Wie verhalten ? (I)

Von Christoph Kaaden

Heute möchte ich Ihnen eine „Patientenanfrage“ vorstellen und Sie fragen, wie Sie sich verhalten würden (bzw. wie ich mich verhalten soll)…

Folgende SMS erhielt ich letzte Woche am Mittwoch Abend:

„Hallo Dr. Kaaden,kann es sein, dass Ihre Tochter Sophie bei meiner Tochter Sissi in der Klasse 4d ist? Habe gerade Ihren Namen ausgesprochen und meine Tochter meinte, dass eine Klassenkameradin genauso mit Nachnamen heißt…. 

Ich wollte Sie fragen ob meine Frau zu Ihnen in die Behandlung kann? Unser Zahnarzt wollte sie eigentlich zu Dr. XXX in Grünwald schicken, aber die Terminkoordination gestaltet sich etwas kompliziert… Sie hat eine Wurzelspitzenenzündung. 

Mit besten Grüßen AJ“

Als Hintergrund muss man ggf. noch wissen, dass beide unsere Töchter zu Beginn des laufenden Schuljahres die Schule gewechselt hatten…meine private Handynummer hatte der Patient, weil ich ihn vor circa einem Jahr behandelt habe und ihm in diesem Zug eine Nachricht geschrieben hatte.

Ich antwortete:

CK: „Hat Ihre Frau ein akutes Problem?“

Antwort AJ: “ Ja, sie nimmt seit 5 Tagen Clindamycin. Der Zahn ist bereits wurzelbehandelt. Das letzte Röntgenbild wurde vor einem Jahr gemacht“

Daraufhin habe ich der Ehefrau für den darauffolgenden Tag (=Donnerstag) einen Untersuchungstermin freigeräumt und bei dem Hauszahnarzt (ein Freund der Patientin und ferner ehemaliger Klinikkollege aus der Prothetik, der gelegentlich an uns überweist) für weitere Informationen kontaktiert.

Hier sein letztes Röntgenbild mit Erläuterung der Situation:

„Guten Morgen, 

Pat kommt heute zu Euch… 15 WF 2013 / 14 WF 2010. Zystische Aufhellung seit mehr als 3 Jahren bekannt und kommuniziert. Erhaltungswürdigkeit??? 

Das angefertigte DVT (Screenshots zu einem späteren Zeitpunkt) liess den Zahn 15 als ursächlich erscheinen (u.a. übersehenes palatinales Kanalsystem bei sehr tiefer Gabelung).

Ansonsten ergab die klinisch-radiologische Untersuchung keine besonderen Erkenntnisse. Auf der bekannten Schmerzskala gab die Patientin einen Grad 4 an…

wir vereinbarten einen Revisionstermin für die darauffolgende Woche.

Freitag früh um 7:09 erhielt ich dann vom Ehemann folgende SMS:

„Guten Morgen Dr. Kaaden,vielen Dank, dass der Termin für meine Frau so rasch geklappt hat. Sie hat seit gestern Abend leider unerträgliche Zahnschmerzen trotz Ibuprofen 800. Was könnten wir da machen? Beste Grüße AJ“

Da ich an diesem Freitag nicht in der Praxis war sondern u.a. (virtuelle) Vorlesungen an der Uni hielt schlug ich dem Ehemann vor, dass seine Frau als Erstmassnahme ein stärkeres Schmerzmittel nehmen sollte (Novalgin) und sich ferner an Ihren Hauszahnarzt und Freund wenden möge…

Um 13.56 dann diese SMS:

Hallo Dr. Kaaden. Das Novalgin schlägt bei meiner Frau leider nicht an. Kennen Sie irgendeinen Spezialisten wo meine Frau heute hingehen könnte? Unser Hauszahnarzt hat sich auf unsere Kontaktaufnahme nicht gemeldet. Beste Grüße AJ“

Was nun? Wie würden Sie sich verhalten?

