von Hans – Willi Herrmann

Hier nun meine Kofferdam- Geschichte, die zeigt, dass „diese“ Kofferdam- Problematik dies und jenseits des eisernen Vorhangs existierte:
Kofferdam war nicht mein Ding im Studium.
Ich glaube, dass zu meiner Zeit (Examen 1990) dies vermutlich nahezu jeder Zahnmedizin- Student so empfunden hat.
Da traf es sich gut, daß, trotz aller im Rahmen der Kons- Vorlesung im großen Hörsaal stattgefundenen Anpreisungen und Lobhudelein, die Vorzüge des Kofferdams betreffend, zwei Stockwerke höher, im Kons – Kurssaal, keiner mehr davon wissen wollte.
So blieb die Kofferdam – Anwendung während meines Studiums – abgesehen von einer schikanösen Auflage eines Kursassistenten im Hinblick auf eine Kompositfüllung im Frontzahnbereich – auf die wenigen endodontischen Behandlungen beschränkt, die wir durchführten.
Mit diesen Eindrücken trat ich meine erste Assistentenstelle an.
Dort kam Kofferdam offensichtlich häufiger zum Einsatz. Und zwar grundsätzlich in der Endo und beim Legen von Komposit- Füllungen, vereinzelt auch beim Entfernen von Amalgam – Füllungen.
Natürlich wollte mein Chef wissen, wie dies in Mainz an der Uni gehandhabt wurde.
Ich schilderte meine Erfahrungen, die ich glaubte, in einem Bonmot eines Studienkollegen cool und zutreffend zugleich zusammenfassen zu können: Es lautete: „Dort, wo ich Kofferdam anlegen kann, brauch´ ich ihn nicht, und dort, wo ich Kofferdam brauche, kann ich ihn nicht anlegen.“
Mein Chef erwiderte nur: Ich solle es einfach versuchen, und wenn ich einen Fall hätte, in den ich nicht zurecht käme, dann solle ich ihn rufen.
Mein Ehrgeiz war natürlich geweckt. Falls ich meinen Chef rufen würde, dann nur bei einem Patienten, bei dem er selbst kapitulieren müsste. Er würde kommen, an der Situation scheitern und mir dann eingestehen müssen, dass es eben nicht immer möglich sei, Kofferdam zu legen.
Allzulange brauchte ich nicht zu warten.
Nach einer Woche wurde ich mit einem solchen Fall konfrontiert, von dem ich sicher war, daß auch mein Chef daran verzweifeln würde.
Ich rief ihn, er kam, setzte sich hin – und keine 2 Minuten später war der Kofferdam angelegt.
Und bei mir hatte es „Klick“ gemacht.
Das selbst in Situationen, die unmöglich handhabbar erscheinen, es gelingt, das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Es ist lediglich eine Frage des Wollens, dem das Machen folgt und danach der sich einstellende Übungserfolg, der letztendlich das ganze zur Routine werden lässt.
… auch Semmelweis hatte Schwierigkeiten seine Gynäkologen-Kollegen zu überzeugen, das Kindbettfieber durch einfaches Händewaschen vermeidbar ist. Auf ähnlichem Niveau befindet sich die Diskussion über Kofferdam.
Selbst beim Haushaltskleber „UHU“ steht:
„Verarbeitung/Gebrauchsanleitung: Klebeflächen gut reinigen (trocken, staub- und fettfrei).“
Da wir nicht die Fähigkeiten der Miesmuschel haben, extreme Haftkräfte auf nassen kontaminierten Flächen aufzubauen, müssen wir Kofferdam benutzen.
wie wahr, wie wahr.
Hallo Herr Wettlaufer,
ich bin nicht besonders streitsüchtig, aber vielleicht hilft es ja, dass Niveau um die Diskussion um die Nutzung des Kofferdams ein wenig zu heben:
Die Besiedlung der Mundhöhle als Mikroorganismusgemeinschaft ist ja ein reifendes, sich stetig in Qualität und Quantität der Arten veränderndes System, es ist sowohl in sich selbst zyklischen Veränderungen unterworfen als auch durch äussere Einflüsse. Man muss also bei Kontaminationen schon unterscheiden, ob es sich um pathologische Veränderungen handelt oder um „normale“ mikrobiologische Veränderungen.
