Ein Zahn 11.
Das Einfachste überhaupt.
Braucht´s überhaupt ein Röntgenbild???
Könnte man ketzerisch fragen.
Naja, zumindest kein neumodisches dreidimensionales für einen Routinefall wie ihn nunmal ein Oberkieferfrontzahn darstellt.
3D-Röntgen ist Übertherapie. Geldmacherei. Körperverletzung.
Das Dumme ist nur.
Wer dentale DVT´s von Berufs wegen immer wieder routinemäßig betrachtet und darüber hinaus nicht nur den zu behandelnden Zahn, sondern auch rechts und links davon schaut, der wird (eine adäquate Qualität des DVT´s vorausgesetzt) Tag für Tag eine Menge Dinge sehen, welche die konventionelle 2D- Röntgendiagnostik nicht erkennen lässt. Und das können auch jede Menge Besonderheiten oder therapierelevante Details sein an einem ach so einfachen mittleren Schneidezahn.
Apikale Aufhellungen, Wurzelresorptionen, Seitenkanäle. Und dann wäre noch die Frage der Behandlungsplanung, der prognostischen Einschätzung, unterschiedliche Therapiekonzepte betreffend.
Im vorliegenden Fall erlitt die Patientin, heute 28 Jahre alt, mit 8 Jahren einen Unfall.
Die letzten 20 Jahre blieb der Zahn klinisch unauffällig.
Vor ca. 5-6 Wochen Vorstellung beim Hauszahnarzt wegen vestibulärer Schwellung in Regio 11, 12. Dort erfolgte eine Inzision und eine antibiotische Abdeckung. Der parallel behandelnde Kieferorthopäde, bei dem die Patientin seit 3 Jahren mit einer Invisalign- Therapie anhängig ist, empfahl einen ortsansässigen endodontischen Spezialisten. Dieser riet zur Trepanation als zeitnahe Sofortmaßnahme (ein Urlaub, nicht des Behandlers, sondern der Patientin stand kurz bevor) und nachfolgender WSR.
Und jetzt (der Urlaubstermin und die damit verbundene Flugreise war noch näher gerückt) saß die Patientin (ein prototypisches Millenial-Exemplar, selbstbewusst, fordernd) bei uns zur Beratung.
Fordernd heißt in dem Zusammenhang, es handelt sich um eine Patientin, die jede Leistung und den garantierten Behandlungserfolg als selbstverständlich ansieht, aber wehe, es gestaltet sich nicht so, wie gewünscht, wie vorgestellt. Selbstverständlich möchte die Patientin auch auf die Minute genau drankommen, wenn sie selbst sich aber um 25 Minuten verspätet ist das lediglich einen knappen Nebensatz wert. Und natürlich ohne auch nur ein floskelhaftes „Tut mir leid“. Wozu auch, tut es ja auch nicht, insofern konsequent.
So, das wär geklärt. Nur damit der werte Leser im Bild ist.
Wir betrachteten zusammen das angefertigte DVT.
Und ich gebe die Frage der Patientin an das Auditorium weiter ?
Was tun?
Und worauf ist besonders zu achten?
Bei der Durchführung der Therapie, gegebenenfalls auch im Rahmen der Aufklärung vorab?
Hallo Hawi.
Das ist ja ein Riesendefekt und erinnert schon sehr an den Osterei Beitrag.
Mir fällt spontan eine „Dekompressionstherapie“ ein um den Defekt zu verkleinern.
Ich könnte mir denken, daß der Zahn beim provisorischen Verschluß symptomatisch bleibt.
Also ist eine lange Behandlungsdauer zu erwarten.
Klärst du in solchen Fällen über die Möglichkeit einer echten Zyste auf?
LG
25 Min zu spät bedeutet bei uns neuer Termin. Wie macht ihr das?
Genauso!!!
Mit den 3 Ausrufezeichen!!!
Wäre die stammtischkonforme Antwort.
Aber nur die halbe Wahrheit.
Dann schon besser „Im Prinzip JA“ Wie Radio Eriwan.
In unserer realen Welt stellt sich der Sachverhalt nämlich wesentlich vielschichtiger da. Erste Frage: Reicht uns die verbleibende Zeit, um in der Sache weiterzukommen ? Ohne die nachfolgenden Termine zu kompromittieren. Dann die Frage, von wie weit her kommt der Patient? Bei 150 km Anreise ist das „Unverrichteter Dinge nach Hause Schicken“ zwar eine resolute Maßnahme, die aber sicherlich (egal ob selbstverschuldet oder nicht) zu Verstimmungen führen wird. Dann die Frage, war das Zuspätkommen ein Fehler des Patienten oder drittverschuldet (z. B. Unfallsperrung auf der Autobahn)
Und einem netten Patienten wird man (sofern es nicht die Regel ist) das Zuspätkommen eher verzeihen. Im vorliegenden Fall ist es wie immer im Leben eine Kombination verschiedener Umstände, vor allem aber die Situation, das ein demonstratives Nachhauseschicken der Patientin uns große Unannehmlichkeiten verursachen würde. Diesem Stress wollte ich uns nicht aussetzen. Ich nenne das: „Der unangenehme Patient wird nie unser Freund, aber er wird bevorzugt behandelt!“