Nichts ist zählebiger …

von Ronald Wecker

… als ein Provisorium. Sagt ein altes französisches Sprichwort.

Dieser Patient stellte sich mit einer seit ca. vier Wochen bestehenden Fistelung distal von Zahn 45 vor. Klinisch zeigte sich ein vestibulär „instandgesetzter“ Brückenpfeiler 45 der radiologisch deutliche Zeichen einer chronischen apikalen Parodontitis zeigte.

Zudem lag eine deutliche Aufbiss- und Perkussionsempfindlichkeit vor. Meine Empfehlung war, die Brücke 44-48 zwischen 44 und 45 zu trennen und dabei die Krone an 44 zu belassen. Die zeitgleich durchgeführte endodontische Initialbehandlung sollte klinische Beschwerdefreiheit herbeiführen und nach adhäsivem Aufbau von 47 und 45 und anschliessender Versorgung mit stuhlgefertigten Langzeitprovisorien zumindest einen minimalen Kaukomfort zu ermöglichen.

Langfristig war geplant 45 aufgrund seiner ungünstigen mechanischen Prognose zu entfernen und, wie auch die Region 46 und 47, implantologisch zu versorgen. Die überweisende Kollegin wurde entsprechend informiert.

1 Woche nach der Erstbehandlung war die Fistelung vollständig abgeheilt. Da sich die geplante implantologische Versorgung noch über mindestens 4 Monate hinziehen sollte, ein herausnehmbares Provisorium  auf der „Wunschliste“ des Patienten nicht gerade ganz oben stand und die Lücke 46/47 ästhetisch kaum ins Gewicht fiel, wurde die zunächst getroffene Entscheidung 45 zu entfernen hinten angestellt und dem Patienten vorgeschlagen die endodontische Behandlung an 45 zu Ende zu führen.

Im Zuge der prothetischen Versorgung der Implantate in regio 46 und 47 sollte er dann entfernt und durch einen mesialen Brückenanhänger ersetzt werden.

4 Monate später stellte sich der Patient zur klinischen und radiologischen Kontrolle vor:

Die periapikale Osteolyse an Zahn 45 stellte sich deutlich verkleinert vor. Die Freilegung der mittlerweile osseointegrierten Implantate stand unmittelbar bevor. Das stuhlgefertigte Provisorium war unverändert in situ und wies noch immer die gleichen Imperfektionen im Randbereich auf. Patienten und Überweiserin wurde erneut die Entfernung von 45 aufgrund der eingeschränkten mechanischen Prognose empfohlen.

Umso erstaunter war ich als ich, nach mehreren Versuchen den Patienten zum Recall einzubestellen, 18 Monate postoperativ auf dem Röntgenbild sah, dass 45 wie auch die Implantate in regio 46 und 47 mit einer neuen Metallkeramikkrone versorgt worden war.

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Ihre Diagnose war gefragt…

von Olaf Löffler

Zugegeben das war eine gemeine Fragestellung und ich hatte keine Verdachtsdiagnose beim Betrachten des Orthopantomogramms parat gehabt.
Unterstützung fand ich bei Kollegen und diese Vorschläge und Verdachtsdiagnosen sind in die Fragestellung eingeflossen. Wie sah nun das Ergebniss aus:

  • 39%  Sialolith
  • 25%  verkalkter Lymphknoten
  • 19%  keine Verdachtsdiagnose
  • 8%  Osteom
  • 6%  Phlebolith
  • 4%  verkalkende zystsiche Echinokokkose

Wie kann ich die Weichgewebsdiagnosen von der Diagnose Osteom differenzieren?
Tip von Thomas Weber:
Dies gelingt durch eine zweite etwas anders eingestellte ( leichte Seitendrehung) Halbseiten-OPG Aufnahme. Wenn die Verschattung an der selben Stelle liegt ist diese im Knochen lokalisiert.

