von Ronald Wecker
Im Alter von ca. 6 Jahren wurde bei einem Sturz der Vorgänger dieses 11 in den Kiefer intrudiert. Der Zahn 11 brach in der Folge sehr stark verzögert durch und wurde kürzlich in eine festsitzende lieferorthopädische Therapie einbezogen.
Nunmehr 6 Jahre nach Trauma stellt sich der junge Patient mit dem folgenden Befund vor.
Zahn 11 reagiert negativ auf Kälte und elektrischen Reiz. Die vestibuläre Apikalregion ist druckdolent. Eine Fistelung besteht nicht. Radiologisch fällt neben der fast vollständigen Obliteration der oberen Kanaldrittel eine kugelige Verdickung des apikalen Wurzeldrittels auf.
Das DVT zeigt eine fehlende labiale Knochenlamelle, eine laterale Aufhellung, aber auch immer wieder, irregulär angeordnete Hohlräume im Innern des obliterierten Wurzelkanals.
Der Behandlungsplan sieht neben einer Probetrepanation ohne Anästhesie und unter Kofferdam, bei negativer Sensibilität die orthograde endodontische Therapie des Zahnes vor. Dem DVT können dabei für die Ausrichtung der Zugangskavität und das Aufbereiten der obliterierten Anteile wichtige Anhaltspunkte entnommen werden.
Interessant finde ich das fast vollständige Fehlen einer apikalen Aufhellung.
To be continued.

„Dem DVT können dabei für die Ausrichtung der Zugangskavität […] wichtige Anhaltspunkte entnommen werden“
Ich hab nachgeschaut, steht hier: http://de.wiktionary.org/wiki/mit_Kanonen_auf_Spatzen_schie%C3%9Fen wider Erwarten nicht als Beispiel drin.
Wie gehen Sie solche Situationen an? Ich hoffe nicht, dass Ihre Mailadresse Programm ist.
Ich mag ihren Humor, Herr Heinrich, ich musste schmunzeln.
Wenngleich ich die Ernsthaftigkeit ihrer Botschaft damit nicht reduziert wissen möchte.
Aber jetzt mal „Butter bei die Fische“, um im Sprichwörtlichen zu bleiben, wie gehen Sie konkret diesen Fall an ? Die Situation bedarf ja angesichts der klinischen Symptomatik einer zeitnahen Lösung.
Guten Abend.
Spannender Fall. Bin mal auf die Fortsetzung gespannt.
Klinische Symptomatik: Darf ich nachfragen:
Schmerz:
spontan: Nein?
Nahrungsaufnahme: Nein?
Perkussion: Nein?
Temperatur: Nein?
Palpation: Objektiv und unzweifelhaft Ja?
Wie stark? Im Seitenvergleich? Kam der Patient mit den Beschwerden/waren die Beschwerden der Auslöser, einen Zahnarzt (ggf. auch: einen überweisenden Kollegen?) aufzusuchen? Oder wurden die Beschwerden erst im Rahmen der klinischen Untersuchung (vor/nach Röntgen? Vorbehandler?) entdeckt? Ggf. ungewollt provoziert oder suggeriert? Wer – mit wieviel Erfahrung – hat erstuntersucht?
(„Das tut hier wohl etwas mehr weh als links?“ Dann noch mehrfach akzentuiert palpiert, der junge Mann, irritiert, tastet seitdem ggf. alle halbe Stunde an dieser Stelle – dann ist das auch irgendwann empfindlich…
Ich möchte diesbezgl. nur sichergehen, habe selbst schon viel zu viel meinen Patienten an Symptomen untergeschoben… und halte eine valide Information hier für essentiell:
Vom Zahnfilm allein hätte ich einfach nur abgewartet. Der PA-Spalt ist kaum erweitert. Das spricht für fehlende Infektion.
Das DVT ist natürlich interessant. Der sich darstellende Hohlraum könnte auch eine Zyste darstellen, die ohne Beteiligung der Pulpa durch Traumatisierung der parodontalen Gewebe initiiert wurde.
