Im heutigen Fall mussten wir uns nach der Kronen und Stiftentfernung gegen einen Zahnerhalt entscheiden. Dies kann bei Inspektion des Wurzelkanals, bzw. der Kavität unter mikroskopischer Kontrolle passieren. Meist sind Frakturlinien im Kavitätenboden oder im Wurzelkanal die Ursache.
Für uns überraschend, und deshalb auch Grund den Fall hier vorzustellen, war die Karies apikal-lateral der inserierten Radixanker ohne sichtbare Verbindung der kariösen Läsion zur Kavität.
Die Kariesentfernung gelang dank der mikroskopischen Vergrößerung. Allerdings waren die verbliebenen Wurzelanteile so dünn, daß das parodontale Ligament zu sehen war.
Hier haben wir nachgefragt und um in einer Umfrage die Einschätzung der Kolleginnen und Kollegen zur Kariesdiagnostik im Röntgenbild zu erfahren.
Die Ergebnisse sehen so aus:
Unsere röntgenologische Kariesdiagnostik ergab 16 m D4, 47m D2, 46 d D3, 46 m D3, 45 d D1.
D0 D0-Läsion – keine Schmelz- und Dentinläsion vorhanden
D1 D1-Läsion – Karies bis in die äußere Schmelzhälfte fortgeschritten
D2 D2-Läsion – Karies bis in die innere Schmelzhälfte fortgeschritten
D3 D3-Läsion – Karies bis in die äußere Dentinhälfte fortgeschritten
D4 D4-Läsion – Karies bis in die innere Dentinhälfte fortgeschritten
Vorweg möchte ich sagen, dass ich dem Gründer dieses Blogs und der kleinen eifrigen Gruppe um Ha-Wi Herrmann sehr dankbar bin für das, was sie tun. Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit uns zu teilen und uns an Ihren Einblicken im Bereich Endodontie und auch darüber hinaus partizipieren zu lassen. Und das fast täglich und immer kostenlos. Selbstlosigkeit ist in dieser Zeit und in diesem Land weiß Gott keine Selbstverständlichkeit.
Nun, ich lerne sehr viel hier auf dieser Website. Meist geht es dabei um behandlerische Finessen, Techniken, Hilfsmitteln, oft im Rahmen von Falldemonstrationen. Vieles davon kommt mir in meinem täglichen Behandlungsablauf zugute.
Was könnte ich zu diesem Blog beitragen?
In möchte keinen weiteren Fall vorstellen, sondern heute an etwas erinnern, was ich im Leben eines (Zahn-) Arztes für sehr wichtig halte, nämlich: Unsere Patienten zu motivieren, zu inspirieren, das Wesentliche im Auge zu behalten. Was könnte das sein? Bestimmt das nicht jeder selbst, individuell für sich? Vermutlich nicht.
Das Wesentliche, auf das ich mich beziehe, ist: Die Verantwortung gegenüber sich selbst!
Mit anderen Worten: Für seine Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Bedeutet: Sich bewusst Gutes zu tun und sich über die Wirkungen und Folgen zu freuen und im gegenteiligen Fall die Konsequenzen zu tragen, ohne die Schuld bei jemand anderen zu suchen. Bewusst sich so zu verhalten, dass es dem wichtigsten Gut, der eigenen Gesundheit, nutzt. Dazu gehört, dass man wissen muss, worauf es im Leben ankommt.
Wenn ich einen Freund von mir zitiere, der den Ruf hat, ein Fitnesspapst in Deutschland zu sein, dann besteht das Leben aus genau drei Säulen, nämlich: Bewegung – Ernährung – Denken! Das war’s. Mehr gibt’s nicht. Ersetzen Sie das Denken von mir aus durch Religion, Meditation, oder Spiritualität, völlig wurscht. Wichtig sollte uns (Zahn-) Ärzten die erste und v.a. die zweite Säule sein: Die Ernährung!
Wieviele Patienten gehen zum Arzt und werden über die richtige Ernährung konkret beraten? Wenige! Und dabei meine ich nicht den allseits beliebten Ärztesatz: „Sie müssen sich halt gesund ernähren! Vollkorn und so.!“
Und wieviele Patienten gehen zum Zahnarzt und werden über eine richtige Ernährung beraten? Genau, noch viel weniger!
