Was würden Sie machen, wenn es Ihr Zahn wäre?

von Ostidald Wucker

Folgender Patientenfall.
Ein Patient meldet sich selber in unserer Praxis an. Nach der Diagnostik und einem Beratungsgespräch werden die Termine vereinbart.

Die folgenden Befunde wurden erhoben:
17 Sensibilität fraglich, anbehandelt und Ledermix-Einlage, zuvor Beschwerden in Form einer akuten Pulpitis, kein Lockerungsgrad, keine erhöhten Sondierungstiefen, Füllungslage od. Ansonsten saniertes Restgebiß ohne Lücken.

Auf Grund einer eingeschränkten Mundöffnung, eines sehr flachen Gaumens und eines Würgereizes war die Darstellung der palatinalen Wurzel kritisch.

In der ersten Sitzung zeigte sich nach Füllungsentfernung und Darstellung der Kanaleingänge eine mögliche Ursache der Pulpitis. Eine Infrakturlinie zog sich von distal zum palatinalen Kanal und eine weitere Linie von mesial.
Wir haben die Kavität gereinigt und adhäsiv präendodontisch aufgebaut. Vorher Frakturlinien möglichst weit aufgezogen, sandgestrahlt und gebondet. Die Pulpa wurde mit Ledermix abgedeckt.

Im Anschluss haben wir den Patienten beraten und ihn informiert, daß dieser Befund „GAME OVER“ heißt, oder besser gesagt, es wäre ein unglaublicher Glücksfall, wenn es länger als 2-3 Jahre gut geht. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Reinfektion über die Frakturlinien entsteht ist sehr groß. Wir haben die Extraktion und Implantation empfohlen. Der adhäsive Aufbau dient dem Gewinn von Bedenkzeit, bzw. der möglicherweise gewünschten Weiterbehandlung. Nun fragte der Patient, was würden Sie machen, wenn es Ihr Zahn wäre?

8 Gedanken zu „Was würden Sie machen, wenn es Ihr Zahn wäre?

  1. Ein ähnlicher Fall hat bei einem Patienten nach einem Jahr versagt. Ich habe mich in solchen Fällen gefragt, ob es nicht irgendwie möglich ware den Frakturspalt „aufzubereiten“ mit Ultraschall, um ihn dann mit biokeramischen Sealer oder ähnlichem zu verschließen, mit anschließender Kronenversorgung. Oder geplante Reimplantation, wobei es wahrscheinlich schneller und einfacher mit Ex und Implantation geht….

  2. Hallo Osti ;-),

    gerne hätte ich beim Poll mitgemacht, leider sind beide Optionen suboptimal.

    Da wir wissen, dass sogar „jeder Scheiß“ drei Jahre hält ( frei zitiert nach… ;-) ), würde ich auf jeden Fall den Zahnerhaltungsversuch für meinen Zahn in Anspruch nehmen. 3 Jahre lang mein eigener Zahn ist mir sehr lieb. Das bedeutet nämlich drei Jahre weniger das Implantat, falls es doch noch nötig werden sollte (ich weiß gar nicht, wo diese Begeisterung herkommt, den eigenen Körper mit Prothesen aufzufüllen …).

    Falls der 7’er doch noch verloren ginge, würde ich mir von einer netten KFO den 8’er nach vorne holen lassen. Ggf. würde ich sogar mit einer Lücke leben.

    Ich persönlich möchte so wenig wie möglich, falls doch, so spät wie möglich, künstliche Körperteile haben. Bei einer minimalinvasiven WKB unter OPMI Kontrolle auf WS Niveau kann’s auch deutlich länger gut gehen als die oben kolportierten 3 Jahre und wird nicht an der endodontologischen Komponente scheitern (es kommt wohl niemand auf die Idee, bei so einer Fraktur mit einem Spreader max. mögl. Kraft aufzuwenden etc.).

    Die Option WKB und Krone gefällt mir nicht ;-). Bei einer WKB auf WS-Niveau, kommt mir diese Kombi vor, wie einen Porsche Motor (WKB) in einen Trabi (Krone) einzubauen. Die klassische Krone ist nicht mehr zeitgemäß. Ich würde mich für eine adhäsive TK (mit zeitgemäßer Präp.Technik) entscheiden.

