Neustart (VII) – Kinderkrankheiten (II) – Update

von Christoph Kaaden

Drei „Episoden“ umfassen unsere Erfahrungsberichte kleiner und grosser „Kinderkrankheiten“ einer Praxisneugründung mittlerweile…

gesammelt über die letzten circa zwölf Monate…

Zeit, für ein kleines Update…

Eines der Probleme handelte von unseren Mikroskop-Erfahrungen.

Nach zahlreichen Terminen diverser (innig bemühter) Techniker konnte eine Fehlerbeseitigung leider von keiner (Firmen-) Seite aus erzielt werden…

daher fiel vor Kurzem von Herstellerseite aus die Entscheidung …

…Ultima ratio…

…Austausch des Mikroskops gegen ein Neugerät….

…so geschehen…

…gestern…

…reibungslos und sehr professionell…

…mein Dank gilt insbesondere den Ansprechpartner Denis Schernich und Mario Köhler (sowie den Technikern) der Firma Zeiss…

…die (nahe) Zukunft wird zeigen (müssen), ob diese Massnahme unsere „Mikroskop-Kinderkrankheit „ausgeheilt“ hat…

…alle Beteiligten hoffen sehr (sehr) darauf…

…ich werde berichten…

Abenteuer Spanien: Bilanz nach 2 Jahren

von Alexander Knobel


Die Zeit rennt.
Vor 1 1/2 Jahren wurde ich von Wurzelspitze gebeten, etwas über meine Erfahrungen aus dem europäischen Ausland zu berichten. Jetzt sind bereits zwei Jahre in der Ferne vergangen und es ist an der Zeit, erneut Bilanz zu ziehen.

Kurz gesagt: das Auf und Ab meines Körpergewichts spiegelt die Höhen und Tiefen der letzten zwei Jahre (+/- 10kg) extrem gut wieder. Während man sich in Deutschland über das kostspielige QM, die neue GOZ oder immer mehr Bürokratie ärgern darf, sorgt in Spanien eine brutale Finanzkrise für leere Wartezimmer. Angestellte Zahnärzte werden schonungslos entlassen und sind froh, wenn sie als „Helferin“ einen Job finden. Alternativ kann bei einer der Zahnarztketten wie z.B. Vitaldent, Unidental… für laue 5-8€/h angeheuert werden. Diese Ketten verhalten sich wie Heuschrecken und verbreiten sich übers komplette Land. Ist ein Gebiet abgegrast wird eingepackt und weitergezogen. Einzig der Aufwand und die Qualität des „product placements“ sind erstklassig und extrem hochwertig. Wirklich bemerkenswert, was da an gelungener Reklame in den Medien rausgehauen wird. Ansonsten ist die dort betriebene Zahnmedizin weder modern noch in vielen Fällen hygienisch. Dafür auf den ersten Blick billig. Auch sprießen immer mehr Versicherungen mit eigenen Praxen auf den Markt. Nicht sehr erfreulich für meine Kollegen, die der Reihe nach ihre Zusammenarbeit mit den Versicherungen aufgekündigt bekommen.

Andere Länder, andere Probleme.
In diesem Fall sind jedoch aus meiner Sicht die Lösungen identisch: Nur mit hochwertiger Zahnmedizin und großem Engagement kann diesem Strudel entkommen werden. Ansonsten sollte man sich den ganzen Aufwand und die vielen Arbeit einfach nicht geben. Im Media Markt ist man wenigsten gegen die drohende Arbeitslosigkeit versichert und kann sich auch mal bei einer Grippe schön umsorgen lassen. Niemand stört einen am WE, die Urlaube sind gesichert und es gibt geregelte Arbeitszeiten…

Meine Strategie ist relativ simpel.
Ich will besser als der Großteil der Zahnmediziner in Madrid sein.
Mich abheben von der breiten Masse Zahnarztpraxis. High-End-Dentistry und moderne Zahnmedizin zu einem angemessenen und fairen Preis.
Den deutschen Qualitätskriterien im Bereich der Hygiene und des Behandlungsmanagements unterwerfe ich mich freiwillig. Nach dem Motto: „form follows function“. Nur so kann ich mich abheben. Und nur so macht auch mir Zahnmedizin wieder Spaß. Kaum vorstellbar wie ich früher im Schnitt 18(+) Patienten pro Tag anständig versorgen konnte.

