Flöhe und Läuse

Von Bonald Decker

Das es stets eine gute Idee ist möglichst objektiv zu sein und unbefangen an eine (klinische) Situation heranzugehen soll der nachfolgende Fall aus unserer Praxis verdeutlichen.

Zu den Hintergründen:

Die vierzigjährige Patientin wurde uns vor einiger Zeit zur endodontischen Behandlung von 16 überwiesen. Bei diesem Zahn hatte sich eine Pulpanekrose als Folge einer ehemals ausgeprägten Karies mit nachfolgender Füllungstherapie (alio loco) entwickelt.

Flöhe und Läuse.001

Alio loco angefertigtes OPG

Zahn 16 vor endodontischer Behandlung bei Pulpanekrose

Der Zahn wurde daraufhin von uns in insgesamt zwei Sitzungen endodontisch behandelt. Zum zweiten Termin, circa sechs Wochen später, war die Patientin vollkommen schmerzfrei. Auf Nachfrage berichtete sie ferner, dass auch nur direkt nach der ersten Behandlung sehr milde Beschwerden (in Form einer leichten Aufbissempfindlichkeit) für ein paar Tage vorgeherrscht hatten.

Hier unsere Abschlussaufnahme nach Wurzelkanalfüllung und adhäsivem Verschluss der Zugangskavität.

Abschlussaufnahme nach zweizeitig durchgeführter endodontischer Behandlung des Zahnes 16

Prä-op vs. post-op Aufnahme

Drei Tage nach Behandlungsabschluss rief die Patientin kurz nach acht Uhr früh in der Praxis an. Sie gab an mit einer leichten Schwellung der rechten Wangenseite aufgewacht zu sein.

Ein paar Stunden später konnte ich mir ein eigenes Bild von der Situation machen. Die Schwellung war sehr moderat ausgeprägt (leider ohne Fotodokumentation). Das Vestibulum im 1. Quadranten war nicht verstrichen und eine apikale Druckdolenz konnte ich nirgends feststellen. Zahn 16 war leicht perkussionsempfindlich. Die Zähne 14,15 und 17 reagierten positiv auf Kältereiz.

Den letzten Befund hatte ich so nicht unbedingt erwartet, da ich aufgrund der radiologisch erkennbaren tiefen Restaurationen einen der Prämolaren als ursächlich vermutete.

Zu diesem Zeitpunkt begann ich stark in Erwähnung zu ziehen, dass hier tatsächlich ein Flare-up nach Wurzelkanalfüllung vorlag. Eine für mich bis dato ungekannte Komplikation…

Das weitere Gespräch mit der Patientin über mögliche Therapieoptionen und andere Ursachen brachte mich schliesslich dazu noch etwas anderes in Erwägung zu ziehen…

Sie erwähnt eher beiläufig, dass Sie in der Vergangenheit nie Probleme an den Prämolaren verspürt hatte, jedoch der Eckzahn in der Vergangenheit schon wiederholt moderat schmerzhaft war….obgleich dieser füllungs- und kariesfrei war.

Et voila:

Karies- und füllungsfreier Zahn 13 mit diskreter apikaler Aufhellung bei ausgeprägter Obliteration des Kanalsystems ab dem mittleren Wurzeldrittel 

Das Röntgenbild bekräftigte den negativen Sensibilitätstest auf Kälte und elektrische Stimulation. Die daraufhin eingeleitete endodontische Therapie führte bereits bis zum nächsten Tag zu einem Abklingen der leichten Gesichtsschwellung…

 

Blick in Zugangskavität mit nekrotischem Pulpagewebe

Vor Kurzem konnten wir schliesslich auch diese Behandlung beenden. Klinisch bestand die grösste Herausforderung darin die apikale Obliteration zu überwinden…

Abschlussröntgenbild nach Wurzelkanalfüllung und Glasfaserstift-Kompositrestauration an Zahn 13

Bei aller Freude darüber die tatsächliche Ursache doch noch erkannt zu haben ärgert  mich, dass ich bei meiner klinischen Untersuchung die Frontzahnregion nicht fundiert genug untersucht und als mögliche Ursache in Betracht gezogen hatte. Die Kariesfreiheit verleitete mich zu einer vorschnellen Abkehr einer gründlicheren Untersuchung (zum Beispiel eines Kältetests). Erst die Patientin brachte mich auf die richtige Fährte….

aber wie sagte schon der kanadische Arzt William Osler seinen Studenten vor mehr als hundert Jahren:

„Hör dem Patienten zu: Er erzählt dir die Diagnose“

 

Chicken or Beef ? So sieht´s der Gutachter (2)

von Hans-Willi Herrmann

Chicken or Beef ?

Wer von uns hat nicht diese Worte noch im Ohr ?
Sie stehen stellvertretend für eine Epoche, die für jeden, der heutzutage einen Ferienflieger betritt, offensichtlich der Vergangenheit angehört.
Nicht das wir dem einen wie dem anderen Gericht wirklich nachtrauern würden.

Im Gegenteil.
Aber die bewusste Frage, in der Regel in 10.000 Metern Flughöhe gestellt, steht exemplarisch, gewissermaßen als Metapher dafür, wie sich die Zeiten geändert haben.

Früher, ja früher betrat man voller Vorfreude pünktlich den Ferienflieger. Eine Reihe ausgesuchter Zeitschriften (die ausreichten, den Lesebedarf aller Familienmitglieder der ersten Urlaubswoche zu stillen) und Kinofilme (die soeben erst die Filmtheater verlassen hatten) verkürzten einem die Reisezeit bis zur Ankunft am Ferienziel. Zu besagten sprichwörtlichen Essen gab es zusätzlich Snacks und natürlich eine ganze Reihe unterschiedlicher nichtalkoholischer Getränke, heutzutage Softdrinks genannt, und natürlich gab es, wenn es eine Charterlinie war, die was auf sich hielt, kostenlos auch Rotwein, Weisswein oder Bier.

Heute gibt es im Ferienflieger nichts mehr.
Zeitschriften? Fehlanzeige.
TV – Bildschirme ?Verschwunden.
Das typische Alu Schachtel Luis de Funes Brust oder Keule Papp Essen kostet jetzt einen zweistelligen Eurobetrag.
Was zu trinken ? Kostet extra.

Und besagte Spar oder Zusätzlich Abkassiert – Massnahmen beschränken sich nicht mehr auf die Flugzeugkabine.
Gratis Reisegepäck ?
Früher waren es 20 Kilo pro Person.
Heute sind es brandaktuell bei Tui Fly 15 Kilo. 5 Kilo mehr kosten 6 Euro pro Flug, also 12 Euro pro Reise. Wenn man es vorher anmeldet und bezahlt. Am Flughafen kostet ein Kilo 10 Euro, bei besagten 5 Kilo mehr, um auf das frühere Freigepäck zu kommen, kämen demnach für unsere dreiköpfige Familie 300 Euro pro Reise zusammen.

Und null Toleranz, wenn man die Freigrenze überschritten haben sollte.
Beim Wiegen des Gepäcks wird im Übrigen auf volle Kilos aufgerundet, auch wenn die Waage auf 100 Gramm genau anzeigt. Spätestens hier wird klar, worum es bei all dem geht.

Gewinnmaximierung.
Und paradoxerweise ist der zahlende Kunde das schwächste Glied in der Kette, an dem man sich am einfachsten schadlos halten kann.
Nach Gran Canaria schwimmt sich halt so schlecht.
Also wir alles gestrichen, was zu streichen geht.
Denn jedes Kilo mehr, das berechnet werden kann, jedes Gericht, jedes Getränk, dass entweder gekauft oder nicht gegessen wird, jede Zeitschrift, die weggelassen, wird, jede Film- Lizenzgebühr die nicht gezahlt werden muss, jeder TV- Monitor, der nicht eingebaut werden muss, ist eine Mehreinnahme, welche die Kasse der Fluggesellschaft klingeln lässt.

Und nur für den Fall, das jemand meint, der Passagier könnte nicht weiter geschröpft werden, passend dazu eine Meldung von heute, in der eine Budget- Fluggesellschaft Größe und Gewicht des Handgepäcks auf ein Minimum beschränkt. Wer mehr will oder braucht als Notebook und Zahnbürste muss bis über 90 Euro mehr bezahlen.

Welches Wort kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn sie beschriebene Sachverhalte vor ihrem geistigen Revue passieren lassen? Bei mir ist es „Moderne Wegelagerei“.

Entrüstet? Zu recht.
Allerdings – in der Zahnmedizin haben wir analoge Vorgehensweisen schon wesentlich länger.

Darüber mehr beim nächsten Mal im dritten Teil dieser Serie.