Die Probetrepanation ist ein zweischneidiges Schwert:
1. Wenn es blutet und/oder typisch weh tut, dann ist der Zahn endodontisch vital – aber wie lange dann noch? Es ist damit zu rechnen, dass das mineralisierte Gewebe in Wurzelkanal und Pulpakavum ein minderwertiges Narbengewebe ist, das ggf. nicht mehr die Potenz hat, auf die zusätzliche Noxe „Probetrepanation“ adäquat zu reagieren. Zumal es ausgesprochen schlecht vaskularisiert sein dürfte. Trepanation bedeutet auch: Gefahr der Infektion, des Coronal Leakage, der Füllungsrandkaries, der Schwächung der strukturellen Integrität (und damit der erhöhten Frakturanfälligkeit), …
2. Blutet es nicht, oder tut es nicht weh: Was heißt das dann? Ist es dann sicher, dass eine PN vorliegt? Wenn nicht, ist die Situation drastisch schlechter: Wie sicher kann erfolgreich im obliterierten Zahn der Wurzelkanal erfolgreich präpariert/desinfiziert/gefüllt werden? Mit welchem Aufwand? Schlimmer: Wie sicher kann verhindert werden, dass – bei (nicht erkennbar) – vitalem Endodont die sehr vielgestaltigen Räume im Bereich der Obliteration kontaminiert werden, eine Infektion sich ergibt, …?
Andererseits sollte eine Pulpanekrose, insbesonders eine infizierte, idR. schon adäquat therapiert werden, bevor es zu akuten Folgen kommt…
Wir versuchen derzeit, mit einem sehr interessanten Gerät (http://www.lea.de/deu/indexd.html) der Frage Vitalität im Endodont („Durchblutung“?) ein wenig näher zu kommen, stehen aber noch recht am Anfang. Obliterierte Zähne sind leider ein sehr kritisches Zielobjekt… Ich kann anbieten, den jungen Mann zu untersuchen, will aber keine Hoffnung auf valide Aussagen machen… Und weil wir keine verlässliche Diagnostik zur Verfügung haben, kommt der Aussage zur Palpation so eine große Bedeutung zu, dass ich so frei war, die Aussage zu hinterfragen. Bitte also nicht böse sein…
Yango Pohl
Pardon, vergessen:
Der Befund passt perfekt zur Anamnese/zum Zeitablauf: Traumatisierung, als die Wurzel 11 bis etwa zur jetzigen Verdickung mineralisiert war. Wahrscheinlich Pulpanekrose, bei weit offenem Foramen apikale Revaskularisation und – typisch – Obliteration. Wurzelbildungszentrum hat überlebt. Im Bereich der Schädigung reaktive, überschießende Gewebsbildung. Anschließend Normalisierung und Ausbildung eines ganz normalen apikalen Wurzelbereichs.
Leider spricht die KFO-Therapie für eine Pulpanekrose*: Traumatisierte, insbesondere obliterierte Zähne unterliegen im Rahmen einer KFO-Behandlung signifikant häufiger einer Pulpanekrose als nicht traumatisierte Zähne. Das gilt vor allem, wenn Zähne orthodontisch intrudiert werden… Insofern bitte auch mal beim Kieferorthopäden nachhaken…
*Literatur:
Bauss, O.; Rohling, J.; Sadat-Khonsari, R. & Kiliaridis, S. Influence of orthodontic intrusion on pulpal vitality of previously traumatized maxillary permanent incisors Am J Orthod Dentofacial Orthop, 2008, 134, 12-17
Bauss, O.; Rohling, J.; Meyer, K. & Kiliaridis, S. Pulp vitality in teeth suffering trauma during orthodontic therapy Angle Orthod, 2009, 79, 166-171
Viele Grüße
Yango Pohl
Die Palpation ist an 11 eindeutig schmerzhaft, zudem ist der druckdolente Bereich leicht nach labil vorgewölbt. Seitenungleich. Fragestellung kam patientenseitig, da es eine deutliche Missempfindung gab. Ich nehme einmal an, dass kfo-seitig der Zustand der Aussenkontur schon ein wenig länger bekannt ist. Die zystische Veränderung ist mit dem Patienten /Eltern ebenfalls als Möglichkeit diskutiert worden. Nur was ändert das am Vorgehen? Zunächst Chirurgie und dann, wenn Misserfolg endodontisch therapieren? Wie wahrscheinlich ist es , dass eine derart geschädigte/ in Mitleidenschaft gezogene Pulpa in 1,2,5, 10 Jahren noch vital bleibt?