Täglich findet hier mein CEREC AC, der Laser, meine Lupenbrille und besonders mein wiederbelebter und geliebter Kofferdam Anwendung. Nicht immer schneller und mehr Patienten durchschleusen. Klasse statt Masse. Den Patienten wieder in den Mittelpunkt stellen. Sicherlich: ich wurde hier auch dazu gezwungen, da ich mich nicht auf Kassenpatienten mit der Motivation auf Zuzahlung ausruhen kann. Keiner kommt mal vorbei, nur um zu schauen wie der Deutsche so ist. Mein Patientenstamm wächst langsam, aber er wächst und 80% der Neupatienten kommen einzig durch ausgesprochene Empfehlungen. Meine Rechnung scheint aufzugehen, auch wenn ich hier locker eine 70-80 Stunden Woche habe und wenig vom milden Klima mitbekomme. Nach nur 2 Jahren bin ich hier in Madrid bekannter als ich es hätte jemals in meiner alten Wirkungsstätte hätte werden können. Referent für das CEREC System und Betatester für neue Soft- und Hardware für verschieden namenhafte Hersteller. Nur durch eine Standard- Zahnmedizin, die sich mit Zahnextraktionen und Zementfüllungen über Wasser hält, hätte ich hier keine Chance. Dieser Markt ist gesättigt. Spanien ist aktuell nicht wirklich ein guter Ort für Zahnmediziner. Speziell da zusätzlich zur Immobilien- und Bankenkrise südamerikanische Zahnärzte den Markt überfluten. Die Mentalität und Lebensweise ist eine komplett andere und darf auf keine Fall mit der deutschen Lebensweise verglichen werden. Es ist schwierig zu erklären, aber bereits zu Beginn meines Abenteuers hatte mir eine netter Kollege es versucht so zu erklären: Leben kann man in Spanien besser, aber zum Arbeiten (was die Professionalität und Qualität angeht), wäre man doch lieber in Deutschland geblieben.

Zumindest Eines habe ich aber bereits in Deutschland gelernt: Die Standortfrage wird maximal überbewertet und „wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“ [Philip Rosenthal] Auch ich bin gespannt, was mir die nächsten Jahre bringen werden und ich bin gespannt was es in weiteren 2 Jahren zu berichten gibt.

Deutscher Zahnarzt in Madrid gestrandet!

von Alexander Knobel

Ja, auch ich habe den Schritt gewagt und alles, was ich die letzten 10 Jahre beruflich aufgebaut hatte, einfach über Bord geworfen.

Wir sind vor 1 1/2 Jahren nach Spanien ausgewandert und ich habe seit 7 Monaten eine Clinica Dental im Herzen von Madrid.

So, in der Regel wird hier erst einmal im deutschen Kollegenkreis lautstark applaudiert….

Was hat nun mich aus dem beschützten Schoß deutscher Sicherheit getrieben? Als Partner einer sehr gut funktionierenden 3-Behandler-Praxis?

War es so schlecht in Deutschland? Flucht vor der KZV, der Reglementierung, Budgetierung und dem behandlungsfeindlichen Regelwerk deutscher Kassen, gar dem schlechten Wetter entflohen?

Nein, die Gründe sind viel simpler: Wie bei einer Vielzahl der Deutschen, die ich hier kennengelernt hab, gaben rein familiäre Gründe den Ausschlag diesen Schritt zu wagen.

Einfacher ausgedrückt, ich bin mit einer Spanierin verheiratet und derjenige, der mit einem gebürtigen Spanier verheiratet ist, wird über kurz oder lang in Spanien stranden.

Die familiären Wurzel der Spanier sind sehr stark ausgeprägt. Eine Eigenschaft, die in Deutschland wohl weniger zu finden ist.

