von Christian Danzl
Hier mal wieder ein Fund aus dem Netz.
Kollege Fuller zeigt eine Endo am oberen Einser in 6 Minuten.
Vom Zeitaufwand eher eine sportliche Leistung.
Mein Kommentar als deutscher Kassenzahnarzt:
So bringt man die Kassenendo in die Gewinnzone ;-)
Das Video ist relativ wenig geschnitten, die Behandlungszeit könnte also ungefähr stimmen.
Ob jetzt die Behandlung komplett in dieser Zeit erfolgt ist, sei dahingestellt, ist auch egal.
Jedenfalls präsentiert der Kollege hier ein sehr schnelle Behandlung, die vom Ergebnis auf dem Abschluss-Röntgenbild gar nicht soooo schlecht aussieht.
Ohh! Ich kann die Aufschreie der Leser hier schon hören!
„Die Endo IST schlecht!“
Sie haben Recht! Ich möchte so eine Endo auch nicht in meinem Einser haben.
Aber wenn Sie ehrlich sind, haben sie schon sehr viele Röntgenbildern von Endos an oberen Einsern gesehen, die DEUTLICH schlechter ausgesehen haben, oder?
Aber darum geht es mir nicht.
Mir hier nicht darum, wie der Kollege seine Patienten behandelt, das muss er selber verantworten.
Wieso stelle ich dieses Video hier vor?
Mich hat das Tempo der Behandlung fasziniert.
Wo liegt bei der hier gezeigten Behandlung der Zeitgewinn?
Nun, er verzichtet auf verschiedene Massnahmen bei der Endo, die bei uns als unverzichtbar gelten:
– Mundschutz für den Behandler (geht hier nicht anders, weil er verständlich reden muss)
– Kofferdam
– ordentliche Aufbereitung (zumindest für hier vorherrschende Lehrmeinungen)
– ausreichende chemische Desinfektion (dafür gibt es eine Laserdesinfektion)
– Strahlenschutz für Patient, Helferin und Behandler
Ist es das, was ihn schnell macht?
Ich glaube nicht.
Das kleine Behandlungszimmer, wo es kleine Wege gibt, ist sicher ein Teil des Tempos, aber der Hauptgrund ist das 4-händige Arbeiten mit dieser wahnsinnig schnellen Helferin.
Sie ist voll bei der Sache, reicht ihm die benötigten Instrumente und Materialien <just in time> an, weiss jeden Schritt im Voraus, jeder Handgriff sitzt.
Wie so oft, ist auch hier die Helferin der Schlüssel zum Erfolg (der hier klar im Tempo liegt und nicht auf der perfekt durchgeführten Therapie)
Mein Held in diesem Video ist ganz klar die Helferin.
Interessant, dass viele Kollegen auch bei YouTube über die selben Videos stolpern :-) …
Das obige Video fand ich sehr spannend wegen den erwähnten positiven Aspekte, und erschreckend wegen der negativen ( keine Endometrie, kein wirkliches Spülen, Strahlenschutz, keine Privatsphäre da keine Tür usw.) , aber wo wir gerade dabei sind, hier der Link zum schon einmal erwähnten „15min molare endo“:
http://m.youtube.com/watch?v=J1oOKh994WM
Ob der 6 min Einer noch im Mund ist :-) ?
Hi Christian,
schneller ist nur die nicht gemachte Endo:-)! Viele Grüße Stefan
Hallo zusammen,
aus Sicht eines Patienten kann ich nur sagen, dass reine Behandlungsgeschwindigkeit m.E. kein Maß für Erfolg darstellt. Als Patient ist man beim Arzt, weil man ein medizinisches Problem hat und in erster Linie möchte man dieses beseitigen. D.h. erfolgreich kann nur eine Behandlung sein, die das Problem nachhaltig beseitigt ohne zuviele Nebenwirkungen zu haben. Ich wage das hier allerdings nach allem, was ich bisher zur Endodontie gelesen habe, zu bezweifeln.
