Terminierung von Schmerzpatienten

von Christoph Kaaden

Die zeitnahe und sinnvolle Terminierung von Schmerzpatienten zählt zu  d e n  grossen Herausforderungen einer jeden zahnärztlichen Praxis. Um dieser logistischen Aufgabe gerecht zu werden haben wir zum Beispiel mehrfach die Woche „Schmerz-Zeiten“ für solche Notfall-Patienten geblockt. Dies ist aber sicher kein Patentrezept und ich könnte mir vorstellen, dass „jeder“ Mitleser von Wurzelspitze für sinnvolle Anregungen und Tipps hierzu dankbar wäre.

Daher möchte ich Ihnen solche von Jennifer de St. Georges, einer sehr renommierten und international gefragten Praxismanagerin, „weitergeben“.

In diesem Video gibt sie zahlreiche Anregungen und Sichtweisen zu dieser Thematik. Die gut 20 Minuten dieses Videos sind in meinen Augen sehr gut investierte Zeit und können ggf. helfen das Management und die Terminierung von Schmerzpatienten in Ihrer Praxis zu verbessern bzw. zu optimieren.

Ferner würde mich interessieren, wie Sie diese Problematik in Ihrer Praxis handhaben und welche Tipps Sie weitergeben können… nutzen Sie dazu doch die Kommentar-Funktion.

P.S.:Auf der Homepage von Jennifer de St. Georges finden sich hier noch einige weitere sehenswerten Videomitschnitte einiger ihrer Präsentationen…

 

Anatomie eines Notdienstes (4)

von Donald Becker

Ein Patient hat uns eine gute Flasche Wein mitgebracht.

Überhaupt sind die Patienten durch die Bank heute besonders höflich. Es gibt kein Klagen angesichts der teilweise stundenlangen Wartezeit.

Ausnahmen gibt es natürlich immer, wie die Dame, die sich über ihren Eigenanteil von knapp 9 Euro für das Wiedereingliedern einer Frontzahnkrone beklagt.

Klassiker im Notdienst, neben der Patientin, die nun schon zum 3. Mal an 3 aufeinanderfolgenden Notdiensten bei uns erscheint, sind auch dieses Mal wieder Patienten, die zwar mit einer drastisch geschilderten Beschwerdeproblematik in der Praxis erscheinen, dann  jedoch, wenn es darum geht, eine Therapie gleichwelcher Art durchführen zu lassen,  doch nichts gemacht haben wollen.

Bei den beiden Patienten, die mit neuen Teleskopversorgungen (verankert an 2 Eckzähnen und einem Molaren) vorbeigekommen sind, ist dies nicht der Fall.
Sie wollen Hilfe.

Der eine hat einen Abszess am Teleskopzahn 37. Die Prothese ist 6 Wochen alt und der Zahn ist wurzelkanalbehandelt. Eine Revision macht keinen Sinn mehr. Der Zahn ist austherapiert. Wir inzidieren, decken antibiotisch ab und weisen angesichts des Röntgenbildes den Patienten darauf hin , dass der Zahn 37 entfernt werden muss, sobald die Entzündung rückläufig ist.  Die Prothese ist handwerklich gut gemacht und wird sicherlich auch ohne den dritten Ankerzahn einen ausreichenden Halt haben.

Für den anderen Patienten sieht es nicht so gut aus.
Die Teleskopprothese ist 9 Monate alt, sieht aber so aus, als hätte sie deutlich mehr auf dem Buckel. Hier stimmt nur wenig. Die NEM – Primärteleskope sind vom Randschluss her mäßig bis unzureichend, der Sitz der Sekundärkonstruktion ist mangelhaft. Die Prothese hat einen Riss im Bereich des Teleskops 24  und nun ist der Zahn 13 abgebrochen.
Er ist wurzelkanalbehandelt, Schmerzen sind nicht zu erwarten.  Eine Präparationsgrenze ist nur andeutungsweise zu erkennen und sie ist nicht deckungsgleich mit dem Kronenrand.

Wollte man das Teleskop auch nur mittelfristig stablisieren, so müsste der Zahn mit einem Wurzelstift + Aufbau versehen werden und darüber das Teleskop passgenau wieder integriert werden. Entsprechende Präzision in der Systematik und in der Vorgehensweise vorausgesetzt,wäre  dies möglich.  Würde der Zahn extrahiert, würde  der Halt der Versorgung deutlich leiden.

Ich stelle die provisorische Eingliederung der Teleskopkrone einer definitiven Eingliederung gegenüber und plädiere für ersteres.
„Wie lange wird das halten ?, fragt der Patient.
„Nicht lange“, antworte ich offen.
„Schaffe ich es über die Feiertage bis ins neue Jahr ?
„Wenn sie Pech haben, stehen Sie morgen wieder hier, es ist zuviel von ihrem Zahn abgebrochen“.

Der Patient wünscht die definitive Eingliederung.