Der Kofferdam an sich hat damit nichts zu tun, denn die Anwendungen des Selbigen allein ist kein Mass für die Qualität einer Behandlung. Sie können begnadet sein beim Legen der Ligaturen, trocken legen und die Reinigung der Kavität vor Legen einer Füllung in SÄT können Sie damit noch lange nicht- oder nicht besser als diejenigen, die Kofferdam nicht nutzen. Gleiches gilt auch für Wurzelbehandlungen. Der Behandlungserfolg ist das Ergebnis der akribischen Arbeit an der Weiterentwicklung eigener Kenntnisse und Fähigkeiten im Zusammenspiel eines schlüssigen Behandlungskonzeptes- ist der präendodontische Aufbau subgingival insuffizient und es besteht eine Leckage, liegt das nicht an der Anwendung oder am Weglassen von Kofferdam.
Arbeiten Sie penibel und genau, dann kann Kofferdam tatsächlich für alle (Patienten und ZÄe) einen Zusatznutzen zeigen. In der Wurzelbehandlung gibt es nichts schrecklicheres, als Hypochlorit, welches dem Patienten in den Rachen rinnt oder dort die Schleimhaut oberflächlich verätzt.
Dagegen stehen die Qualen, die eine schlecht gesetzte Kofferdamklammer auf das Zahnfleisch auszuüben vermag, wenn die Betäubung nur ein wenig zu früh nachlässt…
Dies liesse sich in einer gemütlichen Runde sicher weiter ausführen.
Schlussendlich bleibt aber die Feststellung, dass Kofferdam bei richtiger Verwendung ein gutes Werkzeug sein kann- manche sollten ihn aber weiterhin weglassen…
VG,
KT
Ich fand den Vergleich mit dem Anschnallen sehr gut.
Sollen also die, die den Gurt nicht so gut benutzen können (Kinder, große oder kleine Menschen, und etliche andere) ihn weglassen oder sollte man – wie es auch geschieht – z.B. Kindersitze anbieten damit man den Gurt besser anlegen kann.
Ich muss sagen jeder der auch nur 30 Minuten in das Anschauen von Bildern hier auf Wurzelspitze investiert wird in den meisten Fällen den Kofferdam dicht bekommen – unzählige Hilfsmittel wurden bereits vorgestellt.
Und wenn jemand Probleme mit dem legen einer suffizienten Füllung hat solte er vll erst recht einmal Kofferdam benutzen…. :-)
Um die Diskussion um den Kofferdam wieder ein wenig zu „senken“:
Seit dem ich weiss, dass der Kofferdam mich nicht zu einem besseren Zahnarzt macht, probiere ich dies jetzt auf weitere Bereiche zu übertragen…
Einweghandschuhe:
Auch totaler Quatsch! Hat ja nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun und vor 30 Jahren brauchte die auch kein Zahnarzt.
AAE Position Statement
The following statement was prepared by the AAE Clinical Practice Committee. AAE members may photo- copy this position statement for distribution to patients or referring dentists.
Dental Dams
Sehr geehrter ???(KT),
hier das Statement der AAE zum Thema Kofferdam in der Endodontie zur Information.
„Trockene“ Grüße aus Mainz
J.Wettlauffer
The American Association of Endodontists is dedicated to excellence in the art and science of endodontics and to the highest standards of patient care. The accumulated clinical knowledge and judgment of the practitioner supported by evidence-based scientific research is the basis for endodontic treatment. Tooth isolation using the dental dam is the standard of care; it is integral and essential for any nonsurgical endodontic treatment.
A dental dam is a latex or nonlatex sheet with a hole punched in the material to allow placement around the tooth during the endodontic procedure. One of the primary objectives of endodontic treatment is disinfection of the root canal system. Only dental dam isolation minimizes the risk of contamination of the root canal system by indigenous oral bacteria. The dental dam also offers other benefits, such as aiding in visualization by providing a clean operating field and preventing ingestion or aspiration of dental materials, irrigants and instruments.
