Schützenhilfe – Axes Repère

von Christian Danzl

Hand auf Herz!
Wie viele Unterkiefer Leitungsanästhesien sitzen bei Ihnen auf’s erste Mal?
100% ?   – Uiuiuiui. Vielleicht doch noch mal überdenken.
95% ?     – Respekt!
90% ?     – nicht schlecht
80% ?     – immer noch passabel

70% würde heissen, Sie müssten fast bei jeder 3. LA nachanästhesieren.

Keine 100% Trefferquote zu haben ist aber auch nicht verwunderlich, wenn man sich überlegt, dass so eine UK-LA ja Hauptsächlich im „Blindflug“ stattfindet. Man will möglichst vor dem Muskel einstechen, muss um die Kurve und um dann, je nach Anatomie, mehr oder weniger tief auf den Knochen, neben den Nerv, zu treffen.

Abhilfe bzw. Erleichterung auf diesem Gebiet verspricht eine französische Entwicklung, die auf dem GNYDM diesen Jahres vorgestellt wurde (auf der nächsten IDS werden sie sicher auch sein):

Axes Repère

Eine „Zielvorrichtung“ für die UK-Leitungsanänthesie.

Hier eine Videoanleitung zur Handhabung.

Ein Foto davon durften wir auf der Messe leider nicht machen (warum weiss ich nicht genau, denn einen Flyer mit Abbildungen bekamen wir mit und auf der Website ist alles genau zu sehen), deshalb nur die Verweise auf die Website.

So, nun der Preis: 399,-€

Auf den ersten Blick nicht unerheblich. Eine Karpulenspritze ist dabei, dann bleiben immer noch gut 350,- € für ein einfaches Plastikspritzgußteil.
Aber:
Wenn man überlegt, dass durchaus ein paar Münder vermessen werden müssen, um die optimale Form zu erreichen, Modelle, Prototypen, Spritzgussform(en) hergestellt werden müssen, wahrscheinlich erst für eine Kleinserie, Marketing (Messestände, Internetauftritt….), Vertrieb usw. verwundert der Preis weniger.
Auch unter dem Gesichtspunkt, dass man dieses Teil nur einmal im Leben kaufen wird.

Jetzt fragen Sie sich:

Wer braucht sowas?

Hab ich mich auch gefragt, denn bei mir sitzen die Leitungen relativ sicher.
Immer?
Definitiv nicht.
Wenn der Patient den Mund weit aufmacht, die Zunge aus dem Weg ist und ruhig hält, zu 99%.
Aber wenn nicht?
Übergewichtiger, bruxender Pykniker mit Spritzenangst, „breiter“ Zunge, sehr eingeschränkter Mundöffnung und starkem Speichelfluss als Worstcase?
Da ist man um jede Hilfe froh.

Ob das Teil in solchen Extremfällen einwandfrei funktioniert, weiss ich leider nicht.

2 Gedanken zu „Schützenhilfe – Axes Repère

  1. Hm, eine Zielhilfe.
    OK, es ist wohl einfacher, extraoral einen Punkt aufzufinden, als sich auf seine räumlichen Vorstellungen, Erfahrungen, Fähigkeiten verlassen zu müssen.
    Ein paar kritische Überlegungen:
    Zunächst die Frage, wie repräsentativ die Kiefer von 40 vollbezahnten (?) Franzosen (?) >12 Jahre sind.
    Dann gilt es, auch den korrekten Einstichpunkt zu definieren. Schön, wenn Zähne vorhanden sind. Wie weit darf das abweichen? Elongierter Zahn noch im Toleranzbereich? Was ist bei unterschiedlich stark atrophiertem Alveolarfortsatz?
    Nicht jeder Patient öffnet den Mund so weit. Und dann?
    Wie ist das mit Kindern, bei denen die Anatomie ja doch erheblich anders ist, gibt es eine eigene Version? Un- oder Teilbezahnte… Was bei Variationen in der Anatomie?
    Auch vor dem Hintergrund, dass die Nutzung dieser Zielhilfe die Erfahrung mit freier Technik reduziert… Dann gibt es Zahnärzte, die nur beim Standard-Erwachsenen eine Leitung können?
    Dann muss auch genug Platz sein für den größeren Durchmesser.
    Wie reagieren die Patienten auf das Teil? Kann durchaus positiv sein…
    Aber wenn ein Patient eine Panikattacke erleidet, wenn das Ding im Mund festhängt und die Nadel vorne herausschaut?
    Wie gut kann man die Aspiration beurteilen?
    Habe ich das überlesen, oder gibt es keine Erfolgsergebnisse (=Anästhesiewirkung inkl. Dauer, unter Mitteilung des Anästhetikums)?
    Der Preis ist unverschämt. Wenn das so gut ist wie behauptet, dann lässt sich über die Masse mehr als genug verdienen. Zumal je Praxis wohl mehr als eines anfallen dürfte, wenn ich die Entwicklungen der Anforderungen an die Hygiene betrachte…
    Ich als leicht linkslastiger Beidhänder, der immer vor dem Patienten steht, fühle mich mit der Anleitung nicht mitgenommen ;-)
    Und CT Scans an Jugendlichen für die Indikation einer Produktentwicklung – gibt es in F keine RöV? Uiuiui.
    Ich denke, dass die Firma wenigstens größere Studien zum Erfolg der Anästhesie vorlegen sollte, im Vergleich zu herkömmlicher Technik, bevor das Teil für horrendes Geld verkloppt wird. Und zwar auch in Problemfällen etc.
    Gedanken zur Nacht
    Yango Pohl

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