von Ronald Wecker
… dann ist alles, was ich bearbeite ein Nagel!
Dieser von einem Kollegen stammende Ausspruch kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn sich Patienten mit folgendem Befund „selbst überweisen“.
Zustand nach WSR vor 8 Jahren und anschließender prothetischer Versorgung. Seit einer Woche rasch zunehmende Beschwerden an Zahn 26 mit starker palpatorischer bukkaler Druckdolenz und immer geringerem Ansprechen auf gängige Schmerzmittel.
Therapieempfehlung des behandelnden Zahnarztes: erneute WSR beim MKG und der Beisatz: “ Da kann auch ein Endodontologe nichts mehr machen“. Wohlgemerkt,so geschehen im Jahre 2013.
Bereits der Blick auf das präoperativ angefertigte Röntgenbild und das Zählen bis „Drei“ liess den Verdacht auf ein nicht behandeltes MB2 System entstehen.
Das in solchen Behandlungsfällen (Zustand nach WSR mit retrograder WF) angefertigte DVT zeigte neben der Lage der retrograden Füllmaterialien eine deutliche Stufe im palatinalen Kanalsystem sowie enge räumlich Beziehungen zum Sinus maxillaris.
In symptomatischen Behandlungsfällen erfolgt die endodontische Therapie in unserer Praxis immer zweizeitig.
In der ersten Behandlungssitzung wurden alle orthograden und große Teile der retrograden Füllmaterialien entfernt und nach großvolumiger Irrigation eine medikamentöse Einlage mit CaOH2 eingebracht. Das Kontrollbild zeigt noch geringe Reste des retograden Materials die in der zwei Wochen später statt gefundenen Obturationssitzung entfernt werden konnten.
Die Obturation in MB1 wurde dadurch erschwert, dass MB2 kurz vor dem Neoforamen in MB1 mündete. Um ein unvollständiges Ausfüllen von MB2 durch MTA zu verhindern, wurde nach Anlegen des kollagenen Widerlagers in MB2 eine den Kanalquerschnitt apikal gut ausfüllende Papierspitze eingebracht. Die Papierspitze wurde zunächst gut sichtbar bis in den Hohlraum des MB1 vorgeschoben und anschliessend soweit zurück gezogen, dass ein Platzhalter-Effekt für MB2 gegeben war.
Nach Einbringen des MTA in MB1 wurde die Papierspitze in entfernt und MB2 in Squirtingtechnik obturiert. DB wurde ebenfalls mit MTA verschlossen. Das palatinale Kanalsystem wurde in modifizierter Schilder-Technik gefüllt.
Die Beschwerden waren bereits zwei Tage nach der Erstbehandlung vollständig abgeklungen. Die nachfolgenden Recalls werden zeigen, ob die durchgeführte Behandlung auch langfristig erfolgreich war.
Muss die Empfehlung zur erneuten WSR durch den Vorbehandler als seltener Einzelfall betrachtet werden? Ist das Wissen um die Möglichkeiten der modernen Endodontie ausreichend weit im Kollegenkreis verbreitet?
Angesichts meiner eigenen Erfahrungen und der von Bonald Decker vorgestern und letzte Woche hier vorgestellten Behandlungsfälle kann die Antwort leider nur lauten: „Nein“.
Traurig, aber wahr.

Hallo Ronald, sag mal,
mit welchem Instrumentarium schaffst Du es das retrograde Verschlussmaterial so sauber zu entfernen und vor allem nicht nach apikal zu verlagern?
Mit staunenden Grüßen,
Elwood
Hallo Sebastian,
Ronald macht das mit vorgebogenen Endosonorefeilen der Größe 20 und kleiner Schwingunsamplitude. Wichtig dabei ist, dass man gelockerte Partikel zeitnah entfernt (herausspült, mit Microopener entfernt). Dazu „verlängerte“ Microopner und Microdebrider. Die einfach am Knick mit einer Flachzange umbiegen, dann erreicht das Ende ca 30mm. Die Lagebestimmung ist fast das Wichtigste. Wenn man die Lage vor Augen hat, kann man ganz gezielt suchen.Die Partikel so groß wie möglich lassen.
