Denn sie wissen nicht, was sie tun!

von Harald Vögele

Vorweg möchte ich sagen, dass ich dem Gründer dieses Blogs und der kleinen eifrigen Gruppe um Ha-Wi Herrmann sehr dankbar bin für das, was sie tun. Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit uns zu teilen und uns an Ihren Einblicken im Bereich Endodontie und auch darüber hinaus partizipieren zu lassen. Und das fast täglich und immer kostenlos. Selbstlosigkeit ist in dieser Zeit und in diesem Land weiß Gott keine Selbstverständlichkeit.

Nun, ich lerne sehr viel hier auf dieser Website. Meist geht es dabei um behandlerische Finessen, Techniken, Hilfsmitteln, oft im Rahmen von Falldemonstrationen. Vieles davon kommt mir in meinem täglichen Behandlungsablauf zugute.

Was könnte ich zu diesem Blog beitragen?

In möchte keinen weiteren Fall vorstellen, sondern heute an etwas erinnern, was ich im Leben eines (Zahn-) Arztes für sehr wichtig halte, nämlich: Unsere Patienten zu motivieren, zu inspirieren, das Wesentliche im Auge zu behalten. Was könnte das sein? Bestimmt das nicht jeder selbst, individuell für sich? Vermutlich nicht.

Das Wesentliche, auf das ich mich beziehe, ist: Die Verantwortung gegenüber sich selbst!

Mit anderen Worten: Für seine Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Bedeutet: Sich bewusst Gutes zu tun und sich über die Wirkungen und Folgen zu freuen und im gegenteiligen Fall die Konsequenzen zu tragen, ohne die Schuld bei jemand anderen zu suchen. Bewusst sich so zu verhalten, dass es dem wichtigsten Gut, der eigenen Gesundheit, nutzt. Dazu gehört, dass man wissen muss, worauf es im Leben ankommt.

Wenn ich einen Freund von mir zitiere, der den Ruf hat, ein Fitnesspapst in Deutschland zu sein, dann besteht das Leben aus genau drei Säulen, nämlich: Bewegung – Ernährung – Denken! Das war’s. Mehr gibt’s nicht. Ersetzen Sie das Denken von mir aus durch Religion, Meditation, oder Spiritualität, völlig wurscht. Wichtig sollte uns (Zahn-) Ärzten die erste und v.a. die zweite Säule sein: Die Ernährung!

Wieviele Patienten gehen zum Arzt und werden über die richtige Ernährung konkret beraten? Wenige! Und dabei meine ich nicht den allseits beliebten Ärztesatz: „Sie müssen sich halt gesund ernähren! Vollkorn und so.!“

Und wieviele Patienten gehen zum Zahnarzt und werden über eine richtige Ernährung beraten? Genau, noch viel weniger!

Ich meine, wir beschäftigen uns mit der aufwendigen und oftmals filigranen Restauration von ernährungsbedingten Zahndefekten, damit die Leute wieder schmerzfrei essen können! Wir schauen dabei sogar durchs Mikroskop und sagen dem Patienten, dass das wichtig ist! Ist Ernährungsberatung beim Zahnarzt wichtig? Ich meine, sie ist essentiell im Bereich der Kariesprävention! Wer, wenn nicht der Zahnarzt muss wissen, was die richtige Ernährung ist?

Und damit meine ich gerade nicht die Empfehlung der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), deren mittlerweile verstorbener Sprecher, Volker Pudel, vor Jahren zugeben musste, dass die Empfehlungen der DGE der letzten 50 Jahre leider völlig versagt haben. Ich meine nicht das, was wir in der Schule lernen durften, nein, ich meine eine genetisch richtige Ernährung. Also eine Ernährung, die unserem genetischen Bauplan entspricht.

Ich betrachte die Zahnmedizin an sich als eine absolute Luxusmedizin. Das heisst, es ist eine Medizin, die man bei richtiger Lebensweise und Ernährung eigentlich nicht braucht. Zumindest nicht kurativ, denn sie ist massgeblich von zwei Dingen abhängig: Der Ernährung und der Mundhygiene! Aus! Fertig! Das ist alles ! Und die richtige Ernährung obliegt einem selbst. Genau wie die richtige, regelmäßige Mundhygiene.

