Menschen sind nicht nur Nutzenmaximierer

von Hans – Willi Herrmann

Es passt zum Thema der letzten zwei Tage.
Und zum heutigen Tag der Arbeit, den ich in der Praxis verbringe.

Denn ich habe Notdienst an diesem Wochenende von Freitag bis Montag.
Die Bilanz des Freitagvormittag.
12 Patienten bis 12.50 Uhr.

21 Patienten bis 19.20 Uhr.

Zuletzt ein lautstark, zwei Querstrassen hörbar, schreiendes vierjähriges Kind (es war im Auto eingeschlafen und wurde für die Behandlung aufgeweckt), dass um kurz nach  22.00 Uhr die Praxis betritt und auch die nächsten 20 Minuten nicht damit aufhört und sich natürlich nicht behandeln lässt.

Aber das nur am Rande.

Kommen wir zum eigentlichen Gegenstand unserer Betrachtungen der letzten Tage.

Es geht um die Menschen im Gesundheitswesen.

Und wie die Politik mit ihnen umgeht.

Ich zitiere Professoer Birger P. Priddat, Lehrstuhlinhaber für Politische Okönomie im Studium fundamentale der privaten Universität Witten / Herdecke:

Er schreibt unter anderem in einem lesenwerten Artikel in der  Süddeutschen Zeitung vom 30.04.2009 unter dem Titel: Vorbild Chef.

„Menschen sind keine Nutzenmaximierer.“

Moral ist eine selbstverständliche Resource der Gesellschaft.

Natürlich sind die Menschen nicht alle moralisch – aber sie sind auch nicht lediglich Nutzenmaximierer.  Sicher wollen sie ihr Einkommen steigern, aber in Grenzen: den Grenzen des Anstandes, der Gesittetheit, der Gerechtigkeit. Moral ist eine gesellschaftliche Institution – und wenn ein Unternehmen systematisch dagegen verstößt, entstehen ihm dadurch Kosten, weil Ungerechtigkeit und mangelnde Anerkennung die Mitarbeiter motiviert.

… Hohe Ungerechtigkeit gegenüber Mitarbeitern senkt deren Leistungsbereitschaft, umgekehrt motiviert Anerkennung.

Dem gegenüberstellen möchte ich auszugsweise eine aktuelle Mail an  Frau Ministerin Schmidt, Herrn Ministerpräsidenten Seehofer und  Herrn Minister Söder.

Geschrieben am 29.04.2009 von Frau Dr. med. Barbara Liechtenauer, veröffentlicht bei facharzt.de.

„Sehr geehrte Frau Ministerin Schmidt,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer,
Sehr geehrter Herr Minister Söder,

in Sorge wende ich mich an Sie, wenn ich die aktuellen Meldungen über die „Schweinegrippe“ verfolge.
-29.4. 10Uhr45: inzwischen haben wir in Deutschland 3 bestätigte H1N1-Fälle (NTV)
-29.4. 9Uhr:  in Apotheken in Norddeutschland sind antivirale Medikamente z. Teil vergriffen (NTV)

nach Pandemieplan Bayern:
für ca. 20% der Bevölkerung seien antivirale Medikamente vorhanden

Frage: für eine einmalige Behandlung für 20% der Bevölkerung? Für welchen Zeitrahmen? Für die gefährdeten Gruppen, die die Erkrankten behandeln sollen?

Im Norddeutschen Raum seien nur für 10% der Bevölkerung entsprechende Vorräte da! Wer bekommt diese?

Ebenfalls steht im Pandemieplan, daß die Therapiekosten von den KK übernommen werden:

was heißt das?
– sind sie im Falle einer Pandemie budgetrelevant?
– werden die Mehrkosten durch eine Pandemie im Anschluß als Argument einer weiteren Honorarreduktion hergenommen, da dadurch die Kosten immens gestiegen sind?
– was ist mit den Behandlungskosten?“

„Entschuldigen Sie bitte, Frau Schmidt, Sie verleumden und diskriminieren uns Ärzte seit Jahren und seit Monaten im Besonderen und nun erwarten Sie von uns kompromißlose Hingabe für unsere Berufung? Sie Herr Seehofer
äußerten vor Jahren, daß Sie das Fachärztepack schon noch weg bekommen!
Und nun sollen wir vielleicht die Kartoffeln aus dem Feuer holen?
Erwartungen können nur dann erfüllt werden, wenn man im Vorfeld entsprechenden Respekt und Achtung unserer Berufsgruppe entgegengebracht hätte!
Seit Monaten versuchen wir unsere Praxen am Laufen zu halten, um unsere Patienten in gewohnter Qualität zu versorgen. Wir stopfen mit Rücklagen die entstandenen finanziellen Löcher, da die Kasseneinnahmen nicht
reichen, um die laufenden Kosten zu decken! Perfide ist, daß Sie genau dies wissen und trotzdem  verteufeln und verleumden Sie uns, nur um beim Wähler entsprechend dazustehen!?“

Soweit die Zitate aus der Mail.

