Misserfolg bei -Grossbaustelle-

Von Bonald Decker

Letzte Woche habe hier ich einen Fall vorgestellt, der rein radiologisch gesehen als recht „spektakulär“ bezeichnet werden kann.

Leider stellt sich (bei uns) nicht jeder Behandlungsfall so erfreulich dar und ich möchte heute einmal die „andere Seite der Medaille präsentieren“.

Erinnern Sie sich noch an die vor einiger Zeit vorgestellte Situation dieser „Grossbaustelle„?

Im Zuge der endodontischen Behandlungen haben wir unter anderem Zahn 14 revidiert. Präoperativ zeigte sich eine (moderat ausgeprägte) apikale Parodontitis bei insuffizienter endodontischer Vorbehandlung.

Prä-op

Prä-op

Unser Vorgehen erfolgte (,wie immer in solchen Fällen,) zweizeitig. Als medikamentöse Einlage wählten wir Ca(OH)2. Ferner kamen NaOCl, EDTA und CHX (inklusive Ultraschallaktivierung) als Spüllösungen zum Einsatz. Die apikalen Aufbereitungsdurchmesser betrugen bukkal wie palatinal 35.06. Als Wurzelkanalfülltechnik wählten wir die warm-vertikale Verdichtung von Guttapercha und Sealer (AH plus) gefolgt von einem (tiefen) adhäsiven Verschluss der Zugangskavität.

Hier das postoperative Resultat unserer „Bemühungen“:

Post-op

Rein radiologisch betrachtet war ich mit dem erzielten Ergebnis zufrieden…

Erhebliche „Ernüchterung“ stellte sich meinerseits (und natürlich auch bei der Patientin) bei Betrachtung der Röntgenaufnahme sechs Monate postoperativ ein.

Recall

Nicht nur, dass unsere bisherigen Massnahmen keinen Heilungsprozess initiiert haben … nein, die die Situation hat sich im Vergleich zur Ausgangssituation sogar deutlich verschlechtert…

was nun?

Jetzt sind Sie „dran“… was denken Sie über diesen Fall?

Feuer frei…

46 Gedanken zu „Misserfolg bei -Grossbaustelle-

  1. Grundsätzliche Fragen/Feststellungen:

    1. Der Kontaktbereich zwischen periradikulärem lebenden Gewebe und der nekrotischen Pulpa sind die Foramina, mit denen Seitenkanäle und apikale Ramifikationen an der Wurzeloberfläche enden?
    2. Es gibt, wenn ich mich nicht täusche, Fälle mit Bakterien auf der Außenseite des Apex?
    3. NaOCl ist toxisch und darf nicht überpresst werden!
    4. Wie kann NaOCl (oder was auch immer) in diesen Ramifikationen und Seitenkanälen ausreichend wirken, oder gar auf der Außenseite der Wurzel, wenn es nicht überpresst werden darf? Immerhin sind die Kanäle ja nicht leer, sondern mit nekrotischem Gewebe, Bakterien etc. gefüllt.
    5. Ein Wunder, dass es überhaupt akzeptable Erfolgsraten gibt vor diesem Hintergrund. ;-)
    6. Sieht mir von der Lokalisation der Aufhellung nach einem Seitenkanal aus. Ggf. auch Perforation oder Fraktur..

  2. Guten Morgen Bonald,

    erst einmal schade für die Patientin, aber schade auch für Dich, da Du ja Zeit und Arbeit in diesen Zahn gesteckt hast ohne den gewünschten Erfolg zu erlangen.

    Wie fortfahren? DVT, dann Revision basierend auf den Erkenntnissen – möglicherweise wurde etwas übersehen?

    Nun hoffe ich noch, dass nicht die üblichen Standardtexte über bestimmte Spülllösungen in diesen Thread hineinkopiert werden, garniert von persönlichen Angriffen und verbalen Entgleisungen…;-)

    VG

    HH

    • Damit bin wohl ich angesprochen.
      Mir sind keine Standardtexte zu diesem Thema bekannt. Ich bin stolz darauf, noch nie auf Standardtexte zurückgegriffen zu haben. Selbst für meine eigenen Vorträge und Publikationen nutze ich keine (eigenen) Standardtexte. Von persönlichen Angriffen halte ich gar nichts, und verbale Entgleisungen habe ich mir als Jugendlicher abgewöhnt.
      Aber ich gestehe: ich weiß gerne, was ich tue, auch: meinen Patienten antue. Und für dieses Wissen, möglichst nicht nur auf Erfahrung basierend (eigene leidvolle Feststellung, eine prospektive Studie ergab das rund 10fache der „Erfahrungs-Komplikation“), bin ich aber auch bereit, hart zu ringen. Und Probleme nicht chat-gerecht weichzuspülen, sondern anzusprechen. Und NaOCl ist ein Problem…
      Zu den Fakten:
      Ich bin vor kurzem über eine Studie gestolpert, die – bei begrenzter Beobachtungszeit – keinen Unterschied feststellen konnte zwischen NaOCl und NaCl bzgl. Erfolg. (NaOCl zeitigte aber 5 mal mehr temporäre Irritationen)
      Different pharmacological solutions in intracanal irrigation
      K R Paudel et al.
      Department of Clinical Pharmacology, Kathmandu Medical College and Teaching Hospital KMCTH, Kathmandu, Nepal
      Nepal Med Coll J 13:111-4. 2011
      http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22364094

      Da wir einen Fall mit versehentlicher Injektion von NaOCl (statt Leitungsanästhesie palatinal) betreuen, die Bilder im gerade erworbenen Fachbuch „Probleme in der Endodontie“ von Hülsmann/Schäfer ebenso eindrucksvoll sind, hatte ich überlegt, ob denn nicht auf das NaOCl verzichtet werden könnte – wenn es denn schon nicht bessere Ergebnisse als das *sehr* viel weniger toxische NaCl erbringt.
      Und ich habe darüber nachgedacht, warum dieses Ergebnis so ist wie es ist – bei nachgewiesen klarem Wirksamkeitsvorsprung bzgl. Gewebsauflösung und Desinfektion. Was mich irritiert hat: Es gibt bis auf die genannte Studie und ein paar Arbeiten von Byström, die auch alles andere als eindeutig sind, offensichtlich KEINE KLINISCHE vergleichende Studie zwischen NaOCl und anderen Spüllösungen — bestenfalls werden verschiedene Konzentrationen miteinander verglichen. Und das 70 Jahre nach Einführung in die Zahnheilkunde. Sorry, da erwarte ich mehr, sowohl als Wissenschaftler wie auch als Praktiker – zumal die Toxizität ja wohl unumstritten ist und die WK-Spülung ja als DIE zentrale Notwendigkeit schlechthin gilt.
      Außerdem besteht zumindest für den wurzelunreifen Zahn herstellerseitig eine Kontraindikation in der Anwendung von NaOCl. Und am traumatisierten Zahn besteht die Gefahr, bei apikalem Austritt das Parodont zu schädigen: es ist immerhin auffällig, dass in allen tierexperimentellen Studien die Ankylose im apikalen Wurzeldrittel startet.
      Da mir Kollegen aus den Fachabteilungen mehrerer Hochschulen im In- und Ausland weder mit Infos zu klinischen Studien weiterhelfen konnten (alle waren zunächst überrascht, dass es keine gibt; da überlagern offensichtlich die zigtausendfach durchgeführten Laborexperimente die Wahrnehmung) noch mir eine sinnvolle Theorie anbieten konnten, habe ich mir gedacht, schneide das Thema doch mal da an, wo es auf die Klinik und den Erfolg ankommt und wo ich bisher hohe Kompetenz und Interesse beobachtet habe.

