3. Frühjahrsakademie der ÖG Endo 13.-14.06.2025 in Wien – Ein Nachdenk- Tagungsbericht (I)

Über die Veranstaltung habe ich schon hier berichtet. Ihr so richtig gerecht wird die Zusammenstellung aber nicht. Weil das ich über das Wichtigste noch nicht geschrieben habe. Das ich von Wien SEHR positiv motiviert zurückgekommen bin.

Und das aus dreierlei Gründen.
Über den ersten möchte ich nachfolgend berichten. Der so beeindruckend war, dass ich es zu tieftst bedauert habe, das nicht mehr Teilnehmer (geschätzt 80 – 100 im Saal) die Gelegenheit wahrgenommen haben. Der Kongress hätte das 5 – 10 Fache an Teilnehmern verdient gehabt.

Warum ?
Ganz einfach – in der Zahnmedizin ist es ausgesprochen selten, dass tatsächlich grundlegend neue Verfahren oder Behandlungskonzepte entstehen, die das Fachgebiet nachhaltig voranbringen. Viele Entwicklungen der letzten Jahre waren inkrementelle Verbesserungen bestehender Techniken, Materialien oder digitaler Arbeitsabläufe – etwa verbesserte Wurzelkanalinstrumente, optimierte Füllungsmaterialien oder effizientere CAD/CAM-Prozesse. Diese Fortschritte haben ohne Frage ihren Wert, doch sie stellen heutzutage keinen echten Paradigmenwechsel dar. In der Endo ist es nun mehr 30 Jahre her, das die NiTi- Instrumente die Wurzelkanalbehandlung veränderten. Hoch auflösende DVT´s in praxisgerechten Formaten gibt es seit 2012, CAD CAM und intraorales Scannen begann mit CEREC 1987. So interessant es für den Einzelnen sein mag, in Wien etwas über neue NiTi- Instrumente oder neue Endo-Motoren zu erfahren, grundlegend Neues war das vor 3 Jahrzehnten. Heute ist es das nicht mehr.

Echte Innovationen, die das Potenzial haben, das therapeutische Spektrum der Zahnmedizin substanziell zu erweitern, begegnen uns nicht oft – der Vortrag des Rotterdam Transplantation Teams war jedoch genau ein solcher besonderer Moment.

Ich habe viel gesehen in meinen nun 35 Jahren als Zahnarzt, aber – und an dieser Aussage mag man das Aussergewöhnliche ermessen – das hier war eines der Höhepunkte.

Provakanter Einstieg, bei dem man sich aber schon unmittelbar danach fragt, warum das noch niemand so deutlich ausgesprochen hat: Bei Implantaten handelt es sich, entgegen landläufiger Meinung bei Patienten wie bei Zahnärzten, IMMER nur um temporäre Lösungen. Die im Laufe des Lebens, selbst wenn sie funktionabel bleiben, sich prinzipimmanent negativ entwickeln. Und man deshalb nach einer anderen, man verzeihe mir das heutzutage überstrapazierte Wort, nachhaltigen Lösungen gesucht habe. Es folgt das detailliert vorgestellte Konzept: Durch Trauma verloren gegangene oder bei Nichtanlagen fehlende Zähne durch körpereigene Zähne, meist Prämolaren zu ersetzen.

Die biologische Grundlage dieser Technik ist faszinierend: Der Zahn wird mitsamt des parodontalen Ligaments an die benötigte Stelle übertragen, wodurch sich der Zahn funktionell in das Empfängergebiet integrieren kann. Ohne Notwendigkeit eines explizit vorhandenen Knochenbettes wie für Implantate obligat. Im Gegensatz zu Implantaten bleibt auch dabei das parodontale Ligament erhalten, einschließlich der propriozeptiven Anbindung – ein erheblicher funktioneller und vor allem, das ist der Schlüssel zum Erfolg, knocheninduzierender Vorteil. Kann nicht funktionieren, schon gar nicht längerfristig und reproduzierbar? Was bewiesen werden konnte – mit mittlerweile mehreren tausenden (ich habe 5-6000 in Erinnerung) von erfolgreich transplantierten Zähnen

Besonders bemerkenswert macht diesen Ansatz nicht nur seine klinische Qualität, sondern auch die Tatsache, dass das Rotterdam Transplantation Team als private Einrichtung agiert. Anders als universitäre Forschungszentren, die häufig von staatlichen Fördermitteln profitieren und sich in relativ geschützten Rahmenbedingungen bewegen, muss sich das RTT in einem wettbewerbsorientierten, marktwirtschaftlichen Umfeld behaupten. Die Methoden, die dort entwickelt und angewendet werden, müssen sich unmittelbar im Praxisalltag bewähren – sowohl bei den Patienten als auch im Hinblick auf die Zufriedenheit und das Vertrauen der überweisenden Kolleginnen und Kollegen. Das Überleben und die Reputation einer solchen privaten Spezialklinik hängen direkt davon ab, dass die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Behandlungen in der täglichen Versorgung Bestand haben. Dieser Umstand verleiht den präsentierten Ergebnissen eine besondere Glaubwürdigkeit, da sie nicht im Elfenbeinturm universitärer Forschung entstehen, sondern aus einer gelebten und überprüfbaren klinischen Realität.

