten einige Patienten in abgelegenen Dörfern die Wegegelder des Arztes nicht mitversichert. In diesen Fällen trugen die Karten den Vermerk: „Keine Kilometergelder. Berechnung zusätzlicher Hausbesuche.“ Die tatsächlich abgestatteten Hausbesuche waren als Kreuze mit Tinte eingetragen, die fingierten Besuche mit Bleistift.

Ich beanstandete meinen Vertrag gegenüber der Witwe und erklärte ihn wegen Irrtums und wissentlicher Täuschung für ungültig.

So kam der Fall vor die zuständige Ärztekammer und die Krankenkassenverwaltung. Es war August, und die Leiter beider Organisationen waren auf Urlaub. Die beiden Stellvertreter luden mich vor, nachdem sie meinen Brief gelesen und mit Frau Kranz Rücksprache genommen hatten.

Zu meiner Überraschung wurde mir mitgeteilt, daß ich nur eine geringe oder gar keine rechtliche Handhabe hätte, den Vertrag anzufechten. Die Herren behaupteten, Dr. Kranz habe seine Praxis durchaus nach der ortsüblichen Ordnung geführt.

Mir wurde der gute Ruf meines Vorgängers vorgehalten. Es habe niemals irgendwelche Klagen über ihn gegeben, und seine beruflichen Fähigkeiten seien über jeden Zweifel erhaben gewesen. Daß er keine Krankenberichte geführt habe, sei nichts Außergewöhnliches, weil ältere Ärzte wie er über eine reiche Erfahrung verfügten, ihre Patienten gut kennen, und ohnehin zu beschäftigt seien, um auch noch große Krankenberichte zu schreiben.

Die Vertreter der Ärztekammer warnten mich, daß die Chancen einer Vertragslösung vor Gericht für mich außerordentlich gering seien: Keiner der hier ansässigen Kinderärzte würde bereit sein, gegen einen Fachkollegen, noch dazu einen toten, auszusagen.

Nachdem mir meine Verhandlungspartner unmißverständlich zu verstehen gegeben hatten, daß ich das deutsche Ärztesystem einfach nicht verstünde und dem Andenken eines hingebungsvollen Kollegen eklatante Respektlosigkeit erwiesen hätte, arbeiteten wir ein neues Abkommen aus: Statt für 45 000 Mark sollte ich die Praxis für 20 000 Mark kaufen.

Ich mietete daraufhin einen Teil eines Vierfamilienhauses für 600 Mark im Monat und zog mit meiner Frau und meinen drei Kindern dort ein. Ich war sicher, die Praxis schnell wieder aufbauen zu können. Würde es mir hier nicht gelingen, so würde ich nirgends in der Bundesrepublik Fuß fassen können.

Ich hatte allerdings die Schwierigkeiten mit dem mir weitgehend unbekannten Krankenkassensystem stark unterschätzt. Das bundesdeutsche Krankenkassenwesen ist unvorstellbar kompliziert.

Dieser Apparat beschäftigt Tausende von Schriftführern und Buchhaltern auf allen Stufen der Bürokratie; er verschlingt viele Millionen Mark von den Aufwendungen für die Gesundheit und trägt so mit zu den hohen Kosten des staatlich reglementierten westdeutschen Medizinwesens bei.

In großen Bürohäusern werden alle Leistungen eines Arztes anhand der Zahl der behandelten Patienten (also keine Qualitäts-, sondern Quantitätskontrolle) von einem Heer von Angestellten geprüft, die nach Abschluß eines jeden Quartals drei Monate brauchen, um ihre Berechnungen abzuschließen und den Ärzten Bilanzen und Honorarschecks zu übersenden.

Sämtliche Rezepte werden überprüft, damit die Kassenpatienten nur die ihnen zukommenden Medikamente erhalten — berechnet nach dem Kostensatz pro Patient. Ein Arzt, der zehn Prozent mehr Arzneimittel verschreibt, als im Durchschnitt verordnet werden, erhält zunächst nur eine Verwarnung. Wenn er den zugebilligten Satz jedoch weiterhin überschreitet, muß er die Differenz selber bezahlen.

Ich habe von einigen aufsässigen Ärzten gehört, die solche Kassen-Bescheide kommentarlos an die Wände ihrer Wartezimmer hängten. Daraufhin forderte die Kasse sie unverzüglich auf, diese Dekoration zu entfernen, andernfalls würden sie ihre Kassenzulassung verlieren.

Nach dem Vertrag, der für die Jahre 1965 bis 1966 zwischen Ärzten und Krankenkassen abgeschlossen worden war, erhielt ein Arzt für einen Patientenbesuch in seiner Praxis drei Mark, für eine Konsultation mit gründlicher Untersuchung fünf Mark, für einen Hausbesuch am Tage einschließlich Fahrtspesen sieben Mark. Die Gesamtvergütung für einen Patienten je Quartal betrug durchschnittlich zwölf Mark.

Tut ein Arzt mehr für seine Kassenpatienten in einem Quartal und übersteigen seine Rechnungen somit den Durchschnitt, rechnet die Krankenkasse ihm das vor; er erhält dann den Bescheid, daß zusätzliche Leistungen nicht vergütet würden.

Die Einnahmen für die Behandlung von Kassenpatienten betragen 15 bis 20 Prozent des Satzes, der in den Vereinigten Staaten als angemessen gilt; die Lebenshaltungskosten in Deutschlands betragen jedoch 85 Prozent des vergleichbaren Aufwands in Amerika. Ich rechnete mir aus, daß ich 400 bis 500 Kassenpatienten im Monat betreuen müßte, um meine Praxiskosten decken zu können, und weitere 200 Patienten für unseren Lebensunterhalt.

Die Privatpatienten, die 15 Prozent der Krankenzahl einer durchschnittlichen Praxis ausmachen, können finanziell nicht sehr ins Gewicht fallen — vorausgesetzt, sie werden anständig behandelt. Ich selbst war nicht bereit, den doppelten Honorarsatz zu berechnen, wie es in Deutschland weitgehend der Fall und für einen Arzt, der sich ein Haus bauen möchte, anscheinend auch unerläßlich ist.

Dr. Kranz war dafür bekannt gewesen, daß er den doppelten Satz nahm. Wie viele andere Ärzte hatte er zwei Warteräume — einen einfachen mit abwaschbarem Mobiliar für die Kassenpatienten und einen gut ausgestatteten mit besseren Möbeln, mit Teppichen und Vorhängen für die Privatpatienten.

Kinder, deren Väter mehr als 1200 Mark im Monat verdienten, wurden mit großem Entgegenkommen behandelt. Kinder von ärmeren Kassenpatienten mußten hingegen, auch wenn sie zuerst gekommen waren, oft stundenlang warten. Dr. Kranz, so wurde mir gesagt, bat oft zwei bis vier Kassenpatienten auf einmal in sein Sprechzimmer; er sprach mit mehreren Müttern gleichzeitig, machte Injektionen, wog die Patienten und nahm sich selten mehr als fünf Minuten Zeit für einen dieser Patienten.

Die Behandlung von Kassenpatienten ist in den meisten Fällen eine Art Massenabfertigung mit willkürlichen Methoden und Zufallsergebnissen. Es ist daher kein Wunder, daß die Berichte über ernste Erkrankungen, die vom Kassenarzt nicht erkannt wurden, nicht zu zählen sind. Viele Ärzte untersuchen nicht einmal ihre Patienten, sondern lassen sich die Beschwerden schildern und verordnen dann etwas. Andere untersuchen nur das sogenannte Kassenpatienten-Dreieck — den Ausschnitt, der sichtbar wird, wenn ein Patient die oberen drei Hemdenknöpfe öffnet.

