von Ronald Wecker
Immer noch stellen sich erstaunlich viele Patienten in unserer Praxis vor, bei denen noch resektive Massnahmen an oberen ersten Moralen durchgeführt wurden, obwohl zuvor ganz offensichtlich nur 3 Kanalsysteme aufbereitet und abgefüllt werden konnten.
Nachfolgend ein „schönes“ Beispiel mit dazugehörenden Lateralschäden (iatrogene Beschädigung der mesialen Wurzel von Zahn 17, bindegewebig „ausgeheilter“ Resektionsdefekt mit Sinusverbindung).

Hallo Herr Wecker, die meisten Chirurgen tun das was sie am Besten können. Operieren.
Während meiner Facharztausbildung in einer großen MKG-Praxis im Rhein-Main-Gebiet vor 8 Jahren waren solche Behandlungen der tägliche Standard. Das Schlimme ist ja, das ein Umdenken in der Behandlung, wie von mir damals propagiert nicht erwünscht war und ich denke nicht, daß sich das chirurgische Konzept bis heute dort grundlegend verändert hat. Leider.
Viele Grüße und ein schönes WE
Hallo Herr Thiele,
ich frage mich immer, was denn der Grund für das Beharren sein mag? Wie schön wäre es, wenn es ein Miteinander zum Wohle unserer Patienten gäbe.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
Gute Frage, schöne Hoffnung, eine Vision, der ich auch schon lange anhänge – die mich zu einer Tagung zum Frontzahntrauma animiert hat, bei der ich (Stolz!) alle Fachrichtungen begrüßen konnte. Zum Nachlesen: http://www.zahntraumatagung.de/html/nachlese.html. Bitte nicht erschrecken ob meiner Garderobe – ich bin auch Realist, als solcher weiß ich um unterschiedliche, sogar diametral entgegengesetzte Interessenlagen, Überzeugungen, Methoden… Und dieses wollte ich nachbilden.
Dabei halte ich weder eine konträre Meinung noch ein gewisses Beharrungsvermögen für schlecht: wenn wir alle die gleiche Überzeugung hätten, gäbe es keine Weiterentwicklung. Wenn wir bisher Gültiges nicht verteidigen würden, würden wir jeder Mode hinterherrennen.
D.h., dass Forderungen, eine bestimmte Methode oder Behandlung aufzugeben oder zu übernehmen, schon auf sehr überzeugenden Argumenten basieren müssen – nach heutiger Lesart bedeutet das: Evidenzbasiert, zum Wohle des Patienten. Eigentlich. Es gibt noch weitere Bedingungen: Man muss es sich z.B. auch leisten können.
Das ist aber nicht nur ein Problem der Chirurgie alleine, noch nicht einmal bei der WSR:
Was ist bekannt über die Vorgeschichte des Zahnes? Wie ist der denn zu dem Chirurgen gekommen? I.d.R. wird der Patient dorthin überwiesen und selten nur auf offener Straße eingefangen. Damit ist meistens außer dem Chirurgen noch mindestens ein (nicht chirurgisch orientierter) Zahnarzt involviert. Ich kenne zur WSR überwiesene Fälle, die zeigten – frisch überkront – große periapikale Aufhellungen, die sicher nicht innerhalb von 2 Wochen gewachsen waren. Anders geht es auch: WSR erbeten – bei Pulpitis.
Wenn man den Patienten zurückschickt, wird dieser Überweiser sich vermutlich einen anderen Chirurgen suchen… Oder ruft auch mal ausgesprochen erbost beim Abteilungsdirektor an und beschwert sich massivst über überkandidelte Assistenzärzte, die es wagten, seinen Bitten nicht nachzukommen.
Naja, und dass jeder das am liebsten tut, was er am besten kann… Ist übrigens eines der größten Probleme auch in der Medizin…
Und das Problem läßt sich sicher nicht lösen durch den Anspruch an einzelne Fachgruppen, doch bitte über ihren Schatten zu springen, die (gesicherten?) Erkenntnisse aus einem anderen Fach zu akzeptieren, ihr eigenes Fach quasi aufzugeben. Da müßten ganz andere Weichen gestellt werden.
Und warum nur über die Chirurgen schimpfen? Das geht doch am Problem vorbei: Würde die WF optimal gemacht (Voraussetzung: adäquate Honorierung, manche schaffen das in gutgehender Privatpraxis, die meisten wohl eher nicht), gäbe es das Problem WSR doch gar nicht, oder jedenfalls sehr viel seltener?
Nun kann man die Chirurgen natürlich in die Pflicht nehmen, entsprechende Fälle abzulehnen und damit die Kollegenschaft, die partiell offensichtlich ja auch noch auf dem falschen Dampfer ist, im Sinne der Endodontologie zu erziehen. Vielen Dank für diese ehrenvolle Kompetenzzuweisung – aber warum geben Sie das überhaupt ab?
Fachlich bin ich davon überzeugt, dass der zweite Kanal in der m-b Wurzel gesucht – und möglichst gefunden – werden sollte – und zwar bei der ersten WKB. Es ist auch klar, dass chirurgische Eingriffe idR. größere Risiken tragen. Andererseits kann durch eine WSR eine toxische Schädigung durch diverse Spüllösungen vermieden werden, die (immer noch?) von einer erstaunlich großen Fraktion der Endodontologen beharrlich beharrend eingesetzt werden, trotz Cochrane 2012?! ;-)
Und zum guten Schluß ein Zitat von Max Planck, als Warnung und Trost für alle, denen es nicht schnell genug geht:
„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ – Wissenschaftliche Selbstbiographie, Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1948, S.22
Ein Zusatz von mir: „oder mit dem, das gerade als Wahrheit gilt“.
In diesem Sinne: Streiten über Fachliches ist gut, aber möglichst ohne erhobenen Zeigefinger. Wer weiß schon sicher, was die Wahrheit ist..
ps: Man möge mir meine nicht immer todernsten Argumente bitte nachsehen.
ps2: Mein größter Widersacher ist ein Kieferchirurg, der das endodontische Konzept der Endodontologen in der Traumatologie verteidigt. Das ist erst noch spannend.
Das mag beides so sein, Herr Pohl.
Sollte aber dennoch nicht die Defacto -Rechtfertigung sein, eine Behandlung entgegen medizinisch sinnvoller Alternativen durchzuführen.
Geschimpft wird hier nicht, im Gegenteil. Wir wissen, dass der der Chirurg allzuoft am Ende der Behandlungskette steht. Und natürlich würde eine adäquate WF die WSR in sehr vielen Fällen unnötig machen. Aber gerade deshalb sollte man doch revidieren statt wurzelresizieren.
Es geht nicht um ehrenvolle Kompetenzzuweisung. Es geht schlichtweg darum, dass derjenige, der den Patienten sieht, ihm sagt, es gibt statt der WSR in ihrem Fall bessere Behandlungsoptionen. Wir (und ich spreche mit diesem WIR lediglich für die 5 WURZELSPITZE -Behandler, sagen dies dem Patienten, der mit solchen Fällen zu uns kommt (in meinem Fall im Übrigen immer wieder auch von einem Kieferchirurgen geschickt). Leider – und das ist im patientenspezifischen Fall dann der springende Punkt – kommt der Patient zumeist aber eben nicht zu uns, sondern wird direkt zum Kieferchirurgen geschickt.
+1 für Herrn Pohl
wird durch die Darstellung nicht ganz klar