Ein wesentlicher Aspekt, den man bei der Beurteilung der vom Rotterdam Transplantation Team (RTT) vorgestellten Therapieform nicht übersehen darf, ist die Komplexität der Behandlung und die hohe Anforderung an die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Eine autotransplantative Zahnverpflanzung, wie sie das RTT praktiziert, kann niemals als Einzelleistung eines Zahnarztes betrachtet werden. Sie erfordert vielmehr die enge Verzahnung von mehreren hochqualifizierten Spezialisten: einem Oral- oder Kieferchirurgen für die schonende Entnahme und präzise Transplantation des Spenderzahns, einem Endodontologen für die optimale Wurzelkanalbehandlung und Nachsorge, einem Kieferorthopäden zur gegebenenfalls erforderlichen Einordnung des transplantierten Zahns in die Okklusion und Zahnreihe sowie einem restaurativ tätigen Zahnarzt für die ästhetische und funktionelle Integration des Zahns in das Gebiss.

In der zahnmedizinischen Realität ist es allerdings oft schwierig, ein solches Team in einer Praxis oder auch überregional zusammenzuführen. Die Spezialisierungen sind häufig in getrennten Praxen oder gar in unterschiedlichen Städten angesiedelt, was eine stringente und zeitnahe Abstimmung aller Behandlungsschritte erschwert. Hinzu kommt, dass die methodische und technische Abstimmung zwischen den einzelnen Disziplinen ein hohes Maß an Kommunikation, Vertrauen und Erfahrung voraussetzt. Ein solch eingespieltes Team ist keineswegs selbstverständlich – weder im niedergelassenen Bereich noch an universitären Einrichtungen. Ich gehe sogar soweit, zu sagen, es ist fast so selten zu finden wie ein Hauptgewinn im Lotto.

Was das Rotterdam Transplantation Team hier geschaffen hat, ist daher besonders bemerkenswert. Am RTT sind alle diese Disziplinen unter einem Dach vereint und arbeiten nach einem strukturierten, wissenschaftlich fundierten und in der Praxis bewährten Protokoll zusammen. Die Abläufe sind aufeinander abgestimmt, die beteiligten Behandler greifen reibungslos ineinander und es existiert ein durchgehendes Qualitätsmanagement. Grundvoraussetzung dafür, dass das RTT nicht nur theoretisch gut aufgestellt ist, sondern in der täglichen Praxis tatsächlich hervorragende Ergebnisse liefert. Genau das hat das Rotterdam Transplantation Team in beeindruckender Weise dann im zweiten Teil des Vortrages in Falldarstellungen demonstriert.

Die konsequente Teamarbeit, die fundierte wissenschaftliche Basis und der Erfolg in der praktischen Umsetzung machen das RTT zu einem wirklichen Leuchtturm-Projekt.. Es zeigt, dass medizinischer Fortschritt nicht allein von Innovationen im engeren technischen Sinne abhängt, sondern vor allem auch von funktionierenden, exzellent organisierten Teams, die sich auf Augenhöhe ergänzen und gemeinsam an einer bestmöglichen Patientenversorgung arbeiten. Und dann Dinge erreichen und vor allem routinemäßig reproduzieren können, die gemeinhin als undenkbar gelten.

Wäre ich ein junger Zahnarzt, ich würde alles dafür tun, in diesem Umfeld arbeiten zu dürfen. Und dass ist eines der schönsten Komplimente, die ich diesem Team machen kann.

4 Gedanken zu „3. Frühjahrsakademie der ÖG Endo 13.-14.06.2025 in Wien – Ein Nachdenk- Tagungsbericht (I)

  1. Als ich dieses Team 2019 erstmals kennenlernen durfte, das war anläßlich des vom Dental Trauma Guide veranstalteten Tooth Autotransplantation Symposium in Kopenhagen, da war nicht nur ich ebenso begeistert, wie der Autor dieses Beitrags.
    Hiernach ergab sich ein Wiedersehen noch beim Congress of Tooth Transplantation, einem mittlerweile eingestellten Kongressformat.
    Vor dem Hintergrund der schon beschriebenen Qualitäten dieser Gruppe ist es eigentlich nur schwer vorstellbar, dass deren Arbeit selbst in der „Trauma Community“ nur spärliche Beachtung fand.
    Einerseits mag dies damit zusammenhängen, dass sie ihre „grossen“ Studien erst 2023/2034 publizierten, andererseits mit der Tatsache, dass Traumatologie noch immer weniger Beachtung findet, als angemessen wäre, und Kongressveranstalter gerade auf diesem Gebiet auf die altbekannten und bewährten Gesichter vertrauen.
    Fazit: Gutes setzt sich fast immer durch, nur oft zu spät.
    Tipp: die Kollegen sind auch menschlich topp und stehen Hospitationswünschen in der Regel sehr offen gegenüber.

  2. Ich darf nur so am Rande noch erwähnen dass diese Techniken seit 2016 (aus der Erinnerung heraus) an spanischen post.grad Studiengängen Endodontie Standardmässig gelehrt und auch von den post-grads durchgeführt werden. Leider gibt es eine Sprachbarriere, die weitergehende Publikationen wohl eher nicht fördert. Aber es war eine Freude die interdisziplinäre Zusammenarbeit (an der Uni natürlich deutlich einfacher) zu beobachten. Schon genial und eigentlich doch auch nichts neues ;-)

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