„50 nicht von der Hand zu weisende, ausgesucht gute Gründe, sich auf Endodontie zu spezialisieren“ – Episode 7: „WÄRMEPUMPE!“

16 Jahre ist unsere Wärmepumpe alt.
Jetzt ist sie kaputt.

Um diese Diagnose zu stellen, muss ich kein Fachmann sein.
Das Gerät brummt die ganze Zeit, läuft gewissermaßen auf Vollgas im Leerlauf, aber das Wasser zum Duschen bleibt kalt. Ich schraube  die Verkleidung ab, schaue ins nur marginal gefüllte Innere, stelle fest, dass eine Wärmepumpe eigentlich eine Erfindung des vorletzten Jahrhunderts ist, von rocket science keine Spur,  und beschließe, den Sanitärinstallateur kommen zu lassen, damit dieser den Totenschein ausstellen kann. Der erscheint noch am Tage meines Anrufs, steigt auf die aufgestellte Leiter, blickt kurz in den noch immer offengelegten Innenraum und sagt mir, was ich vorher schon wusste bzw. ahnte. Das Gerät sei kaputt, eine Reparatur lohne nicht mehr und ich sollte am besten unsere andere Wärmepumpe, die zur Erwärmen der Fussbodenheizung dient, gleich miterneuern lassen. Erfahrungsgemäß wäre auch deren Lebensdauer nunmehr extrem begrenzt. Und die Gelegenheit sei günstig, möglicherweise gäbe es Zuschüsse vom Staat und er würde mir einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.

Dann zwickte er das Kabel des Kühlgebläses ab, so kann der elektrische Heizstab im Inneren des Wasserbehälters übergangsweise lautlos zum Erwärmen des Duschwassers genutzt werden und verabschiedete sich. Es war im Übrigen der selbe Mann, der mir beim Hausbau die Wärmepumpe mit einer Lebenszeit von 20 Jahren angediehen hatte. Jetzt meinte er nur lapidar, ich habe Glück gehabt, die meisten Wärmepumpen dieser Generation hätten schon nach 10 bis 12 Jahren den Geist aufgegeben.

Zwei Wochen später kam der Kostenvoranschlag für die neue Wärmepumpe.
Und die Rechnung für die Inaugenscheinnahme der alten.

Beides förderte Überraschendes zu Tage.
Ich hatte zwischenzeitlich gegoogelt, was so eine Wärmepumpe (vom Prinzip her ein Kühlschrank mit Wärmetauscher und Wasserbehälter) kosten könnte. 9000 Euro, ein namhafter Hersteller vorausgesetzt, zu diesem Ergebnis war ich nach Internetrecherche gekommen. Der KV lag 10.000 Euro höher.  Ich überlas die mehrseitige Auflistung. Jeder Handgriff und jegliches Material war adäquat berücksichtigt, bis zur kleinsten Schraube und dem Fegen der Baustelle. Allein die Demontage der alten Wärmepumpe war schon mit 900 Euro verbucht worden. 900 Euro für den Abtransport eines überdimensionierten Kühlschranks ? Vermutlich waren 2 Personen, eine Geselle und ein „Lehrbub“ notwendig, wie lange würde es wohl dauern ?  Eine halbe Stunde ? Eine Stunde ? Für das Gerät von der Wasserleitung abzuklemmen und es 1 Stockwerk die gerade Treppe hinauf  und vor die Haustür in den bereitstehenden Lieferwagen zu tragen ? Ich überlegte, wieviele Stunden wir in unserer Praxis mit 5 Mitarbeitern arbeiten müssten, um diese 900 Euro zu erwirtschaften und welchen Investitionsaufwand an Geräten und Qualifikation aller Mitarbeiter dem zugrunde läge.  Dann war da die Rechnung für den Blick auf die alte Wärmepumpe. 100 Euro. Angeblich sogar noch günstig, wie Erzählungen aus dem Bekanntenkreis berichteten. Schließlich musste der Handwerker 15 Minuten zu uns fahren (eine Strecke wohlgemerkt) und er war 15 Minuten da. Und dann ist da noch die Sache mit der Beantragung des staatlichen Zuschusses. Das muss zwingend über den Handwerksbetrieb erfolgen, auch wenn es nur das Ausfüllen eines Formblattes darstellt.  Macht 275 Euro an den Klempner, die bei Kauf der neuen Wärmepumpe gutgeschrieben werden.