D. h., wenn man weiss, was es bedeutet, sich genetisch korrekt zu ernähren.

HIER KOMMT DAS RÖNTGENBILD INS SPIEL !!!

Viele Menschen wissen das nicht. Darunter auch viele Ärzte und Zahnärzte. Darunter auch die Patientin mit dem hier gezeigten Röntgenbild, die zur Endo Zahn 27 an mich überwiesen wurde. Ein Blick und man erkennt: Es gibt viel zu tun in diesem Mund. Karies ist ein Hauptproblem, das die momentane Lebensqualität der Patientin erheblich beeinträchtigt. Das Traurige daran: Die Patientin ist Gymnasiallehrerin für Religion und Sport! Eine Höllenkombination, wenn Sie mich fragen. :-) Bei der Erstvorstellung sitzt sie mir gegenüber. Sportlich, aber mit etwas trübem Blick. Und eben mit durchlöchertem Gebiss, das sie natürlich zurückführt auf den schrecklichen Zahnarzt aus ihrer Kindeheit und die schlechten Zähne ihrer Mutter! Natürlich! Wie die meisten mit durchlöchertem Gebiss!

An der Hochschule hat sie im Fach Religion einen Sinn entwickelt für Begriffe, wie Barmherzigkeit und Mitgefühl. Einen Sinn für das regelmäßige Gebet, die regelmäßige Meditation, einen Sinn für Spiritualität (eine der drei wichtigen Säulen im Leben).

Im Fach Sport hat sie gelernt, dass regelmäßige, tägliche Bewegung wichtig ist (immerhin, die zweite wichtige Säule im Leben), um gesund zu bleiben/zu werden.

Aber wie ernährt sie sich?

Seit 17 Jahren, quasi seit Ende ihres Studiums, ist sie überzeugte Vegetarierin. Kein Fisch, kein Fleisch, kein Soja („.weil das Zeug iss ja genetisch manipuliert!“), nur Obst, Gemüse und (jetzt kommt’s) v.a. viele viele Kohlenhydrate!! Weil die braucht der Körper ja, als Energielieferant. Also Brot, Nudeln, Kartoffeln, ab und zu Süßkram, eben alles, wo kein Tier dafür sterben musste! Aus Mitgefühl mit dem Tier, sagt sie.

Einverstanden.

Mit meiner Frage: „Aus was besteht der Muskel?“ hat sie nicht gerechnet. Nicht beim Zahnarzt. Ich frage weiter: „Woraus beziehen Sie Ihr essentielles Vitamin B12, Ihr Eisen und Ihre Aminosäuren, v.a. Ihr Phenylalanin?“ Ihr Blick wird immer fragender! Ich frage weiter: „Wieviele Kohlenhydrate braucht der Körper wirklich? Was ist die Gluconeogenese, was sind Proteine und v.a. wo in Ihrem Garten steht der Nudelbaum???“

Ich blicke in ein leeres Gesicht und formuliere die Frage anders: „Was ist das wichtigste Gebot in der Bibel?“ Dann kommt eine Antwort, nämlich: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Das weiss sie. Und dann kommt die Frage nach ihrer Selbstliebe, die sie wieder nicht ganz zu verstehen scheint.

Am Ende frage ich ganz einfach: „Wie kommen die Löcher in die Zähne? Nennen Sie mir bitte die einzigen zwei Gründe dafür!“ Sie sagt sofort: „Zu viel Zucker und schlecht putzen!“ Richtig ! Das weiss jeder. Absolut jeder! Ich frage: „Was davon machen Sie?“ Sie besteht darauf, bei der Mundhygiene keine Fehler zu machen. „Demnach kann es nur was sein?? Ersetzen wir Zucker durch Kohlenhydrate, also alles, was an Teigwaren am Zahn kleben bleibt und Plaque hinterlässt und wir sind des Rätsels Lösung einen großen Schritt näher!“

Sie beginnt zu lächeln. Sie versteht, was ich sagen möchte, nämlich: Das Einzige, was in der Ernährung NICHT essentiell ist, sind Kohlenhydrate. V.a. leere Kohlenhydrate, d.h. nicht die aus Obst und Gemüse, sondern die aus Brot, Nudeln, Knödeln, Reis, Gebäck, ja, auch Vollkorn, usw.