    Tolle Arbeiten zum Thema gibt es von Pascal Magne:

    http://www.youtube.com/watch?v=hH08LSmtDPc&app=desktop

    http://www.youtube.com/watch?v=N-itHTmSeIM&app=desktop

    http://www.quintessenz.de/books.php?idp=26520

    … und noch einen Teaser:

    http://www.youtube.com/watch?v=iUmjcBnF0Z4&app=desktop

    Wie erfolgreiche zeitgemäße keramikgerechte Präparation aussieht, hat Prof. Arnetzl an tollen Modellen (Dentona) und in einer sehr schönen Begleitdokumentation gezeigt.

    (Der Legende nach hatte Sirona die Idee dazu, da durch falsche Präparation bedingte hohe Verlustraten bei keramischen Versorgungen, deren CEREC in Verruf zu bringen drohte)

    Leider hat Dentona ein doofe Homepage und ich finde die Modelle dort nicht.

    http://www.zmk-aktuell.de/dentalforum/zahnerhaltung/story/die-materialbeschaffenheit-als-grundlage-fuer-die-praeparationsform-teil-2.html

    http://www.vollkeramik.de/fileadmin/user_upload/redakteur/pdf/Veroeffentlcihungen_eigene/Interview_mit_Prof_Arnetzel.pdf

    Viele Grüße,

    Kevin

    • Hallo Kevin,
      das ist für uns ein Überweisungsfall. Auch wenn der Patient sich selbst überweist.
      Die weitere Versorgung wird der Hauszahnarzt durchführen. Wir können allenfalls Empfehlungen geben.
      Vollkeramik verlangt absolute Trockenlegung. Bereits hier könnte der Plan scheitern.
      Später kommt noch eine funktionelle Komponente dazu. Die habe ich bewusst nicht erwähnt. Deshalb auch die Goldlegierung.
      Herzliche Grüße
      Ostidald

      • Hallo Kevin,
        nochmal etwas zum Thema zeitgemäß: Wir sehen immer mehr bemalte „Ganz“-Zirkonkronen.
        Das trifft eher zeitgemäß. ;)
        Herzliche Grüße
        Olaf

  3. Also man muss nun auch mal die Kirche im Dorf lassen. Es ist ja schön, dass man noch probieren kann frakturierte Zähne zu retten. In meinen Händen klappt das jedoch überhaupt nicht. Irgendwann ist auch mal gut. Der Zahn muss raus, da es keine guten Möglichkeiten gibt, langfristig solche Frakturen zu versorgen. Und die Prothesenangst ist meiner Meinung absolut übertrieben. Wir sollten froh sein, dass es solche Techniken gibt.

  4. Keine Krone der Welt wird diesen Zahn stabilisieren, egal welches Mittelchen man auf die Risse schmiert. Alles, was in dieser Richtung unternommen wird ist experimentelle ZHK und gehört nicht in die Praxis. Die Wahl der Ex und welcher Versorgungsform auch immer würde bei mir genauso erfolgen, vor allem weil der Riss bis in den Eingang zieht. Game Over ohne „Please insert new coin“….

    LGO

  5. Wenn erhalt dann nur mit einer Gold TK mit kompletter Höckerüberkupplung.
    Und die Idee der WF mit Bioceramics find ich auch gut, bzw die WF so tief wie mgl abschmelzen und die Frakturinie so gut es geht adhäsiv verschliessen.

    gruß

    PS: hält jeder misst nicht unr zwei Jahre? ;-)

  6. Eigentlich ist „Game over“ der Rest ist Wunschleistung nach Aufklärung aller Risiken.
    Wenn der Patient dann trotzdem den Versuch wagen möchte ist der Aufklärungspflicht genüge getan. Ich selbst würde bei mir „insert new coin“ durchaus erwägen.
    Ich hatte übrigens mal nen ähnlichen Fall an einen oberen Sechser bei einer schwangeren Patientin. Zahn wurde nach endodontischer Therapie und tiefer Guttaabschmelzung mit einem Glasfaserband von innen ausgekleidet und dann adhäsiv verschlossen. Rö und ZE sollte nach Entbindung erfolgen. Die Entbindung hat der Zahn noch erlebt aber kurz danach war wirklich Schluß. Mehr als 6 Monate hat´s nicht geklappt (allerdings ohne Krone)
    VG

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