Koryphäenkiller einmal anders

von Rahald Birdele

Der Patient (ein junger Teilhaber einer renommierten Unternehmensberatung) kam zu mir, nachdem er in Köln bei einem ihm wärmstens als äußerst kompetent empfohlenen Zahnarzt war. Eine absolute Koryphäe, wie sein Arbeitskollege ihm wortwörtlich versicherte. Er besuchte diesen Zahnarzt im Juni, da er massiv Zahnschmerzen hatte. Dort wurde eine Wurzelbehandlung begonnen, mit abschliessender Med (CaOH2) und prov. Verschluss (Ketac). Als er wieder zuhause in München war und immer noch starke Schmerzen hatte, rief er seinen Freund an, einen Zahnarzt aus Bad Reichenhall, und bat um ortsansässige Hilfestellung im Raum München.

So kam der Patient zu uns.
Beim ersten Termin fertigte ich ein diagnostisches Röntgenbild vor der Behandlung an (2.jpg). Man erkennt zwar eine Trepanationskavität, aber das eigentliche Pulpakavum vermutet man etwas weiter darunter. Nach Entfernung der Ketacfüllung dann das Bild (1.jpg): Der Vorbehandler hat das Pulpadach an drei Stellen kunstvoll trepaniert, und zwar an genau den Stellen, wo sich der mb1, der db und der pal Kanal darunter befanden. Die waren auch initial instrumentiert, aber es war noch reichlich vitales Gewebe vorhanden. Nach der kompletten Entfernung des Pulpadaches war auch der bislang unentdeckt gebliebene mb2 leicht instrumentierbar. Das orthograde Röntgenbild nach Wurzelfüllung zeigt  eine stark gekrümmte mesiobukkale Wurzel, ein Eindruck, der sich in der exzentrischen Aufnahme noch verstärkt. Der Patient war nach unserer ersten Behandlung vollkommen schmerzfrei und ist es bis heute geblieben.

Sicher wäre es zu einfach, jetzt den Stab über den Erstbehandler zu brechen. Vielleicht kamen mehrere ungünstige Umstände, vor denen keiner gefeit ist, zusammen, so dass ein solch kompromissbehaftetes Ergebnis der Schmerzbehandlung resultierte. Allein – am Ende zählt nur, wer dem Patienten die Schmerzen nimmt und dafür bedurfte es im vorliegenden Fall keiner Koryphäe sondern nur einer stimmigen und stringenten Behandlungssystematik.

Neuwagen verwettet, und die E – Gitarre dazu

von Hans – Willi Herrmann

„Ich habe sehr starke Schmerzen und jetzt kann ich auch genau sagen, wo sie herkommen“.
Sagt der Schmerzpatient, männlich, Mitte 20.
Wir sind mitten im Notdienst.
Es ist Samstag abend, um uns rum tobt der Bär in der Stadt. Rheinland Pfalz – Tag,  Polarkreis 18 und DSDS – Sieger für die Jüngeren, Foreigner und ACDC Coverband für deren Eltern. Das Wetter ist traumhaft und alle Leute, die uns kennen, bedauern uns, dass wir so gar nichts mitbekommen von all dem, was so abgeht in der Stadt, aber wir haben uns das ja nicht ausgesucht.
Der junge Mann sicherlich auch nicht, denn er hat seit 3 Monaten Schmerzen, aber bisher konnte nicht herausgefunden werden, wo diese herkommen.

Seine Stationen der Schmerzsuche waren: Hauszahnarzt, Kieferchirurg, Hausarzt, HNO – Arzt.

Von Letzterem bringt er uns eine Schädelaufnahme mit in den Notdienst, wegen der Kieferhöhlen. Nichts zu sehen, alles okay.
Ein paar Wochen alt, aber da konnte er auch noch nicht genau angeben, wo die Schmerzen herkommen.

Jetzt ist das anders.

Er zeigt auf den Zahn 24, der eine Krone trägt. „Der ist es !“, sagt er.
Er ist sich ganz sicher.