Wir vergessen die alleinige Notwendigkeit von Eiweiss, Vitaminen und den richtigen Fetten. Wir wissen nicht, wieviel wir davon brauchen und kein Arzt verrät es uns, weil er es wahrscheinlich selbst nicht besser weiss. Nur eine Handvoll Ärzte kann mit dem Begriff eines orthomolekularen Blutbildes etwas anfangen.

All die provokanten Fragen oben stelle ich meinen Patienten normalerweise nicht, v.a. nicht den überwiesenen, ausser wenn ich davon ausgehen kann, dass sie es besser wissen müssten/sollten/könnten. Dies setze ich bei Lehrern voraus.

Aber ich empfinde es als eine Notwendigkeit, bei einem Zahnarztbesuch im Rahmen der Routineuntersuchung eine genetisch korrekte Ernährung anzusprechen und eventuell im Rahmen einer professionellen Zahnreinigung diese Thematik zu vertiefen. Ich biete dies seit zwei Jahren an und bin erstaunt, wie gut es von den Patienten angenommen wird. Ich kann und möchte jeden Zahnarzt dazu ermuntern, sich im Sinne seiner Patienten intensiv mit diesem Thema auseinander zu sezten. Das Internet ist eine ausgezeichnete Quelle dafür.

 

Zahnarzt neu in der Schweiz – die Fortsetzung von: „Zahnarzt in Deutschland- Nichts wie weg“

von Torsten Hatzky

Nun wohnen  wir seit ca.  1 Jahr und  8 Monaten in der Schweiz. Natürlich war es spannend, nach so vielen Jahren der Berufstätigkeit noch mal ganz neu anzufangen. Und es kamen Patienten. Anfangs nur sehr wenige, aber es war und ist eine stetige Steigerung zu verzeichnen. Aber es kamen nicht so viele wie gedacht. Man hatte uns von verschiedener Seite gewarnt, dass es wenigstens zwei Jahre dauern würde, bis die Praxis gut läuft. Das habe ich nicht geglaubt. Selbst heute gibt es immer noch Tage, an denen Termine frei bleiben und wir freuen uns über jeden, der kommt. Nur in einer einzigen Woche waren wir mal komplett ausgebucht. Das hatte ich so nicht erwartet. Meine erste Praxis in Südwestdeutschland war nach einem Jahr nahezu voll ausgelastet. Nach zwei Jahren habe ich es kaum noch geschafft, alle Patienten zeitnah und gründlich zu versorgen.  Der Unterschied liegt in einem völlig anderen „Zahnarzt-Verhalten“ der Schweizer. In Deutschland, zumindest war es bei meiner ersten Praxis1988 so, kamen nicht wenige Patienten nur aus Neugierde, um dann später wieder woanders hinzugehen. Als Richtzahl konnte ein guter Zahnarzt damit rechnen, dass von fünf Patienten maximal drei dauerhaft in der Praxis blieben. Ein paar Spezialitäten aus der Hightech- Ecke des Dentalhändlers waren unter Umständen recht hilfreich, um den Zulauf zu erhöhen.

Hier sind bislang nur Patienten zu mir gekommen, die keinen Zahnarzt hatten. Der Schweizer wechselt seinen Zahnarzt normalerweise nicht. Gründe, die doch dazu führen könnten, sind: Ortswechsel des Patienten, Abgabe der Zahnarztpraxis an einen Nachfolger (wenn der Patient mit dem den Nachfolger nicht so gut auskommt), wenn ein Zahnarzt aus Gesundheits- oder Altergründen den Umfang seiner Praxis reduzieren muss. Unzufriedenheit mit dem Zahnarzt ist extrem selten und kommt erst auf, wenn der Zahnarzt mehrere Male in Folge Fehler macht. Sehr unwahrscheinlich ist der Fall, dass ein Patient wechselt, weil ein anderer Zahnarzt ein digitales Röntgen, einen Laser oder etwas anders „Tolles“ zu bieten hat.