Ich meine, wir beschäftigen uns mit der aufwendigen und oftmals filigranen Restauration von ernährungsbedingten Zahndefekten, damit die Leute wieder schmerzfrei essen können! Wir schauen dabei sogar durchs Mikroskop und sagen dem Patienten, dass das wichtig ist! Ist Ernährungsberatung beim Zahnarzt wichtig? Ich meine, sie ist essentiell im Bereich der Kariesprävention! Wer, wenn nicht der Zahnarzt muss wissen, was die richtige Ernährung ist?
Und damit meine ich gerade nicht die Empfehlung der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), deren mittlerweile verstorbener Sprecher, Volker Pudel, vor Jahren zugeben musste, dass die Empfehlungen der DGE der letzten 50 Jahre leider völlig versagt haben. Ich meine nicht das, was wir in der Schule lernen durften, nein, ich meine eine genetisch richtige Ernährung. Also eine Ernährung, die unserem genetischen Bauplan entspricht.
Ich betrachte die Zahnmedizin an sich als eine absolute Luxusmedizin. Das heisst, es ist eine Medizin, die man bei richtiger Lebensweise und Ernährung eigentlich nicht braucht. Zumindest nicht kurativ, denn sie ist massgeblich von zwei Dingen abhängig: Der Ernährung und der Mundhygiene! Aus! Fertig! Das ist alles ! Und die richtige Ernährung obliegt einem selbst. Genau wie die richtige, regelmäßige Mundhygiene.
D. h., wenn man weiss, was es bedeutet, sich genetisch korrekt zu ernähren.
HIER KOMMT DAS RÖNTGENBILD INS SPIEL !!!
Viele Menschen wissen das nicht. Darunter auch viele Ärzte und Zahnärzte. Darunter auch die Patientin mit dem hier gezeigten Röntgenbild, die zur Endo Zahn 27 an mich überwiesen wurde. Ein Blick und man erkennt: Es gibt viel zu tun in diesem Mund. Karies ist ein Hauptproblem, das die momentane Lebensqualität der Patientin erheblich beeinträchtigt. Das Traurige daran: Die Patientin ist Gymnasiallehrerin für Religion und Sport! Eine Höllenkombination, wenn Sie mich fragen. :-) Bei der Erstvorstellung sitzt sie mir gegenüber. Sportlich, aber mit etwas trübem Blick. Und eben mit durchlöchertem Gebiss, das sie natürlich zurückführt auf den schrecklichen Zahnarzt aus ihrer Kindeheit und die schlechten Zähne ihrer Mutter! Natürlich! Wie die meisten mit durchlöchertem Gebiss!
An der Hochschule hat sie im Fach Religion einen Sinn entwickelt für Begriffe, wie Barmherzigkeit und Mitgefühl. Einen Sinn für das regelmäßige Gebet, die regelmäßige Meditation, einen Sinn für Spiritualität (eine der drei wichtigen Säulen im Leben).
Im Fach Sport hat sie gelernt, dass regelmäßige, tägliche Bewegung wichtig ist (immerhin, die zweite wichtige Säule im Leben), um gesund zu bleiben/zu werden.
Aber wie ernährt sie sich?
Seit 17 Jahren, quasi seit Ende ihres Studiums, ist sie überzeugte Vegetarierin. Kein Fisch, kein Fleisch, kein Soja („.weil das Zeug iss ja genetisch manipuliert!“), nur Obst, Gemüse und (jetzt kommt’s) v.a. viele viele Kohlenhydrate!! Weil die braucht der Körper ja, als Energielieferant. Also Brot, Nudeln, Kartoffeln, ab und zu Süßkram, eben alles, wo kein Tier dafür sterben musste! Aus Mitgefühl mit dem Tier, sagt sie.
Einverstanden.
Mit meiner Frage: „Aus was besteht der Muskel?“ hat sie nicht gerechnet. Nicht beim Zahnarzt. Ich frage weiter: „Woraus beziehen Sie Ihr essentielles Vitamin B12, Ihr Eisen und Ihre Aminosäuren, v.a. Ihr Phenylalanin?“ Ihr Blick wird immer fragender! Ich frage weiter: „Wieviele Kohlenhydrate braucht der Körper wirklich? Was ist die Gluconeogenese, was sind Proteine und v.a. wo in Ihrem Garten steht der Nudelbaum???“
Ich blicke in ein leeres Gesicht und formuliere die Frage anders: „Was ist das wichtigste Gebot in der Bibel?“ Dann kommt eine Antwort, nämlich: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Das weiss sie. Und dann kommt die Frage nach ihrer Selbstliebe, die sie wieder nicht ganz zu verstehen scheint.