Viele deutsche Ärzte wenden merkwürdige Verfahren an, um aus ihrer wirtschaftlichen Misere herauszukommen. Sie verlegen sich etwa auf eine Art Privatmedizin, die mit den modernen medizinischen Erkenntnissen kaum noch etwas oder nichts mehr zu tun hat.

So führt ein mir bekannter Arzt eine ertragreiche Privatpraxis in einem Kurort, indem er hauptsächlich Irisdiagnosen stellt. Er behauptet, innere Krankheiten, auch wenn sie schon zurückliegen, aus den Augen lesen zu können.

Ein anderer hochgeachteter Arzt in einem Nachbardorf hat ein Vermögen mit Verjüngungskuren durch Frischzellentherapie gemacht. Das Honorar für eine Kur mit fünf bis acht Injektionen beträgt etwa 800 Mark — mehr als die Einnahmen aus hundert Hausbesuchen bei Kassenpatienten. Die deutsche medizinische Literatur enthält eine stattliche Zahl von Berichten über die Komplikationen einer solchen Behandlung.

Einige Ärzte locken Privatpatienten mit der Akupunktur, dem alten chinesischen Verfahren zur Behandlung innerer Krankheiten, das darin besteht, die Haut mit goldenen oder silbernen Nadeln zu ritzen oder zu punktieren.

Die Homöopathie ist in Deutschland erstaunlich weit verbreitet. Mehrere große pharmazeutische Firmen produzieren eine Vielzahl von Medikamenten aus stark verdünnten pflanzlichen und tierischen Gewebeextrakten. Hauptvorzug dieser „Heilmittel“ ist, daß sie keine Nebenwirkungen haben. Als Therapeutika sind sie wertlos; doch die Krankenkassen bezahlen für diese kostspieligen Flüssigkeiten, ohne den Nachweis der Wirksamkeit zu verlangen — sie verlassen sich ganz einfach auf Gutachten.

Die bundesdeutschen Krankenkassen scheinen nicht in der Lage zu sein die öffentliche Gesundheitspflege von der öffentlichen Quacksalberei zu trennen. Dies ist eines der vielen Probleme des mit Steuergeldern finanzierten Gesundheitsdienstes.

Da ich nicht bereit war, den üblichen doppelten Honorarsatz zu verlangen, und da ich weder Frischzellen-Therapeut noch Kräuterdoktor bin, konnte ich die geringen Kasseneinnahmen nicht durch hohe Erträge aus meiner Privatpraxis ausgleichen. Meine wohlmeinenden, freundlichen und sehr hart arbeitenden Kollegen konnten mir nur raten, meine amerikanischen Gewohnheiten abzulegen und die deutschen Praktiken so schnell wie möglich zu übernehmen, um wirtschaftlich keinen Schiffbruch zu erleiden.

Ebensowenig konnte ich mich an die ehrwürdige Tradition der Hausbesuche gewöhnen. Die Kassenvorschrift, nach der Hausbesuche nur gestattet sind, wenn der Patient nicht selbst in die Praxis kommen kann, wird nicht beachtet. Bald war ich als der neue Kinderarzt aus Amerika verschrien, der sich weigerte, Hausbesuche zu machen, weil er zu faul war.

Mütter, die zum erstenmal in meiner Praxis erschienen, fragten für gewöhnlich Sie machen doch Hausbesuche, wenn wir Sie rufen, nicht wahr?“

Im August antwortete ich noch: „Ja, in dringenden Fällen, oder wenn ich es für notwendig halte.“

Nach dem 1. September jedoch antwortete ich leutselig: „Ja, gern, wann immer und wohin immer Sie es wünschen.“

Zumindest 90 Prozent meiner Hausbesuche waren freilich unnötig, die übrigen waren großenteils nur aus Mangel an Verkehrsmitteln erforderlich. Ich schlug auch meinen Kollegen vor, unnötige Hausbesuche in der Stadt einzustellen; doch sie erhoben Einwände. So fuhr jeder Kinderarzt weiter jeden Tag durch die Stadt und legte im Durchschnitt täglich 100 Kilometer zurück.

Nun aber fehlte mir noch mehr die Zeit für die Zusammenarbeit mit anderen Ärzten, wie ich sie aus unserer erfolgreichen Gruppenpraxis in Amerika gewohnt war. Während sich Rechtsanwälte und Architekten in Deutschland zu Arbeitsgemeinschaften zusammenschließen, schrecken die Ärzte davor zurück. Jüngere Mediziner, die in den Vereinigten Staaten die Vorteile des Gruppenpraxis-Systems für Ärzte und Patienten kennengelernt haben, werden das womöglich bald ändern.

Ich hatte geplant, in meiner Praxis ein kleines bakteriologisches Labor einzurichten und es auch meinen Kollegen zur Verfügung zu stellen. Diesen Plan gab ich jedoch bald auf. Ich erkannte, daß ich meine ganze Zeit und meine ganze Energie darauf verwenden mußte, möglichst viele Patienten zu behandeln und möglichst viele Krankenscheine zu sammeln.

Niemand schien an dieser medizinischen Unzulänglichkeit Anstoß zu nehmen. Selbst eines der beiden Kinderkrankenhäuser der Stadt (ein Haus mit 300 Betten) konnte keine bakteriologischen Tests machen — und das im Lande eines Robert Koch und eines Paul Ehrlich.

Abermals kam ich mit dem allgemeinen Brauch in Konflikt, als ich keine antibakteriellen Medikamente zur Behandlung der alltäglichen Virus-Infektionen der oberen Luftwege und zur Behandlung von Diarrhöen verordnete. Ich verschrieb weniger Arzneimittel als jeder andere Kinderarzt in der Stadt und plädierte statt dessen für Diät, Kühlungen, richtige Kleidung und eine gesunde Lebensweise im allgemeinen. Trotz solcher sparsamen Verordnungsweise erhielt ich von der Krankenkasse zwei Rechnungen über eine medizinische Seife, die ich einem Patienten mit einer Hautflechte verschrieben hatte. Diese Seife wird, wie viele andere Mittel, von der Krankenkasse nicht bewilligt.

Die Entscheidungen der Kassen, ob sie ein Medikament bezahlen oder nicht bezahlen wollen, entbehren oft jeder Logik. Die Kosten für vorbeugende Keuchhusten-Impfungen werden nicht erstattet, aber der mehrwöchige Klinikaufenthalt für Kinder mit Keuchhusten wird anstandslos bezahlt.

Oft verbrachte ich eine halbe Stunde in einem überheizten Wohnzimmer, damit beschäftigt, ein stark fieberndes, erschöpftes Kind zunächst aus den Tiefen eines gepolsterten Kinderbettes. aus vier Decken <die oberste das in Deutschland übliche Federbett) und aus seinen Gummihüllen zu befreien und das Baby dann dadurch abzukühlen, daß ich es vor den entsetzten Augen der Eltern abwusch.

Sie waren davon überzeugt, daß ihr Kind infolge dieser Behandlung am nächsten Tag eine Lungenentzündung haben würde. Keine der Hunderte von Müttern schien je gehört zu haben, daß ein stark fieberndes Kind abgekühlt werden muß. Alle hingen der Vorstellung von vor 40 Jahren an, daß Fieber mit stärkerer Heizung und dickeren Decken bekämpft werden müsse. Die anderen Kinderärzte schienen keine Zeit zu haben, die Eltern eines Besseren zu belehren. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, hinter ihren Krankenscheinen herzujagen.

Ich verbrauchte viel Zeit mit dem Versuch, meine Patienten zu erziehen und ihnen beizubringen, wie man unnötige Praxis- oder Hausbesuche vermeidet und harmlose Erkrankungen wie die üblichen Erkältungen und einfachen Diarrhöen selbst behandelt.

Es gelang mir vereinzelt, Vertrauen zu erwecken; doch die Mehrheit der Patienten verspürte offenbar Unbehagen. Wie vorauszusehen war, wurde ich nur wenig empfohlen, und meine Praxis erweiterte sich nur langsam.