Ich klopfe auf den Zahn.
Keine Schmerzreaktion. Hätte ich angesichts seiner Schilderung anders erwartet.
Ein Kältetest fällt negativ aus. Das spricht für den Zahn als Übeltäter, allerdings hätte dann besagter Klopftest eigentlich positiv ausfallen müssen.

Die klinische Untersuchung des Oberkiefers bringt keine Hinweise.
Die klinische Erfahrung sagt, irgendwas stimmt hier nicht, auch wenn der Patient sich seiner Sache sicher ist.
Was tun ?
Ganz klar, misstrau der Aussage des Patienten.
Wie sieht es im Unterkiefer aus ?
Aber auch der linke Unterkiefer ist unauffällig, von einer insuffizienten Kunststofffüllung an Zahn 36 abgesehen.
Aber die Schmerzen kommen ja eindeutig aus dem Oberkiefer.

„Welcher Zahn macht die Schmerzen ?“ Ich frage noch einmal.
Der Patient zeigt wieder auf den Zahn 24 mit der Krone.

Ich fertige ein Röntgenbild an  von Zahn 24 und, weil ich der Sache nicht traue, auch noch eins von Zahn 36.

Wie stark sind die Schmerzen auf einer Skala von Null bis Zehn ? „Null“ heißt gar keine Schmerzen, „Zehn“ heißt die Schmerzen sind so stark, dass sie am liebsten hier aus dem Fenster springen wollen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

„Acht“.

Das ist eine Ansage.
Dann muss es ja wirklich schlimm sein. Und ein Zahn muss der Schmerzauslöser sein.

Die Röntgenbilder sind da.

Zahn 24 ist wurzelbehandelt.
Daher auch der negative Kältetest. Eventuell hat der Zahn eine diffuse apikale Aufhellung, eventuell ist die WF zu lang und eventuell steckt ein Instrument im Wurzelkanal. Oder ist es ein Stift ? Auf jeden Fall nichts im Röntgenbild zu sehen, was die These des Patienten vollends bestätigen würde, der Zahn sei der Schmerzauslöser, aber auch nichts, was grundsätzlich dagegen spricht.

Der Zahn 36 hat eine tiefe Karies unter der Füllung, die zumindest bis in unmittelbare Nähe der Pulpa reicht.

Ich bin sicher, der Zahn 36 ist der Schmerzauslöser.
Aber der Patient will sein fast neues Auto und seine E- Gitarre verwetten, dass die Schmerzen aus dem Oberkiefer kommen.

Ich überzeuge ihn, den behandlungsbedürftigen Zahn 36 anzugehen.

„Lassen Sie mich diesen Zahn betäuben“, schlage ich vor.  „Wenn er der Schmerzauslöser ist, werden die Schmerzen durch die Anästhesie verschwinden“.

Er ist einverstanden.
Ich setze die Lokalanästhesie.
2 Minuten später sind die Schmerzen verschwunden.

Es folgt die Kariesexkavation, dann eine Kunststoffüllung zur bakteriendichten Abschluss, danach Kofferdam und die Wurzelkanalbehandlung.

Am nächsten Tag kommt der Patient zur Nachkontrolle.
Die Schmerzen sind weg.

Was lernen wir ?
Bei länger vorhandenen Zahnschmerzen, deren Ursache nicht gefunden werden kann, immer dran denken, dass Zähne aus dem Gegenkiefer die Schmerzauslöser sein können und gezielt diese in Augenschein nehmen. Und – nicht immer ist der Zahn, den der Patient als Schmerzursache wähnt, der wahre Übeltäter. Es kann ein ganz anderer Zahn sein, der weit weg ist von der vermeintlichen Ursache und der kann sogar in einem anderen Kiefer beheimatet sein.

Sekundärkaries 36

Sekundärkaries 36

Diffuse apikale Aufhellung 24

Diffuse apikale Aufhellung 24