Grossbaustelle (I)

von Bonald Decker

Seit Beginn meiner endodontisch-fokussierten Tätigkeit um das Jahr 2001 habe ich sicher eine Vielzahl an Therapien durchgeführt. Aber bisher sicher noch nicht so viele Behandlungen bei einer einzigen Person.

Hier die Ausgangssituation der 39-jährigen Patientin:

Grossbaustelle.001

Sie ist sich ihre „Versäumnisse“ der letzten Jahre (oder länger) gewiss und ist aber nun bis in die „Haarspitzen“ motiviert, um das Projekt Zahnerhaltung anzugehen.

In den nachfolgenden Beiträgen möchte ich über die Diagnosen, die geplanten Vorgehensweisen und Behandlungsschritte berichten.

Hier vorab ein paar unserer Überlegungen:

  • Welche Zähne sind erhaltungswürdig und erhaltungsfähig? Und mit welchem Aufwand?
  • Welche Alternativen gibt es?
  • Wie koordiniert man ggf. (mindestens) 8 Behandlungen?
  • Wie verhält es sich mit den finanziellen Rahmenbedingungen der Behandlungen bei einer gesetzlich versicherten Patientin?
  • Was antwortete ich auf eine (verständliche) „Rabatt-Anfrage“ der Patientin?

Was gilt es ggf. noch zu beachten?

5 Gedanken zu „Grossbaustelle (I)

  1. Lieber Donald,
    wie macht sich denn diese Motivation bis in die Haarspitzen bei der Patientin bemerkbar? Und wieso ist die Frage nach Rabatt verständlich?
    Ich bin seeehr gespannt, wie der Fall weitergeht.
    Herzliche Grüße,
    Harald

  2. was bitte sehr ist an einer Rabattanfrage verständlich? Der Rabatt kommt dadurch zustande, dass die Einmalinstrumente hier mehrfach verwendet werden können und sie sich entsprechend dem aufgestellten Gesamtkonzept nur einmal Gedanken machen muss, ob die Behandlung so durchgeführt werden soll.
    Da die einzige echte Alternative zum Zahnerhalt die Entfernung des Zahnes (mit anschl. Implantation) ist und im Endeffekt weitaus mehr Kosten verursacht, ist das Angebot, die Zähne zu erhalten, an sich schon als Rabattabgebot zu verstehen.
    Außerdem: was nix kost‘, is nix wert!
    P. Schönwälder

  3. Hallo Herr Decker,

    ich denke genau die schiere Masse an notwendigen Behandlungen stellt in diesem interessanten “ Komplexfall“ das Problem dar. Hätte man neun Überweisungen zu den neun endodontisch notwendigen Behandlungen die sich für mich auf den ersten Blick darstellen , wäre die Entscheidungsfindung leichter.
    Aber um auf Ihre Fragen zu antworten :
    Gehe ich davon aus dass MH und PA Status soweit i.O.sind ( sieht ja auf den Rös nicht so schlecht aus ), würde ich der Patientin zur ( besseren/ sichereren ?) Therapieplanung die Anfertigung eines DVT vorschlagen.
    Wenn dieses nichts außergewöhliches zeigt versuche ich im OK 17 ,14 und 27 zu revidieren , neue WF , wenn nötig Glasfaserstifte und natürlich adhesiver Aufbau. Die Prothetik käme nach Abschluss aller Vorbehandlungen.
    Fragen im OK werfen 15 und 25 auf. Muss der 15 ebenfalls revidert werden (DVT) ?? Kann man den distalen Defekt an Zahn 25 noch adhesiv decken??
    Wenn ja , ebenfalls Endo – Stift – Aufbau.
    Im Unterkiefer sieht die Behandlungsfolge ähnlich aus. Zähne 37, 45 und 46
    wieder Revision – neue WF – adhesiver Aufbau. Genauso 35 und 47 aber ohne Revision.
    Alternativen – Kosten – Nutzen: Was möchte die Patientin ? Will sie unbedingt festsitzend versorgt werden und lässt sich nach Extraktionen Implantate setzen ober aber festsitzen ja mit geringerem Kostenaufwand und dafür verkürzten Zahnreihen?
    Zeitmanagement: Das ist natürlich nur mit einem Rö sehr vage.
    Ich würde (wenn klinisch umsetztbar) Quadrantenweise jeweils 2x etwa drei Stunden einplanen. In der ersten Sitzung bis zur Masterpoint dann med und ich der zweiten WF und Aufbauten. 25 würde ich vorher separat versuchen aufzubauen.
    Rabattvorschlag: Da insgesamt für die Gesamtversorgung enorme Kosten auflaufen und ich am Zahnerhalt für die Patientin interessiert wäre – ja ich wäre mit einem Rabatt einverstanden. Bei zehn Endos werden acht kostenpflichtig und zwei nicht.
    Ich bin gespannt wie Sie alles gelöst haben.