      Ich hoffe, dass jetzt darunter ein paar Nicht-Standardtexte waren.

      Mit besten Grüßen
      Yango Pohl

        • Hm, wenn es nun mal die einzige ist….
          Und wir sollten uns hüten vor einer Selbstverherrlichung und einem gnadenlosen Abwerten von Studien, nur weil sie nicht aus Deutschland oder USA sind. Immerhin hatten WIR 70 Jahre Zeit, eine solche Studie zu machen – und WIR haben versagt, WIR haben noch NICHT MAL DIE RICHTIGEN FRAGEN GESTELLT. Wir benutzen toxisches Zeug und WISSEN NICHT EINMAL, OB ES IRGENDEINEN KLINISCHEN VORTEIL HAT… Wenn das UNSER Beitrag ist zur Patientensicherheit….
          Ich halte die Studie für gut – nur die Beobachtungszeit ist wesentlich zu kurz.
          Und die Ergebnnisse lassen sich auch von der lokalen Situatiion her bestens erklären.

          Yango Pohl

        • Hallo zusammen,

          etwas verspätet möchte ich es aber dennoch nicht versäumen klarzustellen, dass ich in der Andeutung meines ersten Posts nicht Herrn Pohl meinte. Vielmehr hat Herr Semper Recht… ;-)

          Nach Lektüre aller Posts komme ich auch zu dem Ergebnis, dass die Diskussion trotz des heiklen Gegenstands stellenweise zwar etwas scharfzüngig, aber nicht wirklich verbal unangebracht war… Finde ich gut.

          Lieber Bonald, was hältst Du von der Idee eines DVT? Das hast Du noch nicht beantwortet.

          Herzliche Grüße

          HH

    • Es muss grausam sein, die verachtete Lösung zu empfehlen.
      Gilt die Verachtung der „chirurgischen Intervention“ nur für die Endodontie, oder auch für die Parodontologie/Herzchirugie/Neurochirurgie/…??
      Woraus speist sich diese Verachtung?
      Ich halte die WSR für eine höchst anspruchsvolle Behandlung, der Einsatz von Endoskop und mikrochirurgischen Instrumenten ist analog zur konventionellen Endodontie, sie hat dasselbe Ziel (Zahnerhalt) und sie hat gegenüber der konventionellen Endodontie immerhin mit deutlichen Nachteilen zu kämpfen in Bezug auf Zugang, Platzverhältnisse, Isolation des Arbeitsfeldes, etc. Verachtenswert? Ein böses Wort für die letzte Chance zum Zahnerhalt. Oder war es nur einfach noch zu früh am Tag?
      ;-)

      Ich wünsche einen nachdenklichen Abend
      Yango Pohl

      • Ich glaube in der Endodontie liegt es eher daran das man zu viele schlechte WSR´s sieht ohne jede retrograde Füllung bzw retrograde aufbereitung … aber solche fälle kennen Sie sicher auch zu genüge.

        • Kenne ich zur Genüge, ja. Ebenso wie schlechte konventionelle Endos…

          Natürlich gibt es schlechte WSR, und ich mache mich davon selbst nicht frei, ich habe auch mal einen schlechten Tag. Oder es blutet wie S.., oder es wird nicht taub, oder der Patient liegt nicht still und jammert mir die Ohren voll, obwohl er keine Schmerzen hat….Ich habe aber nur diesen einen Versuch. Wenn es nicht klappt, wenn ich eine retrograde Füllung lege, und die ist nicht randständig – was dann? Abbrechen und irgendwie temporär versorgen und 2 Wochen später nochmal probieren? Wohl kaum, also Wiederholung sofort – nur: macht der Patient das mit? Wie lange wirkt meine Anästhesie noch? Gehe ich das Risiko einer unbemerkten intranervalen Injektion ein, weil ich bei am For. mandib. noch bestehender Taubheit die Leitung wiederholen muss? Mein Programm für den Tag verschiebt sich auch, usw., usw.
          Da hat man es bei der konventionellen Endo etwas besser. Da kann jederzeit abgebrochen und recht einfach temporär versorgt werden.

          Es macht mich immer traurig, wenn sich die Disziplinen der ZM gegenseitig runtermachen. Wir haben doch ein gemeinsames Ziel: dem Patienten zu helfen. Es ist gut, auch hart zu diskutieren, um die beste Lösung zu finden. Aber doch nicht, wie im Post weiter oben befürchtet, mit persönlichen Angriffen und verbalen Entgleisungen. Und es gibt kaum etwas Herabsetzenderes als Verachtung.

          Ich wünsche ein schönes Wochenende, es scheint nicht verachtenswert zu werden…
          Yango Pohl

  3. Ausgehend von der Form und Lage der Aufhellung würde ich von einer Fraktur der Wurzel ausgehen.
    Die Vergrößerung der Aufhellung spricht für eine Vermehrung der Bakterien und dafür benötigen diese Raum. Im Kanalsystem finden sie ihn offensichtlich nicht.
    Dass NaOCl organisches Material auflöst ist unbestritten. Erklärt aber keine vergrößerte Aufhellung nach 6 Monaten.
    Was nun? Chirurgie!

    • Ich meinte nicht, dass NaOCl direkt für die Aufhellung verantwortlich ist, sondern trotz optimaler Anwendung einfach nicht ausreichend wirken kann.
      Die für die Parodontitis apikalis (vermutlich die Ursache der Aufhellung) verantwortllichen Keime konnten nicht eliminiert werden, weil sie bei lege artis-Anwendung von NaOCl (kein Überpressen) einfach nicht erreichbar sind.