Ok, die Gründe sind dann ja erst einmal egal, denn: jetzt wird ja alles besser!!!

…. das würde ich so nicht unterschreiben wollen.

Eines ist sicher, es ist definitiv anders als in Deutschland! Nicht nur das Wetter.

In Spanien ist jeder gesetzlich versichert und es gibt keine Trennung in gesetzlich oder privat versichert. Der Umfang der zahnmedizinischen Leistungen umfasst dabei einzig die Kontrolle, einfache Schmerzbehandlung und Extraktionen.

Möchte man mehr Leistungen erhalten, so kann man sich natürlich zusätzlich privat versichern.

Diese sind relativ günstig und daher fallen die entsprechenden Leistungen eher gering (mager) aus.

Eine Krone geht hierbei dann auch mal für 60€ über den Tisch. Wir reden vom Komplettpreis incl. Labor. Über die Möglichkeiten, die man dafür hat, kann sich jeder selber seine Gedanken machen.

Weiterhin bleibt einem dabei in der Regel die freie Arztwahl verwehrt und man ist somit gezwungen zu einem Arzt, der das Vertrauen der Versicherung genießt, zu gehen.

An einer massiven Zuzahlung kommt man aber auch hier für  eine vernünftige Zahnmedizin nicht herum.

Zuzahlung als Standard, keine Versicherung im Rücken. Erstmal ganz toll, aber:

Zahnmedizin hat in Spanien keine Tradition, soll heißen, dass ein Großteil der Bevölkerung nur bei akuten und starken Beschwerden den Zahnarzt aufsucht. Routinekontrollen und Prophylaxe sind für die meisten ein Fremdwort.

Jeder Besucht kostet direkt Geld und man muss wie beim Metzger direkt nach Erhalt der Leistung bezahlen. Garantien gibt es eigentlich keine, wobei man natürlich seitens des Arztes alles versprochen bekommt.

Naja, anderes Thema.

Es ist also erst einmal wirklich schwer, als Neugründer Leute in die Praxis zu bekommen. Und Zahnärzte gibt es hier auch mehr als genug.

Gefühlt mehr als Patienten.

Aber davor steht erst einmal die Praxisgründung an. Was ich hier zur Übernahme gesehen habe, hat mir wirklich umgehauen:

Rostige Autoklaven, nicht vorhandene Steris…aber das Wartezimmer war immer Top ausgestattet!

In Spanien ist es übrigens völlig egal, ob man vor hat, eine Zahnarztpraxis oder eine Wurstfabrik (nein, ich bin kein Vegetarier!) zu gründen. Man benötigt einen Kredit und dieser muss komplett gedeckt werden können. Ohne anderweitige materielle Sicherheiten  bekommt man hier keinen Cent von der Bank. Gott sei Dank ist der familiäre Zusammenhalt sehr groß, so dass man hierbei immer auch auf die Familie zählen kann. Es wird geholfen.

Sollte die Hürde Papier und Zulassung, was recht einfach, aber zeitaufwendig ist, der Kredit und das Auffinden geeigneter Räumlichkeiten überwunden sein, geht es ans Eingemachte.

Der Umbau.
Hierfür gibt es erst einmal keine Beteiligung des Vermieters. Ich war schon glücklich, dass ich einen 10 Jahres – Vertrag bekommen habe, was so nicht üblich ist. Das spanische Mietrecht ist dabei auch eher mieterunfreundlich (immer im direkten Vergleich zu Deutschland).

Und spätestens, wenn der erste Bauarbeiter den Hammer schwingt, treibt das einen deutschen Zahnarzt, der auch gerne zur Optimierung der Qualität mit Lupenbrille arbeitet, in den Wahnsinn.

