Die Zahnarztpraxis in naher Zukunft – ein mögliches Szenario

von Noel Shabraq

Als ich noch jung war (70er/80er Jahre) ging ich regelmässig zum Zahnarzt und bei Bedarf zum Arzt.

Nein.

Dieser Satz ist KEINE Aufforderung für die Gleichstellungsbeauftragte tätig zu werden.

Ja.

Arzt und Zahnarzt.

Ich wuchs auf dem Land (Kleinstadt) auf.

Da waren Ärzte und Zahnärzte Männer.

Wenn man in eine „größere“ Stadt (Kreisstadt) kam, bemerkte man hin und wieder, dass auch Frauen als Ärztinnen tätig waren. Meist jedoch beschränkt auf Pädiatrie und Gynäkologie.

Dass es auch Zahnärztinnen gab, wurde mir erst später klar. Im Umkreis von 30 km war mir zumindest in der Jugend keine bekannt (was aber nicht heisst, dass es keine gab).

Irgendwann wurde man dann im Zahnmedizinstudium mit einer anderen Realität konfrontiert:

„Was machen die ganzen Mädels hier?“

Es gab also doch einen deutlich höheren Frauenanteil in der Zahnheilkunde, als mir bisher klar war. Uns so war es, dass bei uns im Examen (Mitte der 90er) dann ca. ein Drittel bis die Hälfte der Studierenden Frauen waren.

Niedergelassen hab ich mich in einer Kreisstadt Ende der 90er.
Ca. 17.000 Einwohner, 15 Zahnärzte, 2 Zahnärztinnen.
Mehr dann doch wieder das „klassische“ Verhältnis.

Und ich hab auch noch die „Macho“-Sprüche der alten Kollegen im Ohr:

„Naja. Karies ausbohren können Frauen vielleicht noch, aber denen geht doch die Kraft aus, wenn sie mal einen Weisheitszahn ziehen müssen!“

An den Satz hab ich noch oft denken müssen.
Denn, geschwitzt hab ich oft beim Entfernen von 8ern, aber eine KRAFTanstrengung war es sicherlich nie….

OK, aber, wie war es vorher?

Als Zahnarzt hat man eine Praxis übernommen oder sich eine neu gegründet. Man hat dort gearbeitet, die Praxis abbezahlt und wenn man sich zur Ruhe gesetzt hat, hat man die Praxis für gutes Geld verkauft und so war für die Altersversorgung auch sicher. Es gab eine Zulassungsbeschränkung, so dass auch immer ein gewisser Preis beim Verkauf erzielbar war.

Irgendwann fiel die Zulassungsbeschränkung.

Was zur Folge hatte, dass Praxen in exponierter Lage oder Praxen mit alter Einrichtung schwer, bis gar nicht mehr zu verkaufen waren. So kam es auch bei uns im Umkreis dazu, dass Praxen, wenn nicht ein Nachfolger in der Familie da war, einfach geschlossen wurden.
Wer noch ein wenig aktiv war konnte die Einrichtung noch bei eBay verkaufen, wer nicht, durfte für die Entsorgung auch noch bezahlen.

Eine gut gehende, zeitgemäss ausgestattete Praxis ist aber immer noch für einigermassen Geld zu verkaufen, da eine Neugründung heutzutage auch keine Zuckerschlecken ist.

Zur Zeit gibt es einen Trend, den ich hier am Ort beobachte:

Da noch genug Arbeit in der ZHK vorhanden ist, und jetzt Zahnärzt/Innen angestellt werden dürfen, geht der Trend auch dahin.
In den letzten 5 Jahren haben am Ort mindestens 5 Praxen Zahnärzte angestellt.
Genau, meistens Zahnärzte. Anfangs.

Jetzt sind es mehr Zahnärztinnen.
Es sind in den letzten Jahren auch einige Praxen von Frauen übernommen worden, aber angestellt sind durch die Bank Frauen (was aber auch nicht verwundert, da zur Zeit die Examensjahrgänge teilweise aus 90% Frauen bestehen).

So auch bei mir.

Meine angestellte ZÄ hat sich nach 6 Jahren in eine andere Praxis/Fachrichtung orientiert und ist noch einen halben Tag in der Woche da.
Also Stellenanzeige aufgegeben. Ersatz suchen.

