Was schon die Alten wussten…

Es war lange Zeit vermutlich eines der meistzitierten Bücher in der Zahnmedizin. Die Mikroorganismen der Mundhöhle von W. D. Miller.

Das Herausragende an Willoughby D. Millers Werk „Die Mikroorganismen der Mundhöhle“ aus dem Jahr 1889 liegt darin, dass es als grundlegendes Werk der wissenschaftlichen Zahnmedizin gilt und erstmals die Ätiologie der Karies auf eine klare biologische Basis stellte. Miller entwickelte darin die „chemisch-parasitäre Theorie“, wonach Mikroorganismen in der Mundhöhle Kohlenhydrate zu Säuren abbauen, die den Zahnschmelz entkalken und so Karies hervorrufen. Mit dieser Erkenntnis widerlegte er ältere mechanische und vitalistische Vorstellungen und legte den Grundstein für moderne Konzepte der Kariesprävention und Mundhygiene. Gleichzeitig brachte er die damals noch junge Bakteriologie, die er bei Robert Koch kennengelernt hatte, in die Zahnmedizin ein und trug so maßgeblich dazu bei, die Disziplin von einer handwerklich-technischen Tätigkeit zu einer medizinisch-biologisch fundierten Wissenschaft weiterzuentwickeln.

Sein beruflicher Werdegang unterstreicht diesen Brückenschlag zwischen Forschung und klinischer Praxis. Geboren 1845 in Alexandria, Ohio, absolvierte Miller zunächst eine zahnärztliche Ausbildung am Pennsylvania College of Dental Surgery in Philadelphia. 1879 promovierte er an der Universität Würzburg in Medizin und trat kurz darauf in das Labor von Robert Koch in Berlin ein, wo er die neuesten Methoden der Bakteriologie erlernte. Ab 1884 wirkte er als erster Professor für Zahnerhaltung an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, wo er Forschung, Lehre und klinische Tätigkeit miteinander verband und die deutsche Zahnmedizin zu internationalem Ansehen führte. Sein wissenschaftliches Hauptwerk erschien 1889 in Berlin und machte ihn weltweit bekannt. 1907 folgte er einem Ruf in die USA, um als Dekan der neu zu gründenden Dental School an der University of Michigan in Ann Arbor tätig zu werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr, da Miller noch im selben Jahr auf einer Rückreise in Newark an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs verstarb.

So verbinden sich in Person und Werk Millers eine international geprägte Laufbahn mit einem wissenschaftlichen Durchbruch, der die Zahnmedizin nachhaltig geprägt hat.

Vor kurzem hat es endlich geklappt. Die Erstausgabe von 1889 konnte ich nun erstehen und darf sie nun mein eigen nennen. Über Kofferdam lässt sich Miller allerdings erst in der erweiterten Zweitausgabe von 1892 aus, die ebenfalls in meinem Besitz ist.

Und siehe da, Miller, einer der grössten Zahnärzte seiner Zeit, ist ein Fan des Kofferdams. Er würde den Kopf schütteln, wenn er wüsste, dass mehr als 160 Jahre nach Einführung der Kofferdam immer noch in deutschen Praxen ein stiefmütterliches Dasein führt. Schön auch, wie er den Kollegen den Spiegel vorhält und für die Einmalanwendung plädiert, weil die geringen Kosten eine Wiederaufbereitung nicht rechtfertigen. Und dann gibt es noch die Passage, in der Miller die mangelnde Hygienebereitschaft unter Kollegen angeprangert hat, die dazu geführt hat, dass Begehungen durch Beamte des Gesundheitsamtes in Erwägung gezogen wurden.

Ob es was genützt hat ????
Manche Dinge ändern sich leider nie…

3 Gedanken zu „Was schon die Alten wussten…

  1. Wow, wo bekommt man ein so tolles Buch aus dem Jahr 1889 als Erstausgabe her?
    Da bin ich ehrlich etwas neidisch.
    Vielen Dank fürs Einstellen.

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende,

    Markus

    • Hallo Markus,

      Historische Bücher suche ich zumeist über ZVAB, ein Online-Portal (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher). Was dieses Buch anging, war ich dort aber nie fündig bisher. Jetzt habe ich es über Ebay bekommen. Dort habe ich Suchaufträge installiert und bekomme Bescheid, wenn sich was tut. Am meisten habe ich mich gefreut, die beiden Bücher mit den Schilder-Kapiteln zu bekommen, da muss man aber immer besonders Glück haben, das hat Jahre gedauert.

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