Im vorliegenden Fall ergab die Anamnese, daß Schwester, Mutter und Großmutter einen gleichen Befund haben. Es handelt sich um eine palpierbare, bewegliche, auf dem Knochen und Muskulatur aufgelagerte, nicht sichtbare, nicht schmerzhafte Erhebung mit einer Ausdehnung von ca. 0,7 x 0,5 cm. Diese ist seit Kindesalter in Größe und Ausdehnung konstant.

Die operative Entfernung bei einem Familienmitglied ergab als histologischen Befund, aß es sich um Knorpel der Ohrmuschel handelt. Dies scheint eine embryonale Versprengung des entsprechendes Gewebes zu sein.

2D vs. 3D (II)

von Bonald Decker

der nachfolgende Fall wurde uns vor wenigen Tagen zur weiteren Abklärung bzw. Weiterbehandlung überwiesen. Vor einigen Wochen war Zahn 33 aufgrund einer vestibulären Fistel und dem Verdacht einer apikalen Parodontitis einer endodontischen Behandlung zugeführt worden.

Diagnose-Aufnahme alio loco

Alio loco angefertigte Aufnahme mit Guttaperchastift in Fistelgang

Zum Erstaunen der Behandlerin zeigte sich bei der Eröffnung des Pulpakavums eine deutliche Blutung aus dem Kanalsystems, die nicht auf eine iatrogene Perforation zurückzuführen war.

Zur weiteren Verunsicherung, ob dieser Zahn wirklich ursächlich für die Fistelbildung war trug die Tatsache bei, dass es trotz mehrmaliger chemo-mechanischer Reinigung und medikamentöser Einlage nicht zu einer Abheilung der Fistel kam.

Nachfolgend sehen Sie die von uns angefertigte Einzelzahnaufnahme Regio 33 mit einem Guttaperchstift im Fistelgang.

 Die von uns durchgeführten Untersuchungen ergaben folgende Ergebnisse:

Sensibilitätstests: -32: pos. -33: neg  -34: neg  -35: neg

Taschensondierungstiefen: ohne patologische Befunde

Lockerungsgrade: normal

Eine alleinige Therapieentscheidung für weitere endodontische Massnahmen erschien uns nur aufgrund dieser Befunde als unzureichend…

Das daraufhin angefertigte DVT zeigte einen weiteren deutlichen Anhalt warum eine Persistenz der klinischen Symptomatik bestand…

Alex Steinweiss

von Hans – Willi Herrmann

Wir sind zurück. Der Urlaub ist vorbei.

Aber bevor es mit der Zahnmedizin weitergeht, gilt es  hier bei WURZELSPITZE noch ein paar Dinge aufzuarbeiten, die sich in den vergangenen 3 Wochen ereignet haben.

Eine winzige Fußnote der Weltgeschichte liegt mir besonders am Herzen.
Vergangenen Sonntag  ist im Alter von 94 Jahren Alex Steinweiss verstorben.

Sagt Ihnen nichts ?
Ich gestehe, ich wusste mit dem  Namen bis dato auch nichts anzufangen.
Aber ich bin sicher jeder von uns hat schon eines seiner Produkte in Händen gehalten und ich ganz besonders, genau gesagt rund 4000 Stück davon, denn Steinweiss war der Erfinder des illustrierten Plattencovers.

Gleich nach seiner Einstellung als Art Director bei der Plattenfirma Columbia im Jahr 1939 schlug der Grafikdesigner vor, die Schallplatten statt wie bisher in triste Schutzeinbände lieber in Papphüllen zu stecken und diese künstlerisch zu gestalten.

Von Steinweiss stammte dann auch die erste derartige Hülle für eine Schallplatte der Songwriter Richard Rodgers und Lorenz Hart mit dem Foto eines New Yorker Theaters und dem Schriftzug Rodgers & Hart in Leuchtschrift. Der Erfolg war durchschlagend.

Die neuen Cover wurden zu Verkaufsschlagern, schon bald über nahmen die  anderen Plattenfirmen die Idee. Steinweiss gestaltete 30 Jahre lang rund tausend Hüllen für Jazz-, Klassik-, und Folkplatten – außer für Columbia auch für andere Labels wie Decca.

