Kein Recall möglich, dann nach etlichen Jahren…(I)

Die nachfolgende Geschichte könnte auch unter „Geschichten aus dem Endozän“ eingeordnet sein. Die Patientin wird 2014 zur endodontischen Behandlung des Zahnes 15 und 17 an uns überwiesen. Beide devital. Beide mit massiven apikalen Aufhellungen. Der Zahn 15 zeigt zudem im oberen Wurzeldrittel nach distal hin eine nicht unerhebliche laterale Aufhellung.

Die Behandlung steht von Anfang an unter einem schwierigen, oder sollte ich besser sagen unglücklichen Stern.
Die Patientin möchte schwanger werden. Endodontische Behandlungen sind daher wegen der benötigten Röntgenbilder immer nur möglich, wenn zum Therapiezeitpunkt eine Schwangerschaft sicher ausgeschlossen werden kann.

Die Zeitfenster sind stark eingeschränkt, die Terminierung ist sehr schwierig. Und muss immer wieder neu aufgestellt werden, dementsprechend ziehen sich die Behandlungen in die Länge.

Die Patientin ist zudem in die Kategorie „Angstpatient“ einzuordnen.
Das sie zudem jeden unserer Behandlungsschritte kritisch hinterfragt und ihr Modus operandi in Semantik, Pragmatik und Diktion, wie sie ihre Bedenken vorträgt, erschweren das Arbeiten zusätzlich.

In einfachen endodontischen Fällen mag dies noch keine so bedeutende Rolle spielen. Aber im vorliegenden Fall wiegt dieser Umstand schwer. Ist sich die Patientin der Tatsache bewusst, das unsere Behandlungen der ultimative Versuch des Zahnerhalts darstellen und mit grosser Wahrscheinlichkeit an anderen Orten die besagten Zähne ohne auch nur einen Wimpernschlag drüber nachzudenken stante pede extrahiert werden würden ? Wir also heldenhaft um ihre Zähne kämpfen, uns – aller Unkenrufen, allem Abwinkens des dentalen Mainstreams zum Trotz- aufopfernd um den Zahnerhalt bemühen, Stichwort Herodontics?

Statt die Zähne zur Extraktion freizugeben, um in einem Bruchteil der Zeit die wesentlich besser honorierte Implantation durchzuführen, um danach auch noch an einfacheren aber dennoch besser bezahlten, nun zwingend notwendig gewordenen ZE- Neuversorgung finanziell zu partizipieren ?

Ich weiss nicht, ob dies der Patientin bewusst ist, sie sich überhaupt darüber Gedanken macht.

Der Habitus der Patienten lässt auf jeden Fall keinen Zweifel daran, das diese einen Behandlungserfolg, unser Arbeiten betreffend, zwingend voraussetzt!
Und zwar nicht im Sinne eines ausmunternden „Sie schaffen dass, Herr Doktor“, vielmehr ein permanent subliminal nonverbal Mitschwingendes „Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass sie das hinkriegen, das ist ja ihr Job, es ist mir egal, wie sie das machen, aber wehe, wehe, wehe, wenn sie es nicht schaffen!“.

Immerhin.
Es gelingt, die Behandlung an beiden Zähnen zum Abschluss zu bringen.


An Zahn 15 zeigt sich eine sehr grosse Überpressung von Calciumhydroxid periapikal. Angesichts der massiven Knochendestruktion in Folge der Entzündung kein unerwartetes Ereignis.

Dennoch hätte ich mir das Ausmaß der Überpressung kleiner gewünscht.
Was wäre im Falle einer Beschwerdeproblematik ?
Eventuell im Notdienst ?

Würde der Behandler gegebenenfalls die Überpressung als Auslöser der Schmerzen benennen, vielleicht sogar als Ursache der riesigen Knochendestruktion ?
Wem würde die Patientin dann mehr Glauben schenken ?
Und wäre, wenn es soweit käme, in ihrer Entscheidungswelt nicht sogar ich dann für den Misserfolg verantwortlich ?

Ich würde es nicht ausschliessen wollen.