Mir ist in meinem Leben noch nie soviel Pfusch und Dummheit begegnet. Auch wenn irgendwann einmal eine ordentliche Planung stattgefunden hat, so ist diese bei den ersten Maßnahmen nur noch Vergangenheit. Es existieren ab jetzt keine detaillierten Pläne mehr, alles wird nur noch so ungefähr, aus dem Bauch heraus, erledigt. Es gibt für jeden Pfusch eine Lösung und, auch wenn später alles ganz nett aussieht, ist alles mehr Schein als Sein. Bereits nach zwei Wochen zeigen die ersten Wände Risse und in den ersten zwei Monaten hatten wir drei Wasserschäden, aufgrund mangelnder Bauqualität. Von meinen Stromausfällen möchte ich hier jetzt nicht berichten. Wer braucht schon Strom in einer modernen Zahnarztpraxis ?!?

Alleine zum Thema Umbau bzw. Aufbau meiner kleinen (100qm) Clinica Dental könnte ich eine Buchserie starten ….. behalte ich zumindest im Hinterkopf, falls das hier nichts mehr wird.

Sollte man es mir bis jetzt noch nicht angemerkt haben,  ich habe das Trauma „obra“ (Baustelle)  immer noch nicht ganz verwunden. Ich hatte noch nicht einen Patienten gesehen und bereits mehr Abenteuer, als zu verkraften war.

Wir hatten übrigens eine spanische Firma  beauftragt, die sich auf den Aufbau von Arztpraxen spezialisiert hat. Stress wollten wir unbedingt vermeiden.

Dagegen war zumindest der Erwerb des spanischen Röntgenscheines (3 Tage Seminar mit Prüfung auf spanisch), welcher mich nun zum spanischen Kernphysiker ausweist, ein Klacks.

Besteht man übrigens auch mit geringen Sprachkenntnissen, da man ja dafür privat bezahlen muss. Ist nur schade um die 3 Tage. Mitgenommen habe ich nichts.

Aber jetzt rollt der Rubel….
Nicht ganz.

Zahnmedizin ist hier ein Geschäft und man handelt definitiv selbstständig. Ich darf meine Preise bestimmen und muss dementsprechend auch etwas dafür bieten. Die mittleren Preise liegen im Übrigen ungefähr auf Höhe der GOZ. Labore sind deutlich günstiger, allerdings qualitativ auch mit Abstrichen.

Ein großes Problem in den Großstädten sind Zahnärzte aus Südamerika, die hier den Markt völlig kaputt machen und in Zahnarztketten (wie z.B. VitalDent…60€ für die Versorgung mit einer Krone stehen im Raum) für Hungerlöhne arbeiten. Auch die Privatversicherungen betreiben hier ihre eigenen Zahnkliniken (man bedenke dabei immer die nicht bestehende freie Arztwahl)

Warten und hoffen das jemand kommt funktioniert also nicht. Nur mal schnell schauen, wie der Neue so ist, kostet gleich Geld und da wird dann doch eher mal abgewartet! Werbung ist erlaubt und auch notwendig. Wenn niemand von einem hört, kommt auch niemand.

Mundpropaganda ist wie überall auf der Welt die beste Werbung und das dauert nun einmal. Nach nun 6 Monaten kann ich natürlich noch recht wenig zu meiner Zukunft sagen, aber eins ist sicher. Das Leben ist auch unter der spanischen Sonne kein Ponyhof.

Es wird einem nirgendwo etwas geschenkt und mehr als einmal habe ich bisher den Schritt hinterfragt. Es ist schwierig, von 15-20 Patienten pro Tag plötzlich auf 0-5 Patienten runterzufahren.

Die Kosten sind dabei ähnlich hoch wie in Deutschland. Es erscheint einem nur erst alles etwas günstiger, dem ist definitiv nicht so.
Materialien und Geräte sind in Deutschland oft günstiger zu erwerben.

Auch wenn  man nun versucht ist, zur Steigerung der Patientenzahl sich einer der privaten Versicherungen anzuschliessen, ist das nicht wirklich ratsam. Dagegen erscheint einem die Bema wie ein Selbstbedienungsladen.

Hört sich ja furchtbar an ? Wird schon, wenn´s dann mal läuft, dann läuft´s, aber davor steht nun einmal viel Arbeit und Schweiß.

