Die „radiologische“ Zyste

Und da war sie wieder die Diagnose: Zyste. Radiologisch erhoben. Am Telefon von einem Kollegen, der wiederum hat sie von einem Kieferchirurgen und wo der diese Diagnose her hat, weiß ich nicht.

Die Definition Zyste: Zysten sind als pathologischer Hohlraum mit epithelialer Auskleidung definiert.

Quelle: Johnson N R, Gannon O M, Savage N W, Bat­
stone M D: Frequency of odontogenic cysts
and tumors: a systematic review. J Investig Clin Dent 5: 9–14 (2013)

Nun stellt sich mir die Frage, kann ich im Röntgenbild ein Epithel erkennen?
Nein.
Kann ich dann die Diagnose Zyste stellen?
Nein.
Dann sollte als Diagnose eine Verdachtsdiagnose oder eine Differentialdiagnose mit Verdacht angegeben werden.

In der Endodontie 2019 kann man das wunderbar  nach lesen:

Radiologie
Die mitgebrachten radiologischen Aufnahmen wurden zur Diagnostik mit herangezogen: Das OPG (Abb. 1) zeigt ein bleibendes adultes Gebiss mit persistierendem Milchzahn 85. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Zahn 21 noch in situ. Die zarten und inhomogenen Verschattungen im In neren des Zahns sind als Zeichen einer versuchten Wurzelkanalbehandlung zu interpretieren. Apikal und lateral der Wurzelspitze des Zahns 21 sind re- lativ scharf begrenzte, rundliche Aufhellungen zu erkennen. Die Zähne 21 und 22 sind im Bereich der Wurzel deutlich divergent. Die Osteolyse er- streckt sich scheinbar polyzystisch (2-kammerig) nach kranial bis oberhalb der Spina nasalis und verdrängt die faziale Kieferhöhlenwand. Die Ein- zelzahnaufnahme (Abb. 2, gleiches Datum) bestätigt die Osteolysen in Regio 21/22.
Aufgrund der geplanten Zystektomie und der Größe der Zyste wurde alio loco ein Dental-CT
Abb. 2 Einzelzahnaufnahme gleichen Datums mit apikaler Par- odontitis an Zahn 21.
angefertigt. Das vorhandene axiale Schnittbild auf Höhe der Wurzelspitzen (Abb. 3) zeigt zwei von- einander getrennte Zystenlumina in die einerseits Zahn 21 und andererseits Zahn 22 bis 24 hineinragen. Es ist eine deutliche Auftreibung der vesti- bulären Kortikalis von 22 bis 24 zu erkennen. Die zum Palatum durum gerichtete Auftreibung ist nur minimal.
In den sagittalen Schnittbildern (Abb. 4 und 5) sind in Abhängigkeit von der Schnittpositionie- rung entweder ein oder zwei getrennte Zystenlu- mina zu sehen.
Nach der Befundung der Röntgenbilder wurde die Verdachtsdiagnose einer infizierten Zyste ausgehend von der Invagination an Zahn 22 gestellt.

Endodontie 28 (2019), Nr. 3, Seite 365-369
Zwei benachbarte Zysten
Bürklein, Sebastian / Schäfer, Magdalena

Nun stelle ich drei Röntgenbilder vor und bitte um die Bewertung Verdachtsdiagnose Zyste oder röntgenlogisch erkennbare apikale Aufhellung, oder was noch?

4 Gedanken zu „Die „radiologische“ Zyste

  1. Hallo Herr Löffler,

    in meiner oralchirurgischen Ausbildungszeit in einer großen MKG-Praxis gab es die Diagnose Zyste rein aus abrechnungstechnischer Sicht.
    Es wurde bei jeder WSR das ausgeräumte Gewebe histopathologisch nachuntersucht und die Verdachtsdiagnose Zyste komischerweise bestätigt bzw konnte nicht ausgeschlossen werden.
    Aus den Bildern lässt sich das nicht herleiten.

    • Genau so ist es. Abrechnungstechnisch und das weiß auch der Pathologe…
      Allerdings heißt die Diagnose Zyste: operativer Eingriff um das Epithel zu entfernen und Rezidive zu vermeiden.

      Der Patient versteht das gar nichts mehr.

    • Dazu gibt’s doch die Studie von Nair, nach der echte Zysten nur ca 9% aller apikalen Pathologien ausmacht.
      Ich habe eine Fortbildung von Dr. Maggiore diesbezüglich gehört, bei der es im Endeffekt darum ging, dass ein Großteil der apikalen Pathologien Epithelzellen enthalten aber nur ein geringer Anteil als echte Zyste mit epithelialer Auskleidung gilt.
      Bei der Entfernung einer solchen Pathologie wird häufig das apikalen Gewebe kürretiert und der Pathologe bekommt ein schönes Gewebsgemisch, bei dem eben auch Epithelzellen vorhanden sind, was dann wohl ausreicht für die Diagnose Zyste.

      Ich kenne leider nicht mehr den Namen der Studie, aber bei der wurden nur solche apikalen Pathologien untersucht, die komplett intakt waren und dabei kam eben diese geringe Anzahl an echten Zysten heraus.

      • Ist etwas älter von 1998.

        New perspectives on radicular cysts: do they heal?
        P N Nair 1
        Affiliations expand
        PMID: 10321160 DOI: 10.1046/j.1365-2591.1998.00146.x
        Abstract
        During the past few decades several authors have perpetuated the notion that nearly half of all periapical lesions are radicular cysts. A few studies, based on meticulous serial sectioning of periapical lesions retrieved in toto, have shown that the actual incidence of radicular cyst is only about 15% of all periapical lesions. Equally significant was the discovery in 1980 and recent confirmation that radicular cysts exist in two structurally distinct classes namely, those containing cavities completely enclosed in epithelial lining (periapical true cysts) and those containing epithelium-lined cavities that are open to the root canals (periapical pocket cysts). From a clinical point of view a periapical pocket cyst may heal after conventional root canal therapy whereas an apical true cyst is less likely to be resolved without surgical intervention.

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