Aber die Zahnärzte verhalten sich hier auch anders. Die Mehrzahl (ich kann   natürlich nur für meine Region sprechen) versorgt Ihre Patienten auf hohem fachlichen Niveau. Falls sinnvolle Therapien, insbesondere Paro und Implantologie in der Praxis nicht angeboten werden, wird viel häufiger als in Deutschland zum Spezialisten überwiesen.   Wenn eine Praxis so ausgelastet ist, dass die Wartezeit auf einen Termin zu lang ist, wird ein rigoroser Aufnahmestopp für Neupatienten verhängt, bis sich die Lage wieder normalisiert hat. Gute Praxen haben ihr festes Klientel und nehmen, wenn überhaupt, nur Familienmitglieder von Stammpatienten neu an.  Von Deutschland weiß ich, dass Zahnärzte meist  jeden aufnehmen, den sie bekommen können. Hauptsache, er geht nicht zum Nachbarkollegen.  Notfalls wird halt etwas schneller oder abends etwas länger gearbeitet. Und beim Kampf um Neupatienten wird manchmal ohne Grund die Arbeit eines Kollegen schlecht geredet.

Die korrekte Bezahlung der zahnärztlichen Leistungen macht es ganz offensichtlich möglich, fast grundsätzlich „lege artis“ zu arbeiten. In Deutschland hatte ich früher sehr oft  bei Neupatienten das Problem, dass Kofferdam nicht bekannt war und sie auch nicht bereit waren, ihn ohne lange Diskussion zu akzeptieren. Hier ist das anders. Man kennt es, ja es wird meist auch  erwartet. Auf jeden Fall wird so gut wie nie darüber diskutiert.

Hier werden selten mehr als 8-10 Patienten pro Tag bestellt.  Die umschichtige Behandlung von zwei Patienten nahezu zeitgleich in zwei Zimmern gibt es offenbar kaum mal. Wie mir glaubhaft erzählt wurde, haben Zahnärzte aus Deutschland, die dieses missachtet hatten, ihre teuer gekauften Praxen innerhalb eines Jahres zugrunde gerichtet. Der Patient in der Schweiz verlangt für sein Geld wesentlich mehr Zuwendung und vor allem eine ganz besonders gründliche Beratung.

So wundert es nicht, dass hier die Qualität zahnärztlicher Arbeiten ein gutes Stück besser ist. Obwohl das Spektrum auch von mangelhaft bis erstklassig reicht, sehe ich insgesamt wesentlich mehr Arbeiten, die die Bewertung  gut oder sehr gut verdienen. Speziell beim Zahnersatz ist dies so. So habe ich bislang nur ganz wenige Arbeiten gesehen, bei denen der Verdacht bestand, dass von Anfang an geschludert worden ist.  Bei einer suboptimalen Arbeit lohnt es sich auch mal zu fragen, wo sie gemacht wurde.  Nicht selten erfährt man dann, dass es anlässlich einer Reise in Ungarn, Bulgarien oder sonst wo in der Welt geschah. Nicht wenige Patienten versuchen so, günstiger zu ihrem Zahnersatz zu kommen. Die Schweizer Zahnärzteorganisation SSO hat mal solche Arbeiten routinemäßig überprüfen lassen mit dem Ergebnis, dass die Mängelquote signifikant über der von in der Schweiz gefertigten Arbeiten lag.

Es gibt aber noch andere Unterschiede:

Zum einen gibt es sie bezogen auf das Patientenalter:  Bei Patienten ab einem Alter vom ca.45 Jahren sieht man recht viele mit schlechtem Gebiss-Status, vielen fehlenden Zähnen, umfangreichen, oft überlasteten Füllungsrestaurationen. Bei den jüngeren Patienten haben ganz offensichtlich die Prophylaxe-Bemühungen, die die Schweizer Zahnärzte zusammen mit der Regierung in vorbildlicher Weise eingeführt haben, Früchte getragen. Ich hatte in dieser Altersgruppe früher nie so viele absolut kariesfreie Patienten gesehen. Bei denen, die Füllungen hatten, waren diese meist von geringer Ausdehnung. Nahezu alle diese Patienten gehen ein Mal pro Jahr zur Vorsorgeuntersuchung. Das wird dann generell mit einer professionellen Zahnreinigung verbunden. Dazu arbeitet in nahezu jeder Praxis mindestens eine Prophylaxe-Assistentin oder DH. Bissflügelaufnahmen werden  hier übrigens viel häufiger gemacht als in Deutschland, oft sogar im Jahresturnus. Und welch Wunder: Es gibt nie Diskussionen über die Strahlenbelastung.  Die Patienten wurden hier bislang nicht von übereifrigen Politikern, die weit über alle vernünftigen Ziele hinausgeschossen sind, unnötig aufgehetzt. Interessant ist auch das Thema Amalgam. Gute Amalgam-Restaurationen bleiben generell im Mund. Nur dann, wenn sie schadhaft sind, sollte ein anderes, möglichst verträglicheres und zahnfarbenes Material verwendet werden.

