Ungewöhnliches Frontzahntrauma

von Ronald Wecker

4 Jahre nach einem Hundebiss im Bereich der Oberkieferfront stellte sich die junge Patientin erstmalig bei uns vor. Ausser einem Röntgenbild und einer ersten klinischen Inspektion waren  keine weiteren therapeutischen Massnahmen möglich. Zahn 11 zeigte eine irreguläre Oberfächenstruktur. Die beiden in den Jahren 2011 und 2012 angefertigten Einzelbilder dokumentieren neben dem zunehmenden Hartsubstanzverlust eine sich entwickelnde apikale Aufhellung.

Im präoperativ angefertigten DVT ist eine für einen Oberkiefer-Schneidezahn ungewöhnliche Anatomie zu erkennen. Anstelle des zu erwartenden rundlichen Wurzelquerschnitts zeigt sich eine Aufteilung in eine bukkale und eine palatinale Wurzel.

Der Wurzelkanalhohlraum des bukkalen Anteils erscheint deutlich und unregelmässig erweitert. Palatinal ist eine apikale Aufhellung zu erkennen.

Die Behandlung konnte aufgrund der anfänglichen schlechten Compliance erst 6 Jahre nach dem Frontzahntrauma durchgeführt werden und erfolgte zweizeitig. Der alio loco angefertigte Kompositaufbau erleichterte das Anlegen des Kofferdams. Während die Zahnhartsubstanz im Bereich des palatinalen Kanaleingangs ein sehr  homogenes Erscheinungsbild hatte, konnten im bukkalen Anteil deutliche Resorptionslakunen visualisiert werden. Durch intensive ultraschallunterstützte Irrigation konnte das vorhandene Gewebe entfernt und nach anschliessender Trocknung eine medikamentöse Einlage mit CaOH2 durchgeführt werden.

In der zweiten Behandlungssitzung waren im Pulpakavum und in den Wurzelkanälen keine vaskularisierte Gewebereste mehr vorhanden. Die Obturation im bukkalen Kanalanteil erfolgte in warmer vertikaler Kompaktion. Aufgrund des großen Querschnitts des Foramens und der fehlenden Konstriktion wurde der palatinale Kanalanteil  mit MTA obturiert. Nach Insertion eines Quarzfaserstiftes wurde die Zugangskavität dentinadhäsiv verschlossen.

Das primäre  Behandlungziel ist der Erhalt des Zahnes bis zum implantationsfähigen Alter. In der Zwischenzeit soll der Zahn nach neuem dentinadhäsivem Aufbau kieferorthopädisch eingeordnet und anschliessend mit einem laborgefertigten Langzeitprovisorium versorgt werden.

Das präoperativ angefertigte DVT ermöglichte neben der exakten Planung der einzelnen Therapieschritte auch das fast schon „navigierte“ Ducrhführen der endodontischen Behandlung.

4 Gedanken zu „Ungewöhnliches Frontzahntrauma

  1. Sensationell gute Dokumentation, Hut ab! Wo nehmt Ihr bloß solche Fälle her…?

    Herzlicher Gruß

    Bernard Bengs

  2. ich nehme an die Patientin ist ca. neun Jahre alt?
    eine tatsächlich sehr umfangreiche Doku. Strahlenhygiene?
    OPG, DVT (5xx5 Volumen wohl), regelm. ZF Kontrollen, mind. drei Aufnahmen für die WF
    Meine Frage: waren die alle nötig um zu diesem Ergebnis zu kommen?

    • Ja, laut Herrn Wecker ist die Patientin zum Behandlungszeitpunkt 9 Jahre alt.

      Das OPG ist mit einer Umlaufzeit von etwas mehr als 8 Sekunden erstellt worden (180 Grad Umlauf)und geht als Scoutaufnahme dem DVT (Umlaufzeit 9,4 Sekunden, Volumen 4×4 cm, ebenfalls 180 Grad Umlauf) voraus.

      Eine Therapie die den Richtlinien der ESE folgt und bei der Herr Wecker weiss, was auf ihn zukommt sowie sicher sein kann, dass sein Ergebnis technisch perfekt ist, benötigt die hier gezeigte Anzahl an Röntgenbildern. Ihm fällt kein Bild ein, dass er hätte weglassen können. Wieviele Röntgenbilder sind Ihrer Einschätzung nach notwendig, um die Folgen einer Nichtbehandlung, Extraktionstherapie, implantologischer Versorgung (mit und/oder ohne Augmentation) durchzuführen?

      Nicht dass Herr Wecker hier dem unreflektierten Einsatz von Röntgendiagnostik das Wort reden möchte, aber bei seinen handwerklichen Fähigkeiten kommt er nicht mit weniger aus. Selbst wenn’s seine Tochter gewesen wäre, hätte er auf keines der unmittelbar präoperativ und intraoperativ gefertigten Bilder verzichtet.

      Herzliche Grüße von Ronald Wecker und auch von mir

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