Eins muss gesagt werden: Die Versorgung der Patienten ist in Deutschland immer noch auf einem hohen Level, wenn auch nicht mehr wie früher. Was mir schwerfällt zu beurteilen. Mir wurde auch als Kassenpatient immer eine anständige Medizin angeboten.

Ist man bereit für eine hochwertige Arbeit und Service eine Zuzahlung zu Verlangen, so sind gute Patienten immer dazu bereit. Nur muss dazu selbst und ständig viel für getan werden.

In meiner ehemaligen Wirkstätte hatte der Senior-Partner schon früh den Trend erkannt und gegengesteuert. Eine Mehrbehandlerpraxis, ein Eigenlabor mit angestelltem Techniker zur Reduktion der Fremdkosten. Zuzahlung für qualitativ hochwertige Arbeiten und das Umsetzen einer modernen Zahnmedizin waren angesagt.

Die Patienten sind bereits in der Praxis, nur von alleine ist natürlich Niemand bereit Qualität zu bezahlen, dies muss sicher extremer als noch vor 20 Jahren kommuniziert werden.

Die Konkurrenz ist auch in Madrid extrem gross, wirbt mit Dumpingpreisen (Erstuntersuchung, Zahnreinigung, OPG und Kostenvoranschlag komplett kostenlos) und man kann sich auch hier nur mit dem Streben nach qualitativ hochwertiger Arbeit von der Masse abheben. Mit dem südamerikanischen Preisdumping kann und will ich nicht Schritt halten.

Ich persönlich versuche mich dabei, auf die hier lebenden deutschen Patienten zu konzentrieren und Ihnen die Zahnmedizin anzubieten, die sie von einer qualitätsorientierten deutschen Zahnarztpraxis erwarten. Dazu gehört auch der Luxus einer GOZ Abrechnung, die fast immer bzw. immer häufiger gewünscht wird und von den deutschen Kostenträger soweit auch erstattet wird.

Ob Madrid die richtige Wahl war. Schwierig aktuell zu sagen, aber sicherlich ist es aufgrund der Ausländerschwemme an den spanischen Küsten deutlich einfacher.

Egal wie das Abenteuer ausgeht, ich werde berichten.

FORTSETZUNG FOLGT…….

Zahnarzt in Deutschland — Nichts wie weg!

von Torsten Hatzky

Ich bin einer von den vielen Zahnärzten, die Deutschland den Rücken gekehrt haben. Wie kam es dazu? Zunächst erst mal etwas zu mir, meiner Berufsauffassung, meiner Zeit in Deutschland.

Ich bin als Mensch sehr freiheitsliebend, halte mich aber trotzdem genau an Regeln.  Nur müssen die Regeln für mich nachvollziehbar und vernünftig sein. Im Beruf gilt deshalb nur das, was man gemeinhin als „lege artis“ bezeichnet. Auch habe ich die Macke, dass ich mich gern über die Ergebnisse meiner Arbeit freue. Hier und da Kompromisse einzugehen, bereitet mir immer Bauchweh und ich vermeide es vorzugsweise. Da ich seit 1993 eine reine Privatpraxis führte, konnte ich mir das leisten. Fachlich bin ich Generalist, praktiziere eine sehr systematische Zahnheilkunde, bin stark zahnerhaltend tätig, etwas Paro, etwas KFO. Ich arbeite gnathologisch und auch ein klein wenig „ganzheitlich“ orientiert. Wenig Chirurgie, keine Implantate. Einen ganz wesentlichen Schwerpunkt bildet natürlich die Endodontie.

Bis Ende 2008 ging das über fast 15 Jahre sehr gut. Finanziell sah es jedoch in den letzten Jahren schon nicht mehr so gut aus. Der Praxisgewinn sank kontinuierlich, trotz stetig gestiegener Patienten- und Umsatzzahlen.