Dann versuchte ich ein Anmeldesystem einzuführen. Meine Wartezimmer, In denen mehr als 30 Patienten Platz hatten, blieben also leer, die meisten Patienten konnten sofort ins Sprechzimmer kommen. Einer meiner Kollegen hielt dieses Verfahren für untunlich und schlug vor, jeweils 15 Patienten am Nachmittag zur gleichen Zeit zu bestellen: Wartenden Kranken, so sagte er, scheint die Zahl der anderen Patienten zu imponieren, sie gewinnen dadurch Sicherheit und Vertrauen in den neuen Arzt.

Kurzum, indem ich wirksam praktizierte, schadete ich meiner Praxis. Ich schadete ihr auch dadurch, daß ich ehrlich blieb. Beispielsweise konnte ich bei einem kleinen Kind frühzeitig eine Hirnhautentzündung diagnostizieren. Am nächsten Tag brachte mir die Mutter als Zeichen ihrer Dankbarkeit drei Krankenscheine für ihre anderen Kinder. Weil sie jedoch gesund waren, reichte ich die Scheine unausgefüllt ein. Etliche Kollegen, sogenannte Kassenlöwen, hielten das für den Gipfel selbstzerstörerischer Dummheit.

Die betrügerische Unsitte, Krankenscheine auch von gesunden Patienten einzuheimsen, Diagnosen zu erfinden und die Krankenscheine dann bei der Kasse einzureichen, ist weit verbreitet und in mancher Praxis sogar an der Tagesordnung. Da das Honorar für jeden Patienten pro Quartal begrenzt ist, bleibt dies die einzige Möglichkeit, die Bezüge von der Kasse zu erhöhen. Manche Familien sind so gut erzogen, daß sie ihren Ärzten nach Beginn des neuen Quartals Krankenscheine für die ganze Familie vorlegen, von der Großmutter bis zum Kleinstkind, ob sie nun gesund oder krank sind.

Die Regierung hat zwar einmal eine Reform des Krankenkassenwesens angestrebt, nach der die Patienten einen Teil der Arztkosten hätten selbst tragen müssen. Dadurch wäre die Unsitte der Krankenschein-Hamsterei stark eingeschränkt worden. Leider wurde dieser Plan von der Mehrheit der deutschen Ärzte abgelehnt.

Ungefähr 20 Prozent meiner Patienten hatten keine Krankheiten. So vermerkte ich auf ihren Krankenscheinen: „Kind gesund, Untersuchung negativ.“ Und ich war mir darüber klar, daß dafür nichts bezahlt wird.

Vertreter der Krankenkasse erklärten mich aber für töricht. Ihrer Ansicht nach ist bei jedem Patienten irgend etwas nicht ganz in Ordnung, so daß sich immer eine Diagnose stellen läßt. Tatsächlich waren meine vierteljährlichen Einnahmen von der Krankenkasse „beklagenswert niedrig“, wie ein Kassenangestellter gutmütig erklärte.

Um in Deutschland mit einer Arztpraxis Erfolg zu haben, muß der Arzt — so stellte ich fest — bereit sein, es mit seinem Gewissen nicht allzu genau zu nehmen und minderwertige Massen-Medizin zu betreiben. Dennoch wollte ich mich nicht gern an eine Klinik verpflichten, obwohl mir die Chance geboten wurde, als stellvertretender Chefarzt in einem Kinderkrankenhaus tätig zu sein. Solche Stellungen bringen ein Jahresgehalt von ungefähr 35 000 Mark ein. Ich sah mich jedoch nicht in der Lage, mich wieder an ein deutsches Krankenhaus mit einem festangestellten Ärztekollegium zu gewöhnen.

Der Chefarzt der chirurgischen Abteilung ist gewöhnlich gleichzeitig Leiter des Krankenhauses. Das bedeutet, daß er über dem Krankenhaus-Verwalter steht, nicht aber, daß ihm die anderen Stationschefs unterstellt sind. Sie sind vielmehr auf ihrem Stockwerk allmächtig und leiten ihre Abteilungen wie Primadonnen.

Das Jahreseinkommen eines Chefchirurgen beträgt zwischen 80 000 und 200 000 Mark; es liegt damit weit über dem Einkommen jedes anderen Arztes. An zweiter Stelle rangiert der stellvertretende Chefarzt. Er mag die gleiche Arbeit tun wie der Chefarzt, oft sogar noch mehr, und ist in Abwesenheit des Chefarztes der verantwortliche Vertreter — aber er verdient mitunter nur ein Viertel.

Die deutschen Fachärzte kämpfen erbittert um den höchsten Krankenhausposten; gewöhnlich bewerben sich 50 Kandidaten und mehr um eine freie Stelle. Viele stellvertretende Chefärzte erkennen nach Jahren harter Arbeit als zweiter Mann, daß sie die Spitze nie erklimmen werden. So kann es vorkommen, daß ein stellvertretender Chefarzt, der fünf bis zehn Jahre Magen reseziert, Gallenblasen entfernt und Kröpfe operiert hat, plötzlich das Krankenhaus verläßt und sich als praktischer Arzt niederläßt, um für den Rest seines Lebens keine größeren Operationen mehr vorzunehmen — eine ungeheure Verschwendung an Kenntnissen und Erfahrungen.

In den Vereinigten Staaten war ich es gewohnt gewesen, in der pädiatrischen Abteilung eines Krankenhauses als einer unter mehreren Fachärzten tätig zu sein, von denen jeweils einer für die Dauer von zwei Jahren zum Chefarzt gewählt wird. Außerdem ist in den USA jeder Kinderarzt für nur wenige (selten mehr als vier) Krankenhauspatienten verantwortlich und kann ihnen so die beste Fürsorge angedeihen lassen.

In den Krankenhäusern der Bundesrepublik betreut der Chefarzt oft über 200 Betten und soll seine Patienten alle kennen und ihre Behandlung überwachen. Das ist natürlich unmöglich.

Der gesunde Menschenverstand gebietet, diese Mammutabteilungen in kleinere Einheiten zu unterteilen, denen jeweils ein Spezialist mit einem Team von Assistenzärzten und Medizinalassistenten vorsteht. Doch viele deutsche Krankenhäuser mit mehr als 200 Betten verfügen nur über chirurgische und innere Abteilungen, die jeweils von einem Chefchirurgen und einem Chefinternisten geleitet werden.

Die beiden Abteilungen vertreten angeblich alle Fachrichtungen, auch wenn es in der Stadt einen Geburtshelfer, einen Kinderarzt und einen Hals — Nasen — Ohren-Facharzt mit eigener Praxis gibt. Diese Spezialisten haben oft nicht einmal den Status eines Belegarztes, weil der Chirurg und der Internist des Krankenhauses ihre Betten eifersüchtig gegen jeden Eindringling verteidigen. Für die oft sehr gut ausgebildeten Fachärzte ist es entmutigend, ernstlich erkrankte Patienten in ein Krankenhaus einzuweisen und somit einem Kollegen übergeben

zu müssen, der die Probleme ihrer Patienten weniger gut kennt.

Die meisten bundesdeutschen Krankenhäuser führen kein nennenswertes Ausbildungsprogramm für Medizinalassistenten und Assistenzärzte durch, abgesehen von gelegentlichen Lektionen am Krankenbett. Viele Krankenhäuser besitzen nicht einmal eine Bibliothek. Die Mehrzahl der Kliniken würde den amerikanischen Anforderungen für eine Akkreditierung nicht genügen. Ohnehin wird die Ausbildung an deutschen Krankenhäusern in den Vereinigten Staaten nicht anerkannt.