  4. Gibt es ein DVT? Neben der Möglichkeit einer Längsfraktur, die ja sicher geprüft worden ist, erinnert mich der Verlauf an einen eigenen Fall, bei dem sich nach Entfernung des betroffenen Zahnes umfangreiche extraradikuläre Plaque fand.

    Herzliche Grüße

    Bernard Bengs

  5. Hallo Bonald

    Cool das der Fall hier weitergeht … das Ergebnis ist zwar nicht befriedigend aber 100% Erfolg hat niemand, daher jetzt eine Mikrochirurgische WSR mit retrograder ultraschallgestützter Aufbereitung und MTA Verschluss.

    gruß georg

  6. Lieber Bonald,
    überall in der Medizin gibt es das: eine fachgerechte, ja optimale Therapie, mit allem was Wissenschaft und Technik zu bieten hat, führt nicht zum erwarteten Erfolg.
    Der alte Spruch „medicus curat natura sanat“ beinhaltet große Weisheit: trotz aller technischer Perfektion des Therapeuten ist die „Heilung“ einer pathologischen Veränderung nicht zuletzt von der Konstitution des Patienten abhängig. Das sollte man nie vergessen…
    Ein „biologischer Misserfolg“ ist in der Endodontie eben auch möglich und tritt sogar öfter ein, als man denkt: sonst hätten wir ja „Erfolgsraten von 100%“. Wo gibt es das, außer vielleicht in der Pathologie? ;-)
    Liebe Grüße vom Lande,
    Thomas

  7. Lieber Bonald,
    zur allgemeinen Überraschung würde ich ein DVT empfehlen. Ist die Ursache mechanischer Natur (Perforation oder Fraktur, die sich ja auch erst während oder nach Deiner Behandlung ergeben haben kann), dann ist die Möglichkeit diese zu erkennen mit vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit gegeben. Gleiches gilt für den Fall, dass Anatomie übersehen wurde. Sind Bakterien/Biofilm die Ursache, dann kannst Du das DVT für die Evaluation des Zahnes 15 und die Planung der WSR an Zahn 14 sinnvoll und mit Informationsgewinn (-> Indikation) verwenden.
    Herzliche Grüße
    Marc

    • Hallo Herr Semper,

      ja, ein DVT könnte der Fragestellung nach Perforation/Fraktur durchaus eine Antwort geben, aber nicht jedes DVT. Ist die Voxelgröße größer als der Frakturspalt, besteht die Möglichkeit, das man gar nichts sieht. Selbst bei kleiner Kantenlänge des Voxels besteht noch die Chance, dass der Spalt/ die Perforation nicht als solcher erkennbar sein wird.
      Theoretisch wäre es aber möglich, mit kleinem FOV mehrere Aufnahmen zu machen, um in einer davon den Beleg für die Vermutung zu finden…

      VG,

      Kaj Todt

      • Lieber Kollege Todt,
        in der Tat, es bedarf eines kleinvolumigen und hochauflösenden DVT’s. Zur Voxelgröße: die muß halb so groß sein, wie die Struktur, die es zu detektieren gilt. Warum mehrere „Aufnahmen“?
        Herzliche Grüße
        Marc I Semper

        • Hallo Herr Semper,

          ich dachte bei mehreren Aufnahmen an die Geräte, die eben weniger Spielraum bei der Auswahl der Voxelgröße bieten (z. B. NewTom). Wenn man Glück hat, wird die Strukturanomalie auch als solche dargestellt, wenn nicht, was dann? Wenn die vermutete Fraktur „nur“ eine Fissur ist wird deren Darstellung in der ersten Aufnahme vielleicht nicht gelingen…

          VG,

          Kaj Todt

  8. Hallo Bonald.
    Es könnte sich um eine intrakanalikuläre therapieresistente Infektion handeln.In dem Fall macht die Re-Revision sinn. Allerdings muss dann das Sp.protokol geändert werden.
    Zweitens könnte eventuell eine Infektion oder Reinfektion Deiner Wurzelfüllung vorliegen.
    In diesen Fall steht die Re-Revision auch zur diskusion.
    Gegen die Fraktur spricht die Aufhellung beider Spitzen, ein DVT wäre sicher gut.
    Persönlich würde ich ,falls eine Fraktur ausgeschlossen ist ,auf jeden Fall eine Re-Revison machen und zuwarten. Eine WSR kannst Du immer noch abwägen.
    Auf jeden Fall ein spannender Fall :), berichte weiter !
    Liebe Grüsse aus Wien Martin

  9. Im ersten Beitrag (http://wurzelspitze.wordpress.com/tag/grossbaustelle/) gab es von Herrn Wieland die Frage nach der Rückerstattung der aus der KV bezogen Gebühren durch den Erstbehandler auf Grund des Misserfolgs (plus einiges an Kritik).
    Meine Frage an Herrn Decker: würden sie der Patientin das Geld für die Behandlung von Zahn 14 zurückerstatten?
    Und nur so als Anmerkung zum Nachdenken: was denkt sich die Patientin wohl wenn nach der WSR (je nach Aufwand Kassenleistung) der Zahn erhalten wird und sie davor eine vermutl. hohe dreistellige Summe gelassen hat für Massnahmen, die nicht zum Erfolg führten.
    Bitte keine Diskussion über Werk-/Dienstvertrag. An der korrekten Durchführung der Behandlung besteht wohl kein Zweifel.

    MH

    • „Bitte keine Diskussion über Werk-/Dienstvertrag. An der korrekten Durchführung der Behandlung besteht wohl kein Zweifel.“

      Erklären Sie mir bitte den Grund dafür, warum der Behandler das individuelle Risiko des Patienten tragen sollte. Sie haben es selber geschrieben. Ich kann dieses Verhalten nicht verstehen. Es bleibt IMMER ein Restrisiko übrig, wenn ich die biologische Komponente des Patienten zu 100% bestimmen könnte wäre ich schon lange nicht mehr Zahnarzt, sondern hätte bereits beim Pferdewetten oder Lotto gross abgesahnt. Woher kommt dieses Verhalten der Zahnärzte immer wieder? Das kostet mich nur ein Kopfschütteln, mehr aber auch nicht. Erleben Sie ein solches Verhalten wie Sie es erfragen in Ihrem Umfeld (Handwerker etc.)? mit schöner Regelmässigkeit?