Dann gibt es noch die kleine Hilfestellung, sich geringe Mengen klarer Spülflüssigkeit so stehen zu lassen, dass eine Fischaugenoptik entsteht. So kann man Reste der meist nicht zahnfarbenen Materialien sichtbar machen, die im trockenen Kanal nicht zu sehen wären.
Und nicht zu vergessen: Kontrollbild, wenn man denkt alles entfernt zu haben.
Soweit das Vorgehen von Ronald. Ach ja, eines ist noch zu erwähnen: ein gewisses Ausmass an Beharrlichkeit ist hilfreich.
Herzliche Grüße
Jörg
Vielen Dank für die ausführlichen Infos,
ach ja, ein gewisses Ausmass an Beharrlichkeit hatte ich befürchtet ;-)
Schönes Wochenende.
Danke vielmals für das Erwähnen der Beharrlichkeit ;-)
LGO
Hallo zusammen,
ja, das ist auch meine persönliche Erfahrung (so bin ich zur WURZELSPITZE gekommen) und die Erfahrung AUSNAHMSLOS JEDES anderen Patienten, den ich bisher (außerhalb der Praxen der hier versammelten Zahnärzte) getroffen habe. Erschreckend – es wird mehrfach hintereinander zu WSRs geraten, entweder gleich ganz ohne WKB oder falls diese schon mal versucht wurde, definitiv ohne Revision.
Der Dr. Dr. MKG, an den ich geraten bin sagte damals im O-Ton: „Bei dem Zahn hilft ihnen keine Medizin der Welt. Ich ziehe ihnen den und dann warten wir etwas und dann setze ich ein Implantat. Machen Sie bitte Termine aus.“ Es war ein 16, bei dem keine Revision gemacht worden war. ;-) (Gezogen wurde er leider noch, dann habe ich angefangen, mich selbst intensiv zu informieren.)
Da in meinem Umfeld mein außergewöhnliches Interessengebiet mittlerweile bekannt ist, bekomme ich sehr viele Zahngeschichten erzählt. Alle unterschiedlich schlimm, aber zu 100 % alle weit davon entfernt, dem Wissen über moderne endodontischen Behandlungsmöglichkeiten gerecht zu werden. Hier ist es übrigens egal, ob privat oder Kasse, es ist immer das Gleiche. Meines Erachtens müsste hier dringend etwas getan werden, für Aufklärung bei Kollegen und Patienten über einen kleinen interessierten Kreis hinaus, gesorgt werden. Wiederum – ceterum censeo- sehe ich hier die Kammern in der Pflicht, möglicherweise auch die Ministerien. Gibt es da Ansätze?
Herzliche Grüße und danke für den interessanten Fall
HH
Leider herrscht hier in Deutschland immer noch die Kassenmentalität, d.h. viele Patienten wollen nur das, was die Kasse zahlt und sind trotz sehr ausführlicher Aufklärung nicht bereit, für die Wurzelbehandlung etwas zuzuzahlen, geschweige denn 1000 Euro für die Revision an einem oberen 6er bei einem Spezialisten aufzubringen und entscheiden sich lieber für die WSR, die dann auch wieder die Kasse zahlt.
Hier gibt es in der Bevölkerung viel zu wenig Aufklärung. Rufen die Patienten bei der Kasse an, wird Ihnen gesagt, natürlich übernehmen wir die Kosten für Wurzelbehandlungen. Wenn man als Zahnarzt Geld verlangt für eine bessere Endo, gehen viele Patienten in die Praxis nebenan, die es umsonst, dh. auf Kasse macht. Dass diese Behandlung dann letztendlich „umsonst“ war, stellt sich dann oft erst Jahre später raus…