Beste Grüße
Haya Hadidi
Tolles Video.
Der Kollege ist von sich derart überzeugt und dabei hat nur seine Assistentin volle Anerkennung verdient… .
Im Journal of Prosthetic Dentistry gab es mal (1970iger Jahre) einen durchaus erstgemeinten Artikel „Full crown preparation in 90 seconds“. Die Amis waren also schon immer ganz schön schnell. Neidisch werde ich bei der sensationellen 4-Hand-Technik, das hätte ich auch mal gerne.
Ja, der Mann war schnell und vielleicht nicht unbedingt state of the art, aber:
ER ist glücklich dabei.
der PATIENT ist glücklich dabei, und
seine ASSISTENZ ist auch glücklich dabei.
Also wieso sollte Kollege Fuller etwas ändern? Ausserdem, wen wundert’s , bei: „Top Gun asistant“, „Super Duper NiTi-Files“ und „fancy super duper Laser“? Das kann doch nur gut gehen :-))))))))))
Herzliche Grüße und danke für das schöne Video.
Harald
… der Patient ist glücklich DABEI. Aber was ist später? Nachhaltigkeit einer Behandlung ist schon ein, wenn nicht DAS Erfolgskriterium schlechthin.
Ich zitiere mal aus einem Artikel auf SPON: „Die Verbraucherzentrale (VZ) kritisiert zudem die fehlende Kontrolle: „Es gibt in der Zahnmedizin so gut wie keine Qualitätssicherung“, sagt Christoph Kranich von der VZ Hamburg. Das könne teilweise zur „Geldbeutel-Evidenz“ führen: Weil keiner guckt, wird das gemacht, was am meisten einbringt.“ Im verlinkten Video eben eine sehr schnelle Behandlung – wie im wilden Westen eben üblich. ;-) Schnell = mehr Behandlungen in kürzerer Zeit = mehr Geld. Simpel und die Abstriche merkt erst mal niemand…
…wenn ich solche Videos sehe, bin ich jedenfalls extrem froh, dass ich mich selbst umfassend informiere, das auch verstehe und mir eine Meinung bilden kann. Und das kann ich nur jedem empfehlen, der irgendeinen (zahn-)medizinischen Eingriff, der über eine Kontrolluntersuchung hinausgeht, an sich vornehmen lässt. ;-)
Viele Grüße
Haya Hadidi
Da hammse ja nicht unrecht, Frau Hadidi. Auch ich freue mich über jeden informierten Patienten, der meine Praxis betritt, aber es ist Mutmassung, Dr. Fuller nach dem Video in die Ecke der Geldbeutel-Evidenz abzuschieben. Wir wissen, wie er behandelt, wir wissen nicht warum er so behandelt.
Übrigens: Immer, wenn ich Worte wie Verbraucherzentrale lese, oder Konsumentenmeinung, dann bin ich froh, dass keine Menschen damit gemeint sein können, denn sonst würde man das doch auch so nennen, oder?
Trotzdem möchte ich hier nochmal betonen, dass ich es sehr bewundere, wie sehr Sie sich in diesem Forum einbringen und fürchte aber auch, dass Ihr Wissen im Bereich Endo, das einiger Kollegen übertrifft.
Herzliche Grüße,
H. Vögele
Hallo Frau Hadidi,
Die VZ ignoriert aber in Ihrer Feststellung die Rahmenbedingungen, unter denen eine Leistung jedweder Art im med. Bereich erbracht werden muss. Als Zahnarzt ist man medial gern als gierig hingestellt worden, Traumgehälter winken uns bei wenig Arbeit. Was da nicht steht: was kostet eine gut geplante und zeitgemäss eingerichtete Praxis in der „Anschaffung“, wie hoch sind die Betriebskosten (was kostet eine Fuller-mässige ZFA?), wie ist die Liquidität einer Praxis, wie hoch ist die Kreditbelastung und ab wann ist sie schuldenfrei und was kostet eine gute zahnärztliche Behandlung?