      Fakt ist, jeder Eingriff ist mit einem Risiko behaftet. Hatten Sie bereits einen operativen Eingriff? Nein? Gut und Schaden. Gut, weil er bis dato nicht nötig war, schade weil Sie die erfolgende Aufklärung nicht erlebt haben. So hatte ich den Anästhesisten nach der Aufklärung gefragt, ob das jetzt alles war und ob das tatsächlich in dieser Form ausreicht…. Wenn ich dagegen überlege, was ich dem Patienten alles VOR dem Eingliedern einer Krone ausfüllen unterschreiben dokumentieren und erklären muss, erschien das alles wie ein Witz.
      Fakt: eine ordnungsgemässe Aufklärung vorausgesetzt hat sich die Patientin für eine Therapievariante entschieden. Die Aufklärung beinhaltet auch eine Risikoaufklärung. Sie wusste es also und hat sich bewusst für diesen Eingriff entschieden. Warum sollte jetzt der Behandler einen Teilbetrag erstatten???????

      Die einzige Frage, die sich die Patientin stellen kann, ist „Warum ausgerechnet ich“. Und diese Frage kann ich nicht beantworten.

      Bitte helfen Sie mir zu verstehen, warum die Frage nach einer Erstattung des Honorars auftaucht oder woher sich Ihr Gedanke ableitet.

      Mit freundlichem Gruss
      v. Stetten

    • Hallo Herr Heinrich,

      zum Glück gibt es in der Medizin keine erfolgsabhängige Vergütung, schon gar nicht in der Wurzelbehandlung. Auch nicht im Bereich der KVen.
      Und warum ist das so? Wenn ich die Meinungen der Kollegen biologisch betrachte, gibt es am anderen Ende des Wurzekanals, der am weitesten vom Mikroskop entfernt liegt also einen Bereich, denn wir mit den eingesetzten Mitteln zwar manipulieren können (zumindest gehen wir davon aus), aber wir können es nicht kontrollieren, es entzieht sich sowohl der Diagnostik als auch der direkten Therapie.

      Das ist aber strikt davon zu trennen, was in unserem Gesundheitssystem an Möglichkeiten der Vergütung der medizinischen Leistungen vorgesehen ist. Deswegen tu ich mich auch damit schwer, Nachlässe auf etwas zu bieten, welches nicht beliebig vermehrbar ist und damit keine Ware darstellt.

      VG,

      Kaj Todt

  10. Sollte ein DVT die Möglichkeit einer WSR eröffnen und der Herr Decker führt diese selbst durch besteht imho (Zahnerhalt vorausgesetzt) keine Notwendigkeit der Rückzahlung des Honorars, da sich in diesem Fall eben nur durch das Gesamtpaket (WFR+WSR) der Erfolg einstellt. Sollte die WSR alio loco durchgeführt werden liesse sich trefflich über einen „Nachlass“ (der durch die WSR entstehenden zusätzlichen finanziellen Belastung) diskutieren, um den Pat. nicht zusätzlich zu belasten. Sollte der Zahn verloren gehen könnte man darüber nachdenken, ob nur die Materialkosten berechnet werden oder ob schon vorab eine Art „erfolgsabhängiges Honorar“ vereinbart wird. Möglichkeiten gibt es sicher viele. Ich würde selbst die WSR mikrochirurgisch vornehmen. Im Falle des Zahnverlustes könnte ich mir (da ja das Honorar schon gezahlt wurde) einen „Nachlass“ für die dann notwendige Implantation oder Brücke vorstellen.
    Gutes Gelingen,

    Sebastian

  11. Zum Post von Herrn Heinrich und den Antworten von v.Steeten und Todt.
    Ich verstehe das Posting von Herrn Kollegen Heinrich ganz anders:
    Offensichtlich gab es unter Großbaustelle 1 eine Diskussion, dass der Vorbehandler – der die revisionsbedürftige Endo gemacht hatte – wegen des Misserfolges erstatten sollte.
    Und die Frage von Herrn Heinrich zielte jetzt auf „gleiches Recht für alle“: ob auch Herr Decker, nach dessen Endo nunmehr der Misserfolg auftrat, jetzt zahlen würde/sollte/müsste.
    Sein Hinweis auf Werk-/Dienstvertrag ist dann so zu verstehen, dass ihm diese Problematik sehr wohl klar ist, er Wortmeldungen zu dieser hier völlig uninteressanten Frage vermeiden wollte, die letztlich das eigentliche Ziel seiner Frage überdecken würden. Das hat nun leider nicht geklappt.
    ps: Unter dem Link zur Großbaustelle1 finden sich keine Kommentare…

    Yango Pohl

  12. Mich würde doch tatsächlich interessieren, ob es wirklich seriöse Studien und Untersuchungen zur Potenz der einzelnen Spülflüssigkeiten gibt. Da mir keine solche bekannt ist verlasse ich mich auf gängige Lehrmeinung und nutze seit Jahren (und das überaus erfolgreich) NaOCl. Ich bitte um Verweise.

  13. Ich habe gerade mal recherchiert: es gibt tatsächlich einen Cochrane-Systematic-Review vom letzten Jahr zu Spüllösungen.
    In Kürze.
    Es gibt keine klinische Studie, in der die Überlegenheit einer Spüllösung nachgewiesen worden wäre. Untersucht wurden:NaOCl (verschiedene Konzentrationen), ChX und NaCl.
    Übrigens wurden zwei Studien hervorgehoben als am wenigsten voreingenommen: eine davon war die Studie aus Nepal!
    Scheint so, als wenn die Leitlinien dringend einer Generalüberholung bedürften; und die Einschätzung von Studien aus Dritte-Welt-Ländern ebenso.
    Wer mag, der schaue mal bei ResearchGate vorbei und staune über die offensichtliche apparative Ausstattung in diesen Ländern und lerne, dass geistige Kapazität und manuelle Geschicklichkeit offenbar nichts, aber auch gar nichts mit Rasse, Ethnik, Herkunft, Wohnort oder dergleichen zu tun haben. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass sich hohe Qualität nur zu geringem Teil durch Spezialisierung erreichen lässt – viel höher schätze ich das Wollen, den Enthusiasmus ein. Fehlt dieser, helfen wohl auch die besten Materialien und Geräte und Lehrer nicht viel. Wobei ich anmerken möchte, dass optische Vergrößerungshilfen meines Erachtens zwingend sind.
    Ich wünsche ein erfrischendes Wochenende
    Yango Pohl
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22972129

    • In Ergänzung, da nach der Potenz der Spüllösungen gefragt war: Es gibt eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass nur NaOCl in der Lage ist, in akzeptabler Zeit ausreichend viel Gewebe aufzulösen. Leider nicht nur totes…
      Außerdem ist NaOCl ein hochpotentes Desinfektionsmittel und sehr effektiv gegen viele Mikroorganismen – mit Schwächen bei Problemkeimen (E. faec.). Deshalb wird teils die (zusätzliche) Spülung mit ChX empfohlen. Wie gesagt: fast alles in vitro-Untersuchungen, und fast ohne jegliche klinische Überprüfung…

      Ob diese Studien seriös sind, weiss ich nicht, ich habe sie bisher noch nicht selbst analysiert. Es werden sicher einige fehlerbehaftete darunter sein.