    Viele Grüße aus Leipzig
    Nils Widera

    • Der Zahn 25 ist für mich klar extraktionswürdig: bei epi-bis subkrestalem Defekt, großer apikaler Aufhellung und, gelinde gesagt, suboptimaler Gesamtsituation sehe ich keinen Nutzen darin, diesen Zahn zu halten, außer um das Ego des Behandlers zu befriedigen. Klar, man KÖNNTE ihn erhalten (mit einem vermutlich nicht eben kleinen Aufwand), aber wieviel ist er dann tatsächlich noch wert? Hier sehe ich eher die Extraktion des Zahnes als sinnvoll an und dann eine Implantation oder die Versorgung mit einer Anhängerbrücke 25-26-27. Bei 26 fände ich es nicht verwerflich eine Kronenversorgung zu schaffen, auch wenn der bisherige Defekt nicht eben groß ist und der Zahn 27 könnte nach hoffentlich erfolgreicher Revision auch gern neuversorgt werden, also wäre die Alternative der Anhängerbrücke gar nicht so sehr zu verachten, zumal es diese auf Kasse gäbe.
      Zu den Bildern muss ich sagen, hätte ich mir eher ein klares OPG gewünscht als diese Collagen. Aber gut, zu erkennen ist auch so genug.
      Schöne Grüße, Klaas Köppe

  4. „Welche Zähne sind erhaltungswürdig und erhaltungsfähig? Und mit welchem Aufwand?“

    Alle Zähne sind (soweit beurteilbar, klinische Überraschungen vorbehalten) erhaltungswürdig.

    Die Erhaltungsfähigkeit ist letztlich durch das behandlerrische Geschick (unterstelle ich bei WS auf dem höchsten Niveau) und die Bereitschaft der Patientin das materielle und zeitliche Engagement (dazu gehört neben der Therapiezeit auch die Zeit für besuchten Fortbildungen und damit verbundene Kosten) angemessen zu honorieren.

    Vor einer möglichen Therapie von 14 würde ich gerne eine ältere Aufnahme sehen, damit ich abschätzen kann, ob der Ist-Zustand nicht doch Ausdruck eines Heilungsprozesses ist. Die apikale Transluzenz könnte ja noch größer gewesen sein.

    25 würde ich extrudieren (Komposit/Draht-Schiene+Gummizug), aufbauen endodont. versorgen.

    Dabei kann man mal einen Blick auf die Füllung von 26 werfen.

    27 Revision und Neuversorgung

    37 sieht aus, als ob ein PA-Spalt mesial endodont. behandelt wurde, wenn alles beschwerdefrei ist, würde ich vermutlich den Zahn ersteinmal nicht behandeln.

    36, 35 kann man aus der Ferne betrachtet gut kons. versorgen

    45 Revision in Abhängigkeit von der Schmerzsymptomatik und einem älterne RöBi, bzw. klinischer Befunde (Sek.-Karies?).

    46, 47 sind spannende Fälle, vielleicht kann man hier in einem Eingriff aprox. die Kronen verlängern.

    Der Aufwand ist hoch und eine Herausforderung.

    „Welche Alternativen gibt es?“

    Zeitgemäß, aber dennoch schon ein Klassiker: Alle Zähne mit dem Hauch von Transluzenzen ziehen und möglichst mit Implantaten ersetzen. Das bitteschön in Vollnarkose und an einem Termin. Parkplatz direkt vor der Praxis muss vorhanden sein, ansonsten Shuttleservice…

    Alternativen interessieren mich hier aber nicht, sonst würde ich ja im „Implantatgewinde.wordpress.blog“ lesen.

    „Wie koordiniert man ggf. (mindestens) 8 Behandlungen?“

    Wie immer?

    „Wie verhält es sich mit den finanziellen Rahmenbedingungen der Behandlungen bei einer gesetzlich versicherten Patientin?“

    Der Griff ins Budget für die insuff. WKBs durch die Vorbehandler macht mich wütend und hat nichts mit Kassenbehandlung zu tun. Das ist einfach schlecht gemacht. Es wird ja niemand gezwungen Therapien durchzuführen die man nicht beherrscht. Entweder die Patientin holt sich das Geld für die Revisionen der vergeigten WKBs bei den Vorbehandlern oder sie hat Pech gehabt und zahlt selber zu. Für das infrage kommende Quartal würde ich die Kostenerstettung empfehlen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kostenerstattung_(Krankenversicherung)

    Bei dem zeitlichen Aufwand könnte sich die Behandlung locker über ein Quartal ziehen.

    „Was antwortete ich auf eine (verständliche) “Rabatt-Anfrage” der Patientin?“

    Kurz: Kostenerstattung

    Der Rabatt ist ja vorher in die insuff. WKBs eingepreist worden. Wenn sie die gleiche Erfahrung nochmal machen möchte, kann sie ja wieder zu den Vorbehandlern gehen…

    Rabatt fällt z.B. an, wenn man Produktionsüberstände loswerden möchte, die hohe Lagerkosten verursachen. Wenn in der Praxis irgendwo ein Schrank mit NiTis überquillt und die Dinger ‚raus müssen, bitte… ;-)

    Eine Rabatt-Option könnte sich darstellen, indem man statt vieler mehrstündiger Termine wenige ganztätige Termine vereinbart. Dann kann man Kofferdam, Injektionskanülen und Intrumentenaufbereitung sparen. Für mich persönlich ist es egal, ob ich den ganzen Tag in einem oder in 10 Mündern arbeite. Allerdings sind die Einsparungen bei dieser Vorgehensweise nicht so wahnsinnig hoch, der Komfort für die Patienten jedoch reduziert (gibt auch Pat. den das nichts ausmacht) .

    Bei NiTis gibt es die Möglichkeit zu sparen, in dem man die Feilen nutzt bis sie frakturieren. Da könnte die Pat. Glück haben oder richtig Pech, da eine Fragmententfernung neben Risiken auch Kosten birgt. Aber in Zeiten wie diesen wundert es mich nicht, wenn jemand ein bischen Nervenkitzel durch Zocken verspüren möchte… ;-)

Kommentar verfassenAntwort abbrechen