Kurz:
Eine gleichwertigen (zeitlichen) Ersatz – also Vollzeit – haben wir nicht auf die Schnelle gefunden.
Sondern:
Eine Zahnärztin nach dem Mutterschutz (1. Kind), die Teilzeit arbeitet (16 h/Woche) und eine Zahnärztin nach dem Mutterschutz (nach dem 2. Kind), die auch Teilzeit (12 h/Woche) arbeitet.

Es wird zwar ein wenig komplizierter, aber es wird auch gehen.

So wie es aussieht, ist die ZA-Praxenlandschaft gewaltig im Umbruch.
Der Einzelkämpfer, der Vollzeit arbeitet und nach seiner aktiven Zeit seine Praxis für gutes Geld verkauft, ist eine aussterbende Spezies.
Zahnärzte anstellen wird immer schwieriger (ca. 10% Absolventen), Zahnärztinnen einstellen eher leichter (90% Absolventinnen). Anfangs noch Vollzeit werden nach diversen Schwangerschaften die Frauen in der ZHK hauptsächlich Teilzeit arbeiten (wenn überhaupt noch).

Und so wird ein Teil der Praxisinhaber selber weniger arbeiten, und dafür seine Teilzeitzähnärztinnen verwalten, die er für verschiedene Teilbereiche einstellt.

So kann ich mir durchaus vorstellen, dass man eben mit 55-65 Jahren (oder wann man eben aufhören wollte) die Praxis nicht verkauft, sondern Teilzeit-Zahnärztinnen einstellt und sich selber aus dem operativen Geschäft zurückzieht und nur noch die anfallenden, nicht delegierbaren Verwaltungsaufgaben erledigt.
So eine Praxis ist aber dann natürlich wieder deutlich leichter zu verkaufen.

Leider aber auch an Nicht-Zahnärzte.
Also Investoren, die aus dem medizinischen, oder nichtmedizinischen Umfeld kommen werden.
Privatklinikbetreiber, Pharmafirmen, Dentaldepots, Krankenkassen, aber auch andere, fachfremde Investoren, die nur Geld verdienen wollen.
Wenn das gesetzlich anfangs vielleicht noch nicht möglich sein sollte, wird das über Stohmänner erfolgen. Aber Gesetze werden dahingehend sicherlich noch geändert werden um den Ausverkauf auch der Zahnmedizin an Investoren zu ermöglichen.

Die Preise für den Patienten werden dabei sicher nicht sinken, die Qualität der Behandlung allemal. Dafür werden wir täglich mit Werbung zugerdröhnt werden, in der die höchste Qualität der Versorgung – ermöglicht durch den neuen Träger – angepriesen wird.

Freie Arztwahl?
Man muss kein großer Visionär sein, um sich diese Frage selber zu beantworten.

Wie gesagt, ein mögliches Szenario.
Hoffen wir, dass der Ausverkauf der Zahnheilkunde nicht so erfolgen wird, sondern die ZHK in Händen der Zahnärzte bleibt. Angestellt oder Selbständig.

3 Gedanken zu „Die Zahnarztpraxis in naher Zukunft – ein mögliches Szenario

  1. Sehr geehrter Herr Kollege Shabraq,

    ich danke Ihnen für diesen Beitrag, der sich mit meinen Beobachtungen zu 100% deckt.

    Gerade gestern habe ich in meinem Blog einen ähnlichen Beitrag geschrieben. Nun bin ich mir nicht sicher, ob es gerne gesehen wird, wenn ich den Link dazu hier teile, hoffe aber auf Nachsicht.

    http://www.endodontie-online.com/index.php/de/blog/116-statistiken-zur-gkv-und-einkommensentwicklung-der-zahn%C3%A4rzte-in-deutschland

    Zusätzlich möchte ich aber allen Lesern noch einen weiteren Artikel ans Herz legen, der diese Problematik noch drastischer beschreibt. Man beachte das Datum. Dieser Artikel ist von 2008.

    http://www.arztwiki.de/wiki/Jan_Erik_D%C3%B6llein

    Kollege Döllein hat hat sich damals intensiv mit den Machenschaften in Politik und Medienkonzernen beschäftigt. Auch ich werde demnächst noch einen Artikel dazu veröffentlichen.

    Es muss hier etwas passieren. Doch vorher müssen die Kolleginnen und Kollegen erkennen, das es hier einen dringenden Handlungsbedarf gibt.