Herzliche Grüße auch von Herrn Wecker
Naja, wenn es eine Zyste ohne endodontische Ursache wäre, würde eine nur endodontologische Therapie nichts bewirken bzgl. Zyste, aber Wege für Mikroorganismen ins ggf. vitale, aber geschädigte und wahrscheinlich nicht adäquat abwehrfähige Endodont öffnen.
Dann wäre auch tatsächlich eine nur chirurgische Therapie indiziert. Warum vitales Gewebe zerstören mit unklarem Erfolg der Therapie (s. *) bei sehr schwieriger Situation?
Wenn die Überzeugung besteht, dass die Pulpa eh keine Chance hat, warum dann erst Probetrepanation (mit dem Ziel Diagnosesicherung?) und nicht gleich die WKB?
Nach einem Diskussionsbeitrag von Andreasen vor einigen Jahren muss am obliterierten Zahn mit einer Pulpanekroserate von 1% jährlich gerechnet werden. Eindeutige Literatur dazu ist mir leider keine geläufig.
Bei dem klaren klinischen Befund gehe ich allerdings auch von einer Pulpanekrose aus, ich war ja auch schon pessimistisch, wie in meinem Zusatzkommentar bereits anklang („Leider spricht die KFO-Therapie…“). Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.
*Übrigens: kann jemand mit validen Daten zum Erfolg / zum Überleben nach endodontischer Therapie am nach Trauma obliterierten Zahn aufwarten? Dazu ist mir gar nichts bekannt. Vllt. als Multicenter-Studie unter Beteiligung hier aktiver Kollegen auflegen? Das könnte ggf. eine sehr schöne Promotionsarbeit mit wichtiger Aussage ergeben… und würde die Praxen in die Wissenschaft einbinden. Was ich für sinnvoll und notwendig halte, zumal bei seltenen Diagnosen…
Beste Grüße
Yango Pohl
Genau das ist das Dilemma: primär chirurgisch bei Zyste endodontischer Genese führt zum Misserfolg, der weitere Verlauf der histologischen Entwicklung der Pulpa ist unklar , eher hin zur Nekrose, daher endodontische Therapie durchführen, auch wenn die Möglichkeit besteht vitales Gewebe anzutreffen , aber hinsichtlich des weiteren Verlaufs auf der m.A. nach sicheren Seite zu sein. Keine Revision der labilen Veränderung: chirurgische Intervention.
Den einen Königsweg wird es hier nicht geben.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
„Genau das ist das Dilemma“:
Sehe ich ähnlich, deshalb alle relevanten Befunde und so vollständig wie möglich erfassen – und auch hinterfragen, eigene Erkenntnisse, aber auch die von Kollegen. Als junger Assistent war ich zunächst sehr irritiert, wenn nicht gar aufgebracht oder enttäuscht, wenn der gerufene Oberarzt oder Professor gar nicht hören wollte, was ich denn an Befunden oder Diagnosen erarbeitet hatte. Dabei ist es oft genug essentiell, ohne jegliche Vorbelastung sich selbst ein Bild machen zu können. Das gilt auch heute noch, wenn ich Kollegen, inkl. meinem Chef, zu Rate ziehe – oder ich hinzugezogen werde.
Problem: die Befunde reichen nicht immer aus für eine Diagnose – und manchmal muss man Entscheidungen auch zukunftsgerichtet treffen – und sich an Wahrscheinlichkeiten des Eintretens von Komplikationen bzw. auch deren Schweregrad und Folgekomplikationen orientieren.
„daher endodontische Therapie durchführen, auch wenn die Möglichkeit besteht vitales Gewebe anzutreffen“
Ja und nein.
Nein, wenn die Folgekomplikationen gering/überschaubar sind.