Natürlich ist es  toll, im Urlaub, unter dem Sonnenschirm liegend auf  seinem Ipod seine gesamte Musikbilbliothek dabei zu haben. Auch ich habs genossen, allerdings auch darüber sinniert, dass die Haptik eines Schallplatten – Albums, mit seinen phantasievollen Covern, den Booklets, den Fotos und möglichen Gimmicks  vermutlich für alle Zeit  verloren ist. Schon die CD liess fast alles davon vermissen, jetzt im volldigitalen Zeitalters des Ipods ist diese sinnliche Erfahrung vollkommen verschwunden, ausgelöscht. Was früher eine Selbstverständlichkeit war, die Schallplattenhülle während des Musikhörens nach Infos über die Band, die Begleitmusiker, den Produzenten oder  Toningenieur zu durchforsten, die Texte auswendig zu lernen usw. ist vermutlich für immer verloren.

Auch wenn ich seinen Namen erst nach seinem Tod erfahren habe. Mit seiner Erfindung wird der Name Alex Steinweiss für mich unvergessen bleiben und ich werde mich gerne seiner erinnern. Mit jeder schwarzen Scheibe, die ich auf meine Schallplattenspieler lege.

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Plastik-Bohrer

von Christian Danzl

Nachdem Komet vor einiger Zeit Rosenbohrer aus Keramik auf den Markt gebracht hat, wurde jetzt ein „Rosenbohrer“ aus Kunststoff nachgeschoben. Die Anführungszeichen deshalb, weil es der Schneidengeometrie nach kein Rosenbohrer ist. Der Bohrer hat 4 Schneiden, oder sollte ich besser sagen  „Arbeitsbereiche“.

Für was jetzt einen Rosenbohrer aus Plastik, wenn sich doch Hartmetall und Keramik gut bewährt haben ?

Einsatzgebiet ist die sehr pulpanahe Karies, wenn die andere Karies schon exkaviert wurde. Durch das im Vergleich zu Metall sehr weiche Material wird nur weiches Dentin weggenommen, kariesfreies Dentin wird stehen gelassen. So sollen sich artifizielle Pulpaeröffnungen vermeiden lassen.

Der PolyBur sollte maximal mit 8.000 rpm laufen, optimal seien 2.000 rpm.

Dass der PolyBur ein Einweginstrument ist dürfte klar sein.
Auch die Standzeit der „Schneiden“ ist sehr überschaubar und wirklich nur für die Restkaries direkt vor der Pulpa ausreichend.

Preis ca. 1 Euro.
Durchaus praktisch, wenn man eine Pulpaeröffnung vermeiden kann.

Sommerpause bei WURZELSPITZE

von Hans – Willi Herrmann

WURZELSPITZE macht Sommerpause.

Vom 5. Juli bis zum 24. Juli.

Allen Lesern eine schöne Zeit, gute Erholung und Spass mit und jenseits der Zahnmedizin !

Biodentine – neues Dentinersatzmaterial

von Christian Danzl

Freitag Mittag erwischte mich gerade noch der Verkaufsrepräsentant der Fa. MDS in der Praxis, neben vielen kleinen Dingen, die das Leben des Zahnarztes leichter machen sollen war auch „Biodentine“ von Septodont.

Biodentine soll ein Dentinersatzmaterial sein, und zwar in jeder hinsicht. Also wo Dentin am Zahn fehlt, kann es mit Biodentine wieder ersetzt werden.
Laut Hersteller ist es geeignet für:

  • Unterfüllungen
  • Cp
  • Dentinrekonstruktion vor Inlay- /Onlayversorgung
  • direkte Überkappung bei freiliegender Pulpa
  • Verschluss von Perforationen

Momentan ist es so, dass da nichts dabei wäre, was man nicht schon Versorgen könnte.