      Gängigen Lehrmeinungen zu folgen ist sicher von Vorteil in der Praxis, da sind vor allem medico-legale Probleme weitgehend auszuschließen. Da sich Lehrmeinungen aber oftmals aus Traditionen speisen und sich nicht auf am jeweiligen Lehrstuhl durchgeführte Studien stützen (wer wollte das auch leisten können, das ist unmöglich), muss man sich jedoch immer vor Augen halten, dass diese Lehrmeinung im Extremfall auf eine einzige Person zurückgehen könnte und nichts mit der besten Therapie zu tun haben muss. Beispiel Zahntrauma. So schön der Dental Trauma Guide auch ist, er basiert letztlich auf einer One-Man-And-Single-Centre-Datenbasis. Trotzdem wird von evidenz-basierter Therapieempfehlung gesprochen. Wie soll das möglich sein, Andreasen hat ja noch nicht mal alle Therapieoptionen zur Verfügung gehabt; und er hat bei grundlegenden Arbeiten, die letztlich das heutige Therapieschema definieren, einfache handwerkliche Fehler in der statistischen Analyse gemacht, die dazu führen, dass seine Daten seinen Konklusionen widersprechen. Ich bin überzeugt, dass, wenn den Empfehlungen des DTG gefolgt wird, die durchschnittlich Qualität der Behandlung drastisch steigen wird – auf der Basis bisher grottenschlechter Therapie. Insofern hat der DTG seine Berechtigung. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch erheblich besser ginge… Also: Cave, gängige Lehrmeinungen und Leitlinien immer mit kritischem Blick betrachten. Sie könnten tatsächlich grundfalsch sein. Und wenn ich etwas gelernt habe aus den Analysen der letzten Jahre: selbst eine Mehrheit von 99,99% kann irren… Seitdem singe ich das Hohelied auf die schwarzen Schafe, auf die Exoten, auf die Querdenker, auf die Nonkonformisten, auf die Selbst- und Mitdenker, jedenfalls dann, wenn sie konstruktiv Verbesserungen und Alternativen vorschlagen….

      Beste Grüße
      und ab jetzt enthalte ich mich besser weiterer feierabendphilosophischer Betrachtungen.
      Yango Pohl

    • Es scheint, als müsste man hier ganz weit vorne anfangen, oder, um meinen alten Prothetik-Professor aus Erlangen zu ztieren: „Hier wurde anscheinend Wesentliches nicht verstanden!“
      Einerseits sprechen Sie von Unvoreingenommenheit, andererseits zitieren Sie Einzelfälle, denn Spülunfälle in der Endo sind äußerst selten und somit Einzelfälle.
      Natürlich ist NaOCl toxisch, aber deswegen doch kein Problem, wie Sie sagen, sondern ein seit vielen Jahrzehnten bewährtes Desinfektionsmittel. Allein der unsachgemäße Umgang damit kann Gefahren bergen.
      Und ja, Sie haben recht: Man sollte nicht despektierlich über Dritte-Welt-Länder sprechen, aber das war auch nicht die Intention dahinter, sondern vielmehr die Feststellung, dass die Endo (generell die Medizin) dort noch lange nicht soweit ist, wie in Deutschland, oder den USA. Davon konnte ich mir viele Male ein konkretes Bild machen!
      Oder anders: Wenn Sie eine Endo brauchen und Sie es sich aussuchen könnten, ob Nepal, Bahrain, oder Deutschland, wohin geht die Reise??? Lassen Sie mich raten: Nepal? Nur weil man dort so enthusiastisch Endo betreibt???? Doch wohl kaum!
      Ich finde weder die Studie aus Nepal, noch den Cochrane Systematic Review aus Bahrain besonders gelungen und zitierfähig.
      Und wenn Sie jetzt fragen sollten, warum das so ist, dann allein schon deswegen, weil meine persönlichen Erfahrungen der letzten 15 Jahre in der Endodontie dagegen sprechen.

      Herzliche Grüße,

      H. Vögele

      • Wesentliches nicht verstanden… das Kompliment gebe ich gerne zurück.. ;-)

        Wesentlich ist für mich, Patienten nicht zu schädigen, soweit irgend möglich. Das beinhaltet für mich, wenn es bzgl. Behandlungserfolg gleichwertige Substanzen gibt, dann nehme ich die Substanz, die weniger toxisch ist (und die auch noch weniger kostet). Selbst wenn die Folgen der Toxizität nahe Null sein sollten – warum sollte ich denn auch nur dieses Minimalrisiko eingehen, wenn es doch völlig risikofreie Alternativen gibt?
        Weil Ihre „Erfahrungen“ dagegen sprechen. Sie lassen uns aber damit doch sehr allein: Haben Sie denn Erfahrungen mit beiden Substanzen? Und diese Erfahrungen sind so eindeutig, dass dagegen sogar RCT-Studien verblassen müssen und Cochrane-Systematic-Reviews als nicht zitierfähig abgekanzelt werden? Wow. Das stellt allerdings die Rangfolge der Evidenz so ziemlich auf den Kopf und erhebt die Meinung einzelner Koryphäen wieder in den höchsten Rang. Mit Ihnen an der Spitze? Was ist, wenn jemand mit 16 Jahren Erfahrung eine gegenteilige Meinung zu der Ihren vertritt?? Ich hatte schon gehofft, das wäre endlich überwunden und ich könnte mit Fakten arbeiten… Interessant übrigens: Es wird offenbar auch immer davon ausgegangen, dass die Unzulänglichkeiten der Studien ausschließlich dem NaOCl zum Nachteil gereichen, dass die mindere Qualität der Studien aber auch das NaOCl zu positiv abschneiden lassen könnten, das ist wohl gar nicht vorstellbar.