Der vorliegende Fall eignet sich als Beispiel schlecht, da ich wegen der Befunde auch von einer endodontischen Genese ausgehe. Ohne jeglichen klinischen Anhalt (apikale Druckdolenz, KFO-Therapie, vllt. unklare Sens-Probe) sähe das m.M. anders aus, auch wenn nicht-endo-bedingte Zysten extrem selten sind in der Lokalisation. Dann könnte die Argumentation lauten: Endodontisch vitaler obliterierter Zahn hat ohne Endo eine bessere Prognose als mit Endo. Mit Endo also höhere Wahrscheinlichkeit eines Zahnverlustes bzw. eines kürzeren Überlebens als ohne Endo. Daten hierzu leider völlig fehlend, trotzdem ist das wohl unstrittig (?). Demgegenüber ein begrenzter chirurgischer Eingriff bei einem zugegeben jungen Patienten, der bei endodontischer Genese möglicherweise überflüssig wäre. Dazu das Risiko, dass sich auf Basis der nicht erkannten Pulpanekrose und/oder der ggf. nicht erfolgreich möglichen Zystektomie eine akute Symptomatik mit stärkeren Schmerzen und z.B. Abszeß ergibt. Arg verkürzt: Risiko Zahnverlust versus Abszeß. Wie gesagt, hypothetisch. Und sehr von individueller Einstellung, Erfahrung, Optionen zur Beherrschung oder Behebung der Komplikationen … bis hin zur Tagesform abhängig…
Ja, wenn die Folgekomplikationen dramatisch sind.
Beispiel: Zahntrauma, unreifer Zahn avulsiert, Wurzelbildungsstadium 4, offenes Foramen apikale. Ca. 15 min trocken, dann RI. Bei dem dickeren Desmodont eigentlich – im Vgl. zum reifen Zahn – bessere Heilchancen, da Austrocknung weniger schnell. Trotzdem haben durch alle Studien hindurch wurzelunreife Zähne drastisch schlechtere Heilungsergebnisse und Überlebenschancen als wurzelreife.
Ursache m.M. die verzögerte Endo (beim unkritischeren reifen Zahn spätestens nach 10 Tagen lt. Guidelines der IADT) und die Folgekomplikation infektionsbedingte Resorption:
Chance Revaskularisation: 10%. Risiko Pulpanekrose 90%. Diagnose PN mit Zahnfilm frühestens 2 – 3 Wochen post replantationem anhand infektionsbedingter Resorptionen, also der Komplikation, die es eigentlich und unbedingt zu vermeiden gilt. Nach dieser Zeit das Endodont inkl. Dentinkanälchen mikrobiell ziemlich versaut, therapeutisch nicht erfolgreich angehbar, jedenfalls nicht vorhersagbar; die Resorptionen schaffen 0,1mm / Tag, sind nach der Zeit also ggf. schon durch bis zum WK. Chancen auf Heilung und Überleben: besch…eiden.
(Kleine Anekdote: Für meine Anmerkung, dass ich immer nur negativ überrascht worden sei von der Entwicklung in diesen Fällen, dass man eher pessimistisch sein solle bzgl. Pulpaüberleben/Revaskularisation an schwer traumatisierten Zähnen und eher nicht auf das Prinzip Hoffnung setzen solle, bin ich schon bös angegangen worden… In den Guidelines steht ja auch, Ziel der Behandlung sei eine vitale Pulpa. Der Zahn als Ganzes findet folgerichtig gar keine Erwähnung. Hier nun verkehrte Vorzeichen: ich als Verteidiger der Vitalität im Endodont. Wenn ich das XXX erzähle, da gelte ich eigentlich als Pulpamörder. ;-) Ist nicht bös gemeint, ich bin nur überrascht, wie sich manchmal Dinge entwickeln.).
„Den einen Königsweg wird es hier nicht geben.“
D’accord für viele Fälle. Hier aber eigentlich schon, denn ich bin nach den Informationen ja von einer endodontischen Genese überzeugt. Ergo Endo. Mit der Hoffnung auf eine endodontisch therapierbare (kein TU, keine „echte“ Zyste) Veränderung – zunächst ohne Chirurgie. Wenn es nicht sein muss: ich schneide auch nicht gerne den Leuten die Schnauze auf.
Einverstanden?
Beste Grüße und vielen Dank für die Diskussion. Und auch das ist ernst gemeint.
Yango Pohl
An den Grenzfällen kann man sich so herrlich „abarbeiten“.