Fraglos ist die Bundesrepublik heute auf manchen Gebieten der Medizin ein unterentwickeltes Land. Einst Lehrstätte der größten Ärzte der Welt, ist Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in der Lage, an die Spitze des medizinischen Fortschritts zurückzukehren.

Es mangelt nicht etwa an brillanten Köpfen oder an Geld; die Nation hat beides reichlich. Das Übel steckt vielmehr in der Krankenhaus-Hierarchie, die jedes Wetteifern um erstklassige Leistungen lähmt, und in dem Krankenkassensystem, das Quantität, nicht aber Qualität belohnt.

Außerdem ist dem Deutschen, gewohnt zu befehlen und zu gehorchen, die Zusammenarbeit auf gleicher Ebene noch neu — das den Amerikanern so vertraute „team work“ und „team spirit“. Solange einsame Genies durch Beobachtung und Laborexperimente bahnbrechende Leistung auf dem Gebiet medizinischer Theorie und Praxis vollbringen konnten, leisteten die Deutschen tatsächlich Großes. Doch die meisten Fortschritte in der modernen Medizin wurden und werden auch künftig durch team work erzielt. Das Wort „team“ aber ist nicht ins Deutsche übersetzbar.

Mit am unerfreulichsten in deutschen Krankenhäusern ist der unnötig lange Klinik-Aufenthalt der Patienten. Durchschnittlich sind es 21 Tage — gegenüber sechs Tagen in den USA.

Da die Kassen Tagessätze zahlen und dieser Satz nur etwa 24 Mark beträgt, wird offenkundig die Entlassung so lange hinausgezögert, bis der Patient sich nur mehr erholt.

Sobald die Intensive Behandlung abgeschlossen ist, sobald also der Behandlungsaufwand geringer wird, kommt das Krankenhaus aus den roten Zahlen heraus. Müßte eine Klinik ausschließlich ernstlich erkrankte Patienten behandeln und sie so bald wie möglich wieder entlassen, würde sie schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten und mehr Subventionen benötigen als andere Häuser.

Es scheint selbstverständlich, daß überfüllte Krankenhäuser erweitert werden müssen, mehr Betten brauchen und neue Gebäude. Das bedeutet auch höhere Gehälter, mehr Macht und größeres Prestige für den Chefarzt und den Verwalter.

Die Stadt, in der ich arbeitete, zählte 310 000 Einwohner und verfügte erstaunlicherweise über mehr als 500 Kinderkrankenbetten. In den Vereinigten Staaten hatte meine pädiatrische Abteilung mit nur 20 Betten einen Bezirk mit 85 000 Menschen betreut. In deutschen Krankenhäusern sah ich in manchen Kinderstationen, wie Jungen in ihren Nachthemden umhersprangen, Kissenschlachten oder andere Spiele machten und herzhafte Mahlzeiten zu essen bekamen. Offenbar wurden diese Kinder nicht gerade wegen einer Krankheit dort behalten.

Aber auch die Patienten bedrängen oft den Arzt, sie in ein Krankenhaus einzuweisen, damit sie für eine Weile dem Beruf oder ihren Hausfrauenpflichten entkommen. Ich verlor mehrere Kassenpatienten, weil ich mich weigerte, sie wegen geringfügiger Krankheiten in eine Klinik zu schicken.

Werden sich die deutschen Ärzte jemals den vielfachen Sklavendiensten entziehen können? Ich wüßte nicht, wie. Die Ärzteschaft ist in rivalisierende Fraktionen und Organisationen zersplittert. Zu keiner Frage äußern sie sieh einstimmig. Es gibt eine Vereinigung für die leitenden Krankenhausärzte, eine für die Medizinalassistenten und Assistenzärzte der Kliniken (den Marburger Bund), zwei für Ärzte mit eigener Praxis (Hartmann-Bund und Verband niedergelassener Ärzte), eine für die Medizinalbeamten, eine für die Vertrauensärzte und so fort. Jede Gruppe vertritt Interessen, die den Interessen der anderen Vereinigungen oft entgegenstehen.

In den häufigen endlosen Verhandlungen mit den Krankenkassen über neue Verträge kämpfen die deutschen Ärzte für Erhöhungen der Honorarsätze um fünf oder zehn Prozent — zum Beispiel dafür, die Vergütung für eine Konsultation mit gründlicher Untersuchung von fünf auf 5,50 Mark anzuheben. Dabei wäre das Dreifache gerechtfertigt.

In den kommenden Jahren wird die Bundesrepublik weiterhin zu den Ländern mit den meisten Ärzten gehören. Gegenwärtig legen etwa 4800 Studenten jährlich das Mediziner-Examen ab; aber nur 2200 Ärzte setzen sich zur Ruhe.

Die medizinischen Fakultäten der Universitäten sind überfüllt. Doch in dem Maße, wie die Zahl der Ärzte zunimmt, wird sich ihre Verhandlungsposition weiterhin verschlechtern. Dann wird es wahrscheinlich zu einer Massenemigration deutscher Ärzte kommen.

Nach sieben Monaten Praxis in Deutschland gelangte ich zu der Überzeugung, in dem herrschenden System meinen Maßstäben als Facharzt nicht gerecht werden zu können. Wie die meisten anderen deutschen Kinderärzte hatte ich keinen Zugang zu Krankenhausbetten. Ich wurde zu einem praktischen Arzt für die jüngere Altersgruppe degradiert, der eine Art Massensiebung vorzunehmen hatte.

In den sieben Monaten meiner Praxistätigkeit hatte ich keine einzige intravenöse Infusion machen können, weder feinere Labortests gemacht noch den Behandlungsplan für einen Diabetiker aufgestellt. Ich hatte keinen Fall von Hirnhautentzündung, Sepsis oder anderer schwerer Infektionen behandelt. Ich hatte nicht einmal eine Röntgenaufnahme des Gehirns, ein Elektrokardiogramm, eine Knochenmarksprobe oder eine Bakterienkultur gesehen. Zur Behandlung von Neu- und Frühgeborenen, meinem Spezialgebiet, war ich nicht hinzugezogen worden.

Ich ertrank im Bürokratismus und wurde mit Broschüren, Memoranden, Berichten und Verfügungen der Krankenkassen überschüttet. Das Honorar, das ich pro Patient und Quartal erhielt, schien mir allein für die Schreibarbeiten angemessen. Erst im letzten Monat verdiente ich genug, um meine monatlichen Praxiskosten in Höhe von 2400 Mark zu decken.

An jedem Werktag machte ich ungefähr fünf Hausbesuche und empfing zehn Patienten in der Praxis, an den Wochenenden erhöhte sich die Zahl meiner Hausbesuche auf durchschnittlich 30. Dazu brauchte ich dieselbe Energie wie für meine Tätigkeit in den USA, wo ich täglich 28 Patienten in meiner Praxis empfing und außerdem noch im Krankenhaus arbeitete.

Am Ende des siebten Monats bot ich meine Praxis zum Verkauf an. Als ich drei interessierten Krankenhausärzten die Bilanz der letzten Monate vorlegte, verloren sie sofort das Interesse. Alle drei gaben aber auch zu, daß sie Angst hätten, die Sicherheit eines Krankenhauslebens gegen den Druck und die Not einer Kinderarztpraxis unter dem gegenwärtigen Krankenkassensystem einzutauschen.

So verkaufte ich den größten Teil meiner Einrichtung und meiner Utensilien und verschenkte den Rest. Die Enttäuschung und der finanzielle Verlust — ungefähr 90 000 Mark — waren beträchtlich.

Als ich aufbruchbereit war, hängte ich ein Schild an die Tür meiner Praxis, das ich — es war Karneval — mit einer Spottfigur dekorierte: „Kinderarzt Bauer ist am Verhungern. Diese Praxis wird am 1. März 1966 geschlossen. Die Krankenkassenpatienten des Dr. Bauer werden im März von einem Vertreter betreut.“

Wenige Tage später erhielt ich ein Schreiben des Vorsitzenden der zuständigen Ärztekammer. Ich erhielt Anweisung, das Schild sofort zu entfernen, da ein so verfehlter Humor mit der Berufsehre der Ärzte unvereinbar sei.