Ich bin gespannt…

5 Gedanken zu „Wie verhalten ? (I)

  1. Einfach fragen, ob sie Dich gegen entsprechendes Salär als Privatzahnarzt einstellen möchten.

    Im Ernst: Da läuft die Platte „Gib jemanden den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand“. Hat jeder von uns, solche Patienten. Es ist schwer, die Grenze zu ziehen, weil man helfen will. Aber wenn Du nicht freundlich darauf hinweist, daß auch Du ein Privatleben hast, werden diese Leute nie die Grenze erkennen und es ufert immer weiter aus. Was glaubst Du, was passiert bei einer kleinen Mißempfindung nach der Behandlung..

    LG BB.

    • Sehe ich auch so, sehr fraglich ob man sich die weitere Behandlung überhaupt antuen sollte.
      Falls keine Penicillinallergie vorliegt würde ich die Antibiose auf AmoxiClav 875/125 2x/d umstellen. Wirkung aber erst am nächsten Tag zu erwarten.
      Pat. darauf hinweisen, dass sie am Wochenende höchstens jemanden finden wird, der ihr den Zahn zieht, aber keine höchst komplexe, zeitaufwändige Endorevision durchführen wird. Viel Erfolg

  2. Sehr schwierig durch den persönlichen Bezug.
    Dieselbe Woche einen Untersuchungstermin und die Woche später einen Termin zur Revision? Das ist doch schon mehr als Entgegenkommend! Zumal der Befund ja schon lange bekannt ist.

    Wahrscheinlich würde ich in Ihrer Situation sagen, dass eine komplexe Revision ohne Team in der Assistenz und als Springer nicht machbar ist und daher nicht am Wochenende/Freitag nachmittags durchzuführen ist.

    Ansonsten Verweis zum Notdienst mit der Bitte um Inzision falls Schwellung vorhanden. Aber wahrscheinlich ist noch keine Schwellung vorhanden, sondern der Schmerz kommt durch die intraossäre Druckerhöhung.

  3. Sehe ich ähnlich wie meine Vorredner.
    Ich würde auch darauf hinweisen, daß ich für eine Wochenendberatung nicht zur Verfügung stehe. Dafür ist der zahnärztliche Notdienst zuständig von dem man aber außer einer Akuttherapie wie Inzision bei Schwellung keine problemlösende Therapie erwarten kann. Die Beschwerden lassen aber erfahrungsgemäß beim Einsetzen der Schwellung meist deutlich nach weil die Periostspannung nachlässt.
    Also kühlen und ggf Schmezmitteldosis erhöhen und AB weiternehmen.
    Bin mal gespannt wie Sie es gelöst haben.
    LG

  4. „Guten Morgen Dr. Kaaden,vielen Dank, dass der Termin für meine Frau so rasch geklappt hat. Sie hat seit gestern Abend leider unerträgliche Zahnschmerzen trotz Ibuprofen 800. Was könnten wir da machen? Beste Grüße AJ“

    Hallo Christoph. Der Klassiker, oder? Kenne ich recht regelmäßig. Genau den Wortlaut. Und genau den Background. Problem seit Jahren bekannt, jetzt muss aber alles ganz schnell gehen, weil ist ja akut und stark schmerzhaft! Und dann muss es natürlich ein Spezialist sein.
    Jahrelang bin ich dafür in die Praxis gekommen, auch samstags und sonntags. Mittlerweile bin ich zurückhaltender geworden mit meinen Ressourcen und würde antworten:
    „Lieber Herr AJ, dass Ihre Frau jetzt starke Schmerzen hat, bedauere ich sehr. Leider bin ich heute und dieses Wochenende nicht in der Praxis. Ich bitte Sie, sich an den zahnärztlichen Notdienst zu wenden. Ich bin sicher, der diensthabende Kollege wird sich fachmännisch um die Probleme Ihrer Frau kümmern können. Alternativ gäbe es die Möglichkeit, sich an eine zahnärztliche Tagesklinik zu wenden, die regulär bis 23 Uhr geöffnet hat, z.B. Alldent. Herzliche Grüße, Ihr CK.“

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