Sie haben sehr ausführlich meine kurzgefassten Überlegungen ausgeführt. Vielen Dank dafür und auch für die Diskussion.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
Zum Trepanieren würde ich einen birnenförmigen Bohrer und ein rotes Winkelstück nehmen, soweit zu meinem Vorgehen… ;-)
Als Oralchirurg lese ich hier oft nur interessiert mit; was mich stört, ist, dass es in der ganzen neuen DVT-Welt keine Diskussion zu Nutzen und Strahlungsbelastung gibt. Ich sehe hier keine ausreichende Abwägung zwischen Nutzen und erfolgtem Strahlenschaden, zumal bei einem Jugendlichen. Was haben sie den an verwertbarer Zusatzinfo gewonnen?
M. Heinrich
P.S. vielleicht würde man unter „Strahlenkanone“ was finden?
Lustig ist ja mal ganz angenehm, hat aber seine Grenzen. Allerdings, auch Herr Dr. Hirschhausen hat einmal klein angefangen.
Birnenförmiger Bohrer? Ich verstehe dies als diamantiertes, birnenförmiges rotierendes Instrument. Bei etwas von der idealen Zugangskavität abweichenden Achsposition entsteht, der Geometrie des Präparationsinstrumentes geschuldet, entweder eine untersichgehende Präparation mit entsprechend verlegter Sichtachse, oder ein unnötiger Hartsubstanzabtrag. Beides ist unerwünscht. Ein diamantiertes rotierendes Instrument mit leicht konischer Form (6 Grad Konus reicht aus) führt zu einer Zugangskavität, die eine ungehinderte Visualisierung unter dem DM ermöglicht.
Haben Sie die Möglichkeit ein Dentalmikroskop zu nutzen oder hatten Sie bereits einmal die Gelegenheit gehabt Behandlungen unter dem Mikroskop durchzuführen? Wenn nicht, erklären sich mir Ihre Kommentare.
Das „Hineinhalten“ eines rotierenden birnenförmigen Schleifkörpers in derart obliterierte Zähne führt in den seltensten Fällen zu einem Zufallstreffer, mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer unnötigen mechanischen Beeinträchtigung der Hartsubstanz und ungünstigstenfalls zu einer Perforation.
Haben Sie die Möglichkeit (gehabt) hochauflösende DVT’s zu betrachten, oder gar selbst auszuwerten? Wenn nicht, … siehe oben.
Zur Diskussion Nutzen Strahlenbelastung. Das in Deutschland so sehr, nach meiner eigenen Erfahrung insbesondere bei den primär chirurgisch tätigen Kolleginnen und Kollegen sehr beliebte OPG hat bei vergleichbarer Strahlenbelastung (das hier verwendete VeraViewEpocs 3De emmitiert bei einem FOV von 4×4 cm und einer Umlaufzeit von 9,4 s eine Energiedosis von etwas unter 20 Mikrogray) eine deutlich geringere Aussagekraft. Das Einzelbild verursacht eine Energiedosis von ca. 5 Mikrogray.
Wieviele OPG’s und Einzelbilder benötigen Sie, um die aus dem DVT gewonnenen Erkenntnisse zu ziehen? Wie hoch ist die Energiedosis Ihres OPG’s , welche Umlaufzeit hat dieses? ( ich gehe einmal davon aus dass Sie eines nutzen) Wie kommen Sie in solchen Fällen zu einer zuverlässigen Diagnose? wird erst einmal drauflosgebohrt? Und im Anschluss gleich die WSR durchgeführt?
Das DVT zeigt, im Gegensatz zu jedem zweidimensionalen Bild, dass es im oberen und mittleren Wurzeldrittel zwar kleine Hohlräume gibt, die unter Umständen als Reste eines Pulpakammerhohlraums betrachtet werden können, aber auch dass diese deutlich von der Zahnachse abweichen und es beim Verfolgen derselben unweigerlich zu einer Perforation kommen wird. Dieses im Vorfeld zu wissen ist ein erheblicher Vorteil, wenn man die Sicht unter dem DM nutzen will und kann.
Die Lokalisation der Aufhellung, sowie die Perforation der bukkalen Knochenlamelle ist im 2D nicht zu erkennen. Hinsichtlich der möglichen Therapieoptionen und der sich daraus ergebenden Aufklärungen eine wichtige Erkenntnis.