Unter dem herrschenden System des Gesundheitsdienstes im bundesdeutschen Wohlfahrtsstaat wird von Verwaltung, Patienten und Ärzten erwartet, daß sie zufrieden und glücklich sind. Wenn ein tüchtiger und fleißiger Arzt, der gute Arbeit leisten und gleichzeitig die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln ethischer Praxis befolgen möchte, finanziell nicht zurechtkommt und dies auch noch offen eingesteht, stört er diese Illusion.

DER SPIEGEL 9/1968

 

Kurz berichtet – Apikale Aufhellung – ausgeheilt nach Trauma

Von Christoph Kaaden

Im Herbst 2018 stellte sich der damals 10-jährige Milo erstmals bei uns vor.

Hinter ihm lagen mehrere Tage starker Schmerzen und multiple Zahnarztbesuche mit endodontischen Behandlungen seines linken oberen zentralen Schneidezahns.

Erst mit dem gestrigen Beginn der Einnahme eines Antibiotikums stellte sich langsam eine gewisse Besserung ein…

Die Befragung des jungen Patienten ergab, dass er vor circa einem Jahr beim Fußballspielen ein Frontzahntrauma mit Lockerung des Zahnes erlitten hatte. Seit dieser Zeit war der Zahn in unregelmässigen Abständen ohne besondere Befunde kontrolliert worden.

Bei Betrachtung des aktuellen Röntgenbildes ist anzunehmen, dass eine radiologische Untersuchung in der Vergangenheit nicht Teil der Befundung war:

Ausgeprägte apikale Aufhellung bei Zustand nach Frontzahntrauma vor ca. 12 Monaten

Gemeinsam entschlossen sich alle Beteiligten trotz der ausgeprägten apikalen Pathologie weitere endodontische Maßnahmen durchzuführen.

Am Ende  des dritten Behandlungstermins (Behandlungsdauer 2,5h) stellte sich die Situation wie folgt dar:

Und so sah das Recall ein Jahr später aus:

Es sieht so aus, als hat Milos Zahn trotz des Fußballunfalls eine gute Prognose…

 

Recall eines Falls aus der Reihe Herodontics

Dieser Fall wurde von uns bereits hier vorgestellt.
Man kann diesen Fall in die Kategorie: „Erst hatte sie kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.“ einordnen.

Nun haben wir wieder Recallbilder und möchte diese Ihnen nicht vorenthalten.

Nach 36 Monaten erscheint der Desmodontalspalt dezent verbreitert.
Wir haben eine Artikulations- und Okklusionskontrolle empfohlen.

Fall zum Wochenende Teil 4

Heute möchte ich abschließend berichten, wie es mit dem Fall, über den hier, hier und hier berichtet wurde, weiterging.

Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass die Behandlung übel enden wird.

Man kennt das ja, dieses Gefühl, dass einem sagt, man sollte besser die Finger weg lassen vom Behandlungsfall, nicht der endodontischen Situation wegen, sondern wegen der Person, die an dem Zahn dranhängt. Und dann macht man es doch, wider besseres Wissen oder gegen sein Bauchgefühl und prompt wendet sich Alles zum Schlechten.

Toi, toi, toi verlief in diesem Fall alles gut und ohne Nachwehen.

Die Behandlungen im chronologischen Ablauf:

 

2018 Juni

27.06.2018 Untersuchung/Besprechung

 

2018 September

03.09.2018 Zahn 46 Behandlungsitzung 1 – Trepanation, Erschließung der Wurzelkanäle, vorhandene Restvitalität!, initiale Wurzelkanalaufbereitung

11.09.2018 Zahn 46 Behandlungssitzung 2 – vollständige Wurzelkanalaufbereitung

17.09.2018 Zahn 46 Behandlungsitzung 3 – Intensive Spülungen, Austausch der  medikamentöse Einlage Ledermix vs. Calciumhydroxid

2018 November

12.11.2018 Zahn 46 Behandlungssitzung 4 – WF

2019 Februar

04.02.2019 Zahn 45, Behandlungssitzung 1- Entfernung Krone, Entfernung Wurzelstift, initiale Wurzelkanalbehandlung, um Patency sicherzustellen als Voraussetzung für Weiterbehandlung, Aufbau des Zahnes mit Composite

12.02.2019 Zahn 45, Behandlungssitzung 2- Präparation für Kunststoffkrone, Kunststoffkrone (Protemp Garant, leider nicht röntgensichtbar) mit Rely X eingegliedert

21.02.2019 Zahn 45, Behandlungssitzung 3- Aufbereitung

28.02.2019 Zahn 46, Behandlungssitzung 5 – postendodontische Stabilisierung mit Composite

2019 Mai

09.05.2019 Zahn 45, Behandlungssitzung 4 – WF

28.05.2019 Zahn 45, Behandlungssitzung 5 – Glasfaserstift mit Rebilda eingegliedert

2019 Dezember

05.12.2019 Recall Zahn 46 13 Monate nach WF, Zahn 45 6 Monate nach WF

Und hier die Röntgenbilder im zeitlichen Verlauf.
Schön zu sehen, die Knochenregeneration im Laufe der Zeit.
Nicht nur apikal  46 und 45, sondern an Zahn 46 sowohl  distal wie auch interradikulär eine ebenso deutliche wie erfreuliche Verbesserung der ossären Situation gegenüber dem Ausgangsbefund.

 

 

 

 

Mein endodontischer Alltag

von Jörg Schröder

Neben dem einen oder anderen besonders lehrreichen oder gar aussergewöhnlichen Behandlungsfall besteht mein endodontischer Alltag zu mehr als 90 Prozent aus endodontischen Revisionsbehandlungen. Ein Umstand, den ich inzwischen als sehr erfrischend, weil abwechslungsreich, empfinde.

Die Anzahl der möglichen Hürden geht über die einer Erstbehandlung hinaus, da es neben den anatomischen auch noch materialtechnische Herausforderungen zu meistern gilt.

Nicht nur Krümmung, Radius derselben, Arbeitslänge, initiale Kanalweite gilt es zu berücksichtigen. Es kommen hinzu Befestigungsart der Wurzelstifte/-schrauben, Art der retentiven Oberfläche, Passgenauigkeit der Stifte im Kanal, Art der Restauration (Füllung, Krone) Kofferdamfähigkeit der Behandlungssituation, iatrogene Stufen, Art der Obturationsmaterialien und noch einige Dinge mehr.

Der nachfolgende Fall bringt vieles mit, was meinen endodontischen Alltag interessant macht. Adhäsiv befestigte Wurzelstifte mit maximalen Retentionsrillen, X-Bein (ich hatte hier berichtet), obliterierte Kanäle, präendodontischer Aufbau, massive gegossenen Stiftaufbauten mit sehr guter Passung, abrupte apikale Krümmung (16 DB). Die Behandlung jedes Zahnes erfolgte einzeitig.

Ein schöner Alltag, wie ich finde. Langweilig ist definitiv anders.

DICOM Export Pflicht vorerst ausgesetzt

Weil wir im Kreise der WURZELSPITZE – Autoren gerade das Thema hatten, vielleicht auch für den einen oder anderen hier noch nicht bekannt und interessant/ wichtig: Die für 01.01.2020 vorgeschriebene Pflicht des Exportes von Röntgenbilder im DICOM – Format ist vorerst ausgesetzt. 

Eine entsprechende Quelle findet man hier.

Hintergrund – Die Industrie hat nicht rechtzeitig die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, es müssten demnach eine Vielzahl von Röntgeneinrichtungen vorübergehend stillgelegt werden.