Eine Patientin erscheint.
Eine fünfgliedrige Brücke im Oberkiefer, vom Frontzahnbereich in den Seitenzahnbereich sich erstreckend. Die Patientin wünscht, nein, sie verlangt die Wiedereingliederung der, wie sie sagt 2 Jahre alten Brücke. Sie ist routiniert, es ist offensichtlich ein immer wiederkehrendes Ereignis. 3 der 4 Pfeilerzähne sind bis fast auf Gingivaniveau weggefault, nur der Zahn 23 ist noch etwas substanzreicher, wenngleich ebenfalls stark kariös angegriffen.
Keine Schmerzen.

„Ich kann Ihnen die Brücke nicht mehr eingliedern, sie hat keinen Halt mehr.“
„Mein Hauszahnarzt hat die Brücke doch auch immer wieder eingesetzt, warum soll das jetzt nicht mehr gehen ???“
„Weil es nicht lange halten kann“.

„Und was kommt dann ????“, fragt die Patientin . „Was kosten denn  Implantate ???“
„Da ist ihr Hauszahnarzt der geeignete Ansprechpartner, ich bin es nicht“, antworte ich.

„Jetzt sagen sie doch mal !!!!“, wiederholt die Patientin ihre Forderung. Der Ton wird schärfer. „Wieso wollen Sie mir denn nichts sagen ???? Jetzt sagen sie doch mal !!!!“

Ich wiederhole meinen Satz von oben und gliedere ein.

4 Patienten

von Hans – Willi Herrmann

„4 Patienten behandelt er heute“, sagt der junge russische Praxisinhaber.

4 Patienten ? Hab ich mich verhört ? Nein, es sind tatsächlich nur 4.

Aber er kann trotzdem offensichtlich davon leben, denn die Praxis gibt es schon ein wenig länger.
Und 2 Stockwerke höher befindet sich das praxiseigene zahntechnische Labor mit 6 Angestellten.
Implantologie und hochwertiger Zahnersatz, das scheinen die Pfeiler seiner Tätigkeit zu sein.

In Deutschland ist es nicht ungewöhnlich, dass am Tag 40 Patienten die Praxis aufsuchen.
Ich kenne sogar eine Praxis, die meist 60 Patienten am Tag durchschleusst.

Und mindestens doppelt so viele Schmerzpatienten jeden Tag behandelt als der russische Kollege überhaupt Patienten hat in diesem Zeitraum.
Der Moskauer Kollege schüttelt den Kopf, als ich ihm von den deutschen Verhältnissen erzähle.

Ruhig geht es zu in dieser Praxis.

Was für eine angenehme Athmosphäre.
Keine Hetze, kein Gedränge.
Ruhe.
Das macht mich  nachdenklich.
Es geht also auch anders als im deutschen Gesundheitshamsterrad.

Was braucht es dafür ?

Vermutlich nur die Erkenntnis bei allen Beteiligten, dass eine adäquate Leistung eine entsprechende Honorierung mit sich ziehen muss.
Wir in Deutschland haben im Laufe der Jahrzehnte die Zeit zum Massstab aller Honorierungen gemacht. Die Qualität wird nicht in die Überlegungen einbezogen, sie wird stillschweigend vorausgesetzt, selbst dann noch, wenn offensichtlich ist, dass im vorgegebenen Zeitrahmen die Leistung nicht lege artis erbracht werden kann.

Wenn es in Russland geht, warum nicht bei uns ?

Weil zunächst einmal Abschied genommen werden müsste von der Vorstellung, mit dem zur Verfügung stehenden Gesundheitsbudget alle benötigten medizinischen Massnahmen in Topqualität und in  toto bezahlen zu können.

Warum das nicht geht ? Die Gründe dafür sind vielfältig und es ist müssig, darüber zu diskutieren.
Ebenso muss klar sein, dass die immer wieder von Ärztevertretern  geforderte pauschale Honorarerhöhung nichts, aber auch gar nichts zur Verbesserung der Gesundheitssituation beitragen wird.

Messbare,  nachweisbare Qualität, die aufwandgerecht honoriert werden kann, nicht länger als sinnlose Übertherapie oder Abzockerei abzutun, sondern als erstrebenswerte, vom Patienten frei zu wählende Alternative zu anderen Therapieoptionen gelten zu lassen, wäre die Grundvoraussetzung dafür, dass sich auch bei uns ein neues Behandlungsgefüge einstellen kann.

Kommen wird es so oder so.
Das Beispiel Moskau zeigt, das diese Entwicklung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Noch hätten wir jedoch die Möglichkeit, einem breiten Kreis von Bürgern eine fein abgestuftes Bündel solcher Versorgungen zukommen zu lassen.
Wird diese nicht genutzt (und je länger man an gesetzgebender Stelle damit wartet, umso wahrscheinlicher wird es) steht am Ende unserer Entwicklung eine Minimalbasisversorgung für Viele und moderne Zahnmedizin für sehr Wenige.

Moskau Metro

Moskau Metro