Ich finde es gut dass Fragen zu Nutzen und Risiko gestellt werden, würde mich aber freuen, wenn sie in der Zukunft vor dem Hintergrund tatsächlicher Zahlenwerte gestellt werden.
Bin gespannt was als Antwort zu meiner Frage hinsichtlich der Erfahrung mit DVT und Mikroskop von Ihnen kommt.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
Lieber Kollege Heinrich,
Sie schreiben: „… was mich stört, ist, dass es in der ganzen neuen DVT-Welt keine Diskussion zu Nutzen und Strahlungsbelastung gibt.“ Die gibt es durchaus und diese wird sehr intensiv geführt. Schicken Sie mir doch einfach Ihre e-mail-addy an marc.semper@voxeltalk.com und Sie erhalten Zugang zu einem kleinen Literaturüberblick, der auch diese Thematik gut abdeckt. Über die Feiertage gibt es zu diesem Punkt auch auf einem anderen Blog noch einen ganz interessanten Artikel, der den Stand der Dinge und die Position von IAEA, IADR und WHO abbildet.
Herzliche Grüße
Marc I Semper
Hallo Herr Schröder,
aus ihrer ausführlichen Antwort zu meinen eher flapsigen Kommentaren höre ich einen eher anklagenden Unterton heraus.
Vielleicht melden sie sich per email bei mir, dann können wir die Konversation gerne auf diesem Weg etwas entspannter fortführen.
Mit besten Grüßen,
Michael Heinrich
Hallo Herr Heinrich,
nein, eine Anklage liegt mir fern. Ich möchte nur ergründen, was dem Kommentar zu Grunde liegt.
Mail und flapsig funktioniert wahrscheinlich eher, wenn man sich näher kennt. Was mich irritiert ist die manchmal schon reflexartig erscheinende Aversion gegenüber der 3D-Diagnostik in einer auf Endodontie spezialisierten Praxis. Das folgt m.M. nach schon mehr dem Grundsatz: „haben wir früher auch nicht gebraucht“.
Daraus folgt nicht, dass der Einsatz des DVT unkritisch zu sehen ist oder es unreflektiert bei jedem Behandlungsfall eínzusetzen ist. Unter Umständen erschliesst sich der Beweggrund der Anfertigung des DVT auch leichter, wenn man mit solchen Situationen bereits einige Male klinisch beschäftigt war und die Schwierigkeiten selbst erlebt hat.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
Hallo Herr Schröder,
also dann doch eine öffentliche Antwort.
Erstmal vorab: „haben wir früher auch nicht gebraucht“ gilt bei mir nicht. Ich habe erst 2008 meinen Abschluss gemacht und seitdem im Grunde nur OCh betrieben. Deshalb kann ich mich auch zum Fall nicht gewinnbringend äußern, meine anfängliche Aussage war aber auch nur: es als Vorteil des DVT darzustellen, dass man daraus Anhaltspunkte für eine Trepanationsöffnung herleiten kann halte ich für deutlich übertrieben.
Am Ton ihrer Schluss-mit-lustig-Antwort stört mich, dass ich mich an pseudo-freundlich belehrende Gespräche mit Kursassistenten im 7.Semester erinnert fühlte (6 Grad Konus, danke für die Info). Ich empfand die Uminterpretation meines Kommentars (Hineinhalten, Zufallstreffer) als sehr herablassend.
Ich glaube, dass sich an dieser Stelle auch eine ausführiche Beantwortung ihrer Fragen (OM nein, DVT in eigener Praxis) erübrigt.
Es gibt eine ebenso reflektorische Aversion gegen das Anmahnen oder kritische Hinterfragen von technischen Neuerungen, wie ich hier immer wieder feststelle. Eine Diskussion über tatsächliche Strahlenwerte wäre tatsächlich wünschenswert, dann aber auch unvoreingenommen. Ein digitales DVT mit einem analogen OPG zu vergleichen ist wie die Profimannschaft des FC Bayerns mit den Amateuren des BVB zu vergleichen: spiele alle Fußball für einen großen Verein, nur in unterschiedliche Ligen. Ich bin sicher ihr DVT ist in der Lage ein strahlungsärmeres digitales OPG zu produzieren, als es ein DVT hat.