        Erfahrungen sind überhaupt so eine Sache: Nach unserer Erfahrung hatten wir an meiner früheren Arbeitstelle rund 2% Infektionsrate nach operativer Weisheitszahnentfernung. Retrospektive Studie: 5%; prospektive Studie: >10%. Miomir Cvek, Ca-Hydroxid-Pabst und Traumatologe, schreibt in einer Publikation am Ende seines Berufslebens – also mit seeeeehr viel Erfahrung – dass die Rate zervikaler Frakturen an wurzelunreifen Zähnen mit Pulpanekrose und Endo „surprisingly high“ ist. Dieser sehr erfahrene Kollege wird also von seinen eigenen Behandlungsergebnissen überrascht… Seit diesen Erfahrungen mit den Erfahrungen haben ich so meine Probleme mit den Erfahrungen. Und zwar mit eigenen, aber auch mit fremden…

        Mein „Einzelfall“ war mein ganz persönlicher Aufhänger, tiefer in die Problematik einzusteigen. Wie selten ein Unfall mit NaOCl ist oder nicht: unserer Patientin ist es ziemlich egal, Dauerschmerzen seit 5 Jahren der betroffenen Region bis hin zu suizidalen Anwandlungen sind die Folge, und ihr ist jede Statistik ziemlich schnurz.. Unsachgemäßer Umgang? Wir sind Menschen, und unsachgemäßer Umgang – meist unfreiwillig – gehört zur täglichen Erfahrung. Ich bin jedenfalls nicht davon frei, ich habe schon mal einen falschen Zahn gezogen, und auch schon H2O2 versehentlich injiziert. Das ist Murphies Gesetz: Was passieren kann, passiert.

        Und wie Sie kontrollieren wollen, dass Sie zwar den Wurzelkanal vollständig – inklusive apikale Ramifikationen – gespült haben, dabei aber nichts in das vitale periradikuläre, vitale Gewebe überpresst worden ist: es tut mir Leid, vielleicht fehlt mir die Phantasie, ich kann mir das eben einfach nicht vorstellen, wie das funktionieren soll…

        Woher wissen Sie eigentlich um die Seltenheit dieser Problematik? Ich will Ihnen gerne glauben, dass Sie das fehlerfrei und sachgemäß hinbekommen – aber da gibt es diese anderen Kollegen, zumindest die in Bahrain und Nepal: was, wenn die es nicht so drauf haben? Und bei jedem zweiten Patienten einen Spülunfall verursachen? Was für einen Vorschlag haben Sie für die unsachgemäßen Kollegen? Approbationsentzug? Verbot von WK-Spülungen?

        Was ich nicht verstehe: Warum wird einem sicher toxischen Material der Vorzug gegeben, dieses mit Zähnen und Klauen bis aufs Blut verteidigt? Wenn es keine auswertbaren Studien gibt, dann erwarte ich doch, dass vor klinischer Anwendung am Menschen für dieses Material entweder nachgewiesen wird, dass die Toxizität keine Folgen hat oder dass die Vorteile die Nachteile aus der Toxizität mehr als aufwiegen. Das würde ich nicht nur als Patient voraussetzen, wenn ich in eine Zahnartzpraxis komme, das ist auch vom Gesetzgeber (MP-Recht) so vorgesehen… Nach meiner Einschätzung müßte mit diesem Review nach neuestem Patientenrecht wohl über den Einsatz von NaOCl aufgeklärt werden… Sie sollten sich zumindest darauf vorbereiten und versuchen, das abzuklären, ich glaube nicht, dass der RP sich leicht mit Ihrer Einschätzung der Studien zufriedengibt…

        Ich grüße ebenso herzlich zurück.
        Yango Pohl

    • Hallo Herr Pohl,

      Qualität in der Zahnmedizin (und das gilt für jeden anderen Lebensbereich gleichermaßen) ist keine Frage des „Woher komm ich“.
      Zumindest wenn man das „Woher“ auf den Ort bezieht.

      Je länger man sich mit zahnmedizinischen Studien beschäftigt (und diese nicht nur überliest, sondern genau liest), umso mehr wird offensichtlich, dass es nur sehr wenige gute Studien gibt.
      Gutes Studiendesign per se ist demnach (ebenso wie gute Zahnmedizin generell) keine obligate Konsequenz einer exzellenten apparativen Ausstattung.

      Insofern empfinde ich allein schon das von Ihnen angesprochene „Staunen“ über gute Studien aus der 3. Welt als Affront, der den so Denkenden als arroganten Ignoranten entlarvt.
      Wobei ich glaube, aus dem von Ihnen Geschriebenen herauslesen zu können, dass Sie ebenso wie ich dies eben nicht so empfinden, sondern den Ignoranten den Spiegel vorhalten wollen.

      Qualtät bedeutet, das jemand mit dem Willen, dem Können und dem notwendigen klaren analytischen Denken an eine bestimmte Sache herangeht.

      Dies geht in Kathmandu ebenso wie in Köln.

      • Hallo, Herr Herrmann,
        unterschreibe ich alles sofort. Die Daten fast aller Studien, die mich interessieren, landen erstmal in einer Exceltabelle und werden nachanalysiert. Es ist erschreckend, was dabei manchmal herauskommt – von bekanntesten Wissenschaftlern, die den eigenen Daten zuwiderlaufend falsche Schlüsse ziehen. Das Problem: dank ihres Namens (und zu oberflächlichen Lesens der jeweiligen Publikationen) werden diese falschen Schlußfolgerungen sogar zu Standardbehandlungen und Leitlinien. Natürlich, ohne dass diese Standards jemals überprüft wurden – oder auch aktuell hinterfragt werden. Da hat die Zahnmedizin noch gewaltig aufzuholen.

        Mein Post bezog sich auf einen anderen Beitrag weiter oben, in dem genau dies – Studie aus Kathmandu = abzulehnen, und zwar ohne jegliche inhaltliche Auseinandersetzung – erfolgte. Ich wollte damit tatsächlich nichts anderes als darauf hinweisen, dass es aus diesen Ländern exzellente Studien gibt. Und – wie in der aktuellen Diskussion – manchmal sogar singuläre Studien, die Themen aufgreifen, über die wir hier (fatalerweise) schon gar nicht mehr nachdenken, so eingefahren sind manche Wege. Wir nehmen dann gerne Tradition als Beweis und merken nicht mehr, dass diese Tradition niemals geprüft worden ist. Oder verteidigen diese Tradition bis zum Letzten, wenn sich denn jemand dazu versteigen sollte, Kritik üben zu wollen. Bereits von daher sind die Dritte-Welt-Länder wichtig, die Kollegen dort sind einfach weniger mit Traditionen belastet und dadurch unvoreingenommener.
        Beste Grüße
        Yango Pohl

        • Es geht schon damit los, dass in bestimmten Studien im Abstract eine Beurteilung abgegeben wird, die den wenige Zeilen zuvor genannten Untersuchungsergebnissen diametral entgegensteht.