References
1. Susini G, Pommel L, Camps J. Accidental ingestion and aspiration of root canal instruments and other dental foreign bodies in a French population. Int Endod J 2007; 40(8):585-9.
2. Hill EE, Rubel B. A practical review of prevention and management of ingested/aspirated dental items. Gen Dent 2008; 56(7):691-4.
3. Fredekind RE, McConnell TA, Jacobsen PL. Ingested objects: a case report with review of management and prevention. Calif Dent Assoc 1995; 23(9):50-55.
4. Kuo SC, Chen YL. Accidental swallowing of an endodontic file. Int Endod J 2008; 41(7):617-22. 5. Ahmad, IA. Rubber dam usage for endodontic treatment: a review. Int Endod J 2009; 42(11):963-72. 6. Goultschin J, Heling B. Accidental swallowing of an endodontic instrument. Oral Sur Oral Med Oral Path 1971;
32(4): 621-2. 7. Cohen S, Schwartz S. Endodontic complications and the law. J Endod 1987; 13(4):191-7. 8. Cohen S. Endodontics and litigation: an American perspective. Int Dent J 1989; 39:13. 9. Cohen’s Pathways of the Pulp, 10th ed. 2011, pp. 109 10. Forrest WR, Perez RS. The rubber dam as a surgical drape: protection against AIDS and hepatitis. Gen Dent 1989;
37(3):236-7. 11. Cochran MA, Miller CH, Sheldrake MA. The efficacy of the rubber dam as a barrier to the spread of
microorganisms during dental treatment. J Am Dent Assoc 1989; 119(1):141-4.
Hallo Herr Wettlauffer,
Sie belegen damit sehr gut den Nutzen zum Schutz vor iatrogenen und nicht gewollten „Nebenwirkungen“ einer Wurzelbehandlung.
Zur Mikrobiologie eines Wurzelkanals findet sich da aber nichts. Sicherlich hilft Kofferdam, erneuten Zutritt von kontaminierten Flüssigkeiten zum Kanal zu vermeiden, trotzdem finden Sie nach einer lege artis WKB dort noch Bakterien, wenn Sie zu Beginn der Behandlung da auch schon waren.
Viele Grüße,
KT
Und nichts desto trotz: ist es nicht erstaunlich, wie wenig Evidenz es für die Nutzung von Kofferdam gibt?
VG
vS
Nein, erstaunlich ist das nicht, im Gegenteil. Wenn man sieht, wie schwierig es ist, selbst für einfachste Zusammenhänge Evidenz herzustellen, wie soll dies denn bei multifakturiellen komplexen Geschehen möglich sein ? Daraus aber dann schlusszufolgern, man könne darauf verzichten, wäre in etwa so, wie sich nicht anzuschnallen, weil man bislang keinen Unfall hatte.
Wie es in vielen Ländern Usus ist, was jedoch damit zusammenhängen könnte, dass diese nicht über die (einst) hervorragende Verkehrsinfrastruktur haben wie Deutschland….
Keine Frage, dass Evidenz nicht zwangsläufig den gesunden Menschenverstand ersetzt.
Bei Kofferdam und Füllungstherapie darf man nie vergessen, das die zervicale Abdichtung zu Sulcusfluid oder Blut nicht durch den Kofferdam erfolgt (jedenfalls nicht immer), sondern durch Matrize und Keil (nicht nur meine Meinung, sondern von ein paar renomierten „Kompositspezialisten“). Hier gibts auch ein paar nette Bilder dazu, man beachte das Kofferdam immer gelegt ist, und trotzdem Probleme auftreten:
http://www.moderndentistrymedia.com/jan_feb2012/van-der-vyver.pdf
Trotz seiner manchmal etwas schwierigeren Applikation ist der Kofferdam trotzdem meistens eine Arbeitsvereinfachung, und wie Wolfgang Boer treffend sagte: “ Ich habe einfach keine Lust den ganzen Tag dieses Absaugergeräusch in den Ohren zu haben!“