Als dann der Steuerberater immer deutlicher mahnte und wir feststellten, dass immer mal wieder am Ende vom Geld noch relativ viel Monat übrig war, haben wir zunächst bei den Privat- und Praxisausgaben einen rigiden Sparkurs eingeschlagen. Die Zahl der wöchentlichen Behandlungsstunden wurde erhöht, der Urlaub gekürzt. Leider war der Erfolg nur von kurzer Dauer. Dann haben wir über allerlei Maßnahmen wie z.B. Zusatzeinkommen außerhalb der Praxis nachgedacht – leider erfolglos! Eine Honoraranpassung über §2Absatz3 GOZ  erwies sich als Flop. Da offenbar viele meiner Patienten selbst am finanziellen Limit lebten, reagierten sie oft recht unerfreut, wenn die Krankenversicherung nicht alles übernahm. Es deutete für mich vieles darauf hin, dass in Deutschland vor allem der Mittelstand, und dazu gehörten nahezu alle meiner Patienten, finanziell nicht weiter belastbar war. Schließlich haben wir sogar einen Unternehmensberater zu Rate gezogen. Sein Rezept: die Kassenverträge, die ich Ende1992 freiwillig gekündigt hatte, wieder aufzunehmen,  sonst sei nichts zu machen. Alles andere sei ausgereizt.  Aber wann sollte ich die zusätzlichen Patienten behandeln?  Ich war ja bereits zu fast 100% ausgebucht. Also zukünftig Sprechzeiten bis 22 Uhr? Auch samstags? Und  das Behandlungstempo massiv erhöhen, selbst wenn es zu Lasten der Qualität ginge?

Nun war also endgültig Schluss mit lustig. Und Schuld hatte die Politik.

Ich konnte mir ausrechnen: hätte man die GOZ  über die vielen Jahre seit 1988, wie ursprünglich versprochen, an die Teuerungsrate und die beträchtliche Steigerung der Praxiskosten angepasst, hätte ich keinerlei Sorgen. Hoffen auf eine Änderung?  Mit etwas Nachdenken, wurde mir klar: Vergebens! Zu hoch ist der Schuldenberg bei Bund, Ländern, Gemeinden sowie bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Kein Interesse seitens der PKV. Und da es offensichtlich kaum noch Politiker mit wirklichen Visionen, sondern überwiegend profillose Sachwalter gibt, die vor allem Anderen an Ihrem Amt kleben, wird wohl frühestens etwas passieren, wenn es zu spät ist, d.h. wenn ein deutlicher Mangel an Zahnärzten herrscht und Unmut in der Bevölkerung  aufkommt. Erst dann macht es ja aus der Sicht eines  Politikers Sinn, tätig zu werden. Denn nun kann er sich profilieren, kann seine Wichtigkeit unter Beweis stellen. Das wird bei der derzeitigen Versorgungslage wohl noch 10 Jahre dauern. Eigentlich traurig, aber so funktioniert Politik in Deutschland. Siehe hierzu auch diese lesenswerten Beiträge bei Wurzelspitze:

„must have“ oder „want have“ ? Zahnmedizin ist wichtig, keine Frage….

Veränderung als Chance ? Die Zukunft im Gesundheitswesen

Prognose eines Wirtschaftswissenschaftlers

Germany – the „Mystery Country“

So lang konnte ich nicht mehr warten. Also blieb nur noch die Möglichkeit des Auswanderns!

Es gab auch noch weitere Gründe für diesen Schritt. Einer war, dass meine Frau und ich uns für unsere Tochter, die damals kurz vor dem Abitur stand, ein Land für Ihren weiteren Lebensweg wünschten, in dem sie bessere Möglichkeiten für ein erfolgreiches und glückliches Leben hatte. Stattdessen war immer öfter in den Medien zu hören und zu lesen, dass gerade die jetzt heranwachsende junge Generation in Deutschland ganz besonders schlechte Rahmenbedingungen für ihr Vorrankommen hat.  Sie sind diejenigen, die am meisten unter den gigantischen Schuldenbergen leiden müssen, die ihre Vorgängergeneration aufgetürmt hatten.