          Was die vorhandenen Traditionen angeht, so wird weiterhin vergessen, dass viele Ergebnisse und die darauf beruhenden Schlussfolgerungen im Hinblick auf einem historischen Kontext zu sehen sind, der in der Endodontie teilweise bald 100 Jahre zurückliegt. Als solche kritikwürdigen Punkte möchte ich anführen:

          Die Verwendung von NaOCL und CaOH2 als alleinig anzuwendene Desinfizienzien, die Verdammung der „Ledermix“ – Produkte und von CHKM oder die Suche nach einem möglichst biologisch inerten und damit gegebenenfalls einhergehenden nicht (bakterien)toxischen Sealer.

  14. Sehr geehrter Herr Pohl,

    In einer ruhigen Minute habe ich unvoreingenommen den von Ihnen zitierten Artikel gelesen.

    Die Auswahlkriterien der behandelten Zähne sind leider etwas schwammig beschrieben:
    „Patients with acute or chronic irreversible pulpitis of mature permanent teeth with or without acute apical periodontitis“

    1.) Es handelte sich also definitiv um pulpitische Zähne, die jedoch auch (?) Zeichen einer apikalen Parodontitis aufweisen konnten.
    –> Sie können also nicht daraus schließen, dass die Ergebnisse bei „nicht-pulpitischen“ Zähnen (siehe Revionsfall oben zu dem Sie diesen Link gepostet haben) ähnlich aussehen würden

    2.) Es wurde in jedem Fall Calciumhydroxid eingebracht.
    –> Dies verfälscht leider die gesamten Ergebnisse, weil dadurch nicht das Resultat der Spüllösung betrachtet wird, sondern das Resultat der Spüllösung in Kombination mit Calciumhydroxid.

    • Sehr geehrter Herr Reisiger,
      vielen Dank für Ihren Beitrag, er holt mich ein wenig auf die wissenschafltiche Schiene zurück.
      1. Ja, man könnte die Studie sicher optimieren. Nach Cochrane Review (die Kollegen habe in Nepal nachgefasst und eruiert, dass die Patienten alternierend den Vergleichsgruppen zugeordent wurden.) betreffen die von Ihnen beobachteten Problematiken prinzipiell also beide Gruppen in (wahrscheinlich) ähnlichem Umfang.
      (Ich werde den Review weiter aufarbeiten und muss auch etwas meine Aussagen korrigieren; später mehr)
      2. Ja, Sie haben Recht, und die Anwendung von Ca-Hydroxid ist wohl die beste Erklärung für die gleich guten Ergebnisse. Nur: So ist doch der typische klinische Ablauf, oder? Ich habe doch bereits mehrfach geschrieben, dass NaOCl wesentlich besser ist bzgl. Gewebsauflösung und antimikrobieller Wirkung. Aber das scheint halt nur von akademischem Interesse: Es ist ja eigentlich nicht das Ziel, einen sauberen WK zu erlangen, sondern den Zahn zu erhalten. Nun kann man ja glauben, dass ein sauberer Kanal Voraussetzung ist für klinischen Erfolg – aber das ist eben offenbar ein Trugschluss. Nicht umsonst müssen alle Medikamente klinisch getestet werden, sonst gibt es keine Zulassung. Und genau das fehlt eben. Und es sieht nicht danach aus, als wenn das erreicht werden könnte…

      Freut sich denn eigentlich niemand, wenn die NaOCl-Nutzung eingeschränkt werden könnte? Oder riecht das jeder so gern? Ist Chlor nicht auch schädlich für die eigene Gesundheit?

      Mit freundlichen Grüßen
      Yango Pohl

      • Sehr geehrter Herr Pohl,
        vielen Dank für Ihre sehr informativen Statements.
        Da ich als Praktiker keine Zeit habe alle Studien zu analysieren, bin ich auf die Empfehlungen der Hochschulen, der Fachgesellschaften und auf meine
        Erfahrungen angewiesen.
        Aufgrund der großen mechanisch unbehandelten Kanalanteile, möchte ich auf eine gewebeauflösende Spülung nicht verzichten. Diese Eigenschaft kann aber nicht ohne Einfluss auf das gesunde Gewebe bleiben- wie bei CaOH2 auch zu beobachten.
        Ich möchte möglichst alle organischen Anteile innerhalb des zu behandelnden Zahnes entfernt wissen, und es reicht mir nicht, sie nur zu desinfizieren und auf ein Rezidiv zu warten. Diese Eigenschaft hat z.Zt. nur NaOCl und ich habe dafür zu sorgen, dass möglichst wenige Nebenwirkungen auftreten ( z.B. EndoVac).
        Auch ich würde sehr gerne auf NaOCl verzichten, sehe jedoch z.Zt. keine Alternative, und auch wenn es eine Alternative gäbe, wird es immer -leider- und trotz hervorragender Behandler ( deren Fälle wir hier sehen dürfen ), Misserfolge geben.

        Mit freundlichen Grüßen
        Damian Köllner

      • Soviel zur Qualität dieser Studie. Danke!
        Was Ihre Haltung zu aktuellen Lehrmeinungen betrifft, hat diese, wie ich finde, zwei Seiten. Zum einen finde ich es richtig und wichtig, Lehrmeinungen und Behandlungsmethoden regelmäßig zu hinterfragen und ihnen nicht blind zu folgen.
        Zum anderen hat diese Haltung aber auch etwas Negatives für die Behandlung, nämlich: Sie lähmt! Über all dem Zweifeln und Hadern kommen Sie in der Behandlung nicht vorwärts.
        Und nein, das oberste Ziel ist nicht, den Patienten nicht zu schädigen, sondern ihm zu helfen! Das ist ein wesentlicher Unterschied, was den Gedankengang betrifft!
        Und dazu kommen Sie umso seltener, je mehr Sie sich mit Studien beschäftigen, anstatt sich auf Ihre Erfahrung und Ihren Verstand zu verlassen.
        Was Unvoreingenommenheit betrifft, halte ich es mit Nele, 7 Jahre, die unvoreingenommen im Kinderfragebogen der „Zeit“ geschrieben hat, was typisch für Erwachsene ist: Quatschen!
        Drum hör ich jetzt auf zu diskutieren und gehe behandeln. Mit NaOCl und Endox! Weil meine Erfahrung gezeigt hat, dass das gut funktioniert. Und meine Patienten dankbar sind für meine Hilfe.
        Herzliche Grüße,

        H. Vögele
        P.S.: Interessanter Beitrag aus einem anderen Blog zum Thema Studien vielleicht: http://www.strunz.com/news.php?newsid=2333
        (ohne dafür Werbung machen zu wollen, aber das Lesen lohnt sich!)