Am Ende frage ich ganz einfach: „Wie kommen die Löcher in die Zähne? Nennen Sie mir bitte die einzigen zwei Gründe dafür!“ Sie sagt sofort: „Zu viel Zucker und schlecht putzen!“ Richtig ! Das weiss jeder. Absolut jeder! Ich frage: „Was davon machen Sie?“ Sie besteht darauf, bei der Mundhygiene keine Fehler zu machen. „Demnach kann es nur was sein?? Ersetzen wir Zucker durch Kohlenhydrate, also alles, was an Teigwaren am Zahn kleben bleibt und Plaque hinterlässt und wir sind des Rätsels Lösung einen großen Schritt näher!“
Sie beginnt zu lächeln. Sie versteht, was ich sagen möchte, nämlich: Das Einzige, was in der Ernährung NICHT essentiell ist, sind Kohlenhydrate. V.a. leere Kohlenhydrate, d.h. nicht die aus Obst und Gemüse, sondern die aus Brot, Nudeln, Knödeln, Reis, Gebäck, ja, auch Vollkorn, usw.
Wir vergessen die alleinige Notwendigkeit von Eiweiss, Vitaminen und den richtigen Fetten. Wir wissen nicht, wieviel wir davon brauchen und kein Arzt verrät es uns, weil er es wahrscheinlich selbst nicht besser weiss. Nur eine Handvoll Ärzte kann mit dem Begriff eines orthomolekularen Blutbildes etwas anfangen.
All die provokanten Fragen oben stelle ich meinen Patienten normalerweise nicht, v.a. nicht den überwiesenen, ausser wenn ich davon ausgehen kann, dass sie es besser wissen müssten/sollten/könnten. Dies setze ich bei Lehrern voraus.
Aber ich empfinde es als eine Notwendigkeit, bei einem Zahnarztbesuch im Rahmen der Routineuntersuchung eine genetisch korrekte Ernährung anzusprechen und eventuell im Rahmen einer professionellen Zahnreinigung diese Thematik zu vertiefen. Ich biete dies seit zwei Jahren an und bin erstaunt, wie gut es von den Patienten angenommen wird. Ich kann und möchte jeden Zahnarzt dazu ermuntern, sich im Sinne seiner Patienten intensiv mit diesem Thema auseinander zu sezten. Das Internet ist eine ausgezeichnete Quelle dafür.
Der Patient wurde schon einmal zu uns wegen einer Wurzelbehandlung überwiesen. Das zweite Mal kam er selbständig, ohne Überweisung, so wie diesmal auch.
Nur diesmal war der Zahn etwas mehr „mitgenommen“.
Der 26 war schon (insuffizient) wurzelbehandelt, hatte massive Karies von buccal, mesiobuccal und distal unter der Krone.
Das Röntgenbild zeigte noch einen zementierten Metallstift im palatinalen Kanal und eine mesiobuccale Wurzel ohne umgebenden Knochen.
In Anbetracht des röntgenologischen und klinischen Befundes, der „bakteriellen Hemisektion“, wie es ein netter Kollege so schön nannte, habe ich dem Patienten Extraktion ans Herz gelegt.
Er hat das sehr gut verstanden, hat es aber nicht gelten lassen. Weder Implantat, noch Brücke waren eine Option. Eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 5 – 10% waren ihm vollkommen ausreichend, um die Behandlung ohne weitere Überlegung zu beginnen.
Also gut, Kostenvoranschlag mit einigen Tagen Bedenkzeit und Termin vereinbart.
Geplantes Vorgehen:
Krone entfernen
Stiftaufbau entfernen
Karies entfernen
„Restzahn“ adhäsiv rekonstruieren
Entfernung der alten Wurzelfüllung
weitere Aufbereitung und Desinfektion
med
nochmalige Desinfektion
Wurzelfüllung
adhäsier Verschluss
abwarten/provisorische Krone
Nach der Krone wurde der konfektionierte, zementierte SSA entfernt. Der Zement und die Karies wurden mit überlangen Rosenbohrern entfernt, wo es ging, danach wurden der Stift und die Zementreste mittels Ultraschall (Schlumbohm Endopilot mit Copilot, NSK US Spitze E5) gelockert und entfernt.
Im Anschluss erfolgte eine ausgiebige Kariesexcavation
Der „Restzahn“ war noch stabil, d.h. die Karies hat die mesio-buccale Wurzel noch nicht abgetrennt – was für mich eine Indikation zum Behandlungsabbruch gewesen wäre. Also wurde jetzt adhäsiv „geflickt“.