Und was erbringen wir an Gewinn für die Allgemeinheit, um Arbeitnehmer mundgesund, also arbeitsfähig zu halten? Und wie wird Behandlungserfolg juristisch bewertet? Kann ein Begriff wie „Qualitätssicherung“ überhaupt Anwendung finden, wo wir doch kein Stückgut produzieren, sondern nach Indikation und höchst individuell behandeln?
Es gibt meines Wissens nur eine Studie, die die ökonomischen Auswirkungen guter zahnärztlicher Praxis bei Molarenendos bewertet (Habl, Bodenwinkler, Stürzlinger; Wurzelbehandlung an Molaren; HTA-Bericht 18).
Schlussendlich die Frage: wie wirkt sich das System auf unsere tatsächliche Freiheit im Beruf aus und welche Konsequenzen hat dies für die Qualität?
Ich stimme Ihnen zu, dass sich jeder informieren sollte, auch gern auf dieser Seite. Qualität ist für Patienten immer ein Bauchgefühl.
VG,
KT
Hallo zusammen,
@ Herr Dr. Vögele: Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Zitat provoziert habe. ;-) Wenn der Eindruck entstanden ist, dass ich Doc Fuller Geldbeutel-Evidenz unterstelle, so möchte ich aber klarstellen, dass dies nicht der Fall ist. Möglicherweise hat er andere Triebfedern für seine, sagen wir mal, eigenwillige Methodik bei der Endo. Ich möchte nur einen Kontrapunkt gegen die „Schnelligkeitsbewunderung“ setzen, die ab und an hier angeklungen ist. ;-) Ich -persönlich- finde den Preis für die Geschwindigkeit eindeutig zu hoch. Danke für Ihr Feedback ansonsten, Herr Dr. Vögele. Ich vermag natürlich nicht zu sagen, wie gut der Ausbildungsstand bei den Zahnärzten im Bereich der Endo ist – ich kann nur für mich sprechen, dass ich das Thema sehr interessant finde und versuche, mein Wissen konstant weiter aufzubauen. Die Hospitation kürzlich war z.B. nochmal ein echter „Booster“ in dieser Beziehung. Danke nochmal an den Zahnarzt, der bereit war, mir dafür seine Schulter zum Darüberschauen zu leihen. ;-)
@Herr Dr. Todt: Seit ich meine Rechnungen bei allen Ärzten selbst zahle, sehe ich, was Zahnärzte abrechnen dürfen. ;-) Ob sie gierig sind, weiß ich nicht, das ist ja eine Geisteshaltung, aber viel ist es aktuell verhältnismäßig wahrlich nicht, was da auf den Rechnungen für die erbrachten „ärztlichen Bemühungen“ draufsteht.
Die betriebswirtschaftliche Seite der zahnärztlichen Tätigkeit ist sicher nicht beleuchtet, darum geht es aber der VZ auch nicht. Genausowenig, wie z.B. die Gewerkschaft Arbeitgeberinteressen in ihren Statements wiedergibt. Das ist schlicht Merkmal einer Interessensvertretung. Was das angeht, so gebe ich Ihnen aber Recht – die Lobbyarbeit der Zahnärzte ist insgesamt optimierungsbedürftig. Wo sind denn hier die Kammer und die sonstigen Interessensvertreter? QM ist m.E. aber ein allgemeines Tool, das man, freier Beruf hin oder her, auf jede Art von Arbeitsleistung anwenden kann, da ja die Rahmenbedingungen Gegenstand der Betrachtung sind und nicht z.B. der eingetretene „Erfolg“.
Ich habe mir bezüglich des Imageproblems der Zahnmedizin auch schon einige Gedanken gemacht, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Ich würde nämlich z.B. nicht nur von Mundgesundheit sprechen, sondern von Gesundheit im Allgemeinen…
Herzliche Grüße
Haya Hadidi
Hallo Frau Hadidi,
Ihr Verweis auf die Gewerkschaften ist doch sehr off-topic, deswegen nur soviel dazu: glauebn Sie wirklich an das Gute im Menschen und an die Interessenvertretung von Arbeitnehmern durch Gewerkschaften?