    Herzliche Grüße

    Dr. Stefan Klinge
    Kiel

  2. Bei uns auf dem Lande ist das Praxissterben längst Realität: Hausarzt- und Zahnarztpraxen gleichermaßen werden sang und klanglos ohne Nachfolger geschlossen.
    Patienten suchen händerringend neue Betreuung in den verbliebenen, oft längst am Rande der Kapazität arbeitenden Praxen.Teilzeit(zahn)ärztinnen? Keine in Sicht. Angestellte Zahnärzte (m/w)? Doch nicht auf dem Land… da stimmt doch die „work-life-balance“ nicht.

    Das ist Folge einer Politik, die aus den fleißigen GKV-Allround-Versorgern auf dem Land die sprichwörtklichen Dummen machte: das Budget strafte die Vertragsland(zahn)ärzte, die früher mit einer soliden Grundversorgung ihrer AOK- oder LKK-Patienten und langen Arbeitstagen ein gutes Auskommen hatten, brutal ab. In Bayern war 2014 das AOK-Budget bereits Anfang Oktober erschöpft: fast ein Quartal für vielleicht ein Drittel des Honoras arbeiten zu müssen, ist doch für jeden jungen Kollegen ein toller Anreiz sich im ländlichen Bereich mit überproportional vielen AOK-Versicherten niederzulassen.

    Als 2004 mit der „BEMA-Neurelationierung“ und der Einführung von Festzuschüssen von den Standespolitikern eine „gerechtere“ Verteilung der Mittel gefeiert wurde, war diese „Festzuschusslüge“ ein weiterer Sargnagel für viele landzahnärztlichen Praxen: die Prothetik brach brutal weg, weil trotz ach so „grozügigem Zuschuss“ nur sehr wenige Patienten im ländlichen Raum sich Implantate oder große Teleskoparbeiten leisten konnten, dafür sich aber die Zuschusshöhe für die konventionellen prohetischen Versorgungen und auch Reparaturen deutlich reduzierte. Die Folge:sogar Enzelkronen, kleine Brücken und Modelgußarbeiten nahmen ab. Bis heute haben sich die Prothetikumsätze auf dem Land nicht wieder erholt. Und das Lückengebiß hat wieder Einzug gehalten im ländlichen Raum.

    Längst stehen die Investoren in den Startlöchern, längst sind die Pläne für lukrative „Versorgungszentren“ (in größeren Kreiststädten, nicht auf dem Dorf…) aus den Schubladen hervorgekramt: Und das ist offenbar politisch gewollt. Der kleine, unabhängige, schwer kontrollierbare, patientenorientierte, eigenverantwortlich wirtschaftende und kritisch fragende Praktiker ist im neosozialistischen Deutschland mit „einem der besten Gesundheitssysteme der Welt“ ein Auslaufmodell: Ebenso wie die „freie Arztwahl“ (ein Grundrecht übrigens, das viele Patienten für ein Linsengericht längst ihrer Kasse verkauft haben). Die Zahnheilkunde in Deutschland in der Hand der Zahnärzte? Das ist sie, fürchte ich, schon lange nicht mehr. Die GOZ 2012 ist dafür ein beredtes Beispiel.

    Wer die Versorgungsqualität auf dem Lande heben möchte, müsste nur die Budgets abschaffen für alle Niedergelassenen in Orten mit weniger als 15.000 Einwohnern. Ruck zuck gäbe es Hausärzte, Zahnärzte und Fachärzte im ländlichen Raum zu Hauf….

    Stattdessen greift die Politik mal wieder zum „Gesundheitsreformgesetzbuch“ (das 14 übrigens seit 1977, wenn ich richtig gezählt habe): Ein tolles neues „Versorgungsstärkungsgesetz“ soll es richten. So sollen zum Beispiel „Kommunen … durch Gründung eines medizinischen Versorgungszentrums insbesondere in ländlichen Regionen aktiv die Versorgung mitgestalten.“ Oder: „Die Kassenärztlichen Vereinigungen werden verpflichtet, Terminservicestellen einzurichten. Sie sollen Versicherten mit einer Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt vermitteln.“ Und so werden weitere unsinnige planwirtschaftliche Forderungen wie die „Zulassung auf Zeit“ oder „Aufkauf von Kassenarztsitzen in überversorgten Gebieten“ (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/aerztemangel-auf-land-krankenkassen-wollen-befristete-zulassung-a-1010685.html) wahrscheinlich bald Wirklichkeit.

    Was für ein Irrsinn. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Mit diesem Spruch aus dem Herbst 1989 behält Erich Honecker letztlich in Deutschland doch noch Recht.

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