Zuerst habe ich die alte WF der buccalen Wurzel teilweise ausgebohrt, um Guttaperchastifte mit 06er Taper einbringen zu können, die als Lumen der Wurzelkanäle freihalten sollen. So konnte um die GP herum die Wurzel rekonstruiert werden.
Als Adhäsiv wurde das One-Bottle System G-Bond von GC verwendet. Syntac Classic wäre wahrscheinlich die bessere Alternative gewesen, ich wollte aber jede unnötige Blutung der Gingiva durch Phosphorsäure vermeiden. Die Rekonstruktion erfolgte mit Gradia-Flow von GC.
Wichtig war es, nach jedem gelegtem und gehärtetem Inkrement die GP-Sifte durch ein kurzes Herauszuziehen vom Kompost zu lösen, um ein Verbacken zu verhindern.
Nachdem der buccale Anteil des Zahnes rekonstruiert wurde, war der Rest dran. Der restliche Aufbau erfolgte dem buccalen Anteil.
Da der Patient vor der Behandlung keine Schmerzen hatte, wurde auf eine sofortige Entfernung der alten WF verzichtet und auf die nächste Sitzung verschoben. Der Verschluss des Zahnes erfolgte mit Cavit.
Das Jahr 2009 ist noch nicht ganz zu Ende, aber da schon eine Vielzahl an Jahresendzeit – Rückblick Specials im Fernsehen laufen hier unsere Liste der 10 meistgelesenen Wurzelspitze -Seiten des Jahres 2009.
Vor kurzem hatten wir an dieser Stelle eine Abstimmung: 3 Vestibuläre Läsionen bei einem jugendlichen Patienten und die Frage: Behandeln oder noch abwarten ?
76 % stimmten für die Behandlung aller 3 Läsionen,
21 % für die Behandlung zweier Läsionen,
2 % für die Behandlung einer Läsion und
1 % dafür, das generell noch weiter abgewartet werden soll.
Ich habe diese Abstimmung gestartet (vielen Dank für die Beteiligung), weil für mich der unbedingte Behandlungsbedarf der 3 Läsionen gegeben war, aber ein Kollege, der um Zweitmeinung gebeten wurde, lediglich für die eventuelle Behandlung eines Zahnes plädiert hatte. Ich wollte die Entscheidung hierüber auf eine breitere Basis stellen. Aber hier die ganze Geschichte:
Der Jugendliche, keine 17 Jahre alt, kam im Frühherbst zur 01 in die Praxis.
Maximal 3 Jahre war er bei uns und nur sehr unregelmäßig zur Kontrolle erschienen. Jeweils schlechte MH, immer mit weichen Belägen in den schwieriger zugänglichen Zahnbereichen.
MH – Hinweise zeigten keine Änderung seines Verhaltens. Die weißen Entkalkungsgirlanden an den Zahnhälsen gaben den Weg vor.
Und jetzt, nach längerer Abwesenheit diese kariösen Läsionen.
Für mich war jede von Ihnen behandlungsbedürftig.
Die Mutter, bei der Untersuchung dabei, sichtlich aufgeregt.
„Wieso soviele Löcher ? Es war doch bisher nie was ???“
Skepsis in ihrem Gesicht. Aber sogleich auch der ausgeprägte Wille zum sofortigen Handeln.
Jetzt muss etwas passieren. Unbedingt.
So schnell wie möglich. Die Passivität der letzten Jahre weicht energischem Aktionismus.
Ob wir nicht heute die Behandlung gleich durchführen können ?
Wir können nicht.
Dann aber noch diese Woche !?!?!?!
Ich schüttele verneinend den Kopf.
Mutter und Sohn gehen nach draussen zur Terminplanung. Weil wir auf viele Wochen hin ausgebucht sind, versuchen wir, so schnell wie möglich einen Termin freizueisen. Schwer genug, aber als zusätzliches Problem kommt hinzu, dass der Terminkalender des Jugendlichen nur wenig Flexibilität zulässt. Die Schule, dann die Hobbys, Sport, viel Spielraum bleibt nicht. Nach mehr als 5 Minuten und zähem Ringen sind zwei Termine gefunden. Nach 5 Wochen der erste, nach 9 Wochen der zweite. 2 Zähne sollen behandelt werden und je nach Zustand dieser Läsionen der 3. Zahn weiter beobachtet oder darf dann ebenfalls behandelt werden. Damit ist die Mutter des Jungen einverstanden.