Aber auch das allgemeine gesellschaftliche Klima in Deutschland hat unsere Entscheidung mit beeinflusst. Ich bin nämlich ein Mensch, der sehr aufmerksam die Stimmung seiner Mitmenschen registriert. Auch lasse ich mich leicht mitziehen, was nicht gerade dienlich ist, zumindest, wenn es bergab geht. Ich beobachtete schon seit Ende der 90er Jahre, dass die Stimmung  in Deutschland kontinuierlich schlechter wurde. In diesem Zusammenhang ist wohl der schon oft zitierte „Niedergang der Mittelklasse“ als Hauptstütze der deutschen Gesellschaft von großer Bedeutung.

Im Übrigen stand ich ja nicht allein mit dieser Auffassung da. Mittlerweile gab es schon zahlreiche Fernsehbeiträge zum Thema Auswanderung, die wir mit großem Interesse verfolgten. Die Protagonisten der Serien sind teilweise schon richtige Fernsehstars. Konny Reimann ist zum Urvater einer neuen Auswanderungswelle avanciert. Viele der Beiträge zeigten:  Wenn man es richtig macht und bereit ist, etwas dafür zu tun, kann man an vielen Orten der  Welt den Erfolg haben, der einem in Deutschland aufgrund schlechter Rahmenbedingungen versagt bleibt.

So fing ich an, nach Möglichkeiten in anderen Ländern zu suchen.  Dank Internet ist das leicht vom heimischen Schreibtisch aus möglich. Immer öfter erschienen auch  in der zahnmedizinischen Fachpresse Artikel über die Zahnmedizin in anderen Ländern. Ergebnis: es gibt in vielen Regionen der Welt Möglichkeiten, als Zahnarzt tätig zu werden. Der Ruf deutscher Mediziner ist dank hoher Ausbildungsstandards generell sehr gut.

Doch leider bin ich sprachlich ziemlich unbegabt. Und Zahnmedizin in einer ungewohnten Sprache auszuüben, stelle ich mir sehr schwer vor. Zu sehr kommt es bei der Befragung der Patienten auf feine sprachliche Nuancen an. Zudem bin ich inzwischen nicht mehr der Jüngste und es stellt sich die Frage: Lohnt sich das eigentlich? Da aber laut Aussage meines Steuerberaters meine Lage  in den kommenden Jahren doch recht zielstrebig in Richtung Insolvenz steuerte, bestand Handlungsbedarf.

Es blieb also für mich nur das deutschsprachige Ausland: Österreich und die Schweiz. Recht schnell fiel Österreich raus. Die zahnärztliche Besiedelung ist mehr als reichlich. Nicht einmal jeder österreichische Zahnarzt bekam eine Zulassung zum staatlichen Gesundheitswesen, ohne die es wohl dort kaum möglich ist zu überleben. Als reiner Privatzahnarzt hat man ganz besonders geringe Chancen.

Fortan lag mein Fokus also auf der Schweiz. Zahnmedizin dort ist überwiegend Privatsache, d.h. die Patienten bezahlen aus eigener Tasche. Nur wenige haben eine private Zahnversicherung. Das dortige Gebührensystem, der „Schweizer Zahntarif“, ist genial, fachlich topaktuell!  Die Preise sind nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten kalkuliert. Bei den wesentlichen Leistungen kann das Honorar nach individuellem Schwierigkeitsgrad  vom Zahnarzt in gewissen Grenzen angepasst werden. PZR, Deep Scaling und Endo-Revisionen werden rein nach Zeitaufwand berechnet.  Darüber hinaus legt jeder Zahnarzt den Taxpunktwert, mit dem die für jede Leistung festgelegte Punktzahl multipliziert wird, als praxisspezifische Kalkulationsgrundlage selbst fest.

Nur Sozialhilfeempfänger und wenige, finanziell  besonders schlecht gestellte Rentner bekommen Zuschüsse von der öffentlichen Hand oder von der Rentenversicherung.  Dieser Personenkreis, sowie Patientenfälle, die infolge von Unfallschäden zulasten einer Unfallversicherung abgerechnet werden, müssen zu einem deutlich niedrigeren Taxpunktwert, der zurzeit nicht mehr ganz kostendeckend ist, behandelt werden. Glücklicherweise sind es nur wenige Prozent des Behandlungsaufkommens, für die diese Regeln gelten. Das alles überzeugte mich und es begann die Suche nach einer geeigneten Praxis.