Das freut sich zumindest eine mir bekannte Kollegin, der man von Deoptseite her angekündigt hatte, ihr wenige Jahre altes Röntgengerät sei nicht DICOM – kompatibel und müsse gegen ein neues getauscht werden.

 

 

 

 

Frontzahntrauma – das klinische Vorgehen.

von Jörg Schröder

Mit schöner Regelmässigkeit stellen sich in meiner Praxis sehr junge Patienten vor, die nach einem vor Wochen oder gar Monaten erlittenem Frontzahntrauma Beschwerden entwickeln. Die Erstversorgung ist also loco bereits erfolgt und leider führt genau diese Erstversorgung dazu, dass Behandlungsoptionen verloren gehen, die selbst bei komplexen Verletzungen eine Vitalerhaltung der pulpalen Gewebe ermöglichen könnten.

Diese junge Patientin, 9 Jahre alt, erlitt nach einem Sturz vor 3 Wochen offensichtlich eine Kronenfraktur an den Zähnen 21 und 11.

Nach der Initialversorgung der Dentinwunde mit Komposit – die frakturieren Kronenanteile waren am Unfallort in einem Dentosafe gelagert worden und konnten aufgrund der unfallbedingten Blutung aus den verletzten parodontalen Geweben nicht wiederbefestigt werden – wurde zunächst ein abwartendes Vorgehen empfohlen. Anamnestisch konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, ob es sich um eine komplizierte (mit Pulpaeröffnung) oder eine unkomplizierte Kronenfraktur handelte.

Nachdem an Zahn 11 eine deutliche Berührungsempfindlichkeit auftrat, suchten die Eltern Rat an einer Universitätsklinik. Es war Ihnen empfohlen worden, den Versuch einer Revaskularisierung unternehmen zu lassen. Da in der universitären Einrichtung ein etwaiger Behandlungstermin erst 8 Wochen später realisierbar gewesen wäre, wendeten sie sich an eine von der Klinik empfohlene Praxis.

Dort wurde, da der Sensibiltätstest mit Kälte negativ ausfiel, Zahn 11 ohne Anästhesie im Bruchbereich trepaniert und …… . Überraschung: es blutete und die Patientin war alles andere als begeistert. Daraufhin wurde Calxyl eingelegt und die Trepanationsöffnung mit einem Fissurenversiegelungsmaterial verschlossen. Es erfolgte die Überweisung an mich.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die empfohlene Praxis gar nicht in der Lage war, eine regenerative/ reparative Pulpabehandlung durchzuführen. Eine Aufklärung über das geplante Vorgehen erfolgt zudem auch nicht, es wurde einfach trepaniert!

Am Tag der Erstuntersuchung bei mir zeigten alle Oberkieferfrontzähne eine reproduzierbar positive Antwort auf den elektrischen Reiz. Eine ausbleibende Reaktion auf den Kältetest wird leider immer noch als ein sicheres Zeichen einer Pulpanekrose angesehen. Dabei kann es nach einem Frontzahntrauma bis zu 9 Monaten dauern, bis sich eine Sensibilität wieder einstellt. Dasselbe gilt für transiente apikale Aufhellungen. Insbesondere bei Dislokationsverletzungen. Diese sind eben kein sicheres Zeichen einer Pulpanekrose, was die Ableitung der „richtigen“ Therapie jetzt nicht unbedingt erleichtert.

Empfehlenswert und deutlich reproduzierbarer ist der elektrische Sensibiltätstest, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass dieser gerade bei jungen Patienten nicht zuverlässig ausfallen kann, da diese sehr schnell herausfinden, was „gut“ (ja, merke ich) oder „schlecht“  (nein, ich merke nichts) für sie ist.

Es empfiehlt sich immer, sicher nicht betroffene Zähne mit zu überprüfen, um die Befunde korrekt einschätzen zu können.

Da sich im Einzelbild eine die klinische Krone diagonal verlaufender Frakturlinie zeigte, wurde zur Klärung einer eventuell bestehenden Kronen-/Wurzelfraktur ein kleinvolumiges DVT erstellt.

Und, wie so oft, brachte dieses Licht ins Dunkel.

Durch den Sturz kam es offensichtlich zu einer partiellen Aussprengung eines palatinalen Kronenanteils, die bis in die Wurzel hineinreichte. Die Frakturlinie selbst hatte keinen Kontakt zum Pulpakammerhohlraum. Durch die Einblutung in den palatinal gelegenen Frakturspalt kam es zu einer Dunkelverfärbung der klinischen Krone. Diese wurde durch ein deutliches Leakage des Dentinwundenverschlusses aus Komposit verstärkt.

Die Probetrepanation, die in Wirklichkeit leider nicht auf Probe, sondern eine erfolgreiche war, führte zu einer weiteren Einblutung in den verbliebenen Kronenanteil.

Den Eltern der kleinen Patientin habe ich daher folgendes Vorgehen empfohlen:

  • Entfernung der Erstversorgung an Zahn 11 und Pulpotomie im Gesunden, falls sich die Pulpa am Behandlungstag elektrisch sensibel und klinisch vaskularisiert darstellt.
  • Entfernung des palatinalen Kronenfragmentes nach chirurgischer Darstellung und adhäsive Abdeckung der freiliegenden Dentinareale mittels Flow-Komposit.
  • Reattachment des beim Unfall frakturierten Kronenanteils mittels Komposit.

Eine vollständige Herstellung des palatinalen Volumens der Krone mittels Komposit erschien aufgrund der subcrestalen Lage der Fraktur nicht erstrebenswert. Ein kieferorthopädische Extrusion kann zu Verbesserung der parodontalen Verhältnisse zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werden.

Die Pulpotomie erfolgte unter absoluter Trockenlegung. Die Kofferdamklammer fixierte dabei das palatinale Fragment durch nach vestibulär gerichteten Druck der palatinalen Klammeranteile. Die Kompositfüllung liess sich mittels Scaler absprengen. Darunter zeigte sich das Ausmass der Undichtigkeit.

Die Pulpotomie wurde bis in eine Tiefe hin durchgeführt, die eine Kontamination der Pulpa durch auf der Bruchstelle freiliegende Dentintubuli als unwahrscheinlich erachtet werden konnte. Ebenso sollten unerwünschte Auswirkungen der Begleitmassnahmen (Ansätzen, Bonden) der adhäsiven Abdeckung auf die Pulpa vermieden werden. Dazu wurde am DVT die Strecke bis zur palatinalen Bruchkante ausgemessen und die Pulpa bis in den Wurzelbereich reduziert.

Nach chirurgischer Darstellung der Frakturstelle, hier ist eine optimale Hämostase wichtig, konnte das mitgebrachte Kronenfragment adhäsiv befestigt werden.

Anschliessend wurden die fehlenden Kronen-/Wurzelanteile mittels Flowkomposit bestmöglich rekonstruiert. Ein geringer Unterschuss am Übergang zur Bruchstelle wurde dabei bewusst in Kauf genommen, um die Irritationen der parodontalen Gewebe durch Kompositmaterialien so klein wie möglich zu halten.

Zum Abschluss erfolgte die Reposition der mobilisierten Gewebe und die Fixierung mittels zweier Einzelknopfnähte 7/0.

Das Recall wird von mir schon mit Spannung erwartet:

Wird es die Pulpa in Zahn 11 schaffen? Wie entwickelt sich die Situation an Zahn 21, der im DVT klar Zeichen einer zurückliegenden lateralen Dislokation aufweist?

Nichtbehandlung (III)

Von Christoph Kaaden

 

In dieser Woche haben wir diesen Traumafall (I und II) abschliessen können.

Während die Zähne 12 und 21 die vormaligen Verletzungen und deren Therapie (bisher) gut überstanden haben zeigte Zahn 11 alle Anzeichen einer Pulpanekrose.