        • Dass das Beschäftigen mit Studien verhindert, Patienten zu helfen, gilt nur, wenn Sie „helfen“ mit „selbst behandeln“ übersetzen. Nur: woher haben Sie Ihre modernen Materialien, Techniken, Methoden? Wonach entscheiden Sie, welche Methode, welches Material Sie benutzen? Natürlich können Sie es aus der Praxis heraus nicht leisten, sich intensiv mit Studien zu beschäftigen, Ihre Aufgabe ist tatsächlich, Patienten zu behandeln, Ihren Patienten tatkräftig zu helfen. Aber nicht nur tatkräftig, sondern auch bestmöglich. Das kann ja durchaus nach einer Methode sein, die Sie aus ihrer Erfahrung heraus entwickelt haben. Aber es ist nun mal so, dass Sie ohne Vergleich nicht entscheiden können, ob Ihre Methode einer anderen gegenüber überlegen ist. Sie können eigentlich noch nicht einmal von guten Erfahrungen berichten, denn auch die Einschätzung „gut“ kann nur im Vergleich mit „schlecht“ existieren. Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht mit NaCl? Und: selbst „gut“ lässt ja noch deutlich Luft nach oben… Wenn nun NaCl ein „sehr gut“ verdiente? Wenn Sie selbst also keinen Vergleich liefern können, müssen sie wohl in Kauf nehmen, dass das Andere für Sie tun. Natürlich können Sie diese Studien als insuffizient bezeichnen. Aber: immerhin haben die Kollegen recht gut dargelegt, was sie getan haben und welche Beobachtung sie gemacht haben. Dem setzen Sie nun Ihre „gute Erfahrung“ gegenüber, ohne jegliche weitere Information. Und erwarten, dass man Ihnen folgt? Das funktioniert nur, weil Sie sich im Mainstream treiben lassen, da kann man sich von Mittreibendem zu Mittreibendem sicher sein, dass man genügend Bestätigung für die eingeschlagene Richtung erhält…
          Und ich darf nochmal darauf hinweisen: die Misserfolgsraten in prospektiven Studien liegen bis zu zehnfach höher im Verhältnis zu Einschätzungen (“Erfahrungen“) erfahrener Kollegen…

          Bleibt noch der „Verstand“. Also die Theorie zur Methode. Wenn es keinen Vergleich gibt, manchmal aus ethischen Überlegungen nicht geben kann: das ist die Stunde des Verstandes, der Logik, der Theorie. Oder dann, wenn Beobachtungen, Daten nicht in das Bild passen, das wir uns machen. Leider verlassen Sie die Diskussion, bevor wir gegenseitig unseren Verstand anzweifeln können… oder, positiver ausgedrückt: bevor wir uns über die Theorien hinter den Empfehlungen austauschen können und prüfen können, ob es nicht eine theoretische Erklärung bzw. Widerlegung für die berichteten Daten geben könnte. Damit könnten auch die Studien besser eingeschätzt werden bzgl. Qualität und Aussagekraft – aber auch Ihre Erfahrung…

          Es ist eigentlich ein ziemlich guter Witz, dass ausgerechnet bei meinem Spezialinteresse Traumatologie das NaOCl wohl tatsächlich von Nutzen wäre – aber vermutlich auch den größten Schaden setzen würde… :-(((

          Wird bei Interesse fortgesetzt….

        • oops, ebennicht mitkopiert. Gehört vor das vorherige posting

          Sehr geehrter Herr Vögele,

          wenn ich auch die Qualität der Studien als verbesserungsfähig ansehe, so möchte ich doch anmerken, dass ich die Ergebnisse trotzdem als valide betrachte und Ihnen einen erheblich höheren Stellenwert in der Diskussion zuweise im Vergleich zu – pardon – Ihren Erfahrungen.

          Ich sehe nicht, wie das Hinterfragen von Leitlinien zur Lähmung führen sollte, und warum ich nicht in der Behandlung vorwärtskommen sollte. Es ist genau andersherum. Ohne Hinterfragen bleibt alles wie es ist: das nennt man Stillstand – oder auch: Lähmung. Ein Vorwärtskommen im Sinne von Weiterentwicklung, Verbesserung ist nur dann denkbar, wenn das Bestehende hinterfragt wird und – wenn das Neue sich als besser erweist – über Bord geworfen wird.
          Selbstverständlich sollte das Hinterfragen der Leitlinien nicht erfolgen zum Selbstzweck (obwohl meine Erfahrungen mit der Erstellung von Leitlinien das durchaus rechtfertigen würden), sondern konstruktive Alternativvorschläge sollten eingebracht werden. Was ich für die Frage NaOCl für mich reklamiere, da die Alternative NaCl (in Kombination mit mechanischer Reinigung und Instillation von Kalziumhydroxid) klar benannt ist.
          Für mich persönlich habe ich aus Diskussionen mit Freunden und Kollegen enorm profitiert in meiner Behandlung, und ich denke nicht, dass man von Zweifel und Hadern sprechen kann bei dieser Liste:
          Milcheckzahntransplantation – weltweit erstmalig.
          Zahn-Längsextraktion – weltweit einer der ersten / eine der ersten Publikationen.
          Replantation (verschiedene Indikationen) nach extraoraler retrograder Stiftinsertion – entgegen sämtlichen Leitlinien (mittlerweile in IADT-Guidelines aufgenommen)
          Replantation avulsierter Milchzähne – entgegen sämtlichen Leitlinien
          Transreplantation parodontal hoffnungsloser Zähne – weltweit einer von wenigen/einer der ersten
          Dekoronation – deutschlandweit einer von wenigen/einer der ersten
          Die Liste ließe sich noch ergänzen…

          All dies bedarf der Kommunikation, wenn auch Sie davon profitieren sollen, oder möchten Sie, dass ich mich in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückziehe? Auch Nele wird noch lernen, dass ein Leben ohne Schwatzen keines ist, jedenfalls kein „menschliches“. Und sie wird lernen, dass nicht jede Äußerung eines Menschen – ob nun erwachsen oder nicht – „Schwatzen“ ist. Mit sieben Jahren hat man andere Interessen als mit 30, 50 oder 90. Sie dürfte eine Wurzelkanalbehandlung ziemlich sicher als total doof, langweilig und typisch erwachsen bezeichnen… und sich sicher auch über den fürchterlichen Gestank beschweren, den ein gewisses WK-Spülmittel hinterlässt. Ob Nele dann immer noch als Galionsfigur bei endodontologischen Fragestellungen ins Rennen geschickt wird?

  15. Nachdem die Diskussion zwar interessant war aber doch ein bisschen abgedriftet ist, wollte ich mich ganz gerne nach dem Zahn erkundigen! Zu welcher Entscheidung sind Sie gekommen und was haben Sie für eine Erklärung für den Misserfolg gefunden?

Kommentar verfassenAntwort abbrechen