Wenige Tage später.
Anruf der Mutter. Sie hätte den Jungen bei einem anderen Kollegen vorgestellt. Sie sagt es nicht, aber es ist naheliegend, dass sie nach einem schnelleren Termin gesucht hat oder der Diagnose nicht traute.
„Der Kollege sei der Meinung, dass nur ein Zahn behandelt werden müsse, die beiden anderen Läsionen können ruhig noch beobachtet werden.“
Eine schwierige Situation. Ich kann die Mutter ein wenig verstehen. Normalerweise ist man geneigt, dem zu glauben, der für das Abwarten plädiert. Denn – wer auf ein „Geschäft“ verzichtet, erhält dadurch einen Vertrauensbonus. Aber im vorliegenden Fall eine krasse Fehlentscheidung. Von der ich nichts weiss, denn vom Telefonat erfahre ich erst Tage später.
Aber ich will nicht vorgreifen.
Die Mutter möchte nach der Konsultation durch den Kollegen den ersten der beiden Termine absagen. Der zweite könne aber beibehalten werden.
Macht das Sinn ?
Eigentlich nicht. Man sollte erwarten, dass der erste Termin beibehalten und der zweite Termin, sofern nicht mehr notwendig, gestrichen wird.
Ich vermute, dass der Junge beim Kollegen deutlich schneller Termine bekommen hat.
Und rechne nicht damit, dass er zum Behandlungstermin erscheinen wird.
Wider Erwarten taucht er 10 Wochen später auf.
Mit den 3 Löchern.
Keine Behandlung bisher.
Ich bin irritiert und frage nach. Der Kollege habe keine Behandlungsnotwendigkeit gesehen und gesagt, er, der Junge, solle in 6 Monaten wiederkommen, heißt es jetzt.
Ich repariere den ersten Defekt, der sich von der vestibulären Seite nach approximal ausdehnt.
Die Karies geht unterminierend weit in den Zahn rein. Jetzt kann eigentlich kein Zweifel mehr bestehen, dass ein Behandlungsbedarf vorliegt. Aber da war ja die Aussage der Mutter. Maximal ein Zahn sei behandlungsbedürftig.
Aber heute ist die Mutter nicht mitgekommen. Ich würde am liebsten Fotos machen nach Exkavation, aber die Zugänglichkeit ist erschwert und wir haben bereits kräftig überzogen, der Zahn war zeitaufwändiger als geplant.
Ich rufe die Mutter an und frage nach der Auskunft des Kollegen: Sie antwortet, sie sei beim Untersuchungstermin nicht dabei gewesen und ihr Sohn habe möglicherweise etwas missverstanden.
Ich erläutere ihr noch einmal, dass eine dringende Behandlungsbedürftigkeit besteht und frage, warum sie den ersten Termin abgesagt habe.
Sie antwortet, sie habe keinen Termin abgesagt.
????
Ich schaue in der Karte: Keine Notiz diesbezüglich.
Mist. Ich halte Rücksprache mit der Mitarbeiterin, die das Gespräch geführt hat und verbinde die beiden. „Ach ja, richtig“, sagt die Mutter, „jetzt erinnert sie sich wieder“.
Wir brauchen einen neuen Termin.
Schnellstmöglich. Eigentlich keine Chance. Aber da wäre Donnerstag, nächste Woche, nachmittag. Der Tag ist freigehalten. Für die DG Endo – Jahrestagung. Ich beschliesse erst zur Mitgliederversammlung um 17.00 Uhr anzureisen und gebe dem Jungen den Termin, weil ich darin die einzige Chance sehe, zeitnah die Defekte behandeln zu können.
Und dann ist es ist Donnerstag, 15.00 Uhr.
Wer ist nicht da ?
Unser junger Patient.
Er kommt 40 Minuten zu spät. „Der Zug ist sonst immer pünktlich“, ist die knappe Entschuldigung.
Mein Zeitplan ist dahin. Normalerweise müsste ich den Termin verschieben, aber ich weiss, dass in absehbarer Zeit kein passender Termin frei sein wird.
Also behandle ich.
Den Zahn 17.
Das ist der Zahn, der von 21 % der Kollegen als „Noch abwarten“ einstuft worden war. Wobei ich sicher bin, dass viele der Kollegen, wenn sie diesen Zahn „live“ gesehen hätten, ebenso vehement wie ich für die Behandlung gestimmt hätten.