Daher haben wir uns für die Durchführung einer endodontischen Therapie entschieden.

Hier die Behandlungsabfolge:

Die nächste Kontrolle in sechs Monaten muss zeigen, wie sich die bisher überwiegend positiven Befunde weiterhin entwickeln…

P.S.: Sieht man da bei der Gegenüberstellung von Prä-OP zu Post-OP an 12 ein Bridging?

 

Bezugsquelle Produkte Meta Biomed in Deutschland

Weil es sicherlich von allgemeinem Interesse ist, antworte ich auf die Frage nach der Bezugsquelle der Meta Biomed-Produkte nicht in den Kommentaren zu den Artikeln hier und hier, sondern in diesem Beitrag.

Bei dem verwendeten Calciumhydroxid handelt es sich um „Metapex“ der Firma Meta Biomed. Das Präparat ist nicht in Deutschland offiziell erhältlich. Grund ist eine nicht vorhandene Zulassung.

Es gab und gibt vermutlich nachwievor den Bezug über ADS /Vaterstetten.

Ich habe das Material allerdings, wenn immer möglich, von meinem USA-Besuch des New York Greater Dental Meeting mitgebracht. Zum Messe-Vorzugspreis, der im Hinblick für die von uns im Zeitraum benötigte Menge sogar die Flugkosten (ich flog allerdings immer Economy, nur das keine Missverständnisse aufkommen)  ,-) überkompensierte.

In Deutschland frei erhältlich ist das jodidfreie Alternativpräparat „Metapaste“.

Allerdings bleibt das Problem, das Meta-Produkte in Deutschland nur schwer erhältlich sind. Der einfachste Weg ist vermutlich, sich direkt an das Deutschland- Büro mit Sitz in Mühlheim zu wenden. Frau Park ist Koreanerin und spricht Deutsch.

Frau
Sinny Park
META BIOMED EUROPE GMBH
Wiesenstraße 35
45473 Mülheim an der Ruhr
Tel +49 208 309 91910
Fax +49 208 30 991 999

europe@meta-europe.com

 

Oder eine Email (in englischer Sprache) an den Präsident Meta Biomed USA/Südamerika/Europa Mr. Ian Yun.

ian@metabiomed-inc.com

Es ist zu sehen… (3)

Im dritten Beitrag zu diesem Fall möchte ich Ihnen nun die gesamte Behandlung vorstellen.

Im Beratungsgespräch erwähnte der Patient, nachdem wir ihn auf mögliche operative Eingriffe an den Kieferhöhlen angesprochen haben, daß vor mehr als 10 Jahren mehrfach an der Kieferhöhle operiert wurde. Später waren dann immer wieder mal Beschwerden, wenn er erkältet war oder beruflich stark gefordert war. „Und, ja,  die waren dann auch immer mal so, wie jetzt. Allerdings stärker ausgeprägt.“

Die vom Patienten angegebenen Beschwerden führten wir auf die unbehandelte Wurzelkanalstruktur im Zahn 24 zurück. Der Patient selbst bezweifelte dies.
Der mehrfach behandelte Zahn 25 wurde von uns revidiert. Es zeigte sich nach der Behandlung, daß die Beschwerden nahezu unverändert vorhanden waren.

Nach einiger Wartezeit, die sich der Patient ausbat, um möglicherweise doch noch Beschwerdefreiheit zu erreichen ohne Revision am Zahn 24, haben wir dann 24 doch revidiert.

Im DVT zeigte sich eine erhebliche Stufe in der mesiobukkalen Wurzel. An dieser mussten wir eine Mikroperforation (buccal) diagnostizieren. Patency ließ sich auf Grund einer apikalen, für uns trotz längerer Versuche nicht zu lösenden Blockierung, nicht erreichen. Die aufbereitete Kanalstruktur wurde bis zur Perforationsstelle gefüllt. Danach wurde mit einem ProRoot MTA Plug die Perforation verschlossen. Palatinal und mesiodistal gelang die Aufbereitung ohne größere Probleme und nach einer abschließenden Desinfektion erfolgte die thermische Obturation.

Bereits nach der ersten Behandlungssitzung am Zahn 24 haben sich die Beschwerden des Patienten deutlich reduziert. Zum Wurzelfüllungstermin war der Patient beschwerdefrei.

 

Anbei die Folien zur beschriebenen Behandlung.

Fall zum Wochenende Teil 3

Bislang berichtet wurde über diesen Fall hier und hier.

Wie ging´s weiter.

Ich hätte nicht übel Lust gehabt, die Behandlung gar nicht erst anzufangen.
Zur Erinnerung. Die Patientin betrat auf Grund einer Wartezeit von 30 Minuten zutiefst erzürnt das Behandlungszimmer.
Aber CAVE – gerade solche Patienten bergen auch bei Nichtbehandlung ein hohes Konfliktpotential. Eine wohl abgewogene Vorgehensweise ist zwingend erforderlich, zumindest sinnvoll, will man noch mehr Schwierigkeiten im Nachgang vermeiden.

Und in unserem Falle hatte die Patientin ja in der Tat 30 Minuten gewartet, das war Fakt, egal wie man ihren furienhafter Auftritt für sich selbst bewerten möchte.

Ich habe also die endodontische Behandlung, wie für die erste Behandlungssitzung anvisiert, durchgeführt. Es war extrem schwierig, aber ich konnte die Kanäle apikal  erschliessen und Patency herstellen, so dass aus meiner Sicht eine Weiterbehandlung als sinnvoll anzusehen war.

Dies habe ich der Patientin mitgeteilt.
Und sie anschließend an ihre Hauszahnärztin zurücküberwiesen.

„Wir haben die Voraussetzungen geschaffen dafür, dass ihre Hauszahnärztin die Behandlung wie von Ihnen gewohnt, weiter- und zu Ende führen kann.“

DAS allerdings wollte die Patientin aber auch nicht. Resolut antwortete sie : „Ich möchte, das SIE die Behandlung weiterführen!“

„Es tut mir leid, aber ich sehe mich ausserstande, ihre zeitlichen Erwartungen Ihnen garantieren zu können“, erwiderte ich.

Darauf die Patientin kühl:  „Ich denke, wir sollten das Ganze professionell angehen. Ich war verärgert. Und ich habe, das ist mein gutes Recht, meinem Ärger Ausdruck gegeben. Ich betrachte die Angelegenheit damit als erledigt.“

Und – um es vorweg zunehmen, genau so handhabte sie das die weiteren Behandlungstermine. Als hätte es ihren Auftritt nie gegeben.

Nachfolgend 3 Zahnfilme. Vor der Behandlung, nach Applikation CaOH2, nach WF.

 

 

 

 

Frontzahntrauma – und dann?

von Jörg Schröder

Mit schöner Regelmässigkeit stellen sich in meiner Praxis sehr junge Patienten vor, die nach einem vor Wochen oder gar Monaten erlittenem Frontzahntrauma Beschwerden entwickeln. Die Erstversorgung ist also loco bereits erfolgt und leider führt genau diese Erstversorgung dazu, dass Behandlungsoptionen verloren gehen, die selbst bei komplexen Verletzungen eine Vitalerhaltung der pulpalen Gewebe ermöglichen könnten.

Diese junge Patientin, 9 Jahre alt, erlitt nach einem Sturz vor 3 Wochen offensichtlich eine Kronenfraktur an den Zähnen 21 und 11.

Nach der Initialversorgung der Dentinwunde mit Komposit – die frakturieren Kronenanteile waren am Unfallort in einem Dentosafe gelagert worden und konnten aufgrund der unfallbedingten Blutung aus den verletzten parodontalen Geweben nicht wiederbefestigt werden – wurde zunächst ein abwartendes Vorgehen empfohlen. Anamnestisch konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, ob es sich um eine komplizierte (mit Pulpaeröffnung) oder eine unkomplizierte Kronenfraktur handelte.