Warum erzähl ich das Alles ?

Und was hat das mit Endodontie zu tun ?
Nichts.
Und das ist das Unerhörte.

Denn der Vergleich  Sanitärinstallateur vs.  Arzt verdeutlicht ebenso drastisch wie offensichtlich die Problematik des deutschen Gesundheitswesens im neuen Millennium. Insofern ein  schönes Beispiel für das Offenlegen  des Dilemmas, das uns allen widerfährt.

Der Sanitärinstallateur macht eigentlich alles genau so, wie wir es gerne hätten. Sein Kostenvoranschlag ist eine unverbindliche Schätzung („falls nichts Unvorhergesehenes hinzukommt“)  des notwendigen Aufwandes und der damit verbundenen Kosten. Die eigentliche Abrechnung erfolgt nach Beendigung der Arbeiten und berücksichtigt den tatsächlichen Aufwand und die tatsächlich anfallenden Kosten. Es gibt keine Festpreise, keine festgelegten Pauschalen für die Arbeit oder die Materialkosten.  Mehr noch als das. Die Preise für die jeweiligen „Gebührenpositionen“ bestimmt der Handwerker selbst nach eigenem Ermessen. Den Gesetzen des Marktes unterworfen könnte man/ müsste man noch anfügen.

Wir Zahnärzte hingegen ?
Müssen einen verbindlichen Kostenvoranschlag abgeben, gewissermaßen über hellseherische Fähigkeiten verfügen. Was man bei einem Handwerker schon als systemimmenent unabwendbar voraussetzt – hinterher wirds teurer – hat der Gesetzgeber verboten. Billiger, weniger geht natürlich immer, aber mehr Geld als ausgemacht ? Da sei ein Riegel vor. Was sagt einem dann der gesunde Menschenverstand ? Dann baue ich in den Kostenvoranschlag einen Sicherheitsaufschlag ein. Aber auch das lässt der Gesetzgeber nicht zu. Was abgerechnet werden darf im entsprechenden Fall ist vorgeschrieben. Es gibt genau definierte Gebührenpositionen und deren Honorar ist festgelegt. Festgelegt seit vielen Jahrzehnten. Anpassungen an die sich im Laufe der Zeit ergebenden Preissteigerungen des täglichen Lebens werden nur marginal in großen zeitlichen Abständen berücksichtigt. Jeweils nach zähem Ringen und weit unter dem tatsächlich stattgefunden Kostenzuwachs. Eine automatische Anpassung, die sich am Lebenshaltungsindex, an den Lohnsteigerungen im öffentlichen Dienst oder gar an den Gehältern der Bundestags- oder Landtagsabgeordneten orientiert ?  Illusorisches Wunschdenken.

In meinem Bundesland sieht das Ganze im Übrigen wie folgt aus, ich zitiere aus dem Netz: „Wie die Diäten steigen, richtet sich künftig an der durchschnittlichen, allgemeinen Verdienstentwicklung in Rheinland-Pfalz aus. Das hatten die Abgeordneten von SPD, CDU, FDP und Grünen im März 2017 im Landtag beschlossen. Trotzdem stoßen die Zuschüsse nun auf Kritik. Denn: Das Gesetz sah ohnehin einen satten Zuschlag auf die Diäten von 17,5 Prozent in vier Stufen vor. Bekommen die Abgeordneten im Jahr 2020 fast 7000 Euro im Monat, sind das gut 1000 Euro mehr, als sie noch 2016 verdienten.“

Zurück zur Wärmepumpe. Wäre diese dem Kostenkreis Zahnmedizin zuzuschreiben, gäbe es eine Gebührenposition „Montage Wärmepumpe“. Selbstverständlich ist die Demontage der alten Wärmepumpe im Honorar enthalten, sowie der Abtransport und die ordnungsgemäße Entsorgung. Auch die zur Montage benötigten Kleinteile wie Rohre, Schellen, Dichtungen sind mit dem Honorar bereits abgedeckt. Der Preis der Wärmepumpe an sich darf weitergegeben werden, allerdings ist das jeweils günstigste Modell auszuwählen. Wie dieses von der Qualität her sich im Alltag schlägt, bleibt unberücksichtigt, spielt auch insofern keine Rolle, da ich als Behandler, sofern die Wärmepumpe in den ersten 2 Jahren einen Defekt hat, diese auf meine Kosten hin ersetzen muss, auch wenn der Fehler in der Wärmepumpe selbst zu suchen ist und nicht in der Montage durch uns.

