Zahn 16 wurde vor 4 Monaten wegen starker Aufbissbeschwerden alio loco endodontisch anbehandelt. Der Patient stellte sich zur Abklärung der durchzuführenden endodontischen Massnahmen vor.
Klinisch zeigte Zahn 16 eine provisorisch verschlossene endodontische Zugangskavität. Ansonsten war der Zahn restaurationsfrei. Die Sondierungstiefen lagen bukkal von mesial bis distal zwischen 2 und 3 mm. Mesiopalatinal und distopalatinal konnte eine Sondierungstiefe von 10 bzw. 9 mm gemessen werden. Direkt palatinal betrug die Sondierung 2 mm. Der Lockerungsgrad entsprach Grad 1.
Aufgrund eines seit langem bestehenden offenen Bisses von 15-25 standen nur die Zähne 18-16 und 27/28 in Kontakt mit den Antagonisten. Zahn 16 zeigte deutliche okklusale Frühkontakte.
Aufgrund der klinischen Befunde und des geringen Lockerungsgrades wurde zunächst die Hemisektion der palatinalen Wurzel nach erfolgter endodontischer Behandlung in Erwägung gezogen. Um die dreidimensionale Ausdehnung des parodontal verursachten Knochendefektes beurteilen zu können wurde ein DVT angefertigt.
Die endodontische Versorgung verlief reibungslos, das Röntgenbild zeigt das erwartete Ergebnis. Der Patient war beschwerdefrei. Nur die parodontale Situation veränderte sich nicht. Weiterhin Taschentiefen über 10mm, weiterhin eine Taschensekretion.
Nach der bisher durchgeführten Behandlung kamen erste Zweifel auf ob der Erhaltungsversuch in der geplanten und durchgeführten Form erfolgreich sein kann.
Was war falsch gelaufen?
War unsere Diagnosestellung falsch oder haben wir in der Anamnese etwas übersehen.
Die möglichen Erklärungen für uns waren:
1. doch eine kombinierte Paro-Endo Läsion
2. oder eine echte parodontale Läsion mit sekundärere beteiligung des Endodonts
3. eventuell eine nicht erkannte Infaktur
4. und/oder zusätzlich nicht bekannte aber bestehende AllgmeinerkrankungenDie Allgemeinerkrankung konnten anamnestisch ausgeschlossen werden. Funktionelle Überbelastungen ebenso.
Wir haben unsere Erstdiagnose in Frage gestellt.
Welche wichtigen Kriterien gibt es zur Unterscheidung der parodontalen gegenüber der endodontale Ursache für die Läsion.
(Quelle: Probleme in der Endodontie, Hülsmann, Schäfer)
War es ein Fehler auf die ursprünglich avisierte parodontalchirurgische Intervention zu verzichten?
Der negative Senitest, die begonnene endodontische Behandlung wiesen für uns auf eine endodontische Ursache hin. Das war ein Fehler.
Ein positiver Sensibilitätstest lässt in der Regel eine parodontale Ursache vermuten. Umgekehrt lässt das Fehlen der Sensibilität eine parodontale oder kombinierte Ursache nicht ausschließen.
Röntgenologisch:
Eine solitärer Knocheneinbruch lässt eine parodontale Ursache eher ausschließen. Hier haben wir dies an 37 und 47. Ist das solität?
Was heißt solitär?
„Einen einzeln vorliegenden Befund in der Medizin. Das Gegenteil ist multipel, also mehrfach vorhanden“. (Wikipedia)
Bei zwei Zähnen ist es nicht mehr solitär.
Die Sondierungsbefunde zeigen keinen isolierten, punktförmigen Knocheneinbruch am Zahn 47. Dies spricht für die Beteiligung eines parodontalen Geschehens.
Die Diagnose lautet:
Echte Kombinierte Läsion
Nach einem offenen Vorgehen (modifizierter Widman-Lappen – offene Curettage) und der Verwendung von Emdogain zur Regeneration des parodontalen Ligamentes konnten wir eine Reduzierung der Sondierungstiefen auf 6mm nach 6 Monaten feststellen.
Es besteht keine Taschensekretion und die röntgenlogische Kontrolle lässt hoffen.
Die Entstehung und den Verlauf einer Paro-Endoläsion konnte ich an vorliegenden Fall gut verfolgen.
Der Patient klagte über zunehmende Aufbissbeschwerden sowie eine starke Warmmissempfindung. Das angefertigte Einzelbild lässt eine deutliche apikale Aufhellung im Bereich der distalen Wurzel erkennen.
Die durchgeführte Sensibilitätsprobe ergab eine positive Kaltsensibilität für Zahn 37!
Klinisch imponierte distal eine Sondierungstiefe von 10 mm.
Nach Anlegen der Zugangskavität zeigte sich im distalen Kanalsystem nekrotisches Pulpagewebe, während in den mesialen Kanälen das Gewebe eindeutig vital war.
Aus Zeitgründen konnte am ersten Behandlungstermin nur eine initiale Aufbereitung,eine medikamentöse Einlage mit CaOH2 sowie der dentinadhäsive Verschluss durchgeführt werden.
Sehr groß war meine Verwunderung als ich 4 Wochen später aufgrund weiterhin bestehender deutlicher Perkussionsempfindlichkeit ein weiters Einzelbild angefertigt hatte.
Beide Wurzeln zeigten deutliche Aufhellungen.
Um eine erneute Kontamination der mesialen Wurzelkanalsysteme zu verhindern erfolgte Aufbereitung & Obturation der mesialen Kanäle sowie die Hemisektion und Entfernung der distalen Wurzel in gleicher Sitzung. Das nachfolgende Bild zeigt die Situation 6 Monate nach WF und Hemisektion.
Gestern stellte sich der Patient nach sechseinhalb Jahren zum Recall vor: