von Hans – Willi Herrmann
Wieder Stau auf der B41 bei Waldböckelheim.
Und die tagtägliche Schlange beim Ortseingang Bad Kreuznach reicht über die Stadtgrenze hinaus, fast bis zum Kreisel auf der Lohrer Mühle.
Macht 15 Minuten Verspätung.
So dass ich, sicherheitshaber schon mal 10 Minuten früher zu Hause losgefahren, immer noch 5 Minuten zu spät in der Praxis eintreffe.
Kein guter Start in den Tag.
Die Tagesbesprechung fällt dementsprechend kurz aus.
Vielleicht lässt sich ja ein wenig Zeit aufholen, denn es gibt nichts Schlimmeres, als eine Verspätung den ganzen Tag mit sich rumzuschleppen.
Nützt aber nichts, denn schon beim ersten Patient stellt sich heraus, dass es nicht bei 5 Minuten bleiben wird. Benötigte Zeit 1 Stunde. Versehentlich eingeplant gerade mal die Hälfte.
Und schon sind wir 35 Minuten im Verzug.
Und dabei bleibt es nicht. Die nächste Patientin, für eine Routinebehandlung einbestellt, weist einen frakturierten Zahn auf, der unbedingt behandelt werden muss. Warum sie nichts gesagt hat im Vorfeld ? „Sie wusste ja, dass sie diesen Termin hat und es war nicht mehr lange hin, als es passiert ist“, antwortet sie.
Und schon sind wir 1 Stunde im Verzug.
Und damit läuft das Notfallprogramm an. Der nächste Patient ist schon da. Ich gehe nach draussen, bitte um Entschuldigung. „Sollen wir einen neuen Termin vereinbaren oder möchten / können sie warten ?“
Er kann und er gibt mir vor allem das Gefühl, dass es nicht ganz so schlimm ist, dass wir ihn nicht pünktlich drannehmen können. Wir rufen den im Tagesplan folgenden Patienten an, verschieben den Termin um 45 Minuten nach hinten. Auch hier heute keine Problem. Ich bin froh, auch wenn damit die Mittagspause auf ein kümmerliches Maß sich reduziert.
Dann die erste Hiobsbotschaft.
Fehler bei der Quartalsabrechnung.
Und zwar einen, der in 16 Jahren bisher nicht aufgetaucht ist. So etwas hatten wir noch nie. Nichts geht mehr. Anruf bei der Zahnarztsoftware – Hotline. Das Problem ist bekannt, ein Lösungsweg wird genannt, er ist zeitaufwändig, aber immerhin machbar. Gut, dass heute zwei Leute in der Anmeldung sind.
Dann das nächste Problem.
Kein Wasser mehr an den Behandlungsstühlen.
Sollten die Stadtwerke das Wasser abgedreht haben ?
Ausgerechnet jetzt ? Wir können uns heute keine weitere Verzögerung leisten.
Kurzer Check am Waschbecken. Das Wasser läuft. Ich gehe ins Behandlungszimmer nebenan. Ebenfalls kein Wasser aus allen Winkelstücken, jedoch am Zst – Gerät. Der Fehler kommt vom Kompressor, vermutlich. Kein Druck ?
Ich gehe in den Technikraum. Die Druckanzeige zittert um die 1,5 bar herum. Viel zuwenig. Gleichzeitig ein lautes Zischen. Irgendwo ist etwas undicht. Der Kompressor läuft Vollast. Keine Frage, ein Techniker vom Dentaldepot muss kommen.
Kurze Zeit später, Rückruf des Depots, ein Techniker ist in der Stadt bei einem anderen Kollegen, er kommt vorbei, sobald er dort fertig ist. Der Druck steht im Moment bei etwa 3 bar, das Wasser läuft wieder, ich kann weiterarbeiten.
Jetzt läuft erst mal alles glatt. Die nächsten beiden WF´s sind Routine, auch wenn ein Zahn 17 bei schwierigem Zugang und eingeschränkter Mundöffnung nicht unbedingt das ist, was man sich vor der Mittagspause wünscht.
Aber egal, es läuft.
Ein kleiner Lichtblick – die angekündigte Schmerzpatientin (2005 das letzte Mal in der Praxis), gibt bei der Anamnese an, dass die am Telefon verkündeten Zahnschmerzen im Molarenbereich, genau betrachtet, eher die Angst davor ist, dass solche Schmerzen auftauchen könnten. Beim Blick in den Spiegel waren ihre schwarze Punkte seitlich auf den Zähnen im Unterkiefer aufgefallen. Eine Fissurenkaries, die noch nicht weit vorgedrungen scheint. Neuer Termin. Zumindest eine halbe Stunde Mittagspause scheint gerettet.
Zwischenzeitlich war auch der Techniker des Dentaldepots da.
Es ist die Trockenpatrone des Kompressors, die ausgetauscht werden muss.