Baue ich eine teurere, dafür zuverlässigere Wärmepumpe beim Kunden ein, so muss ich die Mehrkosten aus eigener Tasche zahlen.
Das Honorar ist im Übrigen noch genau das gleiche wie vor 16 Jahren, als ich meine erste Wärmepumpe gekauft habe.

Spätestens jetzt winkt der Klempnermeister kopfschüttelnd ab. Lass stecken, wird er sagen, such Dir einen anderen Dummen. Unser Nachbar, der Bäckermeister,  der Malermeister, der 200 m die Strasse hinauf wohnt und mein Freund Benno, der Landmetzger, mit dem ich im Sommer öfters zum Grillen zusammensitze, können es nicht glauben, wenn ich solche Sachen erzähle. Dann packe ich genüßlich noch unser Notdienstszenario drauf. Wenn nachts am Wochenende um 2 Uhr das Telefon klingelt, und ich unverzüglich mich in die Praxis begebe, dann gibt es doch tatsächlich 11 Euro 18 Cent obendrauf, dafür, dass ich mitten in der Nacht in die Praxis fahre. Die Fahrtkosten sind allerdings da schon drin. Und was man nicht vergessen darf. Im Notdienst darf ich eine Reihe von Leistungen nicht  abrechnen, auch wenn diese zur Schmerzausschaltung notwendig sind. Die Argumentation unserer Standesorganisation, die diese Streichungen stützt ? Diese Maßnahmen seien nicht notwendig. Oder ich würde dem Hauszahnarzt die Arbeit wegnehmen, die Maßnahmen seien unwirtschaftlich, weil bestimmte Handgriffe zweimal gemacht werden müssen. Und das die Extraktion eines Zahnes gegebenfalls mit knapp 12 Euro, die dafür notwendige Betäubung mit 8,37 Euro zu Buche schlägt, wobei auch hier die Kosten für die Nadel und dem Anästhetikum (über den Daumen 1,50 Euro) abgezogen werden müssen. Dann sind da noch die Einmalartikel wie Handschuhe, Mundschutz, Patientenumhang, Speichelsauger, Luftpusterkanüle. Dazu die Maßnahmen für die Vor- und Nachbereitung des Arbeitsplatzes und die hygienische Aufbereitung der verwendeten Instrumente.

Auch bei Sanitärinstallateuren gibt es Notfalleinsätze am Wochenende. Bleibt die Heizung kalt, da freut man sich, wenn der hilfsbereite Handwerker schon am Samstag kommt und nicht erst am Montag nächster Woche. Aber was würde der wohl sagen, wenn seine Handwerkerinnung ihm erzählte, er dürfte bei fremden Kunden keine Rechnung stellen, weil die neue Heizung ja später vom Sanitärinstallateur des Kunden geliefert werden würde.

Warum ich das Alles schreibe ?
Weil wir Zahnärzte in bester Orwellscher Farm der Tiere- Tradition ja schon gar nicht mehr realisieren, wie man uns am Halsband gegängelt durch die Manege vorführt. Für uns ist das Kafkaesk Absurde schon so normal, das wir (mich selbst eingenommen) eigentlich gar nicht mehr darüber reden wollen.

Wir sind wie Zootiere.
Wie Delfine in einem Aquazoo.

Die in kleinsten Becken (Delfine in freier Wildbahn legen pro Tag hundert Kilometer zurück) dahinvegetieren, 4 mal am Tag vor Publikum unsere Kunststücke vorführen und uns darüber freuen, dass man uns einen Fisch zusteckt, wenn wir besonders hoch gesprungen sind. Wir haben alle absurden Drehbuchszenarien des Gesundheitssystems vollkommen verinnerlicht und realisieren als Bestandteil der Matrix schon lange nicht mehr, wie realitätsfremd diese Konstrukte in Wirklichkeit sind. Stattdessen murmeln wir ein monotones „Vierbeiner Gut, Zweibeiner Schlecht“ während wir Tag ein Tag aus erneut zur harten Feldarbeit ziehen.

Ein tagtägliches Beispiel, wo dies besonders deutlich wird, bespreche ich in der nächsten Episode „MISCHKALKULATION!“.

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