Tipping Point Montagsdemo

von Hans – Willi Herrmann

Vor ein paar Tagen habe ich an dieser Stelle über Malcom Gladwell berichtet und sein Buch „The Tipping Point“ erwähnt. Darin geht es um bedeutsame Entwicklungen, die von einer Keimzelle ausgehend epidemieartig ihren Siegeszug antreten.

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Das sagte schon Victor Hugo und es ist, denke ich, eine schöne Umschreibung, worum es in dem Buch geht, für dass ich hier noch einmal Partei ergreifen möchte.
Keine zufällige Wortwahl im Übrigen, denn, wie es der Zufall so will, heute in der Zeitung ein Paradebeispiel für einen Tipping Point in der jüngeren deutschen Geschichte.
Innerhalb von 6 Wochen von 1000 auf 300.000.

Renate Meinhof schreibt in der Süddeutschen Zeitung zum 20. Jahrestag der Leipziger Montagsdemo:

Am 4. September 1989 erlebte Leipzig die erste Montagsdemonstration. Am Anfang kamen nur 1000 Personen. Später sollten über 300 000 für einen Regimewechsel in der DDR demonstrieren.

Warum war es gerade Leipzig, die Stadt Johann Sebastian Bachs, wo am 4. September 1989 der Kampf um die Straße begann und der Untergang des kleinen deutschen Staates buchstäblich eingeläutet wurde? Leipzig war wie alle Städte der DDR heruntergekommen, sichtbar vor allem im Verfall der Altbauten. Die Wohnungsnot wuchs unerträglich, gerade für junge Familien.

Und doch war aufmüpfiges Leben in der Stadt, der Schuss Weltoffenheit, den vor allem die Messen mit sich brachten. Zweimal im Jahr fanden sie statt. Anfang September 1989 gab es hier schon eine aktive Opposition, es gab mutige Pastoren und 5000 Menschen, die Ausreiseanträge gestellt hatten, um dem Sozialismus den Rücken zu kehren.

„Die Stimmung ist mies, Genosse Minister“, so beschrieb Stasi-Generalleutnant Manfred Hummitzsch aus Leipzig seinem Chef Erich Mielke am 31. August die Lage in der Stadt. „Es ist tatsächlich so, dass aus einer zufälligen Situation hier und da ein Funke genügt, um etwas in Bewegung zu bringen“.

Diesen Funken fürchtete die SED. Längst hatte Mielke deshalb seine Untergebenen auf eine härtere Gangart eingeschworen, die Nationale Volksarmee war auf einen Einsatz im Inneren vorbereitet. Die Friedensgebete in der Nikolaikirche, die nach sechswöchiger Sommerpause am 4. September wieder beginnen sollten, mussten unbedingt verhindert werden. Auf Bischof Johannes Hempel und seine Pastoren wurde Druck ausgeübt.

Und doch kamen um 17 Uhr etwa 1000 Menschen in die Kirche. Versöhnung und Schuld, das war das Thema der Predigt. Nach dem Gebet traf man sich vor der Kirche. Die ersten Transparente tauchten auf, schon das war eine Revolution. „Reisefreiheit statt Massenflucht“, stand auf einem.
Es hielt sich nicht lange. Männer vom Ministerium für Staatssicherheit griffen sofort zu. Mehrere hundert Menschen, von Polizeiketten immer wieder abgedrängt, marschierten bis zum Hauptbahnhof. Die Leipziger Volkszeitung machte sich lustig über die „Störenfriede“. Die Masse der Leipziger habe einen „ganz normalen friedlichen Messe-Montagabend“ verbracht.

Bald war nichts mehr normal, nichts mehr gewohnt. Am Montag, dem 11. September, sprach Pastor Christian Führer zum Ausreiseproblem. Es gab Verhaftungen, Verurteilungen. Schnell solidarisierten sich Gemeinden in anderen Städten mit den Leipzigern, der Funke sprang über.

Am 25. September versammelten sich schon 6000 Demonstranten, die 1500 Einsatzkräften gegenüberstanden. Die aber waren überfordert, überrascht von der Wucht der Menge. Am 23. Oktober zogen 300000 Menschen durch die Innenstadt. Manche Demonstranten nahmen, zum Ärger der SED, sogar kommunistische Revolutionstraditionen auf und sangen den Refrain der „Internationale“-„Völker, hört die Signale!“ Vor allem aber riefen sie: „Montag sind wir wieder da.“

Wochen später fiel die Mauer.

(aus der SZ vom 04.09.2009)

Spaghettisauce

von Hans – Willi Herrmann

von Hans – Willi Herrmann

2002 bin ich in einer Buchhandlung auf ein Buch von Malcom Gladwell gestossen.
The Tipping Point. Tipping points, das  sind  magische Momente, an denen eine Idee, ein Trend oder ein soziales Verhalten eine Schwelle überschreitet, umkippt, und sich wie ein Flächenbrand ausbreitet.
Die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, die erklären könnten, wie es zu diesem Umkippen kommt, beschäftigte Gladwell, der zehn Jahre lang als Reporter für die Washington Post gearbeitet hat, erst als Wissenschaftsjournalist, und dann als Leiter des New Yorker Büros.
Insbesonders die Theorie des „zerbrochenen Fensters“ , die Konsequenzen für die New Yorker Polizei, die daraus gezogen wurden und die Erfolge, die damit erzielt wurden, fand ich sehr beeindruckend.
Ich habe auch die weiteren Bücher des Autors gelesen („Blink“ und „Überflieger“) und auch dort interessante Sachen mitgenommen.
Und jetzt bin ich auf das folgendes Video mit Malcom Gladwell gestossen.
Er redet über Spaghettisauce und Kaffeesorten.
Okay, sie fragen sich, was das mit Zahnmedizin zu tun hat.
Ich versuche, den Bogen zu spannen.
Vor Markteinführung eines neuen Consumerproduktes werden Marktforschungstests durchgeführt. Was möchte der Kunde ? Das ist die Kardinalfrage.
Ziel der Konsumfoschung war es lange Zeit, ein Produkt zu bekommen, dass möglichst breite Zustimmung bekommt.
Daraus resultiert jedoch zwangsläufig ein Produkt, dass von den Kunden in seiner Qualität als genügend, nicht jedoch als ausserordentlich eingestuft wird. Ein Kompromiss auf möglichst breiter Basis.
Kreiert man jedoch ein Produkt, dass auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten ist, so kann dieses Produkt wesentlich höhere Einstufungen in dieser Gruppe erreichen, der Grad an Zufriedenheit ist also wesentlich höher.
Um beim Kaffee zu bleiben, für Gladwell ist dieser Unterschied in der Zufriedenheit der Unterschied zwischen einer Plörre und einem coffeinen Hochgenuß.
Mein Tipp: Schauen Sie sich das Video an und überlegen Sie für sich selbst, welche Art von Zahnarztpraxis sie sein wollen.
Automatenkaffee oder Spezialmischung ?
Falls Sie zu letzterem tendieren: Nicht jeder wird ihren Kaffee mögen, aber die, die ihn mögen, werden begeistert sein.
Eine Begeisterung, die Sie in ihrer „Automatenkaffee“ – Praxis nie in dieser Form erfahren werden.
Und das wäre schade.