  • Unterfüllungen werden seit der Adhäsivtechnik sowieso immer weniger
  • Tiefe Stellen werden mit Calciumhydroxid versorgt
  • Dentinrekonstruktion vor adhäsiver Inlay- /Onlayversorgung ist jetzt nicht in jedem Fall notwendig, reduziert auch nur unnötig die Fläche für den adhäsiven Verbund
  • Deckung offener Pulpen und Perforationen gelingt mit MTA zuverlässig. Wenn auch bei der Perforationsdeckung etwas Übung erforderlich ist.

Kosten:

Der Preis liegt momentan bei ca. 10,- pro Anwendung.
Das ist stolzer Preis, wenn man das Material für Cp/Unterfüllung verwendet, er relativiert sich allerdings, wenn man in den Bereich der Anwendung des MTA kommt – vorausgesetzt man mischt immer eine komplette Packung MTA an.

In der Broschüre wird die Versorgung der Eröffneten Pulpa als Einsatzgebiet von Biodentine dargestellt, er wird aber nicht erwähnt, wie die Behandlung vor dem Auftragen Dentinersatzes aussehen soll.
Muss die Kavität mit der offenen Pulpa desinfiziert werden?
Wenn ja, mit was? Natriumhypochlorid, oder reicht Alkohol?
Oder reicht aus Aussprayen mit Wasser?

Wenn das so ist, könnte dem Zement (das ist es dem Anschein nach – der Vertreter schwieg allerdings sich über die Zusammensetzung gründlich aus)  eine antibakterielle und womöglich noch eine entzündungshemmende Substanz zugesetzt sein.

Bisher wurden bei uns offene Pulpen nach diesem Verfahren versorgt. Mit – bis jetzt -großem Erfolg.
Weisses, wenn auch nicht röntgenopakes MTA, kann hier preisgünstig bezogen werden.

Im Großen und Ganzen ist Biodentine ein interessanter Ansatz. Wenn es die Versprechungen halten kann, ist es sicher ein Material, auf das wir gewartet haben, insbesondere wenn man mit wenig Aufwand eine eröffnete Pulpa retten kann.

Kollateralschaden

von Ronald Wecker

Im Anschluss an die Implantatinsertion in regio 24 klagte der Patient über eine langsam zunehmende Druckdolenz im Apikalbereich von Zahn 23.

Klinisch wies der Zahn eine kleine Kompositfüllung mit distopalatinaler Ausdehnung auf. Allerdings gab es keine Reaktion auf thermischen oder elektrischen Reiz. Das präoperative Röntgenbild konnte, da nicht exzentrisch projeziert, einen Kontakt zwischen Implantat und Wurzeloberfläche nicht sicher ausschliessen.

Klinisch zeigte sich nach Anlegen der Zugangskavität und Eröffnung des Pulpakavums zunächst eindeutig vitales Gewebe. War die Pulpa nur nicht sensibel, jedoch noch vital gewesen? Ein Kontakt zwischen Füllungsmaterial und Pulpa konnte ebenfalls nicht bestätigt werden.

Bereits 2mm weiter apikal dann unzweifelhaft nekrotisches Gewebe. Und noch weiter apikal: Nichts. Ein leerer Wurzelkanal. Aus welchem Grund konnte die Nekrose von apikal nach koronal vorangeschritten sein?

Die Längenmessung und der Papierspitzentest bestätigten die ermittelte Arbeitslänge, wenngleich dies radiologisch sowohl bei der Mess- als auch bei der Masterpointaufnahme als „zu kurz“ erscheinen mag. Während der abschliessenden endometrischen Einprobe des zuletzt eingesetzten NiTi-Instrumentes ein erster Hinweis auf die möglcihe Ursache: Die Endometrie zeigt deutlich vor Erreichen der Arbeitslänge 0,0 an. Erst ausgiebiges Trocknen mit sterilen Papierspitzen konnte diese Phänomen beseitigen.

Das Röntgenbild nach Backfill brachte es dann zu Tage: Ein im mittleren Wurzeldrittel vorhandener Seitenkanal war ausgefüllt worden. Offensichtlich hatte die Verletzung dieses hauchfeinen zuführenden Blutgefässes während der Implantatinsertion zur endodontischen Problematik an Zahn 23 geführt.