Ich bin sicher, Frau Dr. Liechtennauer geht es nicht  primär ums Geld, nicht um  Nutzen – oder Gewinnmaximierung.
Ich vermute sie ist einfach nur enttäuscht und desillusioniert.
Seit Jahren werden Ärzte und viele andere Leistungserbringer im Gesundheitswesen systematisch demotiviert.

Ich zitiere noch einmal Professor Priddat aus oben genanntem Artikel:

„Arbeitnehmer“  (und nichts anderes sind Ärzte, Anmerkung von mir) „verzichten eher auf Geld wenn die Fairness gewahrt bleibt. Verstösse senken aus Sicht der Arbeitnehmer die Reputation der Firma. Sie achten ihre Vorgesetzten“ (die Politiker, Anmerkung von mir) “ nicht mehr und leisten weniger.“

„Die Anerkennung der Mitarbeiter ist eine Führungsaufgabe. Wenn das obere Management eine Wertesystem nicht ausdrücklich und vorbildlich vertritt, lässt es sich auch kaum durchsetzen.“

Ob es wohl Politiker gibt, die über all das nachdenken und die richtigen Schlüsse aus diesen Zusammenhängen ziehen ?
Ich bin skeptisch.

Auslandszahnersatz – der erste Kontakt

von Hans – Willi Herrmann

Die Patientin kommt zur Erstuntersuchung.
Eher beiläufig, im Nebensatz  mache ich die Bemerkung, dass die Brücke im Unterkiefer schon etwas älter ist.

„Wieso ?“ fragt die Patientin, leicht gedehnt.

Ich merke sofort, es wäre besser gewesen, nichts zu sagen.
Autsch, Fettnäpfchen.

„Die ist vom Januar“, sagt die Patientin mit irritierter Stimme.
Wir haben September.  Die Brücke von 35 auf 37  also gerade mal 9 Monate alt.

Aussehen tut sie, als ob sie in den 70er  Jahren gemacht worden wäre, die Ästhetik ist grottenschlecht. Okklusal  und an den Kronenrändern schimmert der Opaker durch. Dicke Kronenränder, überstehend.

In Malaysia wurde sie angefertigt. Der Patientin war dies offensichtlich egal, vermutlich weil der Zahnersatz günstiger angeboten werden konnte.

Jetzt ist die Patientin wieder da. Von der Brücke ist an 37 okklusal die Verblendung weitestgehend abgeplatzt.

Die Patientin möchte eine neue Brücke.
Gerade mal 3 Jahre hat diese Brücke gehalten.
Hat es sich gelohnt, auf Auslandszahnersatz zu setzen ? Sicherlich nicht.

Das wir uns nicht mißverstehen: Mit Sicherheit gibt es auch deutschen Zahnersatz, der so aussieht.

Aber in diesem Fall bin ich sicher, dass der Behandler (im Kollegenkreis bekannt für sein markiges Auftreten)   seinem deutschen Labor so einen Murks nicht durchgehen lassen würde. Im Gegenteil, er hätte die Brücke  dem Zahntechniker um die Ohren gehauen.

Und das ist die Crux an der Sache.

Machen wir uns nichts vor. Wenn mein Labor 8000 Km weit weg ist – werde ich dann die Zahnersatzarbeit wegen irgendeiner Kleinigkeit noch einmal zurückschicken zur Abänderung ?

Oder werde ich diese Arbeit einsetzen nach dem Motto, die nächste Arbeit wird besser, Augen zu und durch.
Das wird natürlich keiner zugeben. Aber gemacht werden wird es so  in Deutschland.

Fakt ist: Es wird Qualität auf der Strecke bleiben, wie bei allen Einsparmaßnahmen.
Pekuniäre Vorteile werden mit Abstrichen in anderen Bereichen erkauft werden.

Das ist genauwie mit dem Toxavit, über das gestern berichtet wurde. Die Indikation, es zu benutzen,  besteht – wenn überhaupt – nur in ganz ganz wenigen Ausnahmesituationen.
Aber in Wirklichkeit wird Toxavit  in Deutschland jedes Jahr  viele 100.000 mal angewendet.

Und in 5 Jahren soll Schätzungen zufolge 30% des Zahnersatzes aus Kostengründen im Ausland hergestellt werden. Wieviel Tausende von Zahnersatzarbeiten werden dann eingesetzt werden, in einer Qualität, die nicht dem Optimum entspricht ?
Das möglich wäre, wenn eine direkte Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Zahntechniker vor Ort dies zuließe ?

Auslandszahnersatz – zum Nutzen des Patienten ?