Die Gretchenfrage oder Wie hältst Du es mit dem DVT ? Teil 4 – Kritische Analyse

Ich möchte 3 Punkte herausgreifen, die im Zusammenhang mit dem hier vorgestellten Fall in den Kommentaren aufgekommen sind.

Zunächst die Frage – Wäre es nicht möglich oder sogar einfacher und sinnvoller gewesen, eine WSR durchzuführen evtl. mit retrograder Präparation und Wurzelkanalfüllung ?

Wir sehen ja immer wieder auf Fortbildungen, dass auf diese Art und Weise Fälle gelöst werden konnten, bei denen keine orthograde Wurzelkanalbehandlung möglich war oder diese als nicht sinnvoll eingestuft wurde.

Und ja – viele Wege führen nach Rom.
Aber ich käme nie auf die Idee, hier diesen Weg zu wählen.

Warum?
Weil wir es im Hinblick auf die vorhandene apikale Aufhellung hier mit einer bakteriellen Infektion zu tun haben. Demnach die Bakterien ganz offensichtlich ihren Weg intraradikulär von koronal nach apikal gefunden haben. Mag der Restwurzelkanal auch noch so obliteriert sein und weder mit dem bloßen noch mit dem OP-Mikroskopbewehrten Auge betrachtet sichtbar erscheinen, für die bösen Mikroorganismen findet sich offensichtlich immer noch ein Weg.

Und machen wir uns nix vor, angesichts der anatomischen Verhältnisse im Makrokosmos (Wurzelkanäle einschliesslich Isthmen, Verzweigungen, Seitenkanälen) und im Mikrokosmos (Dentintubuli) der Zahnwurzeln ist die Wurzelspitzenresektion ein rein mechanistischer Therapieansatz des vorletzten Jahrhunderts.

Selbst wenn es demnach gelingt die WSR lege artis mikroinvasiv mit adäquater Retropräp durchzuführen. Was nicht ganz so banal ist. Schöner Lappen, parodontalästhetisch schonende Schnittführung und Nähte, dann eine perfekte Blutstillung, die präzise Präparation. Zum Abschluss die Retrofüllung mit sehr verarbeitungssensiblen Zementen. All das in einem Arbeitsbereich von wenigen Quadratmillimetern, der nur mittels Mikrospiegeln indirekt sichtbar wird.

Wenn also all dies bestmöglich gelänge, so bleibt doch die Frage der notwendigen Desinfektion. Wie will man dies im Rahmen der WSR erreichen ? Ist dies rein technisch machbar ? Wie effektiv wäre das, angesichts der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit ?

Und erreicht man ein dauerhaftes Ergebnis?
Werden nicht vielmehr die Bakterien im Laufe der Zeit wieder über den nachwievor vorhandenen Weg sich wieder nach apikal begeben?
Hält dann der antibakterielle Schutzwall aus Portlandzement?
Ich glaube nicht daran.

Dann die Frage – Hätte man nicht vorab in den Zahn hineinschauen können, um dem Patienten die Kosten für die Bohrschablone zu ersparen?

Ich hätte dies getan, wenn es bereits eine Trepanationsöffnung gegeben hätte.
Dies war hier nicht der Fall, der Zahn war noch unberührt.

Und angesichts der Ausgangssituation hier mit extremer Obliteration war es doch wahrscheinlich, dass es nach Trepanation keinen Hinweis für einen ehemaligen Kanalverlauf geben könnte. Eine bohrschablonengestützte Trepanation somit unumgänglich sein könnte. Und dann – wäre mein konventionell geschaffenes Bohrloch mit Sicherheit größer als das navigierte.

Meine Überlegung war also – wenn ich vermutlich sowieso eine Bohrschablone brauche, dann will ich aber auch den Zugang bestmöglich sprich kleinstmöglich halten.

Dann die Frage nach der Wasserkühlung des Bohrers?

Ich glaube, dass der zu erzielende Effekt der Wasserkühlung ein sehr geringer ist.
Man muss sich ja nur mal anschauen, wohin die Düsen der Winkelstücke die Wasserstrahlen hinlenken. Die vorhandenen Wasserführungen sind für die benötigten Bohrerlängen offensichtlich nicht ausgelegt und man erzielt vermutlich – um ein Bonmot von Jörg Schröder umzudichten, der im Zusammenhang mit einer spülspritzengestützten Kanaldesinfektion von „ritueller Waschung“ spricht – nur eine „rituelle Kühlung“. Ich hatte aber bei all meinen Fällen bisher den Eindruck, dass der Bohrer zügig seinen Weg nach unten findet. Viel einfacher als bei den Präparationen für postendodontische Wurzelstifte und die habe ich bislang immer ohne Wasserkühlung durchgeführt. Ein neuer und demnach optimal scharfer Bohrer ist aber meines Erachtens Pflicht.

Abschließend noch ein paar Worte zur Durchführung per se.

Wie bei allen neuen Verfahren herrscht am Anfang eine gewisse Unsicherheit, weil man über keinerlei Erfahrung verfügt. Dann kommt noch hinzu, dass man nicht in den Zahn hineinschauen kann, während man arbeitet. Und es sich ausnahmslos um extrem schwierige Zähne handelt, die es zu behandeln gilt.

Schon blöd. Wäre in etwa so, wenn man für sein allererstes Implantat sich an einen extrem atrophierten Oberkiefer mit Sinuslift in regio 27 heranwagen würde.

Hat man sich aber erst einmal in die Materie eingearbeitet und hat wurde im Vorfeld (DVT, Abformung, Modell- und Schienenherstellung, Planung) alles richtig gemacht, so kommen die Vorzüge der Durchführung zu tragen. Man setzt sich gewissermaßen an den gedeckten Tisch und genießt die Früchte der Vorarbeit.

Aus einer ungewissen, nicht definierbaren, nicht vorhersagbaren Arbeit bei hohem Schwierigkeitsgrad und großem Unsicherheitsfaktor , alles puls- und blutdrucktreibende Parameter ist eine präzis durchgeplante souveräne Verrichtung worden.

2 Gedanken zu „Die Gretchenfrage oder Wie hältst Du es mit dem DVT ? Teil 4 – Kritische Analyse

  1. Vielen Dank für die ausführliche Antwort! Was mich besonders überzeugt hat ist die Aussage, dass die Mikroorganismen ja irgendwie von koronal nach apikal gelangt sein müssen … was manchmal schwer vorstellbar ist wenn bei stark obliterierten Zähnen unter dem Mikroskop „alles zu“ ist. Aber klar es gibt ja noch eine „submikroskopische“ Welt. Viele Grüße

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