Für die Versorgung der anspruchsvolleren Patienten gibt es hier in fast jeder Praxis ein Cerec- Gerät. Sämtliche Cerec- Restaurationen  sind  im Schweizer Zahnarzttarif enthalten (CHF 700-1000.-) So haben die Patienten die Möglichkeit, zu recht günstigen Preisen eine langlebige Füllungstherapie  zu bekommen. Da ein laborgefertigtes dreiflächiges Inlay allein beim Zahntechniker zwischen CHF 500.- und 550.-  kostet, ist diese Therapieform hier kaum anzuwenden. Ähnlich verhält es sich mit partiellem Zahnersatz. Hier gilt die Modellguss-Prothese mit Klammen als Standartversorgung. Kombi-Arbeiten mit Teleskopen, Geschieben oder Stegen sind absolute Ausnahmen. Auch Implantate werden offenbar deutlich  seltener als in Deutschland gesetzt.

Eine zahnmedizinische „Problemgruppe“ bilden Patienten aus den so genannten „bildungsferneren“ Schichten und häufig auch solche mit Migrations- Hintergrund. Hier ist das Zahnbewusstsein oft sehr schlecht. Diese Patienten kommen normalerweise erst zum Zahnarzt, wenn Schmerzen auftreten. Dann ist es meist zu  spät und ich muss Zähne extrahieren, die mit einer Endo gut zu retten gewesen wären. Wenn überhaupt, werden dann sehr oft Composite- Füllungen mit stark überzogener Indikation gelegt. Eine Füllungstherapie durchzuführen, scheitert oft an der Bereitschaft, dafür Geld bereitzustellen oder auch  am niedrigen Einkommen. Die Terminmoral dieser Leute ist schlecht und auch mit der Bezahlung meiner Rechnung klappt es bisweilen nicht. Häufiger als in meiner früheren Praxis habe ich einen finanziellen Totalverlust hinnehmen müssen. Hier sichern wir uns inzwischen etwas besser ab, z.B. mit Voraus- und Abschlagszahlungen. Besonders wichtig ist dies beim Notfalldienst am Wochenende.

Da fast alle Patienten nahezu immer alles aus eigener Tasche bezahlen müssen, wird insbesondere dann, wenn mehr als eine Füllung nötig ist, zunächst eine ausführliche Offerte erstellt. Diese Leistung kann nicht berechnet werden, selbst dann nicht, wenn eine umfangreiche prothetische Planung damit verbunden ist. Um unterschiedlichen Erwartungen gerecht zu werden, mache ich sehr oft mehrere  verschiedene Therapievorschläge.  Dann kann es auch vorkommen, dass nach längerem Nachdenken die Behandlung aufgeschoben wird, bis das nötige Geld angespart ist. Nicht selten werden Therapieformen aus finanziellen Gründen gewählt, bei denen die Indikation überzogen ist, wie z.B. mehrflächige Composite- Füllungen mit dem Ersatz von zwei, drei oder gar vier Höckern als Dauerversorgung anstelle eine Krone oder Teilkrone. Oder: Eine Kunststoff-Interimsprothese mit gebogenen Draht-Klammen anstelle einer Modellguss- Prothese.

Wesentlich besser als ich das von früher gewohnt war, scheint das Verhältnis der Zahnärzte untereinander zu sein,  Als meine Praxiseröffnung nahte, habe ich beim Nachbarkollegen im selben Ort angerufen um anzufragen, ob ich mich mal vorstellen könne.  Am sogleich vereinbarten Termin wurde ich außerordentlich freundlich empfangen. Nach einem informativen Gespräch  hat er mir gleich das „Du“ angeboten und obendrein  die nächste Urlaubsvertretung übertragen.  Seinen Vorschlag zur Mitarbeit in der regionalen Study-Group habe ich gern angenommen.