Recht schnell war klar: Für eine Praxisübernahme hatte ich nicht mehr genug Geld, denn die Hoffnung  auf einen Verkauf meiner bisherigen Praxis war gering. Es gab zu wenig Interessenten  für die große Zahl der angebotenen Praxen. Zu diesem Zeitpunkt wurden in Deutschland Praxisübernahmen von Banken nur noch in seltenen Fällen finanziert. Dafür waren die Praxen in der Schweiz dank großer Nachfrage von deutschen Zahnärzten sehr teuer.

Es blieb für mich also nur die Neugründung als einzige Lösung.

Immerhin konnte ich in diesem Fall meine recht gute Praxiseinrichtung  weiter verwenden. So habe ich die zuständigen Kantonszahnärzte (ein wenig vergleichbar mit  der Stellung der Landeszahnärztekammer in Deutschland) angeschrieben und nach eventuell noch unterversorgten Gebieten nachgefragt. Man riet mir überall ab und empfahl mir, wenn überhaupt, nur eine Praxisübernahme anzustreben. Auch einige mir bekannte Kollegen, die schon früher in die Schweiz gegangen waren, haben uns gewarnt: Die Schweiz ist kein unterversorgtes Gebiet! Eine Neugründung ist in aller Regel nicht zu empfehlen, je nach Region sei  sie sogar finanzieller Selbstmord.

Trotzdem ließ ich mich nicht gleich entmutigen. Ich recherchierte auf eigener Faust im Internet. Ich habe Zahnarztdichte und Bevölkerungszahlen für alle wesentlichen Regionen der Deutschschweiz  abgeglichen. Es galt nun eine Gegend zu finden, in der inklusive einer weiteren Praxis möglichst mehr als 2000 Einwohner auf einen Zahnarzt kamen. Nach wochenlanger Suche habe ich dann tatsächlich eine kleine Region gefunden, die noch Potential zu haben schien. Telefonate mit den Finanzierungsberatern zweier Banken der Region brachten die Bestätigung. Ich hatte einen Platz gefunden, an dem  eine Neugründung Sinn machte und man zeigte sogar Bereitschaft mit einer Kreditvergabe, den eventuell nötigen Umbau  vorhandener Räumlichkeiten zu finanzieren.  Einer der freundlichen Bankberater gab mir sogar einen Tipp, in welchem der Dörfer dank hoher Einkommensstruktur der Bevölkerung die besten Aussichten bestehen würden und konnte mir sogar geeignete Räumlichkeiten nennen, da seine Bank im selben Haus gerade eine neue Filiale eröffnet hatte.  Weitere eigene Recherchen sowie eine Fahrt dorthin bestätigten: Ich hatte die berühmte Stecknadel im Heuhaufen, wahrscheinlich den letzten noch möglichen Standort  für eine neue Praxis gefunden.

Dann ging alles ganz schnell. Als erstes erfolgte die Kontaktaufnahme mit der örtlichen Gemeindeverwaltung per Email. Die Antwort kam umgehend. Man schien sehr erfreut über unseren Wunsch, dort eine Praxis zu eröffnen. Gleichzeitig erhielt ich eine genaue Auflistung aller Verwaltungsschritte, die wir  dafür unternehmen mussten.  Man hatte sogar alle Links zum Herunterladen der benötigten Formulare  und die Email-Adressen der Ämter und Behörden beigefügt. So konnten wir nahezu alles von Deutschland aus erledigen. Für die wenigen dann noch verbliebenen Behördengänge genügte eine einzige Fahrt in die Schweiz.

Es folgte die Prüfung und Planung durch einen Praxiseinrichter aus der näheren Umgebung, der Abschluss der Mitverträge für Praxis und Wohnung, sowie die Planung und Durchführung des Umzugs. Schon drei Monate später waren wir in der Schweiz. Doch darüber demnächst mehr.