Ich bin aber schon der Meinung, dass sich eine VZ mal ein Jahrbuch der KZBV besorgen kann, um mal nachzuschauen, wie heterogen die Zahnärzteschaft aufgestellt ist. Es beginnt bei der Ausbildungshoheit der Länder im universitären Bereich, wo Sie in jedem Bundesland andere Ausbildungsstandards haben und es endet bei Fortbildungen aus dem Spektrum von „eindeutig esoterisch“ bis zu „wissenschaftlich allerhöchstes Niveau“ und dazu die Fortbildungen „7 Tage Mittelmeer und nach dem Brunch 4 Stunden Seminar, anschliessend ein Hugo…“. Wenn nach Qualität gerufen wird, und Herr Kranich aber in Wirklichkeit nach „Geldbeutel-Evidenz“ suchen lassen möchte, dann sprechen wir nicht mehr über Qualität, sondern um Kosten-Nutzen-Relationen. Ich hatte in diesem Blog schon mal auf die Arbeit „Wurzelbehandlung an Molaren“ hingewiesen, hier wird wenigstens mal das ökonomische Problem von zahnärztlichen behandlungen angesprochen und welche Folgen es hat, diese eventuell zu unterlassen oder eben im Sinne des QM aus Kostengründen zu untersagen- was das Ende der Freiberuflichkeit wäre.
VG,
KT
Der angeführte Text ist „schwäre“ Kost aber nicht ganz uninteressant. Vor allem die Übersicht der angeführten und bewerteten Studien ist lesenswert. Der Text ist frei zugänglich: http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta109_bericht_de.pdf. Herzliche Grüße, Marc
Andreas Habash hat mich eben darauf aufmerksam gemacht, daß der link nicht funktioniert, respektive nicht mehr funktioniert. Die Google-Suche „Wurzelbehandlung an Molaren – DIMDI“ führt nach wie vor auf eben diesen link. Der hier funktioniert: https://www.sugarsync.com/pf/D7301881_69889059_6115842. Herzliche Grüße, Marc
Hallo Marc,
danke für den link, ich wollte ihn nicht posten.
Das Werk lässt sich aber auch gut für Wirtschaftlichkeitsprüfungen verwenden… mal so als Tipp für alle ;)
VG,
KT
Hallo Herr Dr. Todt,
ohoh – die Gretchenfrage… ;-) Aber gut, früher oder später musste sie ja vielleicht mal gestellt werden. Ja, ich glaube an das Gute im Menschen. Ich glaube allerdings natürlich nicht, dass Menschen immer (oder auch nur überwiegend) Gutes im Schilde führen, dafür habe ich mich auch schon zuviel mit strafrechtlichen Fallakten und -verfahren und deren unappetitlichen und belastenden Details beschäftigt. Ob Gewerkschaften Interessen der Arbeitnehmer vertreten, kann ich ebenfalls aus meinen konkreten
Erfahrungen heraus bejahen: Wenn man in der Gewerkschaft ist, ist man z.B. automatisch rechtschutzversichert im Bereich des Arbeitsrechts. Es gibt weitere Beratungsangebote, z.B. im Mietrecht und den Zugriff auf Fortbildungsangebote. In Tarifverhandlungen werden Gehaltserhöhungen verteidigt und oftmals auch erreicht. Konkret werden Arbeitnehmer auch von ihren lokalen Vertretern in Konflikten mit dem Arbeitgeber unterstützt, z.B. durch Teilnahme an entsprechenden Gesprächen.
Aber müsste nicht die Thematik der Wirtschaftlichkeit politisch geklärt werden? Hier kommen die Zahnärzte mit ihrer Lobbyarbeit offensichtlich nicht gut durch – mit weitreichenden Folgen für den Beruf des Zahnarztes…
Herzliche Grüße
Haya Hadidi