Leider muss er jetzt erst einmal ins Depot fahren, ein entsprechendes Ersatzteil holen.
Ich bin trotzdem froh, dass er mir helfen kann und vor allem, dass dieser Fehler jetzt aufgetaucht ist und nicht am Wochenende, dann haben wir nämlich Notdienst. Aber die Reparatur wird nicht billig werden, davon können wir ausgehen.
Im Vorübergehen fällt mir noch ein Kostenvoranschlag für unser defektes EMS Airflow – Gerät in die Hände.
480 Euro + MWS Reparaturkosten sind kein Pappenstiel.
Zusammen mit den 9000 Euro, die ich gerade heute morgen für eine neue Praxis – Software ausgegeben habe, sind wir noch am Vormittag um 10.00 Euro in die Miese gegangen. Und das am ersten Tag des Monats.
Kurz vor der Mittagspause ist der Techniker wieder da.
Ich bin noch mitten in der WF.
Hoffentlich ist die Röntgenkontrolle okay, denn das Techniker – Taxameter tickt.
Die Kompressor – Reparatur kann schießlich erst beginnen, wenn wir mit der Behandlung fertig sind.
37 Minuten Mittagspause.
Zeit für 2,3 Telefonate.
Dienstlich. Ich muss weg nächste Woche. Beruflich bedingt. Kurzfristig. Sehr kurzfristig. Und das knapp eine Woche vor dem Urlaub. Eigentlich unmöglich. Wohin mit den Patienten des nächsten Dienstags? Seit einer Woche überlegen wir, wie wir es machen könnten. Jetzt drängt das Reisebüro. Die Flüge müssen gebucht werden. Montag abends hin, letzter Fieger 22.10, Mittwoch morgen 7.00 Uhr Flug zurück, denn ich muss 10.00 Uhr wieder in der Praxis anfangen zu arbeiten.
Und da wäre noch der besagte Notdienst am Wochenende.
Ausgerechnet am Rheinland – Pfalz Tag, der dieses Jahr in Bad Kreuznach stattfindet.
350. 000 Besucher sollen kommen.
Wahrscheinlich werde ich in der Praxis übernachten. Und nicht an der Schulabschlussfeier meiner Tochter teilnehmen können. Und sie vermutlich von Freitag morgen bis Mittwochabend so gut wie nie zu Gesicht bekommen.
Wir haben immer noch keine Lösung für die Dienstags – Patienten.
Aber ich buche die Flüge.
Noch ein paar Bissen hinuntergeschlungen.
Der Techniker ist fertig, der Kompressor geht wieder. „Es müssen nur noch zwei Filter gewechselt werden, ob er noch mal wiederkommen soll“, fragt er mich. „Oder ob er mir kurz zeigen soll, wie es geht, er würde sie dann zuschicken“.
Moment mal, war er nicht gerade ins Depot gefahren ? Hätte er die Filter nicht mitbringen können ? Ich verkneife mir die Frage, ich bin zu müde.
Wenigstens starten wir pünktlich in den Nachmittag.
Ich anästhesiere den nächsten Patienten, da kommt die Nachricht, die für die Mittagspause anvisierte Aussendienstmitarbeiterin stehe in der Tür.
Zu spät, zuviel Verkehr auf der Autobahn und dann hat sie die Praxis nicht gleich gefunden. Sie ist gekommen, um uns eine Einweisung in ein Neugerät zu geben.
Ich gehe raus, 3 Minuten, mehr sei nicht drin, sage ich, sonst müssten wir einen Neutermin vereinbaren, ich sei mitten in der Behandlung.
„Kein Problem“, sagt die Dame, um dann doch zusätzlich zum eigentlichen Grund ihres Kommens ihre gesamte Produktpalette vorzustellen.
Dezente Hinweise, dass ich zurück in die Behandlung müsste, werden überhört.
Wir beginnen den Nachmittag, wie wir den Arbeitstag begonnen hatten.
Verspätet.
Davon abgesehen läuft aber jetzt alles glatt.
Wir enden pünktlich.
Jetzt endlich ist Zeit, um mit Frau Pohl, meiner Assistentin in der Anmeldung, die Terminänderungen in Angriff zu nehmen.
Wir jonglieren die Termine der gesamten uns verbleibenden 1,5 Wochen hin und her.
Aber es klappt.
17. 16 Uhr. Schluss für heute. Eigentlich bin ich früh dran.
Ein guter Tag also. So gesehen. Trotzdem war dies einer der Tage, die man lieber nicht haben möchte.
Eigentlich müsste ich noch die Eintragungen der Behandlungen des Tages nachschauen, Arztbriefe schreiben. Aber ich bin zu kaputt dafür. Ich werde morgen früh etwas früher in die Praxis fahren.
Bis morgen also.
Mal sehen, was uns dann erwartet.