Normalerweise warte ich in Fällen solcher Überpressungen 12 – 16 Wochen ab, um in der Röntgenverlaufskontrolle die Resorption des Calciumhydroxides und damit einhergehend eine initiale knöcherne Konsolidierung überprüfen zu können.

Diese Zeit haben wir hier nicht.
Angesichts des konkreten Kinderwunsches und damit einhergehender medizinischer Massnahmen in der Sache führe ich am 08.05.2014 die Wurzelkanalfüllung durch.

Termine für die postendodontische Stabilisierung der Zähne und für den ersten Recall werden vereinbart. Dazu kommt es aber nicht mehr. Einen Monat nach Abschluss unserer Maßnahmen ist die Patientin schwanger und sagt alle Termine ab.

Fortsetzung folgt …

5 Gedanken zu „Kein Recall möglich, dann nach etlichen Jahren…(I)

  1. Da bekomme ich schon beim Lesen einen Hals.
    Ich bewundere immer wieder deine Geduld.
    Ich weiß nicht, ob ich nicht lieber die Implantatvariante empfohlen hätte bei einem solchen Auftreten.

  2. Hallo HaWi
    Ich glaube wir erwarten vom Verständnis des Patienten für unser Tun zu viel. Wie soll er das denn einschätzen können? Er ist ja nicht vom Fach und kann gar nicht ermessen wieviel Mühe und Herzblut das machmal erfordert. Selbst eine große Zahl von Kollegen kann das nicht mal beurteilen, wage ich zu behaupten. Man setze sich in die Vorstellung die Heizung geht nicht, oder das Auto streikt. Erwarten wir dann nicht auch die erfolgreiche Reparatur. Hatte das erst beim Auto. Zuerst nur Anzeige Rußpartikelfilter, dann konnte beim Auslesen nichts gefunden werden, irgendwann doch das Abgasrückführungsventil. Also Tausch, dann kam noch ein zerbrochenes Röhrchen, eine neue Programierung des Rückführungsventils, immer noch Probleme, dann 2 Einspritzdüsen die repariert wurden, davon ging wieder eine nicht. Wieder lief der Motor nicht richtig. Es kam noch der Turbo dazu, der nicht genug Druck aufbaute. Aber was hatte ich erwartet, kurzer Austausch und alles geht, aber keine 7 Wochen Werkstatt. Gleiches erlebe ich jetzt nach einer Schulteroperation, obwohl man ja etwas mehr weiß als viele, ist man enttäuscht, wenn´s nicht gut läuft. Wie sollen das Patienten ermessen? Umso mehr Anerkennung für Deinen Einsatz und immerwährende Anstrengung vom Rentnerstuhl aus
    Grüße
    Friedrich

    • Hallo Friedrich,

      Natürlich fehlt dem Patienten die fachmännische Expertise, um unser Arbeiten professionell einschätzen zu können. Aber die Bemühung per se sollte schon auch für den Laien erkennbar oder spürbar werden. Das wird erfreulicherweise von vielen unserer Patienten auch genau so kommuniziert. Es gibt aber auch Ausnahmen. Und ist umso bedauerlicher, wenn dann auch noch der Mangel an Wertschätzung und die Ruppigkeit in der Kommunikation mit der Höhe der Erwartungshaltung linear korreliert. Dies war hier der Fall.

  3. Hallo HaWi
    Ruppigkeit geht gar nicht. Vielleicht müsste man da manchmal die Behandlung abbrechen und den Pat. weg schicken und auf Honorar verzichten. Ich hab in 30 Jahren nur 1 Patientin der Praxis verwiesen, eine Kollegin, erinnere mich noch an meine Mundtrockenheit, war hinterher aber froh es getan zu haben.
    Grüße
    Friedrich

    • Hallo Friedrich,

      ich verstehe deinen Standpunkt, aber ich würde mit dieser Vorgehensweise ja nicht nur den Patienten, sondern auch den Überweiser brüskieren. Daher ist das keine Option für mich.

      Liebe Grüße

      Ha-Wi „Schön, das Du hier postzahnmedizinisch immer noch mitliest!“

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