Nachdem an Zahn 11 eine deutliche Berührungsempfindlichkeit auftrat, suchten die Eltern Rat an einer Universitätsklinik. Es war Ihnen empfohlen worden, den Versuch einer Revaskularisierung unternehmen zu lassen. Da in der universitären Einrichtung ein etwaiger Behandlungstermin erst 8 Wochen später realisierbar gewesen wäre, wendeten sie sich an eine von der Klinik empfohlene Praxis.

Dort wurde, da der Sensibiltätstest mit Kälte negativ ausfiel, Zahn 11 ohne Anästhesie im Bruchbereich trepaniert und …… . Überraschung: es blutete und die Patientin war alles andere als begeistert. Daraufhin wurde Calxyl eingelegt und die Trepanationsöffnung mit einem Fissurenversiegelungsmaterial verschlossen. Es erfolgte die Überweisung an mich.

Wie sähe ein alternatives Vorgehen aus? Welche Befunde sind zu erheben? Welche Behandlungsoptionen bestehen? Wie lautet die vermutlich richtige Diagnose der Verletzung? Wie ist der negative Kältetest einzuschätzen?

Die Auflösung gibt es am Freitag. Bis dahin freue ich mich über die rege Nutzung der Kommentarfunktion.

 

Jahresrückblick 2019

Viele Dinge, die angesprochen werden sollten, finden sich hier wieder.

Ich fand es fast durchgehend zutreffend und keine Sekunde langweilig.

 

In den YouTube – Kommentaren habe ich dann den Hinweis auf den SPON – Veriss gefunden

 

https://www.spiegel.de/kultur/tv/dieter-nuhr-satirischer-jahresrueckblick-in-der-ard-a-1302145.html#js-article-comments-box-pager

Und empfehle, danach die Kommentare zu studieren.

 

 

 

Vom Cavit-Saulus zum MD Temp Plus-Paulus

Viele Jahre lang, eigentlich mein gesamtes zahnärztliches Schaffen hindurch habe ich kein Cavit benutzt. Diese zunächst weiche, klebrige Masse, die sich nicht adäquat formen und ausarbeiten lässt. Und beim Ausbohren sich genauso ätzend, weil verschmierend verhält. Nicht dauerhaft kaustabil ist. Auch die vermeintliche Zeitersparnis bei Legen relativiert sich, vorausgesetzt, man benutzt zum Verschluss der endoodntischen Zugangskavität einen schnellabbindenden Glasionomerzement. Welcher innerhalb von 2 Minuten ausgehärtet und okklusal adäquat adjustiert ist. Diesen „unnötigen“ Luxus gönn ich mir. Der sich immer wieder auszahlt. Weil eben kein Patient unvorhergesehen in der Praxis steht, dem das Cavit- Provisorium verlustig gegangen ist oder  – Szenario 2 – zur Weiterbehandlung sich vorstellt mit einem seit Tagen schon offenen Zahn, er aber die Praxis nicht extra aufsuchen wollte. „Ich hatte doch den Termin sowieso.“ 

Na, kommt das bekannt vor ? 

Und dann hatten wir noch das Problem, dass unser Cavit (aus der Tube wohlgemerkt) nach der Erstentnahme zwangsläufig trotz Schraubverschluss vor sich hin atmend zum Zeitpunkt der Wiederverwendung sich als ausgehärtet und damit unbrauchbar präsentiert. 

Dabei hat das Material sehr wohl in der Endodontie Vorteile.
Oder sollte ich besser den Singular gebrauchen, einen großen Vorteil. Es ist ein sehr dichtes Material. Das dichteste überhaupt sogar, das darüberhinaus leicht feuchtigkeitsaffin sich präsentiert. Ein im Hinblick auf zu verwendende medikamentöse Einlagen im Wurzelkanal sicherlich ein nicht unwillkommenes Produktmerkmal. 

Aber – am Ende des Tages reichte das alles nicht aus, um die Bedenken bzw. die Tag für Tag erlebten Nachteile zu überkompensieren. 

Cavit kam daher in unserer Praxis nur sehr selten bis gar nicht zum Einsatz.
Zum Beispiel seit kurzem im Notdienst.
Seit uns von KZV-Seite her verboten wurde, Füllungen zu legen, wenn ein Patient mit rausgefallener Restauration dort sich vorstellte.
Das sei unkollegial.
Und beim Schmerzpatienten eine Lege Artis Endo (VitE, WK) durchzuführen sei unwirtschaftlich. Und Röntgen im Notdienst so gut wie nie notwendig. O Tempora, o mores ! Oder, wie es der geschätzte Kollege und „Memorix Zahnmedizin“- Autor Thomas Weber in einem Satz zusammenfasst #Deutschland_ist_nicht_zu_retten.

Da kam dann eine Produktprobe von Meta Biomed gerade richtig.

Erinnern Sie sich noch ? 
Früher konnte man neue oder unbekannte Produkte ausprobieren.
Weil die Firmen diese kostenlos zur Verfügung stellten.
Heute ist diese Geste – die (mit Speck fängt man Mäuse) sicherlich eine sinnvolle war, allerdings den Controllern in den Firmenbuchhaltungen, weil nicht quantifizierbar, offensichtlich nicht zu vermitteln ist – eigentlich nicht mehr vorhanden.
Der Hinweis auf das Anti – Korruptions- Gesetz bietet den Firma einen willkommenen Alibi-Lendenschurz für das Nicht-Zahlen-Wollen. Sei es drum. 

Auf der IDS 2017 kam mir eine Döschen MD Temp in die Hände. 

Lag danach in irgendeinem Schrank verborgen.
Bis zum dem Tag, an dem wieder einmal die Hiobsbotschaft verkündet worden war, die Cavit-Tube sei eingetrocknet. 

Fast Forward.
MD Temp Plus. Kam. Sah. Siegte.

Dieses Material macht- zu deutlich kleinerem Preis – alles viel viel richtiger, besser als der Marktführer. Die Konsistenz ? Nicht zu weich, nicht zu fest. Und vor allem nicht klebrig. 

Das Resultat. Nicht nur, dass Cavit aus unserer Praxis fast vollständig verdrängt wurde, vielmehr hat sich durch MD Temp Plus unser endodontischer Workflow – man möge fast schon sagen – revolutionär – verändert.  Wir setzen MD Temp Plus in jedem einzelnen endodontischen Fall ein. Nach Applikation der medikamentösen Einlage folgt – seit vielen Jahren – zunächst die Abdeckung mittels sterilem Teflonband. Gegen Feuchtigkeit aus dem Wurzelkanal kann so wirkungsvoll agiert werden.  Soweit,  so gut, so bewährt, so bekannt. Eventuell verbliebene Restfeuchtigkeit, sie denn noch vorhanden sein sollte, toleriert das in einer ca. 2 mm dicken Schicht eingebrachte  MD Temp Plus souverän. Den Abschluss bildet wie gewohnt  die kaustabile Deckfüllung aus Glasionomerzement, auch dieses Material in geringem Maße feuchtigkeitsverzeihend. 

Alles in Allem erreichen wir so auf schnelle Art und Weise eine kaustabile, dauerhafte, baktiereindichte Deckfüllung, die sich in der nächsten Sitzung schnell und einfach wieder entfernen lässt.  Und das  MD Temp Plus sogar etwas weniger schmiert als Cavit.

Das Döschen hält im Übrigen sehr lange. Erfreuliches Detail –  ein vorzeitiges Aushärten musste nicht, wie früher so oft,  festgestellt werden. 

Mein Fazit: Uneingeschränkte Empfehlung. MD Temp Plus – ein Material, dass wir nicht mehr missen wollen.