Denn wie sich schnell zeigt, ist der Zahn 17 ist nicht nur vestibulär und distal, sonder auch okklusal in der Fissur massiv entkalkt. Und zwar derart, dass die letztendliche Füllung mehr als drei Viertel des Zahnes abdecken wird.
Die eingeschränkte Mundöffnung und die Kippung des Zahnes erlauben nicht das reguläre Einführen des Winkelstückes.
Die Behandlung muss unter Dentalmikroskop – Kontrolle und mit den Röder – Mini – Spiegeln erfolgen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, über indirekte Sicht beim Bohren die entsprechenden Stellen überhaupt einsehen zu können.
Extrem schwierige Trockenlegung.
Kofferdam ? Vergessen Sie es. Nicht mal dran zu denken. Kein Platz, keine Retention bei subgingival reichender Kavitätenlage.
Das Anlegen der Matritze allein dauert rund 10 Minuten. Jetzt darf keiner wackeln. Wir arbeiten 6 händig. Amalgam wäre sicherlich mit einem geringeren Stressfaktor zu verarbeiten, aber (muss ich es erwähnen ?), es soll nicht verwendet werden.
Nach 70 Minuten ist die Behandlung des einen Zahnes 17 zu Ende.
Und wir sind es auch.
Die Mutter hat nach 2 Dritteln der Behandlung zum Telefonieren das Behandlungszimmer verlassen und taucht bis Behandlungsende nicht mehr auf. Ihr einziger Kommentar, kurz bevor sie das Behandlungszimmer verlässt. „Jetzt weiss ich,was erhöhter Zeitaufwand in der Rechnung bedeutet“.
Um 17:35 Uhr treffe ich Wiesbaden ein, rund 1,5 Stunden später als geplant.
Wenn das hier mal keine gute Gelegenheit ist für ein Votum der Leser.
Anbei 2 Fotos von heute (am Ende des Textes).
Ein jugendlicher Patient, keine 18 Jahre alt.
16 und 26 sind mittelbraun verfärbt, die Schmelzschicht 17,16,26 ist in ihrer Integrität durchbrochen, bei Zahn 17 weißliche Entkalkungen , eine PA- Sonde lässt sich von vestibulär 2 mm tief durch den Zahnschmelz hindurch in den ca. 8 mm breiten und 3 mm hohen Defekt einführen.
Die Frage, die im Raum steht: Sollen die vorhandenen Defekte behandelt werden oder nicht ?
Ich habe für eine zeitnahe Kariesentfernung und damit für Füllungen an den Zähnen 17,16,26 plädiert. Ein anderer Kollege dafür, dass nur ein Zahn gefüllt, die beiden anderen beobachtet werden sollen.
Die Mutter des Jugendlichen ist verunsichert (2 Zahnärzte – 2 Meinungen) und möchte mit weiteren Füllungen erst einmal abwarten.
Ist das eine gute Entscheidung ?
In unserem Urlaub hat mir mein Sohn ganz aufgeregt einen Karton gebracht mit den Worten „Papa, schau mal. Ein Molar. Wäre das nicht etwas für Dich?“
Ich fragte mich, ob er mich wohl auf den Arm nehmen will, was der Schlawiner gerne macht.
Aber nein, tatsächlich, es war ein Modell eines OK-Molaren mit einer wohl penetrierenden cp. Es war als 3D-Puzzle ausgezeichnet, die Altersangabe spielt für uns keine Rolle (wir haben es gemeinsam geschafft, es zusammen zu bauen ;-) ).
Baff und sprachlos packte ich das Spielzeug ein. Für nicht einmal 3€ hatte ich nun ein Zahnmodell, welches ich in Deutschland bis dato nicht gesehen habe. Vielleicht habe ich an den falschen Orten gesucht. Zumindest habe ich nun ein Zahnmodell für einen Spottpreis, mit dem man einem Patienten anschaulich erklären kann, was denn nun die Probleme verursacht. Als Bonbon werde ich noch eine apikale Aufhellung in den Knochen präparieren.
Die Website des Herstellers lautet: www.tiger.dk. Es gibt auch zwei Filialen in Deutschland. Vielleicht kann man das Spielzeug bei Interesse über den Hersteller beziehen. Vielleicht kann man auch eine Grossbestellung mit grösseren Chancen der Lieferung absetzen.
Schon aus diesem Grund hat sich der Urlaub sehr gelohnt.