Und so habe ich schon bald  die anderen Kollegen der näheren Umgebung kennen gelernt.  Und wieder gab es eine Überraschung für mich: Obwohl sie theoretisch direkte Konkurrenten sind, haben alle ein überaus freundschaftliches Verhältnis zueinander. Es gab nie irgendwelche Anzeichen von Misstrauen oder Missgunst.  Im Gegenteil: Von allen Seiten schlug mir  freundliches Interesse entgegen.  Und wenn sich in den anderen Praxen neue Schmerzpatienten meldeten und keine Zeit für Ihre Behandlung  war, wurden diese oft an mich verwiesen. Das ist bis heute so geblieben und hat mir sehr geholfen.

Fazit:

Es macht mir Freunde, in einem Alter, in dem mancher schon langsam an den Ruhestand denkt, noch einmal neu durchzustarten, auch wenn es finanziell zur Zeit immer noch „eng“ ist. Dass die meisten Neupatienten inzwischen auf Empfehlung anderer kommen zeigt, dass meine Arbeit gern angenommen wird. Das gibt mir viel Bestätigung. Ganz wichtig auch: Ich fühle mich korrekt bezahlt. Das höhere Honorar muss man natürlich „relativ“ sehen.  Ihm stehen auch ein deutlich höherer Zeitaufwand bei der Behandlung sowie höhere Praxiskosten gegenüber. Privat stehen den angenehm niedrigen Steuern wiederum höhere Lebenshaltungskosten entgegen. Trotzdem bleibt mehr übrig und ich kann nachts wieder durchschlafen. In Deutschland hatte ich in den letzten Jahren oft mit sorgenvollen Zukunftsgedanken wach gelegen.  Die Lebensqualität und die Stimmung der Bevölkerung in der Schweiz sind wesentlich besser als in Deutschland. Wir, d.h. meine Frau und ich, sowie mit etwas Verzögerung auch unsere Tochter, haben den Schritt nicht bereut,

Was ich aus heutiger Sicht anders machen würde:

Eine Praxisübernahme wäre gegenüber der Neugründung wahrscheinlich die bessere Alternative gewesen, weil die mühsame Startup-Phase  weggefallen wäre. Auch hätten wir die Entscheidung zur Auswanderung besser ein paar Jahre früher getroffen. Dann hätte man vielleicht auf eine erneute Kreditaufnahme verzichten können.

Ein paar Tipps an alle, die auswandern wollen (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit und nicht nur auf die Schweiz bezogen):


  • Unbedingt den Schritt mit allen Familienangehörigen und nahe stehenden Verwandten abstimmen. Es sollten alle an einem Strang ziehen.
  • Ganz wichtig: Kein Schnellschuss! Ausreichend lange recherchieren (Internet, Reisen, Bücher, private Kontakte). Ein paar Wochen oder Monate genügen nicht
  • Finanzielle Situation prüfen. Dazu eventuell die Kreditwürdigkeit bei der Hausbank klären. Den Verkauf der alten Praxis rechtzeitig versuchen und auch einen Misserfolg einplanen.
  • Die zahnmedizinische Situation im neuen Land genau abklären. Kontakt suchen zu deutschen Kollegen, die dort schon arbeiten, zu Dentalhändlern, Niederlassungsberatern und Banken.
  • Zahnmedizinische Versorgungslage der avisierten Region abklären.
  • Ganz wichtig: Wirtschaftliche Lage der Region klären. Gibt es Bevölkerungswachstum oder Abwanderung. Letzteres wäre fatal.
  • Bei einer Praxisübernahme den finanziellen Ertrag der Praxis unbedingt von einem unabhängigen Gutachter prüfen lassen.  (Mir wurde hier von einem Betrugsfall berichtet, bei dem ein unkritischer deutscher Zahnarzt nur knapp einer Pleite entging, weil der alte Praxisinhaber im letzten Jahr mit massiv überhöhten Preisen zwar die Gewinnmarge erhöht, jedoch damit die meisten Patienten aus der Praxis getrieben hatte).
  • Frühzeitig Kontakt mit Behörden des neuen Landes aufnehmen zur Abklärung eventueller Einwanderungsbeschränkungen,  Anerkennung des Staatsexamens, Mitnahme von Umzugsgut und Vorschriften für vorhandene Fahrzeuge.