Allgemein stört mich aber, dass hier nie eine echte Diskussion zu stande kommt (ich erinnere mich da an den Beitrag zur Wirtschaftlichkeit des OM).
Bis dahin bleibe ich dann, mangels benefit, lieber stiller Beobachter.
Es sei denn ich sichte mal wieder ein Nashorn.
Mit besten Grüßen,
Michael Heinrich
Hallo Herr Heinrich,
das ist das Manko der digitalen Kommunikation: Ohne Mimik und Gestik kommt beim Empfänger manchmal etwas an , was der Sender nicht versendet hat. Herablassend und belehrend, ich könnte meine Empfindungen für Ihre Kommentare nicht treffender beschreiben.
Zudem hatte ich nicht den Eindruck, dass Sie Behandlungen , wie die des im eingestellten Fall gezeigten Zahnes, schon selbst unter dem DM durchgeführt haben. Insofern empfinde ich es als ein wenig unglücklich, wenn die Frage nach Ihrem konkreten Vorgehen in diesem Fall mit „… birnenförmiger Bohrer und rotes Winkelstück“ beantwortet wird. Dass Sie in Ihrer letzen Erwiderung schreiben „dass man daraus Anhaltspunkte für eine Trepanationsöffnung herleiten kann halte ich für deutlich übertrieben.“ lässt mich auch hier vermuten, dass die chirurgische Expertise deutlich höher als die endodontische ist. Mein Text lautete “ … für die Ausrichtung der Zugangskavität …“ (ich habe es eben noch einmal nachgelesen). und damit ist eben nicht nur das reine Loch im Zahnschmelz gemeint, sondern der gesamte Zugang zum apikalen Kanalanteil.
Ich habe nichts gegen Kritik, aber die sollte mit Fakten und oder Wissen untermauert sein. (Energiedosis, Umlaufzeiten, FOV, Vorgehensweise bei der endodontischen Behandlung) Nur etwas anzumahnen, ohne alternative Vorgehensweisen aufzuzeigen, halte ich persönlich für deutlich zu wenig.
Warum sollte ich ein digitales OPG anfertigen, dass mir, weil 2D, keinerlei Hinweise auf das Geschehen gibt? Da hinkt der Fussballvereinvergleich ein wenig. Und die von Ihnen vermissten Diskussionen könnten dadurch entstehen, dass Sie kurz darstellen, wie Sie zu den gezeigten Erkenntnissen kommen können und wie die vorhersagbare endodontische Behandlung durchzuführen ist. und vielleicht zum Einstieg in das Thema beim nächsten Mal ein bisschen weniger flapsig, ich könnte auch sagen ernsthafter, kommentieren.
Viele Grüße
Jörg Schröder
Hallo Herr Schröder,
ich entschuldige mich ausdrücklich dafür in meinen Kommentaren herablassend oder in sonst einer Weise beleidigend gewesen zu sein. Das war nicht meine Absicht und es tut mir leid -digitale Kommunikation hin oder her- falls es bei ihnen so angekommen ist.
Ihre Hinweise zu einer erneuten Diskussionsanregung werde ich für´s nächste Mal beherzigen.
Ein schönes Wochenende ihnen,
Michael Heinrich
Sehr geehrter Herr Heinrich,
vielen Dank für Ihre offene Antwort. Ich hoffe wir debattieren auch in Zukunft hier auf Wurzelspitze miteinander.
Herzliche Grüße
Jörg Schröder
Um hier mal ein schönen bildlichen Vergleich zum Thema Fußball und 2D vs. 3D Röntgenbild zu machen: bei einem 11-Meter wird eine Kamera auf den Boden neben den Ball gelegt und nimmt den Torschuss auf. Der Schuss ging an die obere Latte, prallt nach unten Richtung Torinnenraum auf den Boden und springt wieder raus… Der Schütze brüllt „TOR!!“, aber solange wir uns nur die „2D“ Aufnahme aus Bodennähe anschauen werden wir eher Emotionen und Wünsche zählen lassen, erst die „3D“ Aufnahme aus einem Winkel offenbart die Tiefe mit den entscheidenden Details…:-)